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18.4. 2004 – Fischlibert

Heute lag auf unserem Fensterbrett ein toter Fisch. Ich bin mir nicht sicher, ob man in unserem Fall von Fensterbrett sprechen kann, es ist ja mehr eine Art Vertiefung von der Schiffswand hin zu unserem Kabinenbullauge. Ich bin mir auch nicht sicher, ob man bei unserem Bullauge eigentlich von einem Bullauge sprechen kann, da es größtenteils eher viereckig als kreisförmig ist, nur die Ecken sind von dem Schiffshersteller abgerundet worden. Was ich auch nicht weiß, ist, woher der Ausdruck Bullauge stammt. Sicherlich nicht vom Sehorgan des männlichen Rinds. Ich tippe eher auf seemannsnorddeutsch: Bullauge kommt von Bolleroog, Boller waren ja früher die Balken, aus denen die Schiffe zusammengeklebt wurden, und Oog nannten die Seeleute spaßeshalber die Astlöcher in den Balken, durch die das Wasser ins Schiff reinfloss. Das ist meine Theorie jedenfalls, und ich werde die in drei Teufels Namen nie im etymologischen Wörterbuch verifizieren.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob man bei dem Tier, was da auf dem Fensterbrett vor unserm Bullauge liegt, von einem Fisch im engeren Sinne des Wortes sprechen kann, denn er muss ja aus dem Wasser zu uns hoch geflogen sein. Ich habe schon viele Menschen von fliegenden Fischen berichten hören, aber soll man alles glauben, was einem Hinz und der andere, dessen Namen ich immer vergesse, erzählen? Nein, nein und nochmals nein! Um zu fliegen braucht ein Lebewesen Federn, keine Schuppen. Jetzt könnte ein Naseweis auf die Idee kommen, die federlosen Insekten als Munition für eine Gegenargumentskanonade zu benutzen. Aber ich habe ja von Lebewesen gesprochen! Und wie jedermann weiß, kann man Insekten wohl nicht zu den Lebewesen zählen, bloß weil sie in der Gegend rumkrabbeln. Insekten können sich nämlich, im Gegensatz zu jedem anderen anständigen Lebewesen, nicht einmal verständlich gegenüber ihren Artgenossen mitteilen, einzige berühmte Ausnahme ist die Biene, die ja tänzerisch ihren Kommilitonen erklärt, wo der Bartel seinen Nektar holt. Aber genaugenommen zählt die Biene eben nicht zu den Insekten, denn: wenn die Biene den Nektar einsammelt, wo bleiben dann die Pollen kleben, mit denen sie die Blumen zerstäubt? Genau! An den Federn! Diese sind zwar sehr klein geraten, aber vermutlich mit einer Multi-Spektralkamera gut zu erkennen. Die Biene ist somit der kleinste Vogel auf dem Weltkugelball.

Um also auf den Fisch vom Fensterbrett zurückzukommen, er ist entweder ein Fisch mit Federn (sprich: ein Vogel) oder ein Vogel hat ihn abgelegt, weil er ihm zu eklig schmeckte. Ich würde gern das Fenster aufmachen und das Tier betasten, aber das ist bei Bullaugen verboten, denn da es keinen Fenstergriff hat, müssten wir zu diesem Behufe das Glas kaputthauen, und uns wurde vor Reiseantritt von allen möglichen Leuten eingeschärft, dass wir an Bord nichts kaputthauen dürften, dass sei hier nicht üblich. Menschen, die die Schiffseinrichtung zerstören, werden in der Regel von ihren Mitreisenden scheel angesehen. Insofern sehne ich mich schon ein wenig zurück nach den guten alten Hotelzimmern, da gehört Mobiliarzerstörung ja schon seit Jahrzehnten zum Rockeralltag. Und ein Rocker, that’s what I am, meine Herren, jawohl.

Dan Richter