Wie erlebt ein
Schriftsteller-Vorleser-Schauspieler seinen Tag? Wie erleben ihn die
Gegenstände, die er berührt? Am 14.April nahm ich mir vor, zu jeder
vollen Stunde mich selbst und die Dinge, auf die ich gerade schaue, zu
fotografieren. Dabei haben mir folgende Umstände einen Streich
gespielt:
- meine Faulheit (hätte mir ja jedes mal den Wecker stellen können)
- mein Gedächtnis (meist war es eine Viertelstunde später, als ich
dran gedacht habe)
- meine Digitalkamera, die mich, meine Wohnung und meine Gegenstände
grässlich erscheinen lassen. Im dunklen RAW wäre ich mit einer
Infrarotkamera besser bedient gewesen.
Trotzdem. Hier ist der Tag in meinem Leben, selbstverständlich
ein Donnerstag.
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12.04 Uhr. Tippe am zweiten Teil des
Krimi-Theaterstücks für die Chaussee der Enthusiasten. Von
Zeit zu Zeit ein Blick aus dem Fenster und meinen unbenutzten
Schreibtischstuhl. Mein Laptop muss mein blasses Gesicht, meinen
offenen Wäscheschrank, meinen unbenutzten Ofen und meine
uneinsortierten Bücher anglotzen. Ich hatte es mir fest
vorgenommen, schon beim Aufstehen um 9 Uhr mit dem Fotografieren
zu beginnen. Doch mein Spiegelbild befahl mir etwas anderes.
Dass meine Kamera offenbar mit meinem Spiegel unter einer Decke
steckt, hatte ich nicht ahnen können.
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13.06 Uhr. Dieselbe Situation wie vor einer
Stunde. (Hattest du geglaubt, ein Schriftstellertag sei
spannend?) Nur die Augenringe hängen tiefer.
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14.05 Uhr. Frankfurter Allee/ Ecke Proskauer
Straße. Ich komme gerade von der Post, wo ich meine
DSL-Hardware abgeholt habe. Die Frankfurter Allee besteht aus
Stalinbauten, Springbrunnen, Bogenlampen unterschiedlichfarbigen
PKWs, Pollern, Zäunen, dem Frankfurter Tor und der Sicht auf
den Fernsehturm. Wenn die Frankfurter Allee genau hinguckt,
sieht sie mich, wie ich mit meinem roten Rucksack rumstehe und
mich selbst fotografiere. Die Hertz-Schule, deren Discotheken in
den Jahren 84-87 meist besser waren als unsere an der
Schulze-Boysen un der Planck, heißt jetzt
Fühmann.
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14.59 Uhr. Von meinem Obst-Joghurt-Müsli-Mittag
habe ich alles aufgegessen, damit morgen die Sonne scheint. Nur
das Obstmesser und die Müslidose verraten etwaigen
Indiziensuchern, was hier geschehen ist. Jetzt habe ich mir
einen Kaffee aufgebrüht. Das erste, was dieser Kaffee sieht,
als er auf die Welt kommt, ist ein Messer, eine Lampe und ein
Mann, der ernst guckt. Das war bei mir damals auch so ähnlich.
Nur steckte in mir kein Löffel, und an meiner Oberfläche
schwammen keine Krümel.
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16.20 Uhr. Laptoptippen im Wohnzimmer. Mit
meinem Text über die Magdeburg-Tour mit der Chaussee der
Enthusiasten bin ich so gut wie fertig. Ich sehe den Text, der
Text sieht mein verwackeltes Gesicht, meine Kassetten-, CD- und
LP-Sammlung.
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17.00 Uhr. Diesmal minutengenau. So sieht es
aus, wenn ich mich ins Internet einwähle (noch ohne DSL). Das
Gesicht meiner Freundin, das ich als Hintergrund-Gag auf dem
Desktop installiert habe, wird von der Einwahl-Anzeige verdeckt,
als sei sie eine Verbrecherin. Ist es denn ein Verbrechen, mit
mir liiert zu sein? Das Telefonbuch L-Z und die Gelben Seiten
1999-2000 dienen mir als Bildschirmständer. Einen besseren
hatte ich nie. Den Rollschrank kriege ich seit fünf Jahren
nicht mehr zu. Auf der unbenutzten Box, die auf dem Piano steht,
liegen Gitarrensaiten der Marke "Cobra". Sie sind von
minderer Güte.
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18.01 Uhr. Packe die Brillenschlangen für die
Chaussee der Enthusiasten ein. Die Brillenschlage, unser
Zentralorgan, ist vermutlich die unterschätzteste Publikation im
deutschsprachigen Raum. Das Coverfoto regt zum Lachen und
Nachdenken zugleich an. Es zeigt nämlich Roberts verkleidete
Tochter, wie sie das Heft mit sich selbst mit dem Heft in den Händen
hält. Zauberei oder Grafiker-Trick? Was ich in dem Atlas
nachgeschlagen habe, weiß ich nicht mehr. Er stammt aus einer
Zeit, als Deutschland schon und die Sowjetunion nicht mehr
vereinigt war und ist trotzdem brauchbar. Die orientalisch
anmutende Decke stammt aus dem Iran-Laden in der Kantstraße.
Meinem Gesicht kann man entnehmen, dass ich keine Lust mehr auf
dieses Foto-Spielchen habe und nur noch mitmache, damit ich mich
hinterher nicht ärgere.
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19.03 Uhr. Letzte Textkorrekturen. Die Füße im
Bild gehören mir. Die schwarzen Socken auch. Seit zehn Jahren
haben meine Füße keine andere Verhüllung außer schwarzen
Socken erfahren. Sie müssen sich fühlen wie saudi-arabische
Frauen. Das tut mir leid, aber ich werde meine konservative
Politik ihnen gegenüber nicht ändern.
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20.20 Uhr. RAW-Tempel. Bühne des Ambulatorium.
Im Gegensatz zu mir korrigiert Jochen Schmidt seine Texte lieber
vor Ort kurz vor dem Auftritt, was ich gut verstehen kann, denn
dann sind der Adrenalinspiegel die künstlerische Aufmerksamkeit
wesentlich höher. Robert Naumann geht an die Bar, um unseren
Getränkekasten auffüllen zu lassen (2 große Flaschen
Apfelsaft, 2 große Flaschen sprudelndes Wasser, 5 kleine
Afri-Cola, 12 Flaschen Berliner Pilsener).
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20.58 Uhr. RAW-Tempel am Einlass, zwei Minuten
vor Beginn der Show. Stephan Zeisig und Bohni an der Kasse.
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22.14 Uhr. Jochen Schmidt liest "I'm still
Jochi from the block". Ich schaue ihm vom DJ-Pult aus zu.
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0.04 Uhr. Arabischer Imbiss "Salem Aleikum"
in der Revaler Straße. Wie fast jeden Donnerstag bestelle ich
mir einen Kafta, den sie hier sehr gut zubereiten. Sie haben
auch nichts dagegen, wenn man sein eigenes Bier mitbringt oder
mal das Klo benutzen will, das hier ja wesentlich gepflegter ist
als das im RAW. Mein Kafta schaut mich fragend an, doch statt
Augen sieht er nur die den Schatten eines Killers, der ihn in
wenigen Minuten vernichtet haben wird. |
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