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Es
muss Anfang 1991 gewesen sein, als ich sie zum ersten Mal sah und
meinen Mund vor Staunen nicht mehr schließen konnte: Eine Gruppe von
sieben Leuten – alle Wessis, alle Männer, setzen sich jeden
Sonntag(!) Mittag (!) in ein Café und erzählen sich, was sie in der
letzten Zeit so erlebt haben oder was sie von den neusten Kapriolen
der
Berliner Politik halten. Sie trugen Schlabberpullis und merkwürdige
Namen, wie Bov Bjerg oder Hinark Husen. Zwischen den Texten, die sie
nicht frei vortrugen, sondern aus Mappen ablasen (!), gab ein
dicklicher Typ in Anzug und mit Fliege abstruse linksradikale Kommentare ab. Es
wurde kein Eintritt verlangt, sondern um eine Spende gebeten. Und das
Verrückteste: Es funktionierte – das Café Paz in der damals noch
ziemlich heruntergekommenen Rosenthaler Straße war rammelvoll.
Inzwischen sind sie in die Kalkscheune umgezogen, Bov Bjerg ist aus-
und Sarah Schmidt eingestiegen. Aber
Dr. Seltsams
Frühschoppen tagt
immer noch sonntags 13.00 Uhr.
(Nachtrag 2005: Der Frühschoppen trennte sich im Januar '05 von Dr.
Seltsam und tritt nun im Schlot auf.)
1996 hieß es dann
beim Frühschoppen, dass
Bov Bjerg
und Hans Duschke aus Gründen, die es zu verheimlichen gilt,
ausgestiegen sind und eine eigene Leseveranstaltung namens Reformbühne
Heim und Welt aufgemacht haben. Ich fand das sehr schade, denn gerade
diese zwei hatte ich sehr ins Herz geschlossen, vor allem auch wegen
ihrer abwechselnden Kolumnen im
scheinschlag. Aber dass diese beiden alleine den Charme der
Frühschoppenveranstaltung erreichen könnten, bezweifelte ich doch.
Anfang 1997 empfahl mir meine Ex-Freundin die Reformbühne, doch wer
gibt schon was auf Empfehlungen von Ex-Freundinnen. Vor allem von einem
schwärmte sie, den sie immer "Ahne" nannte, was ich auf ihren
spanischen Akzent schob. Es dauerte dann ein knappes Jahr, bis es mich
zufällig in den Schokoladen verschlug. Ahne hatte die vielleicht 80
Zuschauer im Griff mit seinen Monstergeschichten, und einer, den alle
"Stein" nannten, beschwor die Menge mit einem "Gebet gegen die Arbeit".
Dann gab es da noch Falko, mit dem ich mal 1989 einen Englischkurs an
der Volkshochschule gemacht hatte und den ich von dort nur als
Mr. Hennig kannte. Auch von ihm hatte ich schon einiges im
scheinschlag
gelesen
– eine Reihe über Berliner Ereignisse von vor 100 Jahren. Ganz verliebt
schien er gewesen zu sein in den Skandal um Freiherr von Kotze.
Merkwürdig war auch der Abend, als zwei kauzige Russen zu Gast waren –
Ilja Kitup und
Wladimir Kaminer.
Beide bekamen damals nur Höflichkeitsapplaus. Letzterer hat inzwischen
mehrere Bücher geschrieben, und von jedem Hunderte Exemplare verkauft.
Und 1999 stieß noch ein alter Bekannter dazu – Jakob Hein, der mir 1986
zu meinem 18. Geburtstag eine Superman-Serviette aus Papier geschenkt
hatte.
In den nächsten Jahren ging ich fast jeden Sonntag in die
Reformbühne Heim und
Welt.
Mittlerweile ist auch die umgezogen – ins
Kaffee Burger
und würfelt ihr Team einmal pro Jahr durcheinander.
1999 fing Ahne an,
bei der Reformbühne
Reklame für die Veranstaltung "Surfpoeten" im Bergwerk zu machen. Und
wieder war ich völlig überrascht: Die Surfpoeten machten aus ihrer
Lese-Show einfach eine große Party. Zwischen den Texten legte
"Ltn. Surf" Platten auf – Surfmusik. Und Ahne wurde nicht müde zu
betonen, dass dies "eine Tanzveranstaltung" sei. Ein stämmiger Sachse
namens Gunar las Texte, in denen früher oder später jeder als
"Oarschgeige" diffamiert wurde.
Tube, der auf den ersten Blick so
wirkte, als hätten sie ihn beim Casting für Adams Family
nicht genommen, weil er ihnen zu krass war, setzte mit seiner Logik den
gesunden Menschenverstand schachmatt. Und dann gab es da noch Sascha
Rasovic, der gar keine Texte schrieb, sondern als Chinese, Pole, Ami
oder Türke den Hörspielen von Robert Weber eine Art Sinn verlieh.
Schließlich gab es bei den Surfpoeten als "libertäre Veranstaltung",
ein Offenes Mikrofon. Aus Daffke schrieb ich dann im Mai 1999 ein
Spottgedicht, das sogar ganz gut ankam, später dann auch einen
Prosatext.
Ahne fragte mich: "Schreibst du sonst noch mehr Geschichten?" Ich
musste "Nein" antworten, fing aber noch in derselben Woche an.
Meinen bisher größten Bühnenreinfall erlebte ich ebenfalls bei den
Surfpoeten, was mir so peinlich war, dass ich nie wieder etwas
öffentlich vortragen wollte. Aber dann sagte Ahne kurz darauf zu mir:
"Das war zwar blödes Kabarett, was du da gemacht hast, aber kommst du
nächste Woche trotzdem wieder?"
Wie jede anständige Bühne sind auch die
Surfpoeten
inzwischen umgezogen. Seit 2001 feiern sie jeden Mittwochabend im Mudd
Club in der Großen Hamburger Straße 17. (Man findet den Eingang nur,
wenn man weiß, wo er ist.)
Dann sah ich
Volker Strübing
als Gastleser in der Reformbühne. Er sang "Straße ins Glück". Bis dahin
hatte ich auf Lesebühnen nur die kabarettistischen Spottlieder der
"Frühschopp-Boys", die genialen a-capella Cover-Versionen von Ahne und
die Reibeisen-Lyrik von Manfred Maurenbrecher gehört. Volker Strübing
aber war ein echter Popstar, nur mit dem Unterschied, dass er keinen
Plattenvertrag hatte, nicht mal mit einem Indie-Label.
Volker war einer der Gründer der Lesebühne
LSD – Liebe Statt Drogen.
Die vielleicht rauste aber herzlichste Lesebühne. Viel konnte man dort
von Morden (Klaus Schwarz), Oarschgeigen (Gunar Klemm) und
Körperflüssigkeiten (Michael Ebeling) erfahren. Doch die Truppe wurde
von einem jungen, spritzigen Publikum geradezu vergöttert. Klaus
Schwarz verschwand, kurz nachdem ich ihn das erste Mal gesehen habe.
Dafür tauchte das charmante Gesangs-Duo Ivo & Sascha auf, das
Geschichten immer in Lieder verpackte. Und 2001 kam auch noch Uli
Hannemann dazu. Die Herren des LSD residieren im Zosch in der
Tucholskystraße.
Dass ich 1999 dann außer Volker auch noch Andreas Gläser und
Robert Naumann
kennenlernte, muss ich als Sechser in meinem Lebenslotto bezeichnen.
Warum Sechser? Volker + Robert + Andreas = 3, wird man zu Recht
bemerken. Aber es gab auch noch meinen alten Freund und Schriftsteller
Jochen Schmidt, der sich zu der Zeit zwar in
Moskau und Sofia seinen slawophilen Studien hingab, mit dem ich aber
den Plan Chaussee der Enthusiasten
schon längst ausgeheckt hatte. Und da war auch noch ein gewisser
Andreas Rüttenauer aus München, dessen provokative Texte gegen
selbstgerechte Ostler, Frauen, Westler und Männer mir sofort gefielen.
Dummerweise hielt er schon bald einen von uns für einen Nazi und die
anderen, die das nicht nachvollziehen konnten für Naziwegbereiter,
weshalb er uns schon bald verließ. Wie auch immer – wenn ich mich zu
dieser Truppe noch dazurechnete, waren wir sechs. Deshalb Sechser.
Alles klar?
Ahne meinte, Olaf, der Betreiber des Bergwerks hätte noch einen Laden
in Friedrichshain. Der gefiel uns allerdings nicht, und so zogen wir in
den Cube Club ein. Ohne Volker, denn der hatte gerade eine
Schreibkrise, kam aber nach drei Monaten wieder zu uns.
Stephan Zeisig, den ich bei
amnesty international kennengelernt hatte, wurde nach
einem Jahr Praktikum in unsere muntere Truppe aufgenommen.
Warum
Andreas Gläser
uns im Mai 2002 verließ, kann ich bis heute nicht verstehen. Gut – er
hatte einen Sohn gebaut und ein Buch gepflanzt. Aber er war doch
Rock’n’Roller. Einerseits sagten wir bei unserer Trennung nicht: "Wir
können doch Freunde bleiben." Andererseits blieben wir trotzdem Freunde.
Dann kam Bohni.
Das Wasser stieg knöchelhoch im Cube-Club. Und so zogen wir in den
RAW-Tempel um, wo wir uns immer noch sehr
wohlfühlen.
Auch nach der
Chaussee der Enthusiasten haben sich Lesebühnen gegründet:
2000 – das
Kantinenlesen,
eine gemeinsame Gründung der Berliner Vorlesebühnen. Die Idee, eines
regelmäßigen Gipfeltreffens geht auf Volker Strübing zurück. Seit 2001
moderiere ich die Show.
Ebenfalls 2000 wurde
die
Lokalrunde als Ableger des LSD ins Leben
gerufen, die im
Kurvenstar startete und inzwischen im legendären
Café Moskau stattfindet. Ivo sprüht nur so vor Ideen und hat eine Art moderne
Varieté-Show entwickelt. Allein schon wegen der Kaukasus-Punk-Band Die
Marijadschis sollte man sich diese Show mal ansehen.
2002 gründeten
einige Autoren, die sich
schon als Gäste bei den anderen Bühnen ausprobiert hatten, zusammen mit
Michael Ebeling von LSD den "Blauen Drachen". Sie brachten einen ganz
anderen, ich sag mal schwärzeren, manchmal auch surrealistischen Ton
auf die Bühne. Nachdem es sie wurmte, wenig Zuschauer zu haben, gaben
sie sich einen anderen Namen:
Erfolgsschriftsteller; sie zogen um in das legendäre Bergwerk
und holten sich eine Autorin ins Boot, die, wenn sie so weiter macht,
alle anderen Bühnenleser an Ruhm, Ehre und Erfolg bei Frauen und
Männern übertreffen wird:
Kirsten Fuchs. Inzwischen sind sie auf ein
Kernkompetenzteam von drei Lesern zusammengeschrumpft.
Man könnte noch ewig
weiterschreiben
über die Lesebühnen, zum Beispiel Magisterarbeiten, wie das z.B. Ivo
Smolak getan hat. Oder einen Roman, was einige Bühnenleser schon
angedroht haben (es ist wie im Western – wer zieht zuerst). Und
natürlich ist diese Darstellung hier sehr von meinem persönlichen
Erleben gefärbt. Der Versuch einer objektiveren, chronologischen (leider
inzwischen arg veralteten) Darstellung findet sich auf der Seite von
Falko Hennig.
Und natürlich gibt es immer wieder mal Versuche, neue Lesebühnen zu
gründen. Das überblickt kaum einer mehr. Inzwischen auch in Westberlin. Die
Brauseboys im Wedding und Die Überflüssige in
Kreuzberg. Ob O-Ton-Ute oder die Marabühne
eine Lesebühne im alten Sinne sind, darüber gehen die Meinungen
auseinander. Seht es euch an, vergleicht, tragt den Ruf der Lesebühnen
über die Grenzen der Stadt.
P.S.: Dass das
Mittwochsfazit nicht mehr regelmäßig auftritt
ist schade.
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