Hiro Onoda versus Pinocchio – 431., 432., 433., 434. Nacht

Onoda versus Pinocchio

Hiro Onoda ist tot. Der Japaner starb am 16. Januar 2014 im Alter von 91 Jahren. Angeblich an Herzversagen. Ich aber tippe auf Schlechtes Gewissen als Todesursache. Im Zweiten Weltkrieg war Onoda als Offizier des militärischen Geheimdienstes auf den Philippinen eingesetzt und kämpfte erbittert weiter. Selbst als die kaiserliche Regierung schon lange kapituliert hatte, fühlte er sich an seinen Eid weiter gebunden. Er war dem japanischen Kaiser treuer als dieser gegenüber seiner eigenen idiotischen Kokutai-Ideologie. Mit drei Kameraden hielt er im philippinischen Dschungel aus und wartete auf den Tag, an dem sich das Blatt wenden würde. Selbst als seine Kampfgefährten flohen oder starben, selbst als Flugblätter mit kopierten Briefen von der Regierung und von seiner Familie auf ihn herabregneten, hielt er durch, denn das konnte ja alles nur ein Trick sein. Eines Tages, so war er sich sicher, würden ihn die kaiserlichen Truppen raushauen, und dann würde man es den Amis so richtig zeigen. 30 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die Amerikaner waren gerade dabei, gleich nebenan einen anderen Krieg zu verlieren, begegnete er einem japanischen Studenten, der auf der Suche nach Onoda, dem Panda und dem Yeti war. Und jetzt kamen ihm erste Zweifel. Aber erst ein unterzeichneter Befehl seines früheren Vorgesetzten Major Taniguchi konnte ihn dazu bewegen, mit dem Abbrennen philippinischer Reisfelder aufzuhören. Zu dieser Zeit trug er immer noch seine Uniform, sein Katana-Schwert, sein Gewehr sowie etwa 500 Schuss Munition und mehrere Handgranaten bei sich. Für Onoda war es die Demütigung seines Lebens: Vom Geheimdienst-Offizier zum Survival-Robinson, und sein Kaiser hatte ihn vergessen. Vor allem aber war er enttäuscht von sich selbst. Nach all den Jahren hatte er den Eid doch gebrochen.

So wie ich. Ich erinnere mich noch genau. Es war ein sonniger November-Tag im Jahre 1987, als ich bewaffnet und in Uniform schwor, der DDR „zu dienen, den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen und mein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen. (…)Sollte ich jemals diesen meinen feierlichen Fahneneid verletzen, so möge mich die harte Strafe des Gesetzes unserer Republik und die Verachtung des werktätigen Volkes treffen.“
Wenn ich heute einkaufen gehe oder S-Bahn fahre, sehe ich die Verachtung in den Augen der Werktätigen: „Ach!“, denkt die Edeka-Kassiererin, wenn sie bekümmert und lustlos meine westdeutschen Waren über den Scanner zieht und mürrisch „23,89“ sagt, „auch so einer, der seinen Eid damals brach und dem wir die ganze Scheiße hier zu verdanken haben.“
In meinen häufigen Alpträumen hält die gesamte DDR-Bevölkerung inne, alle drehen sich zu mir um und schütteln missbilligend die Köpfe. „Aber was hätte ich denn tun sollen!“, schreie ich sie schuldbewusst an. Dabei wird es doch am Beispiel des braven Soldaten Onoda sonnenklar: Harre aus in den Wäldern Ostdeutschlands! Das Volk der DDR ist nicht so geschichtsvergessen wie der abgehobene japanische Kaiser. Der Plänterwald zum Beispiel. Im Vergleich zum philippinischen Dschungel, das muss doch jeder zugeben, wäre es doch ein Kinderspiel, da zu überleben. Gemäßigtes Klima, keine gefährlichen Raubtiere. Und von Schlangen, Spinnen und Malaria-Mücken ausgehende Gefahr hält sich in Grenzen. Ernähren könnte ich mich von Blaubeeren, Pilzen und Eichhörnchen. Und um das Ganze ernährungsphysiologisch abzurunden könnte man sich von Zeit zu Zeit einen Abstecher zu Burger King leisten. Natürlich wäre im locker geforsteten Laubwald die Gefahr hoch, von Spaziergängern entdeckt zu werden. Aber auch dafür gäbe es eine Lösung. Ich könnte mich verkleiden als Jogger und mich unerkannt unter die Einheimischen mischen. Ohne dass sie wüssten, welche Pläne ich wirklich hege, könnte ich mir eine Wohnung in einer der nahegelegenen Straßen Treptows suchen und dort als Schläfer ausharren, bis der Wind sich dreht und die arbeitende Klasse mich ruft. Dann, Agenten des Imperialismus, geht’s euch an den Kragen.

Aber ach, welchen Wert hat denn heute noch ein Eid, ein Schwur, ein Versprechen? Im Februar 1990, kurz bevor das SED-Regime endgültig kollabierte, wurde mein Freund Willy zur NVA eingezogen. Warum er sich nicht einfach nach Westberlin verpisste, wo man dem Ruf zur Waffe bequem ausweichen konnte, ist mir bis heute unklar. Er schwor den zu jener Zeit bereits antiquiert wirkenden Eid, nur um kurz nach den Volkskammer-Wahlen im April erneut auf die DDR vereidigt zu werden, diesmal aber mit dem nach dem Minister benannten um alle sozialistischen Bezüge entschlackten Eppelmann-Eid. Der Anschluss an die alte BRD ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem sich Willy von einem Bein-Durchschuss, den ihm ein zu drastischen Späßen aufgelegter Kamerad verpasst hatte, erholt hatte, schwor er: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Wäre er Soldat auf Zeit gewesen, hätte er den Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ anhängen müssen, ein Gott, den Willy für genausowenig existent hielt wie den Weihnachtsmann. Gesetzt den Fall, es gebe diesen Gott trotzdem, so könnte man fragen, ob er dem ungläubigen Willy dennoch hülfe. Aber die „ethisch-religiöse Bindungskräftigung“, wie es in den Kommentaren zum Soldatengesetz heißt, die wäre dahin.
Kritiker der Vereinigung bemerkten damals, dass die DDR sich lieber an Dänemark hätten anschließen sollen, da die dortige Mentalität eher mit der ostdeutschen kompatibel sei, was sich durch den Spruch des dänischen Film-Ganoven „Ich habe einen Plan“ und dem regelmäßigen Scheitern dieser Pläne belegen ließe. Willy, so vermute ich hätte seine Treue auch dem dänischen oder dem marokkanischen Volk geschworen.
Genaugenommen war er mit seinen drei Schwüren pro Jahr nicht einmal besonders produktiv, zumindest wenn man die heutige Schulholf-Schwörerei als Maßstab nimmt. „Chschwöre“, ist die andauernde Beteuerung des Halbstarken, dem man ohnehin kaum glaubt und der gerade deshalb seinen Gesprächspartnern immer wieder versichern muss, gerade dies Mal nun wirklich die Wahrheit zu sagen. Überhaupt scheint das der Schlüssel des Schwörens zu sein: Je größer die Anfälligkeit zum Abhauen und zur Illoyalität, umso eher muss geschworen werden. Wenn Gewehre und Kanonen auf dich gerichtet sind und die Lage aussichtslos scheint, musst du schon ordentlich mit Ehre oder Angst vollgepumpt sein, um nicht Reißaus zu nehmen. Vor Gericht wirkt sich Lügen fatal aus, was auch schon Moses wusste, als er das Lügen im Allgemeinen zwar zuließ, aber das falsch Zeugnis wider den Nächsten ablegen, verbot. Und so wird allenthalben geschworen, sobald vorne einer eine Robe anhat.
„Wo du hörest hohe Schwüre, steht die Lüge vor der Türe.“ Wo geschworen wird, herrschen Macht, Angst, Ungerechtigkeit, Unsicherheit.
Ob die Bundeskanzlerin manchmal, in diabolischen Momenten sich wünscht, sie dürfte den Nutzen vom deutschen Volke abwenden und den Schaden fürs deutsche Volk mehren? Doch dann erinnert sie sich wieder: „Ach ja, ich hab ja damals das Gegenteil geschworen. Dann wird ich wohl mal wieder ans unangenehme Tagwerk der Nutzenmehrung und Schadenabwendung gehen.“
Das in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bekannteste Ehrenwort stammt ja bekanntlich vom Oberlügner, dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Und man erkannte damals, noch während er sprach, diese betont schlaffe Unschulds-Mimik des schlimmsten Lügners der Schule, wenn er vom Direktor ertappt wurde und nach der Unschuldsbeteuerung schnell nach rechts unten schielte.
Aber Barschel war kein Hiro Onoda. Merkel ist kein Hiro Onoda. Ich bin kein Hiro Onoda. Im Vergleich zu Hiro Onoda sind wir alle nichts als kleine Pinocchios. Und das ist vielleicht gar nicht mal so schlimm.

 

***

431. Nacht

Umständlich wie üblich berichtet Ali seiner Frau, was ihm zugestoßen ist, und wir hören es auch noch mal.
Er lässt sich in Bagdad als Kaufmann nieder und wird der berühmteste unter ihnen, so dass auch der König von Bagdad von ihm erfährt.

Was "der König von Bagdad" sein soll, habe ich nicht herausfinden können. Offenbar wohl nicht der Kalif, sonst hätten sie ihn ja so genannt. Infrage käme dann nur die vor- oder nach-abassidische Ära.

Der König lässt ihn jedenfalls holen und lobt ihn:

"Kaufmann, du hast unser Land beglückt!"

Das ist nun eine bemerkenswerte Auffassung für einen König.

Ali schenkt dem König vier goldene Platten voller Edelsteine. Dieser wiederum ist so erfreut, dass er Ali gleich seine Tochter zur Ehe anbieten will.

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432. Nacht

Die Berater halten die Hochzeit zwischen Ali und der Prinzessin für eine gute Idee, ebenso die Gemahlin des Königs.
Ali und der "Kadi des Diwans" werden geholt.

Der Diwan ist der Hofrat der Regierung. Das wiederum macht es wahrscheinlicher, dass die Geschichte zur Zeit des Osmanischen Reichs spielt, welches ab 1534 n.Chr. Bagdad beherrschte.

Ali wendet ein, er sei ja schon verheiratet und legt dem König nahe, seinen Sohn mit ihr zu vermählen.

"Ich gewähre dir nicht nur diese Gunst, sondern ich mache dich auch zum Wesir."

Wozu? Glaubt der König, ein reicher Mann könne ihm gute Ratschläge geben oder gut mitregieren? Wieder ein schöner Fall von vor-systemischer sozialer Differenzierung: Der Kaufmann wird ohne Umschweife ob seines Reichtums zum Wesir gemacht. Sein scheinbares kaufmännisches Talent soll sich in politisches Geschick übersetzen lassen?

Man feiert die Hochzeit.

Am Ende der dreißig Tage ging Hasan, der Sohn des Wesirs, zur Tochter des Königs ein und freute sich ihrer Schönheit und Lieblichkeit.

Außerdem werden neben dem königlichen Palast zwei weitere Schlösser errichtet – eines für Ali und eines für Hasan und seine Frau.

So blieben sie beieinander in einem Leben der Glückseligkeit.

***

433. Nacht

Der König wird krank, und nach Beratung mit seinen Ratgebern beschließt er, Hasan zu seinem Nachfolger zu ernennen.

"Denn wir wissen, dass er verständig und einsichtig und in allem vollkommen ist, und er kennt den Rang von hoch und gering."

Bisher haben wir von keiner bemerkenswerten Leistung Hasans erfahren außer der Entjungferung der Königstochter. Und selbst der "Kaufmann" und "Wesir" Ali ist nicht einmal durch kaufmännische Leistungen aufgefallen. Seinen Wohlstand verdankt er dem Dämon aus dem Spukhaus. Die Qualifikation, den "Rang von hoch und gering" zu kennen, führt uns auf die Fährte: Wir sind in einer streng stratifiziert differenzierten Gesellschaft. Das Oben und das Unten ist, was zählt. Und das scheint auch in anderen Erzählungen hier immer wieder durch – zum Beispiel wenn ein verarmter Adliger aufgrund seines Verhaltens als hochstehend erkannt wird.

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434. Nacht

Der alte König stirbt.

Und König Hasan, der Sohn des Wesirs, führte die Herrschaft; die Untertanen freuten sich seiner, und alle seine Tage waren eitel Glück. (…) Das Land gedieh, und er blieb lange Zeit hindurch König von Bagdad; und durch die Tochter des alten Königs wurden ihm drei Söhne geschenkt, die nach ihm das Reich erbten und herrlich und in Freuden lebten, bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt, und der die Freundesbande zerreißt. Preis sei ihm, der da bleibet in Ewigkeit, und der durch die Macht Trennung und Einigung verleiht.

Das Irritierende an dieser Geschichte ist wieder einmal, dass sie so ganz unserem Verständnis des Storytelling widerspricht, nach dem der Held sein Leiden als Prüfung zu verstehen habe. Es gibt hier aber keinerlei Katharsis – Ali verarmt und kommt durch pures Glück zu Geld. Dies aber war "seit alters her" so vorgesehen. Alis Vater hatte für seinen Sohn gebetet. Und so kann das Ganze auch als Geschichte zum Lobpreis Allahs verstanden werden.

***

Die Geschichte von dem Pilgersmann und seiner Frau

Ein Pilgerer verliert nachts den Anschluss an seine Karawane, verirrt sich, läuft weiter und entdeckt an einem Zelt eine alte Frau mit einem Hund.
Als er sie um Essen bittet, schickt sie ihn in ein benachbartes Tal, um dort Schlangen zu fangen, die man braten könne, was er widerwillig tut. Das Wasser, das sie ihm zum Trinken anbietet, ist von beißender Bitterkeit.

"Ich wundere mich über dich, o Greisin, und darüber, dass du an diesem Orte wohnst und an solcher Stätte verweilst."

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann und hielt in der verstatteten Rede an.… Weiterlesen

427., 428., 429., 430. Nacht

427. Nacht

Mit dem bisschen Geld, dass die Gattin von einer Freundin leiht, begibt Ali sich auf Reisen, um einen Weg aus der Not zu finden. Von Bulak aus fährt er auf einem Schiff nach Damiette, wo ihn ein Kaufmann aus Mitleid aufnimmt. Dort bleibt er eine Weile;

aber schließlich sagte er sich: "Wie lange soll ich noch in fremder Leute Häuser wohnen?" Darum verließ er das Haus und suchte sich ein Schiff, das nach Syrien fuhr.

Für eine fiktive Geschichte macht diese Episode so gar keinen Sinn, da sie praktisch nur überbrückt. Es sei denn, der Erzähler will zeigen, dass er die Stationen einer Reise bis nach Bagdad kennt; oder dass Ali sich nun aktiv auf die Suche begibt.

Mit etwas Wegzehrung reist er nach Damaskus, wo er wieder von einem "gütigen Mann" aufgenommen wird. Eines Tages erblickt er eine Karawane auf dem Weg nach Bagdad, der er sich anschließt.
Kurz vor Bagdad wird diese von Wegelagerern überfallen. Ali flieht Richtung Bagdad und kommt gerade vor Sonnenuntergang am Haupttor an, wo er dem Torwächter vom Überfall erzählt, allerdings gespickt mit der Flunkerstory, er habe

Waren, Maultiere, mit Lasten, Sklaven und Diener.

Der Torwächter bietet ihm seine Hilfe an und macht ihn mit einem Kaufherren aus Bagdad bekannt, der ihn einkleidet und ihn ins Badehaus führt.

Die Erzählperspektive wechselt nun seltsamerweise bis zum Ende der 427. Nacht:

"Ich ging nun", so erzählte Ali aus Kairo, der Sohn des Kaufmannes Hasan, des Juweliers, "mit ihm ins Badehaus…"

Als sie wieder herauskommen, gibt er ihm einen Sklaven namens Mas’ud mit, er möge am anderen Ende der Stadt sich eines von zwei Häusern für die Unterkunft aussuchen. Allerdings steht ein großes drittes daneben, das der Sklave aber nicht aufschließen möchte:

"Weil es dort spukt. Jeder, der dort nächtigt, ist am andern Morgen tot. Wir öffnen auch nicht einmal die Tür, um den Toten hinauszuschaffen, sondern wir steigen auf das Dach eines der beiden anderen Häuser und holen ihn von dort aus herauf."

Kann ich mir nicht bildlich vorstellen.
Die Richtung der Geschichte scheint sich an dieser Stelle abrupt zu ändern. Von einer Moral-Geschichte in eine Spukgeschichte. Oder sollte beides noch verknüpft werden?
Als Grimm-Sozialisierter denkt man natürlich gleich an "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen".

Ali besteht darauf, in dem großen Haus zu nächtigen.

Denn ich sagte mir in meinem Herzen: "Das ist es, was ich suche! Ich will dort nächtigen, und dann bin ich morgen früh tot und kann von all dieser Not, die ich leide, ausruhen."

***

428. Nacht

Der Kaufmann willigt nur unter der Bedingung ein:

"Stelle mir eine Urkunde aus, dass ich nicht für dich verantwortlich bin, wenn dir etwas zustößt." – "So sei es!", erwiderte Ali. Darauf ward ein Zeuge vom Gericht geholt, und Ali stellte dem Kaufmann die Urkunde aus; der nahm sie in Empfang und gab dem Ägypter den Schlüssel.

Ali befreit ihn sozusagen per Vertrag von der Haftpflicht. Was mit dem "Zeugen" gemeint ist, ist unklar. Vielleicht eine Art Notar?

Nach der zeremoniellen Waschung, den obliegenden Gebeten und dem Abendessen beschließt er "oben" zu schlafen.

Dort entdeckte er eine prächtige Halle, deren Decke vergoldet und deren Boden und Wände mit buntem Marmor bedeckt waren. Er breitete sein Lager aus und setzte sich nieder, indem er Sprüche aus dem hochherrlichen Koran sprach. Doch ehe er sich dessen versah, rief plötzlich ein Wesen die Worte: "O Ali, o Sohn des Hasan, soll ich dir das Gold hinabsenden?"

Das Gold fließt auf Ali herab, und der Geist erklärt,

"dies Gold ist ein Schatz, der von alters her auf deinen Namen verzaubert war."

Dies ist natürlich nur denkbar, wenn man prädestinativ denkt; denn der Schatz muss ja dort liegen, bevor an Alis Geburt überhaupt nur zu denken war.
Unklar: Ist der Geist, der hier den Schatz bewacht, ebenfalls "von alters her" hier? Ist der Schatz älter als das Haus?

Und deshalb wurden alle anderen Besucher getötet. Der Geist eröffnet ihm, es läge für ihn noch ein Schatz im Jemen, und bittet darum, freigelassen zu werden. Aber Ali verlangt von ihm, den jemenitischen Schatz herbeizuholen und ebenso Weib und Kind. Der Geist bejaht.

Dann nahm er Urlaub von ihm auf drei Tage, innerhalb deren all dies bei ihm sein sollte, und eilte fort.

"Urlaub"? Siehe dazu Grimms Wörterbuch

Am frühen Morgen sucht und findet Ali hinter einer Marmorplatte ein Versteck für den Schatz.
Dann setzt er sich auf die Bank und wartet auf den Sklaven des Hausherrn.

Allein wie der ihn dort ruhig sitzen sah, lief er eilends zu seinem Herrn zurück.

***

429. Nacht

Dem Kaufmann verrät Ali nichts vom Erlebten. Aber nun dreht sich seine Lüge gegenüber Kaufmann und Torwächter zur Wahrheit: Seine Güter treffen innerhalb von drei Tagen ein. Man erblickt eine Staubwolke am Horizont.

die tat sich aber auf, und es erschienen unter ihr Maultiere, Männer, Packleute, Zeltaufschläger und Fackelträger, die singend und tanzend daherkamen.

Ausgestorbene und gleichzeitig unklare Berufe: Zeltaufschläger.
Die Diener kommen singend und tanzend daher, da sie angesichts der Stadt das Ende der Reise (und ihrer Plackerei) feiern.

***

430. Nacht

Die Kaufleute der Stadt schicken ihm Geschenke.

Unklar: Warum tun sie das? Vielleicht, um ihn in ihrer Mitte willkommen zu heißen? Oder eigennützig gedacht: Um sich bei ihm einzuschmeicheln?

Der gastgebende Kaufmann bleibt noch bei Ali, und dieser beauftragt ihn, den Eunuchen und Sklaven mit den Mauleseln Gelegenheit zu geben, sich auszuruhen.

Sie konnten kaum warten, bis er ihnen die Erlaubnis dazu gab, und so nahmen sie alsbald Abschied von ihm, zogen zur Stadt hinaus und flogen durch die Luft zu ihren Stätten davon.

Also sind auch diese Geister?

Als sie allein sind, berichtet Alis Weib ihm, wie sie und ihr Sohn sanft durch die Luft geflogen wurden. Ali zu ihr:

"Das alles ward uns durch die Güte Allahs des Erhabenen zuteil."

Wer den Schatz verzaubert hat und ihn an den Geist gebunden hat, bleibt im Dunklen. Allah selber?

Playing mean characters

„If you play a character who is really mean and ugly, you should find something good in the man. And if you’re playing someone who is really, really wonderful and noble, you should find something dark in the man.“ (Michael Madsen about Steve McQueen’s acting)
http://www.youtube.com/watch?v=KL1ruc_F-hI
(20:30-21:00)

Marlon Brando’s last role

In 2004 Marlon Brando’s health was declining dramatically. He had to use an oxygene flask. Still, he took a role in the animated comedy „Big Bug Man“. Offered the role of an overweighed candy store owner, Brando instead chose the role of a sweet elderly woman, named Ms. Sour.
„As we were entering the house, he was sitting there, head to toe dressed as closely as possible to what he felt the live action version of his character would look like: Gigantic blonde curly whig, full make up, glasses, earrings, necklace, turcoise and gold moo moo, black gloves at elbow length, jewelry… He was a woman. He wasn’t campy, he wasn’t doing any of the cliches that anyone would think a man could fall into. He didn’t fall into that trap. He had created a full, rich, adorable, interesting, unpredictable character.“
1:18:28 – 1:20:00

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423., 424., 425., 426. Nacht

423. Nacht

Die gelehrte Frau fährt fort:

"Und auch der Prophet – Allah segne ihn und gebe ihm Heil! – hat gesagt: ‚Der Dinge, die ich in eurer Welt am liebsten habe, sind drei: die Frauen, die Wohlgerüche und mein Augentrost im Gebet."

Und sie rezitiert ein Gedicht gegen die Homosexualität:

Des Mannes Sehnsucht nach dem Rücken ist ein Rückgang;
Doch wer die freie Frau liebt, ist ein freier Mann.
Wie schön ergeht es dem, der bei dem Schwarzaug nächtigt,
Der Gattin, deren Blick ihm Seligkeit gewann.

Hier merkt der Übersetzer (Littmann) an: "In fünf weiteren ‚trefflichen Versen‘ werden diese Dinge noch näher ausgeführt; doch diese Verse sind so abstoßend, dass sie sich etwa nur mit Juvenals lateinischen Versen wiedergeben ließen."
Es fragt sich, ob er sich dann überhaupt aufs Übersetzen hätte einlassen sollen. Oder sollte Littmann immer noch von der Angst vor Zensur geprägt gewesen sein, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aber nicht mehr gegriffen hätte? In der englischen Übersetzung Burtons lauten die Verse so:

Men’s turning unto bums of boys is bumptious;
Whoso love noble women show their own noblesse.
How many goodly wights have slept the night, enjoying
Buttocks of boys, and woke at morn in foulest mess
Their garments stained by safflower, which is yellow merde;
Their shame proclaiming, showing colour of distress.
Who can deny the charge, when so bewrayed are they
That e’en by day light shows the dung upon their dress?
What contrast wi‘ the man, who slept a gladsome night
By Houri maid for glance a mere enchanteress,
He rises off her borrowing wholesome bonny scent;
That fills the house with whiffs of perfumed goodliness.
No boy deserved place by side of her to hold;
Canst even aloes wood with what fills pool of cess!

Nichts da von Schwarzaug und Gattin! Stattdessen krasse Vulgarität. Die letzten zwei Verse hat sich Littmann also aus den Fingern gesogen!

Die Weise schließt an mit den Worten:

"Ihr Leute, ihr habt mich herausgetrieben aus den Regeln der Sittsamkeit und aus den Grenzen der edlen Weiblichkeit, so dass ich hässliche Worte in den Mund genommen, die den Weisen nicht frommen. Doch in den Herzen derer, die edelgeboren, sind die Geheimnisse wie in Gräbern verloren (…)" Darauf schwieg sie und gab uns keinerlei Antwort mehr. Nun machten wir uns auf und verließen sie, erfreut über den Nutzen, den wir durch den Wortstreit mit ihr empfingen, aber traurig, dass wir von ihr gingen.

***

Die Geschichte von Abu Suwaid und der schönen Greisin

Abu Suwaid erblickt in einem Garten

eine alte Frau, die ein schönes Antlitz hatte; doch ihr Haar war schon weiß geworden, und sie kämmte es mit einem Kamme aus Elfenbein.

Er fragt sie, warum sie sich die Haare nicht färbe.

***

424. Nacht

Sie antwortet

Ich färbte, was die Zeiten färbten. Was ich färbte,
War nicht von Dauer; doch es blieb der Jahre Färben.
Als ich noch einst im Kleid der Jugend stolz einherschritt,
Da konnt ich vorn wie hinten Freude mir erwerben.

Ist es so obszön gemeint, wie es dem aufgeschlossenen Leser erscheint? Die Antwort gibt Abu Suwaid selbst:

"Vortrefflich, du edle Greisin! Wie aufrichtig warst du in deiner Sehnsucht nach verbotenem Gut, und wie verlogen wärest du, wenn du behauptetest, dich reue der Übermut!"

***

Die Geschichte von dem Emir Ali ibn Mohammed und der Sklavin Munis

Der Emir kauft die wohlgebildete Sklavin Munis für siebzigtausend Dirhems, nachdem sie folgenden Dialog in Versen miteinander wechseln.

Was sagst du nur von dem, an dem die Krankheit frisst
Um deiner Liebe willen, so dass er ratlos ist.

Sie antwortet:

Wenn wir den, der liebt, in seinem schweren Leid
Der Liebe schaun, so sei ihm unsre Huld geweiht.

und er zeugte mit ihr den Obaidallâh ibn Mohammed, einen Mann, der treffliche Eigenschaften besaß.

Und das war schon die ganze Geschichte.

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Die Geschichte von den beiden Frauen und ihren Geliebten

Abu el Ainâ berichtet, zwei Frauen im Disput über ihre Geliebten belauscht zu haben. Die eine mit jungem, die zweite mit älterem Geliebten. Die mit dem jüngeren stört sich am stachligen Bart älterer Männer und bevorzugt den Flaum der jungen.

(Im Grunde werden hier nur die Argumente der Frau mit dem reiferen Geliebten wiedergegeben.) Ich wähle hier mal aus:

"Weißt du nicht, dass der Bart für den Mann das gleiche ist, was die Schläfenlocken für die Frau sind? (…) Du Törin, wie könnte ich daran denken, mich unter einen Knaben zu betten, der eilig sein Werk tut und schnell erschlafft? Und von einem Manne lassen, der, wenn er Atem holt, mich umfasst; wenn er eindringt, gemach handelt; wenn er fertig ist, wiederkehrt; wenn er sich bewegt, vortrefflich ist; und sooft er sein Werk beendet hat, wieder von neuem beginnt."

Die Geliebte des Knaben:

"Ich schwöre meinem Geliebten ab, beim Herrn der Kaaba!"

(= Allah)

Hier enden vorerst die Liebes-Anekdoten, und es beginnt endlich mal wieder eine etwas längere Geschichte.

***

Die Geschichte von dem Kaufmanne Ali aus Kairo

Ein reicher Kaufmann in Kairo namens Hasan wird "der Juwelier aus Bagdad" genannt. Er spürt sein Ende kommen und ruft seinen Sohn Ali zu sich.

Wenn man die bisherigen Story-Inhalte verfolgt, müsste ihm der Vater nun Mahnungen auf den Weg geben, die dieser in den Wind schlägt.

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425. Nacht

Und tatsächlich: Nachdem Hasan ihn seine Ländereien und Güter aufzählt, ermahnt er ihn zu Gottesfurcht, Barmherzigkeit, gutem Umgang, Liebe.

Darauf begann der Kaufmann das Glaubensbekenntnis zu sprechen und Koranverse zu sagen, bis die Stunde da war; dann sprach er zu seinem Sohne: "Tritt nahe zu mir, mein Sohn!" Nun trat Ali nahe zu ihm: Der Vater küsste den Sohn und tat den letzten Seufzer. Seine Seele entfloh seinem Körper, und er ging ein zur Barmherzigkeit Allahs.

Stephen Cave beschreibt vier Story, mit denen wir hoffen, den Tod zu überlisten: 1. Die Elixir- oder Jungbrunnen-Story (inklusive Wundermedizin-Geschichten), 2. Auferstehungs-Story (inklusive Einfrierungs-Storys), 3. Die Geschichte der Seele, 4. Vermächtnis-Storys (an die sich auch einige Künstler-Kollegen klammern).

 

Der Vater wird in einer riesigen Zeremonie bestattet, und Ali hält nicht nur die vorgeschriebenen vierzig Tage Trauerzeit ein, sondern trauert auch noch darüber hinaus und besucht an jedem Freitag das Grab des Vaters.

Zur Zahl 40 gibt es verschiedene Angaben: Sie taucht in vorjudäischen Religionen auf, aber auch in der russischen Orthodoxie, in der muslimischen Praxis und scheint auch den psychologischen Prozess des Trauerns zu umfassen: Man braucht eben so lange, um die Phasen der Trauer soweit durchschritten zu haben, bis sich Akzeptanz festigen kann.

Irgendwann drängen die Freunde ihn, seine Geschäfte wieder aufzunehmen.

Doch wie sie so bei ihn waren, war auch der verfluchte Teufel unter ihnen, der ihnen einflüsterte; und während sie ihn zu überreden suchten, mit ihnen zum Basar zu gehen, versuchte der Teufel ihn so lange, ihnen nachzugeben, bis er einwilligte, mit ihnen das Haus zu verlassen.

Unklar: Wieso sollte es teuflisch sein, nach der vorgeschriebenen Trauerzeit, wieder die Geschäfte aufzunehmen?

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426. Nacht

Aber sie führen ihn nicht zum Basar, sondern zu einem Garten, wo

sie aßen und waren guter Dinge und saßen plaudernd zusammen, bis der Tag zu Ende war.

Und so bedrängen sie ihn jeden Tag, nötigen ihn zum Weinkonsum, und irgendwann ist Ali mit Einladen dran. Ali verschwendet allmählich sein Geld, obwohl ihn sein Weib an die Ermahnungen des Vaters erinnert.

Sie begaben sich zur Nilinsel er-Rodâ und zum Nilmesser. Dort blieben sie einen ganzen Monat bei Speise und Tran und Saitenklang und Fröhlichkeit.

 

Dieses Leben führt er nun drei Jahre. Als das Geld zu Ende geht, verscherbelt er die Juwelen, dann die Häuser und Grundstücke, dann die Gärten und Landhöfe, dann den Marmor und das Holzwerk aus seinem Haus, und schließlich das Haus selbst. Seine Freunde lassen ihn schließlich, als er arm ist, im Stich.… Weiterlesen

Kunst fälschen, Stile und Genres nachmachen, romantisierender Kunstjournalismus

In DIE ZEIT 4/2014 erscheint ein Interview mit dem Kunstfälscher Wolfgang Betracchi und seiner Frau und Komplizin Helene Betracchi.
Für diejenigen, die den Fall noch nicht kennen: Betracchi hat nicht bereits existierende Gemälde gefälscht, sondern Gemälde „im Stile von“ gemalt. Zu diesem Zwecke hat er sich intensiv mit der Kunst der Maler auseinandergesetzt: Von wem waren sie zu welcher Zeit beeinflusst? Welche stilistischen Brüche gibt es in ihrem Werk? Wann haben sie wo mit welchen Materialien gearbeitet? Usw. Die Werke (u.a. angeblich von Max Pechstein, Max Ernst, Derrain) wurden zum Zeitpunkt ihrer „Entdeckung aus der Sammlung Jäger“ hoch gelobt.
Interessant wird es, als die Interviewer Iris Raddisch und Soboczynski sich bemühen, Betracchi nicht nur das Ausmaß seiner Kriminalität zu verdeutlichen, sondern auch, ihm mangelnde Fähigkeit und mangelndes Verständnis vom Dasein des Künstler zu unterstellen.

W. Beltracchi: Manchmal war es das Schwierigste, nicht so gut zu malen, wie ich gekonnt hätte.
ZEIT: Das ist ziemlich größenwahnsinnig.
W.B.: Nein, das ist es nicht. (…) Das macht natürlich auch der kunsthistorische Abstand von 100 Jahren, die Maltechniken haben sich verändert.
(…)
ZEIT: Man kann es so sehen: Sie sind ein begabter Handwerker, aber kein Künstler.
W.B.: Das stimmt nicht. Das Fälschen war ein kreativer Prozess. Ich habe ja keine Bilder kopiert, sondern Bilder gemalt.
(…)
ZEIT: Können Sie sich in die Zerrissenheit eines Künstlers hineinversetzen? In eine Tätigkeit, die an die Existenz geht? Haben Sie eigentlich eine Vorstellung vom seelischen Einsatz, der mit der Erschaffung von Kunst einhergeht?
(…)
ZEIT: Wie teuer ist ein echter Beltracchi?
W.B.: Den Preis eines Gemäldes bestimmt nicht der Maler, sondern der Markt.

Die Vorstellungen der Journalisten sind ja beinahe schon niedlich-romantisch zu nennen: Ein Künstler ist in ihrer Vorstellung ein leidendes Subjekt, das unter enormem Leid sein Werk gebiert. Dass Kunst Freude machen könnte, dass Künstler sich direkt auf andere beziehen, Stile kopieren, dass der Kunstmarkt eine Chimäre geworden ist, auf dem eher Namen und Finanz-Symbole gehandelt werden, das will ihnen einfach nicht in den Sinn.

419., 420., 421. und 422. Nacht

419. Nacht

Schehrezâd fährt fort:

Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass el-Amîn, als er die Sklavin anschaute und sah, was auf dem Saume des Hemdes geschrieben stand, nicht mehr länger an sich hielt, sondern ihr nahte und sie küsste. Und er wies ihr ein eigenes Gemach in seinem Palaste an; ferner dankte er seinem Oheim für die Gabe und verlieh ihm die Statthalterschaft von Rai.

Heute heißt diese Stadt Shahr-e Ray und ist ein Vorort von Teheran. (Früher war Teheran ein Vorort von Rai.) Rai war außerdem die Hauptstadt des alten Persien, die Hauptstadt des persischen Teils von Irak und sie ist die Geburtsstadt von Harûn er-Raschîd.

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Die Geschichte von dem Kalifen el-Mutawakkil und el-Fath ibn Chakân

Als der Kalif el-Mutawakkil krank wird, schickt ihm el-Fath ibn Chakân

eine jungfräuliche Sklavin mit schwellendem Busen, die zu den schönsten Mädchen ihrer Zeit gehörte, dazu ein Kristallgefäß von rotem Godle, auf dem in schwarzen Lettern diese Verse standen:

Wenn der Imam der Krankheit nun entrann
Und Heilung und Gesundheit sich gewann
So kann für ihn kein besser Heiltrank sein
Als hier in diesem Becher dieser Wein.
Wenn er das Siegel löst von meiner Gabe,
So ist das nach der Krankheit schönste Labe!

Der Arzt Juhanna zieht sich daraufhin zurück.

Nach meinen Informationen war Juhanna erst viel später Arzt, nämlich zur Zeit des Mustasim.

Der Kalif nahm den Rat des Arztes an und gebrauchte jene Arznei, ganz wie sie in den Versen vorgeschrieben war. Allah machte ihn gesund und heil.

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Die Geschichte von dem Streit über die Vorzüge der Geschlechter

Eine weise Frau namens Saijidat el-Maschâjich kommt von Bagdad nach Hama, wo sie

den Leuten von einem Stuhle herunter heilsame Ermahnungen predigte.

Dies betrifft Fragen des Rechts, moralische Fragen, Fragen der Lebensführung usw.
Der Erzähler der Geschichte sucht sie mit einem Freund auf und legt eine Frage

von solcher Art vor, die sich auf den Unterschied zwischen den Rechtsschulen bezog

Sie befindet sich bei diesem Gespräch hinter einem Vorhang, durch den sie allerdings hindurchschmulen kann. Dabei sieht sie, wie der Begleiter das Gesicht ihres jungen Brufders betrachtet.

"Mir scheint, du bist einer von denen, die den Männern den Vorzug vor den Frauen geben." (…) "Weil Allah das Männliche höher gestellt hat als das Weibliche."

***

420. Nacht

Der Begleiter benennt nun Stellen aus dem Koran und den Überlieferungen des Propheten, die ebendiese Position belegen sollen. Die Weise antwortet ihm auf seine langen Ausführungen:

"Du hast gut gesprochen, werter Herr; doch, bei Allah, du hast meinen Beweis wider dich mit der eigenen Zunge kundgetan."

So folgt ein längerer Schlagabtausch zwischen den beiden.

***

421. Nacht

Der Begleiter rezitiert

"Sie ist dem Knaben gleich und wiegt sich in den Hüften
Wie sich der schwanke Reis im Zephirwinde wiegt.

Wenn der Jüngling nicht trefflicher wäre, so wäre doch die Jungfrau nicht mit ihm verglichen worden. Wisse auch – Allah der Erhabene beschütze dich! -, dass der Jüngling leicht gelenkt werden kann; denn er passt sich den Wünschen an; er hat schöne Eigenschaften, und mit ihm lässt sich trefflich leben; denn er ist eher geneigt, zu willfahren als zu widerstreben, zumal wenn der zarte Flaum auf seiner Wange sprießt, wenn seine Oberlippe sich dunkel färbt und wenn der rote Jugendglanz in seinem Antlitz leuchtet, so dass er dem Monde gleicht, der zur Fülle kam."

Nach weiteren Gedichten ist Saijidat el-Maschâjich wieder an der Reihe:

"Ich bitte dich, wie kann ein Jüngling je den Rang einer Jungfrau erreichen? Wer will das Böcklein mit der Kitze vergleichen? Die Jungfrau hat sanfter Rede Gewalt und eine wunderschöne Gestalt; sie gleichet einem Basilikumreis, und ihre Zähne sind wie die Kamille so weiß; sie hat Zöpfe, die wie Halftern hangen, wie Anemonen sind ihre Wangen; ihr Antlitz ist wie ein Äpfelein, und ihre Lippe ist süß wie Wein; ihre Brust ist dem Granatapfel gleich, und ihre Gestalt ist wie ein Zweig so weich. Sie hat einen Wuchs, in dem das Ebenmaß waltet, und ihr Leib ist wohlgestaltet; sie ist wie die Schneide des glitzernden Schwertes so schmal und fein, und ihre Stirn ist blütenrein; sie hat zusammengewachsene Augenbrauen, unter denen tiefschwarze Augen schauen…"

***

422. Nacht

Weiterhin argumentiert sie und zitiert Abu Nuwâs:

Die schlanke Maid, die einem Knaben gleicht,
Taugt für den Wüstling und den Einbrecher.

 

415., 416., 417. und 418. Nacht

415. Nacht

El-Mamûn lässt sich, begleitet vom listigen Abu Isa und einigen Hofleuten auf einer Barke namens "Flieger" zum Haus des Hamid et-Tawîl et-Tûsi, das sie unvermittelt betreten, während er gerade auf einer Rohrmatte sitzt und sich von Sängerinnen bespaßen lässt. Er improvisiert ein Gastmahl

Speisen wurden vorgesetzt, aber die bestanden nur aus Vierfüßlern, kein Fleisch von Geflügel war darunter. Von diesen rührte el-Mamûn nichts an.

Unklar: Gilt Geflügel als besonders edel? Oder hat el-Mamûn eine schwache Konstitution, die ihm die Verdauung von Lamm und Rind verbietet.

Abu Isa erkennt den Unmut des Kalifen und schlägt vor:

"Lass uns jetzt in ein Haus gehen, das für dich gerüstet ist, so wie es sich gebührt."

So gelangen sie zum Eigentümer der von Abu Isa begehrten Sklavin. Er

öffnete ihnen einen Saal, der so schön war, wie ihn noch nie jemand gesehen hatte. Dort waren der Boden, die Pfeiler und die Wände mit vielfarbigem Marmor bekleidet…

Befriedigend sind außerdem die Speisen und die Getränke, darunter auch Dattelmost und das Geschirr.

Die Schenken aber, die jenen Most in den Saal trugen, waren mondengleiche Jünglinge, bekleidet mit alexandrinischen Gewändern, die mit Gold durchwirkt waren; und auf der Brust trugen sie kristallene Falschen, voll mit Rosenwasser, die mit Moschus gemischt waren.

Nach dem Mahl kommen diverse Sängerinnen, eine schöner als die andere. Ein bemerkenswertes Lied geht so:

Die Huris und die edlen Frauen fürchten kein übel Gerede
Gleichwie Gazellen von Mekka, das unverletzliche Wild.
Nach ihren schmeichelnden Worten hielte man sie für Dirnen;
Doch schützet sie der Islam, dass ihnen kein hässlich Wort gilt.

Bemerkenswert, wegen des Versuchs, die Spannung aufzulösen, die sich aus dem Gebot der Frömmigkeit und der durch die islamische Praxis geduldeten "Huris und edlen Frauen": Das Tun ist zwar unislamisch, aber da sie es dem Islam zuliebe tun, ist es islamisch. Wobei ich mir eigentlich nicht mal sicher bin, wozu die Huris im Paradies eigentlich gut sind. Vielfach werden sie als Jungfrauen beschrieben. Bleiben sie das?

***

416. Nacht

Es folgen weitere singende Mädchen.

Was geschieht eigentlich mit ihnen, wenn sie älter werden? Werden sie dann an ärmere Herren verkauft?

Schließlich

trat eine Maid heraus, die gleich einem Weidenzweige war; sie hatte ein verführerisches Augenpaar, und ihre Brauen waren wie zwei Bogen anzuschauen.; auf ihrem Haupte trug sie eine Krone aus Gold von rötlichem Schein, besetzt mit Perlen und Edelgestein. Und darunter eine Binde, auf der in Lettern aus Chrysolith dieser Vers geschrieben war:

Eine Fee, von den Dämonen unterwiesen,
Herzen mit dem Bogen ohne Sehn‘ zu treffen.

Jene Sklavin schritt daher wie ein scheues Reh, selbst die Frommen hätten sie angeschaut mit heißem Liebesweh. Und sie ging weiter, bis sie sich auf einen Schemel setzte.

Schon klar, dass dies Kurrat el-Ain sein muss.

***

417. Nacht

Dem Kalifen fällt auf, dass sich Abu Isa mehr noch als die anderen verändert, so sehr schlägt sein Herz. Er bittet sie um ein Lied, dass sie auch vorträgt.
Inzwischen ist Abu Isa fast zu Tränen erstickt und Kurat el-Ain beginnt nun zu improvisieren.

***

418. Nacht

Mit der Erlaubnis des Kalifen antwortet Abu Isa ihr singend.

Die Verse sind banal und lang. Ich spare mir hier ihre Wiedergabe.

Alî ibn Hischâm sprang auf, küsste ihm die Füße und sprach: "Mein Gebieter, Allah lässt die Erfüllung deiner Bitte kommen; denn Er hat dein Geheimnis vernommen. Er willigt ein, dass du sie mit all ihrem Besitze an Seltenheiten und Kostbarkeiten erhältst, wenn der Beherrscher der Gläubigen kein Verlangen nach ihr trägt." Doch el-Mamûn sagte: "Wenn wir auch Verlangen nach ihr hätten, so würden wir Abu Isa den Vorrang vor uns lassen und ihm zum Ziele verhelfen."

Als Abu Isa

sie dann erhalten hatte, führte er sie freudigen Herzens in sein Haus. Schau, wie großmütig Ali ibn Hischâm war.

Wenn man mit den Erzählungen aus 1001 Nächten so verführe wie mit einigen Werken des 20. Jahrhunderts, so stünde nach der Eliminierung der rassistischen Geschichten eigentlich auch die der Sklaven-Geschichten an. Wieviele blieben dann noch übrig? Zwölf Nächte? Oder geht es den Eliminierern wirklich nur um Worte, Worte, Poporte? Die Bedeutung ist einerlei?

***

Die Geschichte von el-Amîn und deinem Oheim Ibrahîm ibn el-Mahdi

El-Amîn, der Bruder von el-Mamûn, trat einst in das Haus seines Oheims Ibrahîm ibn el-Mahdi.

Hier zur Aufklärung der Verwandtschaftsverhältnisse: Das Besondere – alle drei waren Kalifen in Bagdad und mit Harûn er-Raschîd verwandt. El-Amîn und el-Mamûn waren beide seine Söhne. Ibrahîm ibn el-Mahdi war Harûns Bruder und folgte erst el-Mamûn auf den Thron.
Die Geschichte spielt also zur zur Herrschaftszeit von el-Amîn.

Dort sieht er eine schöne Sklavin, in die er sich verliebt.

Doch als sein Oheim Ibrahîm erkannte, wie es um ihn stand, schickte er ihm die Sklavin zu. (…) Als el-Amîn sie sah, glaubte er, sein Oheim Ibrahîm habe sie bereits erkannt, und darum mochte er ihr nicht mehr beiwohnen. So nahm er sie denn hin, was sie an Geschenken mitgebracht hatte; sie selbst aber sandte er zurück.

Das ist doch wohl bemerkenswert: Egal wie groß die Liebe sein mag – dass ein anderer sie gehabt haben könnte, zerstört diese Liebe.

Der auch als großer Dichter bekannte Ibrahîm ibn el-Mahdi legt ihr ein Hemd an, auf das er schreiben lässt:

Fürwahr, bei ihm, vor dem sich alle Stirnen neigen,
Was unter diesem Saume ist, dass kenn ich nicht.
Auch ihren Mund berührt ich nie; mein einzig Trachten
War, was das Auge sieht und was die Zunge spricht.

Als sie nun wieder bei el-Amîn eintrifft, singt sie zur Laute:

Du nahmst die Gabe nicht und zeigtest, was du denkest;
Dass du dich von mir trennest, ward mir kund und klar.
Doch wenn du Anstoß nimmst an etwas, das vergangen,
Verzeih du als Kalif, was längst schon nicht mehr war.

 

411., 412., 413., 414. Nacht

411. Nacht

Man begräbt die beiden, und der Erzähler berichtet, die Jungfrau sei seine Tochter und der Jüngling sein Neffe gewesen. Auf die Frage, warum er sie nicht vermählt habe, antwortete er:

"Ich fürchtete mich vor Schimpf und Schande; und jetzt bin ich beidem verfallen."

***

Die Geschichte von dem irrsinnigen Liebhaber

Abu el-Abbâs el-Murrabâd erzählt von einer Reise nach el-Barîd. Er macht eine Pause in Hesekiel an dem berühmten Kloster, und er hört, darin lebten Irre.
Er betritt das Kloster, und drinnen sitzt ein "Irrer", der die ganze Zeit in Versen von seiner verlorenen Liebe klagt.
Abu el-Abbâs el-Murrabâd meint kalt:

"Sie ist gestorben." Da verfärbte sich sein Antlitz, er sprang auf und rief: "Woher weißt du, dass sie tot ist?" Ich antwortete: "Wenn sie noch lebte, so hätte sie dich nicht so allein gelassen."

Das sieht der Irre ein, legt sich hin und stirbt. Voller Schrecken begräbt man ihn.

***

412. Nacht

Als Abu el-Abbâs el-Murrabâd nach Bagdad zurückkehrt, berichtet er die Geschichte dem Kalifen el-Mutawakkil.

Und er sprach zu mir: "Was hat dich dazu bewogen? Bei Allah, wenn ich nicht wüsste, dass du um ihn trauerst, so würde ich dich um seinetwillen strafen!" Und er trauerte um ihn den ganzen Tag über.

El Mutawakkil war ein Kalif aus dem 9. Jahrhundert n.Chr., von dem es auch ein Hunde- und Falkenbuch gibt, das man noch heute erwerben kann. Abu el-Abbâs el-Murrabâd ein damaliger Sprachgelehrter aus Basra.

***

Die Geschichte von dem Prior, der Muslim wurde

Abu Bakr Mohammed ibn el-Anbari ist ebenfalls in christlichen Regionen unterwegs. Er rastet beim Lichterkloster nahe Ammûrija. Die Mönche dort sind äußerst gastfreundlich, er wird vom Prior Abd el-Massih empfangen.

Abd el-Massih = "Knecht des Messias"

Am nächsten Tage verließ ich sie, nachdem ich bei ihnen solche Eifer in der Andacht und solche Frömmigkeit gesehen hatte wie sonst noch nie.

Im Jahr darauf trifft er den Prior bei der Pilgerfahrt in Mekka. Dieser berichtet ihm, was zu seiner Konversion geführt hat:
Im Dorf verliebte sich ein muslimischer Jüngling in eine christliche Jungfrau, der immer an derselben Stätte sitzenblieb, um sie sehen zu können. Die Christen

hetzten die Dorfbuben wider ihn, und die warfen so lange mit Steinen auf ihn, bis sie ihm die Rippen zerbrochen und den Kopf eingeschlagen hatten.

Der Prior nimmt sich seiner an und pflegt ihn.

***

413. Nacht

Nachdem die Jungfrau ihn so sieht, bekommt sie doch Mitleid mit ihm:

"Willst du nicht meinen Glauben annehmen, auf dass ich dich mit dir vermähle?" Doch er reif: "Allah verhüte, dass ich den Glauben an die Einheit ablege und mich der Vielgötterei ergebe." Da sprach sie: "So komm zu mir herein, tu mit mir, was du willst, und geh dann in Frieden deiner Wege!" "Nein", erwiderte er, "ich will nicht zwölf Jahre der Anbetung zunichte machen durch die Lust eines einzigen Augenblicks." Darauf sagte sie: "So geh alsbald von mir fort!" Doch er entgegnete: "Das erlaubt mir mein Herz nicht."

Das ist sozusagen der Kern der Geschichte: Der Bursche hält alle Arten von Demütigungen und Schmerzen um der Liebe willen aus. Aber sein Glaube geht ihm noch darüber.

Bei ihrer nächsten Aktion töten ihn die "Dorfbuben".
Die Jungfrau, von schlechtem Gewissen geplagt, träumt nun, dass ihr der Weg ins Paradies versperrt würde, und man gibt ihr im Traum zwei Äpfel.

***

414. Nacht

Einen isst sie, den zweiten findet man bei ihr am nächsten Morgen.

Von nun ab enthielt sie sich des Essens und des Trinkens, und als die fünfte Nacht kam, erhob sie sich von ihrem Lager und wanderte zu dem Grab jenes Muslims. Dort warf sie sich nieder und starb.

Es entsteht ein Streit darüber, ob die Christen oder die Muslime sie bestatten dürfen, und als vierzig Mönche es nicht vermögen, ihre Leiche vom Grab des Jünglings fortzuziehen, einer der muslimischen Scheiche die dann liebevoll mit einem Leichentuch fortträgt, sind die Christen konvertiert:

"Fürwahr, die Wahrheit verdient es, dass man ihr folge."

***

Die Geschichte der Liebe von Abu Isa zu Kurrat el-Ain

Abu Isa, Sohn von Harûn el-Raschîd, verliebte sich in die Sklavin Kurrat el-Ain und diese sich in ihn. Beide tun ihr Geheimnis nicht kund.

Das tat er, weil er stolz und von hohem Ehrgefühl beseelt war, denn er hatte sich die größte Mühe gegeben, sie von ihrem Herrn zu erwerben, aber es war ihm nicht gelungen.

So entschließt er sich zu einer List: Er überredet den Kalifen el-Mamûn dazu, seine Befehlshaber auf die Probe zu stellen,

"so würdest du erkennen, wer eine edle Gesinnung hat und wer nicht."

408., 409. und 410. Nacht

408. Nacht

Ishâk ibn Ibrahîm aus Mosul berichtet weiter:
Als er ruht, kommt ein schwarzer Eunuch mit einem Esel daher, auf dem eine wunderschöne Sklavin sitzt.

Woran erkennt Ishâk, dass es eine Sklavin ist?

Er folgt ihr, und Passanten verraten ihm, dass es sich um eine Sängerin handelt. Sie betritt ein Haus, und als er sich diesem nähert, stehen zwei Gäste vor dem Tor, die gerade eingelassen werden, und Ishâk schlüpft mit hindurch: Der Hausherr nimmt an, er gehöre zu den beiden; die beiden nehmen an, er gehöre zum Hausherrn.
Es werden Speisen aufgetragen, und irgendwann folgt Ishâk

einem Rufe der Natur (…). Da fragte der Hausherr die beiden Männer nach mir; und als sie ihm sagten, sie kennten mich nicht, fuhr er fort: "Er ist wohl ein Schmarotzer; dennoch ist er von feinem Wesen, also behandelt ihn höflich."

Eine seltsame Verschiebung der Erzählperspektive; denn wie kann der abwesende Ishâk wissen, was da gerade gesprochen wird?

Er kehrt zurück, und nun singt die Sklavin:

Sprich zur Gazelle, die nicht Gazelle ist,
Zum Reh, das doch kein Reh, mit schwarzen Äugelein:
Mit seinen Männchenhörnern ist es doch kein Weibchen;
Und was so weiblich schreitet, kann kein Männchen sein.

Weitere Verse folgen, bis Ishâk sie bittet, ein Lied zu wiederholen,

damit ich sie verbessere; aber da wandte sich einer der beiden Männer zu mir: "Wir haben noch nie einen Schmarotzer mit frecherer Stirn gesehen als dich! Bist du mit dem Schmarotzen noch nicht zufrieden, dass du dich auch noch in fremde Sachen einmischen musst? An dir wird das Sprichwort zur Wahrheit: Ein Parasit – Ein Störenfried!"

Schönes Gefluche, vor allem wegen des seltenen Komparativs von "frech".

Man beruhigt ihn, die drei gehen beten. Währenddessen stimmt Ishâk die Instrumente, was die Sklavin bei ihrer Rückkehr bemerkt. Man fordert ihn auf, ein Lied zu spielen.

Dazu sang ich diese Verse:

Ich hatte ein Herz und ich lebte mit ihm;
Da ward es vom Feuer versengt und verbrannt.
Nie ward mir das Glück ihrer Liebe beschert;
Dem Menschen hat Gott es nicht zuerkannt.
Wenn Liebe die Speise, die ich schmeckte, gibt,
So kostet sie sicher ein jeder, der liebt!"

Da bemerkte Schehrezâd, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.

***

409. Nacht

Alle sprangen auf, setzten sich vor mir nieder und riefen: "Um Allahs willen, unser Gebieter, sing uns noch eine Weise vor!"

Nach einem weiteren Lied und weiterem Bitten um Zugabe, verlangt Ishâk, den "Zänker" hinauszuwerfen, was auch prompt erledigt wird

und aus der Leserperspektive doch ein zweifelhaftes Licht auf ihn wirft.

Dann bittet er auch noch den Hausherrn um die Sklavin. Dieser willigt ein unter der Bedingung, dass Ishâk einen ganzen Monat sein Gast bleibe.
Der Kalif lässt inzwischen nach ihm suchen. Und als dieser einen Monat später erscheint, lässt sein Grimm nach, als er die Sklavin hinter einem Vorhang (!) singen hört, was sie von nun an wöchentlich tun soll.

Also am Vorabend vorm heiligen Freitag!

Zugleich wies er ihr fünfzigtausend Dirhems an. So habe ich, bei Allah, nicht nur mir, sondern auch anderen durch jenen Ritt Gewinn verschafft.

Das wäre auch eine Kategorie: Erzählungen, die vor dem Thron des Kalifen enden. Seine Entscheidungen sind als moralische und rechtliche Leitlinie zu sehen, was dem Zuhörer wohl ein Gefühl von Abgeschlossenheit, i.S.v. "Die Moral von der Geschicht", gibt.

***

Die Geschichte von den drei unglücklichen Liebenden

Al-Utbi berichtet von einer Geschichten-Erzähl-Gesellschaft, in der fröhliche Geschichten ausgetauscht werden, bis die Reihe an einen kommt, der niedergeschlagen wirkt. Befragt, was die Trauer ausgelöst haben mochte, antwortet er:

"Ich hatte eine Tochter, die einen Jüngling liebte, ohne dass wir es wussten. Jener Jüngling aber liebte eine Sängerin; und diese Sängerin liebte meine Tochter.

***

410. Nacht

Der Jüngling hört eines Tages die Sängerin singen:

Wie die Liebe die Menschen erniedrigen kann,
Das zeigen die Tränen der Liebenden an.
Doch wird von bittersten Qualen geplagt,
Wer niemanden findet, dem er sie klagt.

Nachdem der Jüngling die Sängerin um Erlaubnis gebeten hat, sterben zu dürfen, tut er das. Auf die Nachricht von seinem Tod hin stirbt die Jungfrau, und daraufhin die Sängerin, so dass am Friedhof die drei Liebenden gleichzeitig beerdigt werden.

Die Konsequenz der kurz aufeinanderfolgenden Tode erinnert an Grimms Märchen "Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben".

***

Der deutsche Übersetzer Littmann bemerkt ihr, dass in Burtons Ausgabe hier eine orientalische Geschichte eingeschoben sei, die in keiner anderen arabischen Ausgabe auftauche und die die schöne Reihe der Geschichten von unglücklich Liebenden störe. Er lasse sie also weg.

***

Die Geschichte der Liebenden vom Stamme der Taiji

El Kâsim, der Sohn des Adî, erzählte von einem Manne aus dem Stamme der Tamîm, dass der ihm berichtet habe…

Das wäre schön zu erfahren, ob der Erzähler sich diese Autorenverschachtelungen ausdenkt oder ob sie einen wahren Kern haben.

Zwei Liebende begegnen einander mit ihren jeweiligen Stammes-Angehörigen an den Wassern des Banu Taiji

Unklar, wo das sein soll.

Die Gruppe hält die jeweils Liebenden auf, doch diese rasen aufeinander zu und stürzen, als sie sich treffen, tot zu Boden.

Regeln im Improtheater? Nein. Gewohnheiten!

Ich würde gern auf den Begriff „Regeln“ im Improtheater verzichten, wenn es um allgemeine Dinge wie „Akzeptieren“, „Zuhören“, „Unterstützen des Partners“ usw. geht. (Das bezieht sich nicht auf Spielregeln eines Impro-Games.)

Stattdessen schlage ich den Begriff „gute Gewohnheiten“ vor. Das ist keine Haarspalterei. Schaut mal: Improtheater kann eigentlich per definitionem keine Regeln haben. (De facto legt es sich viel zu viele formale Regeln auf.) Und wenn wir im Modus von „Regeln“ agieren, heißt das auch, dass man Regeln zu befolgen hat, dass man an sie denken muss, aber dabei verlieren wir den Moment. Im Gegensatz dazu müssen gute Gewohnheiten trainiert und internalisiert werden. Über Gewohnheiten muss man nicht nachdenken, man führt sie einfach aus. So wird z.B. jeder, der über einen langen Zeitraum improvisiert, wird automatisch die Angebote seiner Mitspieler akzeptieren, seine Wahrnehmung für sie öffnen usw.

404., 405., 406. und 407. Nacht

404. Nacht
Die Rechtfertigung des Lehrers ist vielleicht auf Arabisch lustig:
„Ich war in jenem Moment erregt, und meine Gedanken waren beschäftigt, und als ich las, der Kohlendämpfer sei in eine Decke eingewickelt, da meinte ich, er sei tot und man hätte ihn ins Leichentuch gehüllt.“ Die Frau, die den Betrug nicht durchschaute, sprach zu ihm: „Du bist entschuldigt“, nahm den Brief und ging ihrer Wege.
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Die Geschichte von dem König und der tugendhaften Frau
„Ein König“ zieht verkleidet aus und kommt in ein Dorf, wo er eine Frau um Wasser bittet. Als er sie sieht, will er sie verführen, doch sie reicht ihm, während er wartet, ein Buch, in welchem vor Sünden gewarnt wird.
Die Ausgangssituation klingt eigentlich wieder sehr nach Harûn er-Raschîd, aber vielleicht hat der Erzähler das dann doch anonymisiert, um den Herrscher nicht in zu sündhaftem Licht stehenzulassen.
Da erschauderte er und bereute seine Absicht vor Allah, dem Erhabenen.
Als sie am Abend ihrem Mann von der Begegnung erzählt, ergreift den die Eifersucht und
er wagte es nicht mehr, ihr zu nahen.
Die Verwandten der Frau klagen darüber beim König in einer Metapher: Was solle mit einem Mann geschehen, der das gepachtete Land nicht besät. Der Mann wiederum rechtfertigt sich damit, dass der Löwe das Feld betreten habe. Der König wiederum versteht den Wink:
„Du da, der Löwe hat ja dein Land nicht betreten; es ist noch gut zur Saat, drum säe darauf.“
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Der Bericht von Abd er-Rahmân el-Maghribi über den Vogel Ruch
Ein Mann aus dem Volk der Maghribi, den man „den Chinesen“ nennt (weil er lange auf den chinesischen Meeren unterwegs war), ist im Besitz eines Federkiels aus dem Flügel des Vogels Ruch.
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405. Nacht
Im folgenden wird beschrieben, wie die Matrosen ein Ei zerschlagen und riesige Federn und Fleischteile aus dem Küken des Ruch herausnahmen. Der erwachsene Vogel nahm einen Felsen, und nur durch geschickte Segelmanöver konnten sie dem fallengelassenen Stein ausweichen.
Das ganze erinnert sehr an Sindbad, und die Schlachtung des Eis kann man in der sonst recht freien Sindbad-Adaption „Sindbads siebte Reise“ bewundern. Online hab ich keinen Clip davon gefunden, nur den anschließenden Kampf Sindbads mit dem Vogel:
 
Wer vom Fleisch des Vogels esse, bekomme keine grauen Haare.
Und dies ist nur eins der größten Wunder.
***
Die Geschichte von Adî ibn Zaid und der Prinzessin Hind
En-Numân ibn el-Mundhir hat eine Tochter namens Hind.
Als eines Tages der Prinz Adî ibn Zaid nach Hira kommt, verliebt sie sich in ihn und er in sie, ohne dass sie sich wirklich begegnen.
Ihr meine Freunde, erweist mir große Güte
Und lenket eure Schritte zum Land der Täler hin;
Geleitet mich zu Landen, in denen Hind verweilet;
Dann geht und bringt die Kunde von meinem treuen Sinn.

***
406. Nacht
Nach vielem Hin und Her durch die Vermittlerin Mârija – einer Freundin Hinds – kommen die beiden mit dem Segen von König Numân zusammen.
***
407. Nacht

Nach drei Jahren aber ergrimmte der König wieder Adî und ließ ihn töten.

Daraufhin lässt Hind Kloster bauen, in dass sie sich zurückzieht bis zu ihrem Tod.
***
Die Geschichte von Dibil el-Chuzâi und der Dame und Muslim ibn el-Walîd
Die Geschichte wird aus der Perspektive des Dichters Dibil el-Chuzâi (auch al-Khuzai einem Dichter des 9.Jh. n.Chr. erzählt.
El-Chuzâi steht am Tor von el-Karch, als eine wunderschöne Frau an ihm vorbeigeht, die ihn betört und der er mit dem Vers begegnet:
Aus meinem Auge fließt ein Strom von Zähren;
Und Schlaf will meinem Lid sich nicht gewähren.
Sie antwortet spontan
Das ist dem Mann ein leichtes, wenn die Glut
Aus wunden Augen ihn zur Liebe lud.
So geht es hin und her zwischen den beiden, und gerade dem Dichter imponiert die spontane Dichtkunst dieser Frau, die er einlädt, ihm zu folgen, was sie auch überraschenderweise tut. Da er aber kein Haus hat, bittet er seinen Freund Muslim ibn el-Walîd, ihm das Gastrecht zu gewähren. Dieser sagt zu. Da er aber nichts zu essen zuhause hat, schickt er el-Chuzai mit einem Tuch zum Markt, dass dieser verkaufen und vom Erlös Essen kaufen soll, was der auch tut.
Als er jedoch zurückkommt, nimmt ihm Muslim ibn el-Walîd die Speisen ab, schlägt ihm die Tür vor der Nase zu und höhnt:
„Wer ist es, der diesen Vers gedichtet hat:
Ich schlief in ihrem Arm; indes mein Freund
War trüb im Herzen und an Gliedern rein – ?“
Die Antwort el-Chuzâis:
„Er, der am Gürtel tausend Hörner hat,
die höher ragen als ein Götzenschrein.“
El-Chuzâi endet die Geschichte damit, dass er die Frau nie wieder sah und er noch heute Groll im Herzen verspüre.
***
Die Geschichte von Ishâk aus Mosul und dem Kaufmann
Ishâk ibn Ibrâhim aus Mosul berichtet, eines Morgens des Kalifenpalastes überdrüssig geworden zu sein, weshalb er beschloss auszureiten und seine Diener anwies, niemandem zu sagen, wohin er geritten sei. So reitet er durch die Straßen, bis er nach zur Straße el-Haram kommt.
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402. und 403. Nacht – Wissen und Leben II


5) Seit einer halben Stunde stand er nun schon so da. Jemand musste vergessen haben, die Akkus des vollautomatischen Rugby-Schiedsrichter-Roboters aufzuladen.

 


6) "Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln.." Einen Tag vor seinem 65. Geburtstag wurde Alwin Henning klar, dass er sein gesamtes Erwachsenen-Leben doch recht eintönig verbracht hatte. Es musste doch noch mehr geben, als dieses ewige Essen, Schlafen, Lustmord, Leichen verbuddeln. Aber was?

 


7) Erika Niemann und Holger Pfirsich waren kurz davor auszuflippen: Was hatten die sich in der Design-Abteilung von Robotron dabei wieder gedacht, das Akkufach des Rugby-Schiedsrichter-Roboters so fitzelig unter der Achselhöhle einzubauen. Und dass, wo doch heute der Verein Hacke Hagelberg seinen Titel gegen Hucke Hagenow verteidigen sollte.
 

 


8) Das war schon erstaunlich mit einer einzigen Wischbewegung auf seinem iPad, das in der neuen Winter-Edition von Apple auf einem praktischen Ziehwägelchen geliefert wurde, konnte Professor Sergej Sergejewitsch Sergejew den bei der diesjährigen Tundra-Schmelze gefundenen Mammut-Penis ganz bequem im vom archäologischen Institut bereitgestellten Penisköcher verstauen. Einfach rein. Und wieder raus. Und rein. Und wieder raus.

 


9) Beim Finale der Rugby-Meisterschaften der fünften Liga Nordost zwischen Hacke Hagelberg und Hucke Hagenow warteten die beiden Mannschaften seit einer geschlagenen Stunde auf den Anpfiff. Sollte es mal wieder ein Problem mit dem Rugby-Schiedsrichter-Roboters geben?
 

***

402. Nacht

Der Erzähler berichtet, dass Abu Amir den Jüngling betend antrifft und als er ihn am nächsten Tag wieder besucht, ist er tot. Bei ihm findet er den Rubin,

der Tausende von Dinaren wert wahr. Ich sagte mir: "Bei Allah, dieser Jüngling übte die Weltentsagung in vollkommener Weise!"

Den Rubin lässt er Harûn er-Raschîd zukommen, der ihm bestätigt, der Vater des Jünglings zu sein. Nachdem sich Harûn das Grab des Jünglings zeigen lässt, bittet er Amu Amir, sein Freund zu sein. Doch dieser lehnt ab.

Das ist allerdings höchst sonderbar oder gar einmalig: Nicht, dass die Freundschaft des großen Herrschers ausgeschlagen wird, sondern Harûn er-Raschîd, der ja allenfalls mit ein paar Flausen wie Jähzorn ausgestattet ist als nicht freundschaftsfähig darzustellen, zumal er ja andauernd gerühmt wird und anzunehmen ist, dass einige Geschichten, ihm zu gefallen verfasst wurden. Abu begründet:

Ich bin der Fremdling, der bei keinem einkehrt;
Ich bin der Fremdling in der eigenen Stadt;
Ich bin der Fremdling ohne Sohn und Sippe,
Der keinen Freund zu seiner Zuflucht hat.
In den Moscheen kehr ich ein und wohn ich;
Für sie schlägt stets mein Herze ungeteilt.
Preist Gott für seine Huld, den Herrn der Welten,
Solange noch der Geist im Leibe weilt!

Ferner wird erzählt

***

Die Geschichte von dem Schulmeister, der sich auf Hörensagen verliebte

Wieder eine Geschichte aus zweiter (bzw. wenn man Schehrezâd mit einrechnet) aus dritter Hand: Ein Mann berichtet, einen gelehrten Schulmeister kennengelernt zu haben, was allen Vorurteilen zuwider läuft, nach denen Lehrer von Kindern eher ungebildet seien.

Ich erprobte seine Kenntnisse in den Lesarten des Koran, in der Grammatik, in der Dichtkunst und in der Sprachkunde, und siehe da, er war in allem, was von ihm verlangt wurde, bewandert.

Er besucht den Schulmeister mehrmals, und eines Tages findet er ihn krank und trauernd niederliegen, da seine Geliebte gestorben sei.
Es stellt sich heraus, dass es sich nur um einen Character in einem Scherzlied handelte, in die er sich verliebt hatte, als er die erste Strophe gehört hatte, und die er betrauert, als er Tage später die zweite Strophe vernommen hat.

 

403. Nacht

So überzeugte ich mich, dass er wirklich doch ein dummer Kerl war, verließ ihn und ging davon.

Eine kleine harmlose Anekdote, die möglicherweise durch das Scherzlied einen unübersetzbaren Reiz hat, aber sie verliert ihn auch gleich wieder, da der Lehrer, wenn er gerade in den Schrift- und Dicht-Künsten so bewandert ist, doch zumindest von fiktiven Figuren wissen müsste.

***

Die Geschichte vom törichten Schulmeister

Eine Variante des Obigen mit gleicher Ausgangssituation.
Hier lädt der Schulmeister den Erzähler zu sich nach Hause ein. Und als alle schlafen gegangen sind, hört man durchdringende Schreie aus dem Harem. Der Schulmeister liegt in seinem Blut:

"Als ich dich verlassen hatte, setzte ich mich nieder, um über die Werke Allahs des Erhabenen nachzusinnen. Und ich sagte mir: In allem, was Allah für den Menschen geschaffen hat, liegt ein Nutzen verborgen. Er, dem Preis gebührt, hat die Hände zum Greifen geschaffen, die Füße zum Gehen, die Augen zum Sehen, die Ohren zum Hören, die Rute zum Zeugen und so weiter, nur diese beiden Hoden da haben gar keinen Nutzen. Da nahm ich das Rasiermesser, das ich bei mir hatte und schnitt sie beide hat."

Dieselbe Moral folgt.

***

Die Geschichte von dem Schulmeister, der weder lesen noch schreiben konnte

Ein Analphabet eröffnet eine Schule und arbeitet, indem er die Kinder in zwei Gruppen teilt. Den einen sagt er "Lies!" Den anderen: "Schreib!" So bringen sie es sich gegenseitig bei.

Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.

Eines Tages bittet ihn eine Frau, ihm einen Brief vorzulesen. Das kann er schlecht ablehnen, also spielt er tiefste Ergriffenheit mit starker Emotionalität vor.

"Lieber Herr, wenn er tot ist, so sagt es mir!" Er aber schüttelte den Kopf und schwieg. Da fragte die Frau: "Soll ich mein Gewand zerreißen?" – "Zerreiß es!", erwiderte er. Weiter fragte sie: "Soll ich mir das Gesicht zerschlagen?" – "Zerschlag es!", gab er zur Antwort.

Und so glaubt sie, der Mann sei verstorben. Doch ihre Nachbarn lesen ihr später vor, im Brief stünde, der Mann schicke ihr einen Kohlendämpfer und eine Decke.

Feedback in Improtheater-Gruppen

(Ergänzung: Diese Gedanken habe ich bearbeitet und weiter ausgeführt im Buch „Improvisationstheater. Band 8: Gruppen, Geld und Management


Szenario Eins: Die Show ist vorbei. Nicht enden wollender Applaus. Zugabe. Begeisterte Zuschauer. Im Backstage liegen sich die Spieler in den Armen. Das geht monate-, manchmal jahrelang gut, bis es irgendwann aus einer Spielerin herausplatzt: „Martin, warum musst du mich immer als deine alte Mutter anspielen! Und wieso blockierst du überhaupt andauernd alle meine Angebote!“ Der arme Martin weiß nicht, wie ihm geschieht, und ruckzuck, rutsch die gesamte Gruppe in eine Krise. Möglicherweise gibt es dann ein längeres gruppeninternes Gespräch, um den Riss wieder zu nähen, aber die Narbe bleibt.
Szenario Zwei: Die Show ist vorbei. Nicht enden wollender Applaus. Zugabe. Begeisterte Zuschauer. Im Backstage sitzen sieben deprimierte Spieler und schütteln die Köpfe: Wie konnte so etwas passieren? Jeder ist mit einem Teil der Show, einer bestimmten Szene, einem Game, einer improvisierten Entscheidung unzufrieden. Mit ernsten Gesichtern gehen sie schließlich aus dem Backstage nach draußen, wo sie vom Publikum unglaubliche Komplimente bekommen: „Ich habe so sehr gelacht, wie seit Monaten nicht mehr.“, „Ihr habt extrem gut zusammengespielt. Und großartige Storys hervorgebracht!“ Die Spieler antworten: „Ach, heute war es eigentlich nicht besonders.“
Zunächst einmal: Auch nach Shows, die eurer Meinung nach nicht gut gelaufen sind: Vergesst nie, weshalb ihr improvisiert – zur Freude des Publikums, zur Freude eurer Mitspieler und zu eurer eigenen Freude! Wenn euch Zuschauer loben, bedankt euch. Niemand hat etwas davon, wenn ihr die Freude der Zuschauer im Nachhinein relativiert.
Die Frage ist: Wie vermeiden wir die beiden Szenarien? Wie verhindern wir, dass sich das Ensemble auseinanderentwickelt? Wie halten wir „die Band“ zusammen? Wie können wir die Show selbst als Antrieb unserer künstlerischen Entwicklung nutzen?
Die Antwort ist: Gebt einander Feedback!
Wenn man sich regelmäßig Feedback gibt, bekommen sowohl die Einzelspieler als auch die gesamte Gruppe die Möglichkeit, sich zu entwickeln. Kleine Gewohnheiten entwickeln sich sonst zu üblen Macken, die schwer abzutrainieren sind. Und die Gruppe leidet dann auf der Bühne und nach der Show.
Das ideale Feedback
Die ideale Situation habt ihr, wenn es einen Trainer bzw. Regisseur gibt (1), der sich während der Show Notizen macht (möglichst in einer der hinteren Reihen, wo ihr nicht jedes Mal seht, wenn er zum Stift greift) und direkt nach der Show Feedbacks gibt. Dabei können folgende Fragen eine Rolle spielen
        Wie hat die Show aufs Publikum gewirkt? Habt ihr die Zuschauer erreicht?
        Hat die Show/das Format als Ganzes funktioniert?
        Was waren schöne Momente des Miteinander?
        Schöne Spielzüge jedes einzelnen Spielers.
        Kritische Anmerkungen.
Das Positive sollte insgesamt für die Gruppe und auch für die einzelnen Spieler überwiegen. Damit meine ich nicht nur, dass es darum geht, eine nette Atmosphäre herzustellen. Sowohl für den Einzelnen als auch für die Gruppe ist es wichtig, das Positive und die Leistungen zu kennen und zu wissen, worauf man aufbauen kann, was gewissermaßen als Fundament dient. Kritik zeigt mir, woran ich arbeiten kann. Wenn wir also hören, dass die einzelnen Szenen gut waren, wir sehr gut aufeinander eingegangen sind und schauspielerisch brilliert haben, dann können wir gleichzeitig mit heiterer Gelassenheit den kritischen Punkt aufnehmen, dass unsere Show durch die zu schnellen Szenenwechsel etwas hektisch wirkte und an diesem Punkt heiter und entschlossen bei der Probe arbeiten.
Der Trainer kann, wenn die Zeit es erlaubt, Raum geben für persönliches Feedback und Fragen der Spieler. Wichtig dabei: Verzettelt euch nicht. Es kann genügen, festzustellen, dass sich Carola in der Eiscafé-Szene von Sven blockiert fühlte. Wir müssen nicht alle unseren Senf dazu geben, ob Sven wirklich blockiert hat oder ob Carola mit dem Blockieren hätte kreativer umgehen können. In der Ideal-Situation bestimmt der Trainer, wie lange die Diskussion geht. Wesentlich länger als 10 Minuten sollte das Nach-Show-Feedback nicht sein, sonst entsteht schnell das Gefühl, die Show wird zerredet.
Etwas ausführlicheres Feedback mit anschließendem Training ist auch bei der nächsten Probe möglich, die idealerweise gleich am nächsten Tag stattfindet (da sind die Eindrücke und Erinnerungen noch einigermaßen frisch).
Dummerweise ist die Ideal-Situation oft nur schöne Fantasie. Viele Gruppen arbeiten ohne Trainer oder Regisseur und funktionieren demokratisch, die nächste Probe ist erst in sechs Wochen, und überhaupt können Sven und Carola, die heute gespielt haben, bei der Probe nicht mitmachen.
Diese Hindernisse sollten euch aber nicht davon abhalten, einander Feedback zu geben.
Wenn ihr ohne Trainerarbeitet, kann es sich lohnen, vor allem in großen Gruppen, festzulegen, wer gerade den Hut aufhat, quasi als Interims-Coach. (2) In solchen Gruppen ist es noch wichtiger, auf positive Atmosphäre zu achten, da meist alle involviert sind und eine negative Gesprächsführung eine fatale Eigendynamik entwickeln kann, die der Sache nicht angemessen ist.
Betont also als erstes, was euch gefallen hat. Lobt vor allem auch diejenigen Mitspieler, die ihr zu kritisieren gedenkt. Betont die Ich-Perspektive. Diese positive Grundhaltung ist nicht nur für die Gruppe, sondern für euch selber auch wichtig. Ein allzu kritischer Blick verzerrt manchmal die Perspektive. Und denk daran: Deine Sicht ist zunächst mal nur deine Sicht. Bleib bescheiden gegenüber der Gruppe, den Mitspieleren, der Kunst.
Also statt „Deine Angebote in der Bahnhofs-Szene waren total wirr und unklar“, lieber: „Ich konnte mit deinem blinden Angebot in der Bahnhofs-Szene nichts anfangen. Es würde mir vielleicht leichter fallen, wenn du manchmal einen gemimten Gegenstand auch benennst.“
Kontraproduktiv und unter der Gürtellinie: „Üb du erst mal Pantomime. Aus deinem ständigen Gehampel wird doch keiner schlau.“
Wenn es also in der Gruppe den Konsens gibt, dass wir einander nicht beschuldigen, dann können wir einen Schritt weiter gehen, hin zu der Grundannahme, dass die Kritik meiner Mitspieler nie als Beschuldigung oder Anfeindung gemeint ist. Wenn dir also ein Feedback zu negativ oder gar verletzend erscheint, bitte deinen Mitspieler einfach, es noch einmal anders zu formulieren.
Jede Gruppe muss ihre eigenen Regeln finden. Um das sensible Gruppengewebe nicht zu belasten, kann man z.B. auch darauf verzichten, überhauptpersönliches Feedback zu geben, sondern es sich zur Regel machen, eher grundsätzlich zu formulieren. „In der Szene an der Tankstelle sind wir nicht richtig zusammengekommen.“
Nehmt persönliches Feedback an, auch wenn ihr vielleicht im konkreten Falle nicht viel damit anfangen könnt. Wenn du meinst, du hast Stephan nicht blockiert, dieser das aber so als Feedback an dich formuliert, dann können ja zwei Wahrheiten durchaus nebeneinander stehenbleiben. Wenn du aber ähnliches Feedback mehrmals und von verschiedenen Seiten hörst, dann könnte es sinnvoll sein, am beschriebenen Verhalten durch Fokus und/oder Training etwas zu verändern.
Seid euch auch in euren Feedbacks darüber im Klaren, dass Improvisation die Möglichkeit des Scheiterns mit sich führt. Auch (und gerade) große Formate können danebengehen, und auch deren Scheitern müssen wir umarmen können.
Seid großzügig. Improtheater zu spielen ist eine komplexe Handlung. Nicht jeder ist immer und auf allen Handlungs-Ebenen zu 100 Prozent auf der Höhe seines Könnens. Habt das gemeinsame Ziel vor Augen (das ihr in der Improvisation sowieso nie ganz erreichen werdet). Wenn klar ist, dass ihr dasselbe wollt, dann ist Scheitern auch leichter zu ertragen, sowohl das eigene als auch das der anderen. Wenn ihr hingegen merkt, dass es tatsächlich unterschiedliche Auffassungen über eure künstlerischen Ziele gibt, dann vertagt diese Diskussion, statt das Show-Feedback damit zu belasten.
Manchmal kann es sinnvoll sein, ein Feedback an die gesamte Gruppe (d.h. inklusive sich selber) zu adressieren, etwa: „Ich habe das Gefühl, dass durch unseren Fokus auf die Storys zur Zeit die Charaktere auf der Bühne etwas flach geraten.“ Haltet mit so etwas nicht hinterm Berg. Aus solchen Gedanken können gute Proben entstehen.
Haltet das Feedback kurz! Man kann sich auf Proben schön verzetteln mit Fragen, wie wer welche Szene gesehen hat. Bleibt knapp und klar. Behaltet die Zeit im Auge.
Feedbacks unmittelbar nach der Show
Wenn es irgendwie möglich ist, dann gebt euch wenigstens ein kleines Feedback unmittelbar nach der Show.
Wichtigste Regel hier: Feedback stets ohne Publikum! Das sollte eigentlich klar sein, aber ab und zu habe ich’s dann doch erlebt, dass sich Spieler dazu verleiten lassen, mit Zuschauern nicht nur Szenen revuepassieren zu lassen, sondern ihre Mitspieler zu kritisieren. Abgesehen vom seltsamen Eindruck, den das hinterlässt, tut es auch dem Vertrauen innerhalb der Gruppe nicht gut. Künstlerisches Feedback braucht einen geschützten Raum.
Unmittelbar nach der Show sollte das Feedback extrem knapp sein. Schließlich wollt ihr ja auch noch mit euren Freunden aus dem Publikum reden, ein Bier an der Bar trinken usw. Wenn ihr nichts Konkretes zu sagen habt, dann belasst es bei „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit euch zu spielen.“
Gebt euch keine Feedbacks in den Pausen. Die Pause in einer Show ist auch für euch zur Erholung und zum Fokussieren auf den zweiten Teil. Eine Kritik hingegen, auch wenn sie emotional abgleitet, bleibt doch im Kopf hängen und kann das Spiel im zweiten Teil stören. Nutzt lieber kleine Warm-Up-Spiele, um für den zweiten Teil in eine gute Stimmung zu kommen. Wenn ihr merkt, dass der erste Teil etwas lahm war, könnt ihr euch in der Pause noch mal einen Energie-Schub geben mit einem physischen Spiel. Oder wenn du persönlich das Gefühl hast, mit einem der Spieler nicht recht zusammengekommen zu sein, dann schlag ihm eine gemeinsame kleine Synchro oder ein „Aus-einem-Mund“ als Warm Up vor.
Wertet niemals vor einer Show die letzte Show aus. Das kann wirklich runterziehen. Schaut vorwärts.
Spezialfall der sehr großen Gruppe
Wenn ihr in einer sehr großen Gruppe arbeitet (ich spreche hier von 12 oder mehr Mitgliedern eines Ensembles), dann könntet ihr vor dem Problem stehen, den künstlerischen Kompass zu verlieren, da die einzelnen Spieler zu verschiedene Bedürfnisse haben. Wichtig bleibt aber, dass ihr beim Feedback eine Sprache sprecht. Also braucht ihr entweder regelmäßige Treffen, in denen ihr euch über den Kurs des Ensembles verständigt oder ihr legt euch auf einen künstlerischen Leiter fest, dessen Funktion sich auch zeitlich beschränken kann (z.B. auf ein Jahr).
Spezialfall des Duos
Der Vorteil eines Duos besteht darin, dass man sich sehr gut kennt, sich schnell aufeinander einspielen kann. Duos haben sich oft schon gefunden, weil zwei Schauspieler gemerkt haben, dass der jeweils andere eine ähnliche Vorstellung vom Umzusetzenden oder Umsetzbaren hat. Oft verstehen zwei Spieler, die lange miteinander improvisieren, einander irgendwann fast blind. Aber genau diese wertvolle Nähe und dieses großartige Einverständnis kann zum Problem werden, wenn das Duo betriebsblind wird.
Auch für Duos sind künstlerische Feedbacks wichtig. Das kann durchaus sparsam betrieben werden. Ein Duo kann viel eher auf das Funktionieren oder Nicht-Funktionieren von gemeinsamen Momenten referieren. Aber dem Duo fehlt ein spezifisches Element, nämlich die kritische Außensicht. Selbst bei einem Trio gibt es, zumindest in Zweierszenen, wenigstens einen Dritten, der ab und zu nicht auf der Bühne steht und das ganze etwas objektiver beurteilen kann. Ich kann Duos nur raten, sich ab und zu Feedback von außen zu holen. Hört auf das, was euch Kollegen sagen, hört auf eure Techniker und eure Musiker. Achtet auf kritische Stimmen aus dem Publikum, gerade wenn sie selten sind.



(1)Ein Trainer oder Regisseur ist weniger involviert als Mitspieler, die sich untereinander Feedback geben und voneinander Feedback bekommen.
(2)Selbst in Gruppen mit Regisseur oder künstlerischem Leiter kann diese Methode sinnvoll sein: Unterschiedliche Feedback-Geber haben unterschiedliche Perspektiven auf Show, Storys, Szenen und Spieler. 
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