Dan Richter

Aktuelles

 


Mai/Juni 2005


Neu: Impro-Tagebuch

Juni 05


26.6.05

"Wenn Sie mir drei Minuten Ihrer kostbaren Zeit schenken würden..."

In den letzten Wochen nahmen die ungewünschten Werbeaufrufe dermaßen zu, dass ich beinahe Stress-Pickel davon bekam. Ich nahm mir vor, nach der Strategie des vietnamesischen Zen-Meisters Thich Nhath Hanh die Anrufe als Spiel aufzufassen und die Gespräche so zu drehen, dass für mich auch ein Stück Lebensfreude dabei entstehe und auch vielleicht auch die Anrufer sich über ihr böses Tun im klaren werde und fürderhin davon ablassen.
Eine simple Variante, die mein Kollege Tube vorgeschlagen hat, funktioniert so: Man sagt dem Anrufer, er möge kurz warten, man habe kurz in der Küche zu tun. So verschafft man den Mitarbeitern des Call-Centers auch eine außertarifliche Quasselpause. Allerdings hält sich der persönliche Entertainment-Output in Grenzen.
Hier ein Beispiel, wie es mir gelang, durch das Wechseln zwischen zwei Charakteren den Kommunikations-Ball 15 Minuten lang in der Luft zu halten:
mp3 Das Smile-and-Win-Gewinnspiel (3 MB)
Ich bin mir übrigens gar nicht sicher, ob es die Firma tatsächlich gibt. Vielleicht ist das Ganze lediglich ein Kommunikationstraining für Call-Center-Azubis. Auf keinen Fall glaube ich, dass die beiden "Herr Armin" und "Frau Irina Wallbert" heißen. Der türkische Akzent ist doch unüberhörbar.

 

7.6.05

Yorck 59 blieb
oder
Habt doch keine Angst vor der Atomenergie

Ladoga ist belagert. Es sieht nicht gut aus für die Ladogaer. Bin noch nicht müde genug, um ins Bett zu gehen, und vertreibe mir die Zeit mit dem Computer-Mittelalter-Spiel „Patrizier 2“. Als Bürgermeister von Rostock soll ich im Jahre 1344 dafür sorgen, dass die Ladogaer Miliz genügend Bier und Pech bekommt, damit sie sich angemessen gegen die Belagerer verteidigen können. Bier steigert den Mut der Milizen, Pech kann man den Angreifern auf den Kopf gießen. Frage mich, ob die Spielprogrammierer beim Programmieren daran gedacht haben, dass 600 Jahre später an derselben Stelle eine Stadt namens Leningrad von deutschen Truppen fast ausgehungert worden wäre. Als Rostocker Bürgermeister kann ich mir die Rettungsaktion wahrscheinlich auch sparen. Die Angreifer rammen mit einer Holzwumme gegen das Stadttor und verteidigen sich mit riesigen Holzschilden gegen das Pech.


Die anfängliche Zimperlichkeit der Ladogaer und der Belagerer
wurde erfolgreich mit Bier und Pech bekämpft.


Das Telefon klingelt. Steffi ruft aus München an, sie ist nervös: „Kannst du in meine WG fahren? Morgen soll doch die Yorckstraße 59 geräumt werden und da wollen zwei Besetzer von unserer WG aus Zeugen-Fotos machen, falls die Polizei prügelt?“
Steffi wohnt im Nachbarhaus, perspektivisch günstig im oberen Stock.
„Und was soll ich da in deiner Wohnung?“
„Na, ich weiß doch nicht, was das für Typen sind?“
„Und deine Mitbewohner?“
„Die müssen am Mittag weg.“
„Und warum kann ich da nicht morgen Mittag hin?“
„Da haben die Bullen dann schon sicher alles abgesperrt.“
„Und wenn sie jetzt schon alles abgesperrt haben?“
„Dan! Bitte!“
Oha! Steffi wirft den Not-Anker. „Ja, ich fahre los. Mit den Ladogaern wird das ja sowieso nichts mehr.“
„Womit?“
„Ach, schon gut. Tschüss.“
„Tschüss.“
Fahre den Computer runter. Wie spät ist es denn? Oh, schon kurz vor Eins. Und was, wenn doch schon alles abgesperrt ist? Dann sollte ich seriös bekleidet sein, damit man mich durchlässt. Kapuzenshirt geht gar nicht. Ziehe mein Jackett an und binde mir einen Schlips um. Blick in den Spiegel. Es sieht extrem Scheiße aus: Schwarze Jeans, hellbraunes Jackett, blaues Hemd, knallbunte Krawatte, Nike-Turnschuhe. Wie ein erfolgloser Schriftsteller, ist meine erste Assoziation, mit der ich gar nicht so falsch liege.


Portrait of the artist as an beschlipster author, extremely shitty looking 

Die U-Bahnen fahren nicht mehr. Na gut, ein Taxi. Wenn das die Besetzer wüssten! Zwölf Euro! Ob ich die wiederkriege, wenn die Revolutionsdividende ausgeschüttet wird? Vor der Nummer 59 wird der Eingang blockiert. Mir fällt auf, wie lange ich nicht mehr auf einer linken Demo war. Sehe ein paar Gesichter, die schon vor 15 Jahren auf keiner Demo fehlten. Der Energiebällchenverkäufer, dessen unreine Haut nicht unbedingt die beste Reklame für sein Produkt war, die Spartakisten, und einige, denen man schon jetzt ansah, dass sich ihre harten Gesichter von heute eines Tages gegen ihresgleichen richten würde. Aber auch durchaus nette Menschen, die sich aus purer Solidarität mit einem fremden Projekt die Nacht um die Ohren schlagen.
Um zwei liege ich im Bett. Drei Stunden später hämmert jemand gegen meine Tür. Es sind die fotografierenden Besetzer, ein älterer Spanier und ein junger Revolutionär. Hatte ich im Halbschlaf „Herein“ gesagt? Ich weiß es nicht, jedenfalls stehen sie schon am Fenster und knipsen fleißig. Es geht lohos. Die Sprache hat sich anscheinend auch kaum gewandelt, von „Barris“ ist die Rede, mit denen die Bullen noch zu kämpfen hätten. Im zweiten Stock haben sich ein paar Bewohner und Abenteurer, im Pressejargon auch „Sympathisanten“ genannt, verschanzt. Ich selber verschanze mich im Bett, das direkt neben dem Fenster steht. Ahnen die beiden, dass ich nackt bin? Ahnt es der SEK-Beamte, der vom Dach aus zu uns ins Fenster guckt und ruft, dass es geschlossen bleiben soll. Bin ihm dankbar, dass er mir diese Aufforderung abnimmt.


Die SEK-Beamten schienen genau so wenig Freude an der Räumung zu haben wie die Bewohner. Ob das anders gewesen wäre, wenn sie gewusst hätten, dass ich nackt war?


Frage den Spanier, warum sich da überhaupt noch Leute im Haus aufhalten. Er meint, dass man auf diese Weise ja vielleicht doch noch eine Einigung mit dem Hausbesitzer erreichen könne. Glaubt er, was er sagt?
Durchs geschlossene Fenster lässt sich nur schwer fotografieren, weil Steffi ihre Scheiben mit roten Gummi-Flecken und lustigen Elchen dekoriert hat. Egal, die müssen mit rauf auf die Beweisfotos. Die Polizei hat sich durch die Barrikaden bis auf den Hof gekämpft und wird aus einem Fenster mit Farbeiern beworfen. Immerhin keine Molotowcocktails wie damals in der Mainzer Straße und auch kein siedendes Pech wie in Ladoga. Trotzdem rammen die Belagerer eine Wumme gegen das Tor und verteidigen sich mit riesigen Holzschilden gegen die Farbeier. Ob die Yorckies wenigsten Bier hatten, um ihren Mut zu steigern?


Die Farbeier verliehen den Schilden einen hippiesken Touch, was die anscheinend weder die Einbrecher noch die Besetzer wirklich zu würdigen wussten.


9 Uhr. Bin aufgestanden, habe Kaffee getrunken, Zeitung gelesen. Im Hinterhaus hat sich die Polizei bis zu den Besetzern vorgearbeitet. Die ersten werden rausgeholt.

Download: Räumungs-Video im AVI-Format (5,5 MB)

Je nachdem, wie groß ihre Gegenwehr ist, führen sie die Besetzer behutsam, energisch oder handfest aus dem Haus. Einer schreit und wehrt sich, als wollten sie ihn auf einer Galeere versklaven . Er krallt sich fest an allem, was in Reichweite ist. Siehe da, es gibt ihn tatsächlich, den Polizeigriff. Genau so, wie wir ihn uns damals gegenseitig im Kindergarten beigebracht haben. Für den Revolutionär Grund genug, das Infotelefon anzurufen. Er freut sich, dass die Nachbarn solidarisch genug sind, die Bullen mit Böllern zu bewerfen. Dann macht die Polizei eine Pause. Die Besetzer haben genug Fotos. Sie lassen sich von mir eine Foto-CD auf Steffis Computer brennen und verschwinden.
Verlasse das Haus, die Polizei hat das ganze Gebiet abgesperrt. Genieße noch die seltene Situation mich diesseits der Bullenabsperrungen aufhalten zu dürfen. Ein kleines Grüppchen, das es in die Nähe der Polizeiwannen geschafft hat, skandiert jedes Mal, wenn sie einen aus dem Haus tragen: „Eins, zwei, drei! Lasst die Leute frei!“

Download: "Eins-zwei-drei" Video im AVI-Format (4,5 MB)

Ich hatte noch nie viel für Demo-Lyrik übrig. Immerhin scheint sie heute wirksam zu sein: Keiner der Besetzer wird in Haft genommen. Eine junge Dame scheint zu glauben, man würde sie gleich hinrichten. Sie schlägt um sich und wird an Händen und Füßen rausgetragen. Dabei versucht sie, „Redemption Songs“ von Bob Marley zu singen. Es ist eher ein Grölen. Das Ganze erscheint äußerst unwürdig: Ihre Pose wirkt kalkuliert und gleichzeitig hilflos und ungekonnt: Ihre sich überschlagende Stimme, die falsche Intonation, die Selbststilisierung, die Auswahl des Liedes. „Have no fear of atomic energy”. Was will uns die Sängerin damit nur sagen? Sind die Hausbesetzer jetzt unter die Atomkraftbefürworter gegangen? Sind nicht überhaupt all die Legenden über die aufrecht vor dem Hinrichtungskommando die Internationale singenden Revolutionäre von mitfühlenden Genossen erfunden wurden? In Wahrheit müssen sich die tatsächlich mit dem Tode bedrohten doch vor Angst in die Hose gemacht haben.
Erinnere mich noch mal an die Räumung der Mainzer Straße, als Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet gerade mal einen Monat nach dem Anschluss der DDR die Frankfurter Allee drei Tage lang zur Kampfarena machten, als Steine mit Knüppeln beantwortet wurden und Tränengas mit Molotowcocktails. Heute wirkt die ganze Sache wie ein schwacher Aufguss der alten Räumungen, und ich denke, zum Glück. Am Abend Bilder der Räumung im Internet bei Indymedia. Die meisten sind mit Steffis hübschen roten Flecken dekoriert.

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15.05.05
Ein enttäuschender Besuch im Kino in der Kulturbrauerei ("Ich herz Huckabees"), taugt immerhin noch dazu, mir vorzustellen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts Filmstar gewesen wäre. Das Zeug dazu hätte ich gehabt.
















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