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25.4. 2004 – Durch den Suez-Kanal
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Ich wache um 5 Uhr morgens davon auf, dass das Schiff nicht mehr schaukelt. Sind wir gesunken? Befinden sich Steffi und ich als einzige Überlebende in einer Luftblase? Bekomme einen Anfall von Melancholie. Dann fällt mir ein, dass auf dem Meeresboden die Sonne nicht scheint. Aber wer wenn nicht die Sonne leuchtet da von draußen durch unser Bullauge? Ich kontrolliere: Alles in Ordnung. Fischlibert trocknet nach wie vor auf unserem Fensterbrett. Und im Gegensatz zu ihm fallen mir die Schuppen von den Augen – wir befinden uns im Suez-Kanal, von dem gestern die ägyptische Dolmetscherin so sehr geschwärmt hat, weil für seine Errichtung mehrere Ägypter ihr Leben gelassen haben.
Schon auf der Karte sieht der Suez-Kanal ja so klein aus, dass man sich fragt, warum nicht schon im Altertum jemand auf die Idee gekommen ist, die Angelegenheit mal in die Hand zu nehmen. In Wirklichkeit zeigt sich der Suez-Kanal noch mickriger. Dagegen erscheint die Spree wie ein imposanter Strom. Aber gut – die muss sich auch nicht durch die sandige Wüste quälen. Sie wird bekanntlich von blühenden Landschaften gesäumt. Wir fahren im Konvoi, weil Gegenverkehr verboten ist. Ab und
zu winken uns Kanal-Angler zu. Für ihre Paddelboote gilt das Verbot nicht. Sie
lachen, diese lustigen Südländer! Alle halbe Stunde sieht man auf der linken
Seite ein paar Hütten, die eventuell den Paddlern gehören. Hin und wieder eine
Autobahnbrücke ohne Autos. Das Meer empfand ich interessanter.
Aber habe ich denn als Ausländer überhaupt das Recht, die Landschaften fremder Volksgruppen zu
kritisieren?
Vor lauter Langeweile lese ich Grass’ „Krebsgang“, was auch nicht zur Verbesserung meiner Laune beiträgt. Kann der es sich jetzt leisten, Gymnasiasten für sich arbeiten zu lassen, so wie das Picasso gegen Ende seines Lebens getan hat? Am Ende des Manuskripts wird dann Grass druntergekrakelt – fertig. Sollte er allerdings schon zu senil sein, gebührt meine Schmähung seinen Angehörigen, die ihn nicht davor bewahrt haben, diesen Schrott zu veröffentlichen. Am Abend mit Matze und einem unterbelichteten Schwabenpärchen am Tisch, denen vor Aufregung beinahe der Löffel ins Essen fällt, als sich der Kapitän zu uns setzt. Anscheinend ist er für sie so etwas wie Nelson Mandela, Mick Jagger und Doktor Brinckmann gleichzeitig. Er isst eine ganze Schüssel Muscheln und berichtet gern über nautische, geographische und historische Details. Meiner Frage, warum wir unter britischer Flagge fahren und ob das etwas mit der billigeren Bezahlung der philippinischen Angestellten zu tun habe weicht er genau so aus, wie der Frage, wer ihn denn ablöse, wenn er schlafe: „Ein Kapitän wird nicht abgelöst.“ Er antwortet so kapitänisch, dass ich sofort weiß, bei welchem Film er den Entschluss gefasst hat, diesen Beruf zu ergreifen: „Das Boot“.Filmchen-Zugabe: Dan, der Frühaufsteher angesichts des Suezkanals (AVI-Format 1 MB) |
Dan Richter