Dan Richter

Aktuelles


 

April 2005

 

Wie erlebt ein Schriftsteller-Vorleser-Schauspieler seinen Tag? Wie erleben ihn die Gegenstände, die er berührt? Am 14.April nahm ich mir vor, zu jeder vollen Stunde mich selbst und die Dinge, auf die ich gerade schaue, zu fotografieren. Dabei haben mir folgende Umstände einen Streich gespielt:
- meine Faulheit (hätte mir ja jedes mal den Wecker stellen können)
- mein Gedächtnis (meist war es eine Viertelstunde später, als ich dran gedacht habe)
- meine Digitalkamera, die mich, meine Wohnung und meine Gegenstände grässlich erscheinen lassen. Im dunklen RAW wäre ich mit einer Infrarotkamera besser bedient gewesen.
Trotzdem. Hier ist der Tag in meinem Leben, selbstverständlich ein Donnerstag.

12.04 Uhr. Tippe am zweiten Teil des Krimi-Theaterstücks für die Chaussee der Enthusiasten. Von Zeit zu Zeit ein Blick aus dem Fenster und meinen unbenutzten Schreibtischstuhl. Mein Laptop muss mein blasses Gesicht, meinen offenen Wäscheschrank, meinen unbenutzten Ofen und meine uneinsortierten Bücher anglotzen. Ich hatte es mir fest vorgenommen, schon beim Aufstehen um 9 Uhr mit dem Fotografieren zu beginnen. Doch mein Spiegelbild befahl mir etwas anderes. Dass meine Kamera offenbar mit meinem Spiegel unter einer Decke steckt, hatte ich nicht ahnen können. 

 

13.06 Uhr. Dieselbe Situation wie vor einer Stunde. (Hattest du geglaubt, ein Schriftstellertag sei spannend?) Nur die Augenringe hängen tiefer.

 

14.05 Uhr. Frankfurter Allee/ Ecke Proskauer Straße. Ich komme gerade von der Post, wo ich meine DSL-Hardware abgeholt habe. Die Frankfurter Allee besteht aus Stalinbauten, Springbrunnen, Bogenlampen unterschiedlichfarbigen PKWs, Pollern, Zäunen, dem Frankfurter Tor und der Sicht auf den Fernsehturm. Wenn die Frankfurter Allee genau hinguckt, sieht sie mich, wie ich mit meinem roten Rucksack rumstehe und mich selbst fotografiere. Die Hertz-Schule, deren Discotheken in den Jahren 84-87 meist besser waren als unsere an der Schulze-Boysen un der Planck, heißt jetzt Fühmann.

 

14.59 Uhr. Von meinem Obst-Joghurt-Müsli-Mittag habe ich alles aufgegessen, damit morgen die Sonne scheint. Nur das Obstmesser und die Müslidose verraten etwaigen Indiziensuchern, was hier geschehen ist. Jetzt habe ich mir einen Kaffee aufgebrüht. Das erste, was dieser Kaffee sieht, als er auf die Welt kommt, ist ein Messer, eine Lampe und ein Mann, der ernst guckt. Das war bei mir damals auch so ähnlich. Nur steckte in mir kein Löffel, und an meiner Oberfläche schwammen keine Krümel.

 

16.20 Uhr. Laptoptippen im Wohnzimmer. Mit meinem Text über die Magdeburg-Tour mit der Chaussee der Enthusiasten bin ich so gut wie fertig. Ich sehe den Text, der Text sieht mein verwackeltes Gesicht, meine Kassetten-, CD- und LP-Sammlung.

 

17.00 Uhr. Diesmal minutengenau. So sieht es aus, wenn ich mich ins Internet einwähle (noch ohne DSL). Das Gesicht meiner Freundin, das ich als Hintergrund-Gag auf dem Desktop installiert habe, wird von der Einwahl-Anzeige verdeckt, als sei sie eine Verbrecherin. Ist es denn ein Verbrechen, mit mir liiert zu sein? Das Telefonbuch L-Z und die Gelben Seiten 1999-2000 dienen mir als Bildschirmständer. Einen besseren hatte ich nie. Den Rollschrank kriege ich seit fünf Jahren nicht mehr zu. Auf der unbenutzten Box, die auf dem Piano steht, liegen Gitarrensaiten der Marke "Cobra". Sie sind von minderer Güte. 

 

18.01 Uhr. Packe die Brillenschlangen für die Chaussee der Enthusiasten ein. Die Brillenschlage, unser Zentralorgan, ist vermutlich die unterschätzteste Publikation im deutschsprachigen Raum. Das Coverfoto regt zum Lachen und Nachdenken zugleich an. Es zeigt nämlich Roberts verkleidete Tochter, wie sie das Heft mit sich selbst mit dem Heft in den Händen hält. Zauberei oder Grafiker-Trick? Was ich in dem Atlas nachgeschlagen habe, weiß ich nicht mehr. Er stammt aus einer Zeit, als Deutschland schon und die Sowjetunion nicht mehr vereinigt war und ist trotzdem brauchbar. Die orientalisch anmutende Decke stammt aus dem Iran-Laden in der Kantstraße. Meinem Gesicht kann man entnehmen, dass ich keine Lust mehr auf dieses Foto-Spielchen habe und nur noch mitmache, damit ich mich hinterher nicht ärgere.

 

19.03 Uhr. Letzte Textkorrekturen. Die Füße im Bild gehören mir. Die schwarzen Socken auch. Seit zehn Jahren haben meine Füße keine andere Verhüllung außer schwarzen Socken erfahren. Sie müssen sich fühlen wie saudi-arabische Frauen. Das tut mir leid, aber ich werde meine konservative Politik ihnen gegenüber nicht ändern.

 

20.20 Uhr. RAW-Tempel. Bühne des Ambulatorium. Im Gegensatz zu mir korrigiert Jochen Schmidt seine Texte lieber vor Ort kurz vor dem Auftritt, was ich gut verstehen kann, denn dann sind der Adrenalinspiegel die künstlerische Aufmerksamkeit wesentlich höher. Robert Naumann geht an die Bar, um unseren Getränkekasten auffüllen zu lassen (2 große Flaschen Apfelsaft, 2 große Flaschen sprudelndes Wasser, 5 kleine Afri-Cola, 12 Flaschen Berliner Pilsener).

 

20.58 Uhr. RAW-Tempel am Einlass, zwei Minuten vor Beginn der Show. Stephan Zeisig und Bohni an der Kasse.

 

22.14 Uhr. Jochen Schmidt liest "I'm still Jochi from the block". Ich schaue ihm vom DJ-Pult aus zu.

 

0.04 Uhr. Arabischer Imbiss "Salem Aleikum" in der Revaler Straße. Wie fast jeden Donnerstag bestelle ich mir einen Kafta, den sie hier sehr gut zubereiten. Sie haben auch nichts dagegen, wenn man sein eigenes Bier mitbringt oder mal das Klo benutzen will, das hier ja wesentlich gepflegter ist als das im RAW. Mein Kafta schaut mich fragend an, doch statt Augen sieht er nur die den Schatten eines Killers, der ihn in wenigen Minuten vernichtet haben wird.


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Juli/Aug. 03

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 Dan Richter

 

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