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19.4. 2004 – Flugzeugattacke vorm Roten Meer
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Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man mehrere Tage kein Land mehr gesehen hat. Man weiß nur, dass 200 Seemeilen steuerbord Oman und 300 Seemeilen backbord Sudan liegen soll. So verkündet es jedenfalls der Offizier zur Mittagszeit durch die Lautsprecher. Ich starre gedankenverloren in die Wellen und überschlage, in welcher Zeit ich bei meinem üblichen Schwimmtempo 200 Seemeilen zurücklegen würde. Ich komme auf fünf Tage, vorausgesetzt, ich schlafe nachts nicht, sondern schwimme. Da ich nicht recht weiß, wie ich auf solch einer Strecke die Trinkwasserversorgung absichern soll, verzichte ich auf meinen Schwimmausflug nach Oman. Steffi fragt mich, warum ich so traurig sei. Sie ahnt nichts von den Schmerzen, die ein Sportschwimmer wie ich empfindet, wenn die Diagonale des größten an Bord befindlichen Pools fünf Meter beträgt und man die Weite, die einen umgibt nicht ausnutzen darf. Sie überredet mich, mir mit ihr und den anderen beiden Impro-Hasen den Bauch im Karibikrestaurant vollzuschlagen.
Als wir mit unseren wohlgefüllten Tellern Platz genommen haben, hören wir von weitem ein Dröhnen. Dann sehen wir es auch: Ein Flugzeug fliegt direkt auf unser Schiff zu. Daran ist ja an sich nichts verwerflich. Nur den Abstand von lediglich 40 Metern zu unserem Schiff halte ich für etwas, nun ja, gewagt. Der lustige Pilot fliegt von dannen und einige von uns bestellen sich auf diesen Schreck gleich einen etwas kräftigeren Drink. Als sie wieder an ihren Platz zurückkommen, stutzen wir, denn wir hören von weitem ein Dröhnen. Dann sehen wir es auch. Das Flugzeug hatte in der Ferne eine Kurve beschrieben und fliegt direkt auf unser Schiff zu, was eigentlich nicht verwerflich ist, nur den Abstand von lediglich 20 Metern halte ich, nun ja, für frech. Auf dem Deck sagt keiner mehr ein Wort. Vielen ist die antrainierte Sommerbräune aus den Gesichtern gefallen. Der Pilot fliegt von dannen und ist, wie ich vermute, sehr gut mit der Filmerzähltechnik vertraut, die besagt, dass die besten Gags doch die Running Gags sind. Ich rätsle nun, ob er ein Anhänger des aktionsbetonten Hollywoodstils ist, dann müsste er noch ein drittes Mal zurückkommen, und dann, wenn alle lächeln: „Ach, der wieder!“ mit einer Maschinengewehrsalve alle Passagiere auf dem Pooldeck niedermähen, dann die Brücke mit einem Schuss aus der Bordkanone erledigen und schließlich uns mit einer Aerosolbombe alle vernichten. Für diesen Fall halte mich schon bereit, in eines der Rettungsboote zu springen, und als modest Hero unser Impro-Ensemble, meine Geliebte und eine uralte, gehbehinderte Omi zu retten. Das Flugzeug aber kommt nicht wieder, also keine hollywoodeske Wendung; dieser Stil erinnert mich vielmehr an das klassische französische Kino, wo gern mal was offengelassen wird. Erst am nächsten Tag erfahren wir vom Ersten Offizier, dass dies ein Nato-Flugzeug sei, welches prüfe, ob sich hier Halunken herumtreiben. Da können wir ja von Glück reden, dass wir keinen Halunken mit an Bord hatten, wir wären mitgefangen, mitgehangen. Und wir hätten niemandem Vorwürfe machen können. Das Leben auf See ist manchmal verdammt hart. |
Dan Richter