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24.4. 2004 – Schwierigkeiten beim Atmen in Pyramiden
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Heute müssen wir die Pyramiden besichtigen. Pyramiden zeichnen sich dadurch aus, dass sie von vorn dreieckig und von unten quadratisch aussehen, was nicht jeder geometrische Körper von sich behaupten kann. Die Pyramiden waren vor mehreren Jahren dazu da, um um die Pharao-Leichen herumgebaut zu werden, die aber nicht vermodert waren, wie das bei sonst handelsüblichen Leichen der Fall ist, sondern schön ausgeweidet und eingewickelt. Es gibt so viele Dinge über die Pharaonen und die Pyramiden zu erzählen, dass es die deutschsprachige Ägypterin auf unserer kleinen Bustour zu den Pyramiden gar nicht schafft, uns all die Könige und Königinnen der zig Dynastien aufzuzählen. Dabei ist es genau das, was sie in den mehr als 1,5 Stunden versucht, dieses Luder. Glücklicherweise nennt sie auch einige der Nachteile der Pyramiden, zum Beispiel dass sie nicht mehr glänzen, wie das der griechische Geschichtsschreiber Herodot behauptet. Wer also einen Ägyptenreiseführer von Herodot besitzt, sollte den schleunigst gegen einen Lonely Planet umtauschen. Außerdem sollte man wissen, dass Herzkranke, Klaustrophobiker, Schlaganfallgefährdete usw. das Innere der Pyramiden auf eigene Gefahr betreten: „Wer also schon mal einen Herzinfarkt hatte oder in Pyramiden Schwierigkeiten mit dem Atmen hat, sollte da nicht reingehen.“ Ich bin neugierig, ob ich in Pyramiden Schwierigkeiten mit dem Atmen habe. Und wo könnte man das besser testen als in den Pyramiden selbst. Bis wir ankommen, vertreibe ich mir die Zeit mit einer kleinen Kopfrechenaufgabe: Wenn es auf der Erde ca. 6 Milliarden Erdenbürger gibt und der Besuch der ägyptischen Pyramiden für jeden Erdenbürger im Laufe seines Lebens ein Muss ist – mit wievielen Besuchern müssen dann die ägyptischen Pyramiden täglich rechnen? Bei einer geschätzten Durchschnittslebenserwartung von 65 Jahren wären das über 250.000 Besucher am Tag, also mehr als 10.000 pro Stunde. Das sind natürlich nur überschlagsartige Rechnungen. Die Erdenbürgerzahl erhöht sich nämlich schon in meiner Rechenzeit um 150 Personen. Außerdem muss man ja noch die Blinden abziehen, für die sich eine Reise zu den Pyramiden überhaupt nicht lohnt, es sei denn, sie wollen rauskriegen, ob sie in Pyramiden Schwierigkeiten mit dem Atmen haben. Andererseits können sie ja Fotos machen lassen mit sich und den Pyramiden drauf für ihre unblinden Freunde. Denn das ist ja immer das Wichtigste, wie unsere Reiseführerin betont: „Sie steigen jetzt aus, ich erzähle was, Sie knipsen, und in 15 Minuten sind Sie alle wieder hier im Bus.“ Mit anderen Worten, es könnte wiederum für Unblinde mit blinden Freunden völlig sinnlos sein, hierher zu reisen, weil sie niemanden haben, dem sie ihre Fotos zeigen können.[1] Aber das soll alles nicht einfließen in die Berechnung. Als wir endlich da sind, müssen wir uns hinter die anderen 10.000 Besucher anstellen, um ins Innere der Pyramide zu gelangen. Aus dem Loch, wo wir rein sollen, kommen die raus, die schon drin waren und den Aufstieg wieder geschafft haben. Sie wirken alle so, als hätten sie Schwierigkeiten beim Atmen in Pyramiden. Ich gehe vier Meter mit hinab, die Luft ist nicht stickig, sie ist einfach nicht vorhanden, und vor meinen inneren Augen sehe ich Panikszenen aus den berühmten Pyramidenkatastrophenfilmen, die ich bald drehen werde, ablaufen. Ich wende mich um und gehe wieder raus. Ich mache ein Foto mit mir und einer Pyramide. Hab ich das also auch abgehakt. Es gibt noch ein Detail dieses Ausflugs, das hier gar nicht reinpasst, aber dennoch erzählt werden muss: Als die eine Hälfte der Crew die Reiseleiterin zu einem Stopp im Hard Rock Café überredet hatte, nahmen wir anderen eine Pizza im einzigen Pizzaladen Kairos, von dem aus man den Sphinx sehen kann. Und dort sah ich es: Adolf Hitler war, bevor er die Politikerlaufbahn einschlug, nicht nur Postkartenmaler, sondern auch Reklame-Model für schottische Golfplätze:
[1] Ich weiß, dass es Dinge gibt, über die man nicht scherzt. Der beste Film von Chaplin heißt City Lights. „Sie wollen sich doch nicht mit Chaplin vergleichen, Herr Richter!“ – „Nein, ich mache es aber trotzdem. Außerdem sollten Sie wissen, dass neben einigen wichtigen Bauwerken dieser Welt Anfühlmodelle für Blinde rumstehen, z.B. bei der einen Kirche in Brügge, deren Namen ich immer vergesse. So ein Anfühlmodell gibt es bei den Pyramiden nicht. Um diesen Missstand anzuklagen, habe ich die etwas burleske literarische Form der Verhohnepipelung gewählt
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Dan Richter