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16.4. 2004 – Bombay
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Um fünf Uhr morgens aufzustehen erscheint mir hier als regelrechter Luxus. In Berlin ist das die Zeit, zu der ich ins Bett gehen darf. Diesem verdorbenen Berliner Publikum darf es ja nie spät genug losgehen mit den Unterhaltungsleckerbissen. Was nicht spät ist, ist nichts wert, scheint deren Devise zu lauten, die sie wahrscheinlich aus Italien oder einem anderen Mittelmeerland importiert haben. Aber warum muss sich zunehmend eine ganze Nation nach diesen Sonnenhassern richten? Warum kann ein Tag nicht um 4 Uhr morgens beginnen und um 20.00 Uhr enden? So würde man nämlich die Sonne optimal ausnutzen, und nicht durch hanebüchene „Sommerzeit“[1]. Ich jedenfalls genieße mit zwölf anderen Urlaubern den Sonnenaufgang. Doch bin ich mir da auch nicht 100%ig sicher, denn sie gucken ihn sich durch ihre Videokameras an. Merke: Die Erinnerung ist wichtiger als das Erlebnis. Eventuell geht es auch gar nicht um die Erinnerung, sondern um die Trophäe, die man den Hinterbliebenen vorzeigen muss.
Die Einfahrt von Bombay (oder Mumbai [2], wie man seit ein paar Jahren sagen soll) ist gesäumt von Kriegsschiffen. Was machen die alle hier? Liegt das an Pakistan? Will Indien zeigen, dass es auch was zu melden hat, hier in einem Ozean, der seinen Namen trägt?
Meinen Landspaziergang unternehme ich wieder auf eigene Faust, was sich im Nachhinein als gute Entscheidung herausstellt, haben doch die Kolleginnen Steffi und Manuela eine geführte Bustour mitgemacht, die sich dadurch auszeichnete, dass die Sitze nach Urin rochen, die Reiseleiterin sich nicht einmal bemüht hat, ihren indischen Dialekt durch eine unnuschelige Aussprache etwas abzumildern, die Fenster so verdreckt waren, dass man von den durch die Reiseleiterin erwähnten Sehenswürdigkeiten nur die Silhouetten erkennen konnte, die Lautsprecher kaputt waren, so dass man den bereits erwähnten unverständlichen Singsang der Reiseleiterin immerhin nicht in voller Lautstärke ertragen musste. Immerhin brauchten sie während der Tour kaum auszusteigen.
Dafür zahle ich meinem Taxifahrer acht Dollar für eine vierminütige Fahrt. Verständlich, dass er mir nicht von der Seite rückt. Ähnlich wie schon im Mormugao muss ich aggressiv werden, um ihn los zu werden. Ein Park, eine große Straße, ein berühmtes Hotel, deren Namen ich vergesse. Aber zum ersten Mal habe ich hier in Indien das Gefühl, etwas von dem Land zu erleben. Am Abend wieder eine der berüchtigten Poolparties. DJ Marcel tappt in eine schlimme DJ-Falle: Je weniger Leute tanzen, um so weiter senkt er das musikalische Niveau. Nachdem er ein 50er-Jahre-Medley und ein Gipsy-Kings-Medley runtergenudelt hat,[3] greift er auf „Hey, baby, I wanna know if you’ll be my girl“ und „Live is life“ zurück. Er droht, wenn keiner tanze, würde er Roger Whittaker auflegen. Widerwillig fängt das Touristenvolk an, sich zu bewegen. Als dann „El Tiburrón“ gespielt wird und ich das auch noch gut finde, weiß ich nicht mehr, ob das ein Zeichen dafür ist, dass mein innerer Beurteilungsmechanismus gelitten hat oder dafür, dass er nicht doch gerade gut funktioniert, weil ich gute Musik eben immer erkenne, unabhängig davon, ob dazu ein paar Irre rumhoppeln oder nicht. [1] Wenn man durch die Sommerzeit tatsächlich Strom spart, kann man sie ja auch das ganze Jahr über halten (was einige Länder angeblich auch tun). In diesem Falle bräuchte man allerdings auch keine Sommerzeit mehr. Man müsste nur sämtliche Aktivitäten früher beginnen, vom Aufstehen bis zum Schlafen – der Effekt wäre derselbe. [2] Die korrekte Benennung geographischer Namen ist immer ein heißes Pflaster. Vor allem, wenn man zu einem gewissen Sprachkonservativismus neigt, wird man schnell der politischen Unkorrektheit bezichtigt. Wir Deutsche kennen das Phänomen aus Osteuropa: Wie oft zucken politische Besserwisser zusammen, wenn man Breslau, Weißrussland oder Danzig sagt. Muss man nicht auch akzeptieren, dass es deutsche Bezeichnungen und Namen für nichtdeutsche Orte gibt? Immerhin sagen wir auch Moskau, Prag, Peking. Im Falle Bombays – nun das ist die (auch im Deutschen geläufige) englischsprachige Bezeichnung, die abzulegen der Inder gutes Recht ist, aber warum sollen wir das mitmachen? Wie viele rhetorische Fragen in einer Fußnote! [3] Das gesamte Schiff scheint von der Medley-Kultur beherrscht. Wer hat bloß diese musikalische Form erfunden? In Bezug auf diese Person würde ich mit mir sogar diskutieren lassen, ob die Todesstrafe in bestimmten Fällen nicht doch eine akzeptable Methode der Abschreckung ist. |
Dan Richter