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13.4. 2004 – Cochin

In seinem Buch „Des Mauren letzter Seufzer“ beschrieb Salman Rushdie die indische Hafenstadt Cochin als wilde Pfeffermetropole, in der die Religionen und Klassen aufeinanderprallen. Ich werde sofort bei meinem Landgang auch angeprallt, und zwar von den schon aus Sri Lanka bekannten Tuc-Tuc-Fahrer ein. Sie schreien und betteln mich an, ihre Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Aus Erfahrung weiß ich, dass die beste Strategie darin besteht, diese Burschen zu ignorieren und so zu tun, als wüsste man ganz genau, was und wohin man wolle. Nur diesmal klappt es nicht. Da ich Geld tauschen will, muss ich zur Bank. Diese ist 1,5 Kilometer entfernt. Ein Männer-Pärchen im Tuc-Tuc verfolgt mich den ganzen Weg. Als mir die Bankangestellten erklären, sie hätten keine Geldwechsellizenz, ist mir zum Heulen. Ich spähe aus dem Fenster. Draußen lauert das Tuc-Tuc-Taxi mit laufendem Motor. Ich atme tief durch, gehe direkt auf die Burschen zu, und sage: „Listen, I do not want to use your taxi. Do you understand me?“ – „Sir, I…?” „Do you understand me?“ - „Yes, Sir.” Sie hauen ab. Erleichtert atme ich auf. Was nun? Ohne Rupien. Ach was, immerhin werden hier Euros und Dollars akzeptiert.[1] Am besten erst mal in die Innenstadt fahren. Dafür brauche ich ein Taxi. Gut, dass ich gerade eines weggeschickt habe.

Ich winke einen trantütig wirkenden Tuc-Tuc-Fahrer heran. Und er fährt mich bis zur berühmten Synagoge von Cochin.[2] Sie ist zu. Natürlich bin ich ein Trottel. Wir haben ja Passa, was ich an Ostern hätte bemerken können, aber mir hat ja keiner was geschenkt, und so habe ich die ganze Angelegenheit verdrängt.[3]


Dass die Synagoge wegen Passa zu war, könnte man auf dem Schild im Bild lesen, wenn ich eine entsprechende Fotoauflösung gewählt hätte, aber führende Internet-Experten rieten mir davon ab, Dateimengen von über 25.000 KB auf meine Page zu verfrachten.

Die Hälfte des Rückwegs nehme ich zu Fuß, und so zeigt die Stadt mir ihr ungewaschenes Antlitz. Jenseits der klitzekleinen aufpolierten Gässchen der Altstadt, in die die Touristen kutschiert werden, blüht die Armut in ungeahnter Pracht. Schmutz und Elend, wie ich es bisher nur in den Slums von Accra gesehen habe. Wenn mich jemand fragen wird, wie die Reise war, werde ich vielleicht an Cochin denken und nicht wissen, was ich antworten soll.


[1] Beim Abendessen regte sich dann am Nebentisch ein Ehepaar darüber auf, dass einer der Händler nicht ihre Euros akzeptierte, was die beiden dann für „eine Unverschämtheit“ hielten. Ich fragte mich, ob sie in Deutschland die Rupien eines Inders akzeptieren würden. Ach so, Sie meinen, der Euro sei eine harte Währung? Wieviel haben Sie zu dieser Härte beigetragen?

[2] Wenn Sie sich nicht rege vermehren, einwandern oder ihre strengen Heiratsregeln ändern, dürften die Juden in Cochin bald ausgestorben sein. Schon jetzt ist die Synagoge eher eine Touristenattraktion als ein Gebetshaus. Die Kacheln sind berühmt. Sowohl der Ruhm der Kacheln als auch der Mangel an gebärfähigen Jüdinnen spielen in Rushdies „Des Mauren letzter Seufzer“ eine wichtige Rolle.

[3] Als ich am Abend darüber meinen Impro-Kollegen erzähle, kommt die Frage auf, ob die Christen, die Juden oder die Germanen den eierversteckenden Hasen erfunden haben, ich erzähle die Ägypten-Story der Juden im Schnelldurchlauf. Leider ist einer von uns auch noch Sohn eines Evangelen-Pfarrers. Und so trifft meine Version der Ostergeschichte, dass sie Jesus die Eier ans Kreuz genagelt haben eher auf Skepsis.