Poetry Slam in den USA

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IV. Chicago – The Green Mill

Am 15. Juni 2003 schleiche ich mich in die legendäre Green Mill, der Spielstätte des originalen Poetry Slam. Hier würde ich wohl auch den Vater des Poetry Slam, Marc Smith, sehen und erleben dürfen, von dem man überall schwärmend munkelt. Seine Geschichte, aus dem Bauarbeiterjob ausgestiegen und dann zuschreiben begonnen, erinnert mich natürlich an die von Andreas Gläser. Aber was für ein Typ mag das sein? Ich stelle mir einen weißhaarigen Patriarchen vor, eine würdevoll schreitende lebende Legende, einen Selfmade-Lyriker, der vor 15 Jahren ein paar Glückstreffer gelandet hat.

Aber ich bin ja nicht wegen ihm hier, sondern um das Chicagoer Publikum mit meinen Texten zu testen. Dass man als Vortragender auch noch Eintritt bezahlen muss, hatte ich für eine New Yorker Marotte gehalten, aber hier scheint das genauso zu sein. Fünf Dollar, und die Teilnehmenden haben, falls sie am Slam (nicht am Open Mike) lesen, die Chance zehn Dollar zu gewinnen.

"Grüße Marc von mir", hatte Michael Brown beim Abschied gesagt. Vielleicht hülfe das ja, um den Eintritt zu sparen. Ich sage zum Einlasser: "My name is Dan Richter. I’m from Germany. Michael Brown from Boston sent me here to say hello to Marc." Das ist etwas dick aufgetragen. Aber der Einlasser fragt mich, ob ich Performer bin, zeigt mir dann, wo Marc steht, und vergisst auch nicht, mir die fünf Dollar Eintrittsgeld abzuluchsen. Wäre ja noch schöner.

Ich gehe in die dunkle Ecke, in die der Einlasser gedeutet hat, und frage einen Typen, der mit der Barkeeperin flirtet: "Können Sie mir sagen, wo ich Marc Smith finde?"
"Das bin ich."
Ich bin erstaunt. Ein Bursche, Ende Vierzig, aber so frisch; der Humor springt ihm aus den Augen. "Ach, du bist der Typ aus Berlin, von dem Michael geschrieben hat. Hast du ein paar Texte mit? Das ist ja großartig! Dann trittst du zwischen dem Open Mike und dem Featured Poet als Special auf, OK?"

Als die Show anfängt, beginne ich langsam zu kapieren, was diese ganzen Poetry Slam Rituale alle sollen. Z.B. ist es fast überall üblich, dass die Moderatoren (MCs) die Zuschauer dazu auffordern, die Jury auszubuhen, wenn ihnen die Bewertung eines Gedichtes nicht gefallen haben sollte. Für gewöhnlich eine ungeheure Anstrengung, besonders in Deutschland, wo dem Literaturpublikum ohnehin nicht allzu viel an Mitmachspielchen liegt. Hier im Green Mill muss das aus der Situation entstanden sein. Es wirkt ganz und gar nicht albern, sondern spontan. Das Ganze entsteht in einer so heiteren Atmosphäre, dass selbst das Buhen und Zischen freundlich erscheint.
Ein weiterer Gag: Jedes Mal wenn Marc sich vorstellt: "My name is Marc Smith." kriegt er vom Publikum als prompte Antwort: "So what!" zu hören.


Ich habe an diesem Abend weder Ton- noch Bildaufnahmen gemacht. Aber hier findet sich eine Ansage von Marc Smith, die seinen Charme und die Stimmung des Chicago Slams ziemlich gut einfängt.

Die Qualität der Texte ist erstaunlich gut, das Publikum freundlich. Aus einer Laune heraus wird der Siegerpreis des heutigen Abends auf sagenhafte 11 Dollar erhöht.

Als Marc mich ankündigt, fordert er mich auf, doch wenigstens ein Gedicht auf Deutsch zu lesen, es müsse ja nicht etwas mit "Mein Fuhrer" sein.
Ich blättere in meinem Notizbuch, wo ich noch ein kleines Gedicht finde. Erst als ich es ankündige und das Publikum daraufhin lacht, bemerke ich die Assonanz von
"Mein Kühlschrank" und "Mein Führer".
Lese noch mal
They are alive und Firm. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen. Irgendwie scheinen sie so viel Humor einem Deutschen nicht zuzutrauen. Mehr als 15 Leute schütteln mir hinterher die Hände und bedanken sich. In Berlin kaum denkbar.

Marc empfiehlt mir die Funky Buddha Lounge, wo es am nächsten Tag ein Open Mike gäbe. Als ich ihm sage, dass ich unter anderem auch in Chicago bin, um mich hier über die Improtheaterszene zu informieren, ist er völlig von den Socken und läd mich für den 17. Juni zu einem Impro-Workshop im Noble Fool Theater ein.

Legende hin oder her – bis heute bleibt der Poetry Slam im Chicagoer Green Mill der beste, den ich je gesehen habe.

Im Übrigen bin ich ein schlechter Reisender. Die Reiseführer lese ich immer ein paar Tage später. Dass das Green Mill ein wirklich berühmter Ort ist, habe ich auch erst erfahren als ich wieder in Berlin war.

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Dan Richter