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15.4. 2004 – Mormugao
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Wir sind heute in Goa gelandet, ein indischer Bundesstaat, nach dem ein ganzer Musikstil benannt wurde. Die einzigen zwei anderen Staaten auf der Welt, die das von sich behaupten können, sind meines Wissens 1) Großbritannien, von dem der Brit Pop abstammt und 2) die Bundesrepublik Deutschland, die die Neue Deutsche Welle um den Erdball schickte. Damals, im Jahre 1982, tanzte eventuell ganz Asien zu „Der Goldene Reiter“. Heute tanzt ganz Europa zu Goa Trance und keiner weiß, wo Goa liegt. Wir Schiffsreisenden gehören zu dem kleinen Kreis der Eingeweihten, wenn man von den Bewohnern Goas einmal absieht. Da ich von den angeleiteten Ausflügen nichts Gutes halte, muss ich mich selber auf den Weg machen. Vom Hafen aus bin ich wieder einmal zehn Minuten lang damit beschäftigt, ca. Achtmillionen Tuc-Tuc-Fahrer abzuwimmeln, die alle scharf auf meine zwei Euro sind. Ich aber will mich zu Fuß nach Indien wagen. Nach ungefähr anderthalb Kilometern bemerke ich, dass der fotokopierte Reiseplan entweder veraltet oder von einer anderen Stadt oder in einem völlig anderen Maßstab gezeichnet sein muss. Meine Gesichtszüge, denen ich Selbstsicherheit und Zuversicht antrainiert habe, damit ich nicht ständig angesprochen werde, erstarren zunehmend. Wo bin ich?[1] Die Gegend hier als arm zu bezeichnen, wäre reine Prahlerei. Ein Mopedtaxifahrer ruft mir zu: „Can I help you?“ Ich antworte (unfreundlich, um ihn zu verscheuchen): „I’m fine“ – „This is not the city.“ Kurz abwägend, ob ich dennoch versuchen soll mich allein durchzuschlagen oder ob ich die Nervereien des Mopedfahrers ertragen soll, der mich aber dafür immerhin nach Mormugao bringt, entscheide ich mich für letzteres. Wo genau ich denn hinwolle, er biete mir eine Stadttour an. Ich phantasiere schnell was zusammen: „To the British Consulate.“ – „There is no British Consulate.“ – „Hm, I mean, the post office. Yes, the post office.” Ich schätze, die Post wird in so einem Ort sicherlich ein größeres Gebäude sein. Als wir ankommen, kriegt er die vereinbarten fünf Euro (nicht wesentlich weniger, als die Summe, die ich einem Berliner Mercedeskutscher für diese Strecke gezahlt hätte). Die Post ist ein 10 Quadratmeter großes, zur Straße hin offenstehendes Büro. Ich gehe zielgerichtet hinein, um Geschäftigkeit zu suggerieren[2]. Hinter mir höre ich den Mopedfahrer rufen: „No! No!“ Bloß ignorieren, sonst werd ich den nie wieder los. „No! No!“ Ich drehe mich um. „The other door.“ Oh, da war ich wohl im Frachtraum einer Spedition gelandet. Immerhin – die Post sieht auch nicht viel anders aus. Es ist irrsinnig heiß, ich habe hier drin nichts zu tun, und draußen wartet noch hoffnungsvoll der Mopedfahrer. Da das Büro der Straße 100%igen Einblick gewährt, kann ich mich nicht vor ihm verstecken oder wenigstens interessiert umsehen, da es hier nichts zum Ansehen gibt. Ich springe kurzerhand wieder auf die Straße und gehe sie behende abwärts. Hinter mir höre ich den Fahrer rufen: „Mister! Mister!“ Er klingt verzweifelt, aber soll ich ihn noch anschnauzen, dass ich seine Dienste jetzt nicht mehr brauche? Es ist doch schlimm genug, dass er die 5 Euro für die Rückfahrt nicht kriegt, und dafür seine Tochter weiterhin das alte kaputte Kleid tragen muss[3]. Was soll ich in dieser kleinen Stadt nur tun? Wenn ich ruhig übern Markt bummle, werde ich ständig von Händlern angesprochen. Sehenswürdigkeiten sind hier so gut wie nicht vorhanden, und wenn sie vorhanden wären, würden sie mich wahrscheinlich nicht so vom Hocker reißen, da unbedingt hinzugehen[4]. Ein Internetcafé ist eine willkommene Ablenkung von meiner Unfähigkeit, einen Ausflug selbständig interessant zu gestalten. Im angenehmen Gegensatz zum AIDA-Schiff, wo man für zehn Minuten zehn Euro zahlt, kostet das Surfen hier lediglich fünfzig Cent pro Stunde. Als nach 15 Minuten der altersschwache Computer immer noch damit beschäftigt ist, die Daten der Startseite für mein Freemail-Account durchs Web zu schaufeln, gebe ich allerdings auf. Ich kaufe im nächsten Laden eine Handvoll Mininotizbücher, winke mir einen Mopedfahrer heran und lasse mich von ihm aufs Schiff zurücktuckern. Mormugao und ich – in diesem Leben werden wir wohl keine Freunde mehr.
[1] Machen Sie eine typische Handbewegung. [2] Wie ich darauf komme, einem Mopedfahrer, der mich gerade aus den Slums aufgelesen hat, Geschäftigkeit suggerieren zu wollen, ist mir im Nachhinein völlig unklar. [3] Das mit dem Kleid ist natürlich fiktiv. Vielleicht muss er ja auch wegen des entgangenen Fahrjobs länger warten, bis seine Schulden gegenüber dem Typen, der ihm das Moped verkauft hat, abbezahlt sind. Oder er kann dieses Jahr wieder nicht nach Delhi, um seinen Onkel zu besuchen. Oder was auch immer. Auf jeden Fall wird es Wochen dauern, bis er wieder einen dermaßen trottligen Europäer aus dem Slum fischt. [4] Es gibt meines Erachtens ohnehin nur sehr wenige sehenswürdige Sehenswürdigkeiten auf der Welt. Das meiste gibt’s auf Postkarten wesentlich besser fotografiert. Sehenswürdig werden die meisten Gebäude, Straßen und Naturschauspiele ohnehin nur in ihrem sozialen Kontext, man müsste sich also schon ein Jahr in Cochin aufhalten, um den Wert dieser Schrumpelsynagoge zu verstehen. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Bauwerke, die einen sofort umhauen und die es Wert sind, wenigstens einmal im Leben von Nahem inspiziert zu haben. In New York die Fifth Avenue und der Central Park, in Moskau der Rote Platz mit allem Pipapo, in Isfahan die wackelnde Moschee. |
Dan Richter