Poetry Slam in den USA

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Teil IV
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Teil VI

III. Exkurs

"Rerarurore?"

Obwohl ich nun schon seit über einer Woche in den USA Urlaub machte, fiel es mir doch immer wieder schwer, die Aussprache einiger Amis zu verstehen. Bei Michael, dem Erfinder des Poetry Slams, war das anders. Er hatte mich dazu verführt, in Amerika Geschichten vorzulesen. Auf Englisch! Der Sprache der Dichter und Denker des 20. Jahrhunderts. Nach der Lesung in Boston fragte er mich, ob er mich mal eben ins 2000 km entfernte Chicago chauffieren solle. "Wie? Du willst mich einfach da hin fahren? Ich mein, ich hab keinen Führerschein. Wir können uns nicht abwechseln."

"Das hab ich mir schon gedacht."

"Wieso hast du dir das gedacht?"

"Ich hatte schon mal einen Gast aus dem Ausland, aus Korea, und der hatte auch keinen Führerschein."

"Ah ja."

Michael verstand ich zwar akustisch, aber seine Gedankengänge waren doch manchmal schwer nachvollziehbar.

"Willst du lieber über Ohio fahren oder bist du scharf darauf, die Niagarafälle zu sehen?"

Obwohl Geographie zu meinen geheimen Stärken gehört, vermute ich, obwohl ich es besser weiß, die Niagarafälle zunächst meist in Brasilien. Woher dieser Reflex kommt, weiß ich nicht. Bei mir gehört das zusammen – Niagara und Brasilien. Ich zögerte also bei Michaels Frage. "Die Niagarafälle...?"

"OK, dann lassen wir’s. Scharf scheinst du ja nicht drauf zu sein."

Langsam tickerte es – Niagara, das war wohl doch Kanada. Trotzdem war ich mir immer noch nicht sicher. Wenn der Abstecher zu den Niagarafällen einen Umweg von weiteren 1000 Kilometern bedeutete, hätte mir tatsächlich nicht soviel daran gelegen. Und für Michael waren ja offenbar ein paar 100 Meilen mehr oder weniger völlig unmaßgeblich. In der Hinsicht sind die Amis die reinsten Russen. Ich holte die Karte heraus. Siehe da – der kürzeste Weg von Boston nach Chicago führte direktemang durch die Niagarafälle.

"Michael?"

"Ja?"

"Ich bin scharf drauf."

"OK, also durch Kanada."

"Gut."

"Dann werde ich noch schnell die Immigrationsbehörde anrufen, ob es da ein Problem wegen dir geben könnte?"

"Wegen mir?"

Michael war 1968 in die amerikanischen Studentenproteste verwickelt und wusste, was es bedeutet, Trubel mit der Polizei zu haben. Einige seiner Freunde waren erst 2001 aus dem Gefängnis entlassen worden für Dinge, die sie 1968 nicht getan hatten. Wie auch immer – wenn die Bullen mit irgendjemandem Probleme haben sollten, dann doch nicht mit einem braven Deutschen, sondern eher mit dem langhaarigen Alt-Hippie.

"Ja, wegen dir", antwortete Michael. "Es ist nicht persönlich, aber weißt du – nine/eleven."

Die Worte "Nine/Eleven" benutzen die Amis nie im ganzen Satz. Sie deuten nur etwas an damit. "Nine/eleven, you know..." – "Yeah."

Die Immigrationsbehörde gab uns grünes Licht, und die Niagarafälle hab ich noch am Abend desselben Tages bewundert. Neben mir stand ein Sachsenpärchen und sagte: "Subor!"


An den Niagarafällen bekamen Michael und ich eine lila Hautfarbe – eine alte kanadische Tradition

Am nächsten Tag gaben wir dem amerikanischen Immigration-Officer unsere Pässe. Im Hintergrund sah ich schon die Silhouette von Detroit. Der Officer lugte in unser Auto und fragte mich: "Rerarurore?"

"What?"

"Rerarurore?"

Michael half mir: "He’s asking you where are you going?"

"Chicago."

"And then?"

"New Orleans."

"When?"

"I don’t know."

Wir wurden gebeten, das Auto zu parken und im Immigrationsbüro Platz zu nehmen.

Ich beschwor mich selbst: "Was immer geschieht, wie lächerlich die Situation auch sein mag – mach keine Witze. Vermeide, an die Worte Bombe und Drogen auch nur zu denken. Sprich nicht von Flugzeugen, selbst, wenn du von deinem Rückflug sprechen muss. Denke daran – amerikanische Polizisten sind in Sicherheitsfragen humorlose Roboter.

"Wo fahren Sie hin?", fragte mich die junge Frau.

"Chicago."

"Was machen Sie da?"

"Poetry."

"Und dann?"

"Wahrscheinlich New Orleans."

"Was machen Sie da?"

"Poetry."

"Ist das nicht ein bisschen viel Poetry?"

"Was?"

"Schon gut."

"Haben Sie ein Rückflugticket?"

"Ja, hier."

"Wohin fahren Sie?"

"Nach Chicago."

"Und dann?"

"Wahrscheinlich New Orleans."

"Wann?"

"Ich weiß noch nicht. Das hängt von der Poetry in Chicago ab."

"Die meisten Leute wissen, wann Sie wohin wollen."

"Ich bin leider auf einer künstlerischen Durchreise, und kann das deshalb nicht so genau sagen."

Die junge Frau verschwand, und kurz darauf rief mich der jüngere Bruder von Mike Tyson zu sich: "Hören Sie! Sie beantworten jetzt die Fragen dieser Frau, oder wir schicken Sie zurück nach Kanada."

"Ja, Sir."

Die junge Frau kam zurück.

"Wohin fahren Sie?"

"Nach Chicago."

"Und dann?"

"Wahrscheinlich New Orleans."

"Wann?"

"Ich weiß noch nicht."

"Wieviel Geld führen Sie mit sich?"

Zum Glück fiel mir rechtzeitig ein, dass hier überall Schilder hingen, auf denen stand, dass man sich eines Vergehens schuldig mache, wenn man mehr als 10.000 Dollar ins Land der unbegrenzten Kreditkarten einführte. Endlich ein Pluspunkt für mich: "Ich zückte mein Portemonnaie: "Hier, das ist alles. Höchstens 250 Dollar."

"Wovon wollen Sie dann Ihren Lebensunterhalt bestreiten."

"Ich hab doch eine EC-Karte."

"Wie kommen Sie von Chicago nach New Orleans?"

"Mit dem Bus oder mit der Bahn. Mal sehen."

"Meine Herren, bitte steigen Sie wieder in Ihr Auto."

Bevor wir einstiegen, gab sie mir ein Formular. "Ihnen wurde die Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika verweigert. Legen Sie bei einem etwaigen weiteren Einreiseversuch folgende Dokumente vor:

  • ein gültiges Rückflugticket
  • ein Busticket von Chicago nach New Orleans
  • ein Busticket von New Orleans nach New York
  • einen detaillierten Reiseplan mit Angabe sämtlicher Adressen, Telefonnummern usw., unter denen sie während Ihres Aufenthalts zu erreichen sind.
  • ausreichend Bargeld.

Michael zitterte vor Wut. Der Chef der örtlichen Greyhound-Bus-Filiale, der mir eine Bestätigung schrieb, dass es in Kanada keine Tickets für inneramerikanische Routen zu kaufen gab, die nette kanadische Bankangestellte, die mir, als ich meinen Dispokredit plünderte, bedauernd erklärte, warum die Geldautomatengebühren in Kanada so hoch seien, und schließlich die nette Grenzbeamtin an dem anderen Übergang, die sich über ihre tölpelhaften Kollegen von 750 Meter weiter amüsierte, sie alle erklärten mir, in einem Halbsatz: "nine/eleven, you know, it’s ... I think, you know..." Aber keiner von diesen Leuten sagte so etwas missverständliches wie "Rerarurore?"


Dass Michael einen Chrysler Cabrio fuhr, war sehr praktisch. Da brauchten wir bei dem Regen das Dach nicht extra zu öffnen. Die Sonne fing genau in dem Moment zu scheinen an, als er später in Chicago allein weiter fuhr.

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 Dan Richter