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9.4. 2004 (morgens) – Rettungsmanöver

9.45 Uhr. Lautsprecher, die sich überall auf diesem Luxuskutter eingenistet haben, zwingen uns, ein Rettungsmanöver mitzumachen. Angeblich ist das eine Tradition unter Seeleuten und Personen, die sich unter ihre Obhut begeben. Die Anweisungen sind eindeutig: Um 10.20 Uhr sollen wir, nachdem sieben kurze und ein langer Ton erklingen, mit angelegten Schwimmwesten auf kürzestem Weg nach Deck 6 hochrennen und uns dort zählen lassen.

10.15 Uhr. Meine Freundin und ich sitzen total aufgeregt in unserer Kabine. Wird auch alles klappen, wenn das Signal erklingt? Wir haben Angst, dass wir zu den Passagieren mit der schlechtesten Zeit gehören werden und heute kein Abendbrot kriegen und stattdessen immer wieder das Rettungsmanöver übern müssen, bis alle Bewegungsabläufe sitzen.

10.20 Uhr. Ein lautes Signal ertönt. Ob es das schon ist? Oder ist das noch Spaß? Oder machen die vorher noch eine andere Übung? Es kommt also darauf an, die genaue Anzahl der Sirenenlaute mitzuzählen. Da ist es gut, dass wir beide Briefblöcke mitgebracht haben, auf denen wir, jeder unabhängig vom anderen, eine Strichliste über die Anzahl der Signaltöne machen. Nachdem wir die Striche gezählt und auch eine Prüfzählung durchgeführt haben, vergleichen wir die Listen, indem jeder noch mal die Striche des anderen durchrechnett. Siehe da – meine Freundin und ich sind auf exakt das gleiche Ergebnis gekommen – dann kann es ja losgehen.

Wir gehen zum Schrank und holen die in der 90er-Jahre-Revival-Farbe Orange eingefärbten Schwimmwesten heraus, und schon fängt die Streiterei an: Soll man die vor oder nach Verlassen des Schiffes aufblasen? Wir kramen in unseren Erinnerungen an diverse Instruktionen auf Flugzeugen und zanken uns eine ganze Weile. Meine Freundin rennt tränenüberströmt ins Badezimmer, und ich hämmere wie ein Besessener von außen an die Türe. Schreiend argumentiere ich, dass draußen die anderen Passagiere schon rumtrappeln. Dann höre ich von innen ein leises Fffft, Ffffft, und da weiß ich, dass sie ihren verschmierten Lidstrich korrigiert. Inzwischen studiere ich die Betriebsanleitung der Schwimmwesten. Es stellt sich heraus, dass diese aus einem unaufblasbaren Material hergestellt worden sind. Wir haben also umsonst gestritten. Da müssen wir aber lachen!

Wir lesen uns die an der Kabinentür befestigte Emergency Procedure durch. Man soll sich zum Beispiel kriechend durch den Gang bewegen, falls Qualm zu sehen ist. Wir üben das schnell noch in der Kabine, damit wir dabei nicht zu unelegant aussehen in der Öffentlichkeit.

Auf dem Weg zu Deck 6 sollen wir den kürzesten Weg benutzen. Und schon wieder streiten die Freundin und ich: Dürfen wir im Notfall die nahe an unserer Kabine gelegene Crew-Treppe benutzen? Ja oder nein? Damit nicht die ganze Streit-und-Versöhnungs-Prozedur von vorhin wiederholt werden muss, entscheiden wir mit dem Spiel Sching-Schang-Schong (ohne „Brunnen“[1]). Ich gewinne und wir benutzen also die Crew-Treppe, wo wir uns vor einer Leiche erschrecken, die da rumliegt. Aber es ist nur eine Kunststoffleiche, mit der die Besatzung wahrscheinlich diverse Übungen durchführt.

Alles andere geschah dann wie geplant und ist nicht weiter berichtenswert.


Meinen Weg aufs Rettungsdeck pflasterten Leichen, mit denen ich nichts anzufangen wusste.


[1] „Sching-Schang-Schong“ hat regional verschiedene Bezeichnungen. Allgemein dürfte es jedenfalls bekannt sein unter „Stein, Schere, Papier“. Die Option „Brunnen“ muss sich ein oberschlauer Sack ausgedacht haben, der einfach nicht verlieren konnte.