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12.4. 2004 – Die Meuterei muss warten
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War es der
Wellengang, der mich heute so früh weckte? Um 7.30 Uhr schlüpfe ich
nach dem Waschvorgang in meinen Schlüpfer und stülpe mir auch weitere
Klamotten über meinen wohlproportionierten, nach Mann riechenden Body.
Außer mir scheinen nur ein paar eifrige Pooldeckfans wach zu sein, die
unbedingt jetzt schon ihre Liegestühle für den gegen Mittag
beginnenden Bräunprozess reservieren müssen. Doch diese Freaks sind
nicht die einzigen Wachen. Außer ihnen entdecke ich an den Treppen kniende Philippinen[1]. Sie putzen die Messingkante der Treppe (bitte anschnallen und festhalten!) mit einer Zahnbürste! Ich kann ja ein gewisses Verständnis dafür aufbringen, dass auf Luxuskuttern auch dem Abgewienere von glänzenden Oberflächen eine größere Aufmerksamkeit entgegengebracht wird als anderswo. Aber Treppenkanten! Die sind doch wohl bitte schön zum Rauftrampeln da und nicht zur dentalgenauen Behandlung in rekrutendemütigender Pose. Insgeheim frage ich mich, ob die Treppenkanten in meinem Mietshaus[2] in der Libauer Straße schon mal eine derartige Behandlung in ihrem hundertzehnjährigen Leben erfahren durften; es würde mich wundern. Im Laufe des Tages erfahre ich, dass die Philippinen praktisch die ganze Nacht hindurch nichts anderes tun, als irgendwelche Messing- und Chromteile zu wienern. Und dann haben sie nicht einmal die Möglichkeit, tagsüber an die frische Luft zu kommen! Die Reste meiner Kommunistenseele schreien Zeter und Mordio; aber bevor ich die Crew zu einer Meuterei aufstachle, muss ich mir erst mal ein Frühstück im wohlsortierten Marktrestaurant genehmigen. Die angenehm zubereiteten Speisen, sorgfältig drapierten Früchte, die Vielfalt der Zutaten und die unaufdringliche Liebenswürdigkeit der Präsentation lassen meine Revoltenphantasien ruckzuck verdampfen[3]. Die Revolution muss warten, wie mein Kollege Robert Naumann angesichts eines Päckchens Jacobs Kaffee mal zutreffend bemerkte.
Als wir am Abend nach unserem Auftritt von 600 Zuschauern bejubelt werden, ist mein Appetit auf Meuterei endgültig verschwunden. [1] Soweit ich weiß, heißen die Bürgerinnen der Philippinen genauso wie das Land selber – Philippinen. Aber wem soll man daraus einen Vorwurf basteln? [2] „Mein“ Mietshaus! Ihr
wisst was ich meine. Gegen Ende der Reise, um diese Anekdote mal
unangemessenerweise in dieser Fußnote zu verstauen, speiste ich zu
Abend mit einem Schwabenpärchen, das mich darüber befragte, ob es
wahr sei, dass die Mieten in Berlin so extrem hoch seien. Da mir
nicht danach zumute war, ihnen durch die Nennung meiner Miethöhe
von 169 Euro ein Staunen auf die pausbackigen Gesichter zu
provozieren, flüchtete ich mich in die nebulöse Antwort: „Kommt
auf das Haus an.“ Das Pärchen daraufhin: „Ja, da is scho
besser, mer kauft sisch ois, gell?“ [3] Unangenehm, das muss ich
allerdings einfügen, benahm sich eine mit am Tisch sitzende
Kleinfamilie. Der sechsjährige Sohn sah so aus, als hege er
Weltherrschaftsphantasien. Und so benahm er sich auch seinen Eltern
gegenüber. Diese wiederum stritten sich darüber, ob Sri Lanka auch
seine guten Seiten habe: |