zurück zur Seite
"April 2004"
zurück zur
Seite "Geschichten"
| zurück zum 9.4.2004 (mittags) |
11.4. 2004 – Sri Lanka
|
Es ist von den
Verantwortlichen offenbar so gewollt, dass wir auf unserer Reise von Thailand
in die Türkei ab und zu mal an den Häfen dazwischenliegender Länder die Taue
des Schiffes anknoten. Anscheinend ist hier niemandem daran gelegen, auf dem
schnellsten Wege wieder nach Hause zu kommen. Heute sind es die Sir Lankaer,(1) die unsere Anwesenheit ertragen müssen, genauer gesagt die Colomboer. Colombo, ist die Hauptstadt von Sri Lanka. Obwohl viele andere Orte dieser Welt sich so ähnlich benannt haben (Kolumbien, Columbia, Cottbus) oder auch Personen (z.B. Kapitän Columbus und Inspektor Columbo), hat doch keine Person und kein Ort einen Charakter, der identisch wäre mit dem Colombos. Wir laufen in den
Hafen ein, und schon höre ich Musik, die klingt, als wäre sie aus dem
Gesangsbuch für Baby-Elefanten. Ich gucke über die Reling und stelle fest, dass
man tatsächlich eine Art Empfangskomitee für uns aufgebaut hat – tanzende
Kinder(2),
saubere Händler mit Souveniren und, als hätte ich’s geahnt, einen gefesselten
Elefanten. Der Elefant ist ja das Wahrzeichen Sri Lankas. Er ist zwar auch das
Wahrzeichen Kenias und Indiens, aber das ist dem Sri Lankaer egal. Viele Passagiere machen erleichtert „Aaaah!“, weil sie denken, dass ihre Seekrankheit jetzt vorbei ist. Sie haben sich aber ins eigene Blut geschnitten, denn am Abend geht’s weiter; dann braucht man wieder nur „Blutwurst mit glasigem Speck“ ins Ohr zu flüstern, und schon suchen sie den Weg zur Reling. Andere Passagiere fotografieren ohne Unterlass den Anlegevorgang. Sie werden später glauben, den Anlegevorgang beobachtet zu haben. Dabei war das nur ihr Apparat. Ich fotografiere stattdessen Passagiere, die den Anlegevorhang fotografieren. Sie sind oft dick und mit zu kleinem Badeanzug bekleidet.
Einige Hafenarbeiter winken uns zu. Sie müssen uns für arrogante Schweine oder für die glücklichsten Menschen der Welt halten.
Nach dem Mittagessen meinen meine Impro-Kollegen, dass es
Zeit wäre, mal an Land zu gehen. Ich gebe zu bedenken, dass das hier Dritte
Welt ist, wo sie noch nicht waren. Sie schlagen meine Mahnungen in den Wind, und
als wir draußen sind, wundern sie sich, dass wir Auf dem Weg dorthin von Tuck-Tuck-Fahrern begleitet werden, die uns
überreden wollen, ihr Tuck-Tuck-Taxi(3)
zu benutzen. Selbst, als wir schon angekommen sind, handeln sie weiter. Selbst
als einer von uns (ich) schon im Meer schwimmt, haben sie ihre Hoffnung noch
nicht begraben. Es ist so heiß, dass ich schon bald ins Meer springe. Die anwesenden Singhalesen starren mich an, so wie ich einen in der Spree badenden Singhalesen anstarren würde.
Danach bin ich durstig
und schlage vor, in ein Café zu gehen. Meine Kollegen sind entsetzt. Man hat
ihnen nämlich erzählt, dass man vom Essen und Trinken in der Dritten
Welt krank wird und gegebenenfalls stirbt. Mein Einwand, dass ja Kaffee aus abgekochtem Wasser (genaugenommen
sogar aus destilliertem Wasserdampf) bestehe, wird als leichtsinniges Geschwätz
abgetan. Wir beschließen,
zum Schiff zurückzukehren. Und jetzt, da wir gern ein Tuck-Tuck-Taxi hätten,
müssen wir suchen. Nach 10 Minuten finden wir zwei und zahlen jedem den völlig
überhöhten Preis von zwei Dollar. Die beiden Tuck-Tuck-Fahrer geraten darüber
so außer sich vor Freude, dass sie eine kleine Rennfahrt untereinander
veranstalten. Sie hoffen, dass der waghalsigere von ihnen am Ende noch ein
hübsches Extratrinkgeld bekäme. Da haben sie sich geschnitten. Von Vorurteilen ebenfalls nicht völlig frei erscheint mir ein junger Mann, mit dem wir an diesem Abend den Tisch teilen. Er teilte uns mit Kennermiene mit, dass er ja wohl nicht so verrückt sei, hier in ein Taxi einzusteigen: „Die könnten einen ja sonstwohin fahren, und dann steht man da. Nee, nee, mit mir nicht. Da sind die Herren Taxi-Gauner bei mir an der falschen Adresse.“ Ein weiterer Mitreisender mischt sich ein: „Die Taxifahrer hier in Sri Lanka gelten aber als extrem ehrlich und hilfsbereit.“ – „Na gut“, konzediert der junge Mann, „aber das weiß man ja vorher nicht.“ Ich denke, wir alle haben heute dazu gelernt. [1] Der Sri Lankaer spaltet sich dem hiesigen Glauben zufolge auf in den Singhalesen und den Tamilen. Deshalb gibt es das Wort Sri Lankaer gar nicht. [2] Ob sie sich so fühlen wie wir damals als Pioniere, wenn wir vor irgendwelchen ausländischen Gästen gesungen, getanzt oder Klarinette gespielt haben? [3]
Tuck-Tucks
sind eine Mischung aus Moped, Rikscha und LKW ähneln entfernt den in der DDR
üblichen Behinderten-Fahrzeugen Duo,
nur mit dem Unterschied, dass sie für Transporte von Menschen und Gütern
geeignet sind. Video-Zugabe: Stefanie Winny und ich als
Passagiere eines Tuck-Tuck (AVI-Format) |