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Bravo

U-Bahnhof Mehringdamm. Ich warte auf die U-Bahn. Ich umkreise den Kiosk wie der Tiger den behinderten Hasen. Mal wieder was Verrücktes lesen. Bravo zum Beispiel. Mit dreizehn wäre  ich ja auch Bravo-Leser gewesen, nur hatte ich keine Verwandten, die mir das Heft zuschickten. Für das Poster von Ideal musste ich dann 25 Mark bezahlen. Später, als ich 16 war, durfte meine Oma nach Westberlin, und so reihte ich mich zweimal im Jahr selber unter die Bravo-Ausschlachter und Poster-Verkäufer. Ein in Westberlin für 2,30 Mark gekauftes Heft konnte einem, wenn man selbst die Mini-Bildchen aus den Kurzberichten noch ausschnitt, gut und gerne 70 Ostmark einbringen. Aber wer zerschnitt schon gern ein Bravo-Heft, selbst wenn man die im Alter von 16 Jahren auch nicht mehr mit Gewinn lesen konnte. Immerhin erfuhr ich, dass Robert Smith von The Cure auf die Frage, was denn sein Lieblingsgetränk sei, geantwortet hatte: Bier mit Orangensaft. Ungefähr eine halbe Stunde war ich daraufhin damit beschäftigt, das richtige Mischungsverhältnis zwischen diesen beiden Zutaten herauszufinden. Dass Robert Smith sich irren könnte und Bier mit Orangensaft die obskure Erfindung eines sinistren, von seinem Engländertum ohnehin kulinarisch verdorbenen Gruftis sein könnte, diese Idee zog ich nicht in Erwägung.

Ich kaufe also die Bravo. Die Dr-Sommer-Team-Fragen sind zwar noch dieselben wie damals („Ist es schlimm, wenn meine Schamlippen so fransig aussehen?“, „Sie will, dass ich mit ihr schlafe, aber ich fürchte, dass mein Penis zu hart ist.“). Aber sie werden immer pornographischer illustriert: komischerweise haben die abgebildeten Sechzehnjährigen keine Scham- und Achselhaare mehr. Ich habe ganz stark den Marktführer Gillette im Verdacht, diesen Achsel- und Schamhaar-Rasier-Wahn lanciert zu haben. Aber das sollen andere recherchieren. Mir bleibt festzustellen, dass mit Bravo nun auch die Pädophilen in Deutschland im Notfall auf eine ordentliche Wochenzeitschrift zurückgreifen können.


Es gab Zeiten, da ließ ich mir von den schattenhaftesten Typen Quatsch einreden.

Ich blättere weiter. Auf die Frage, was sie tun würden, wenn sie die Macht im Lande hätten, antwortet einer der Musiker der populären Kapelle Black Eyed Pea: „Die Schwulen abschaffen.“ Ich lasse vor Erstaunen die Zeitschrift sinken. Die U-Bahn fährt ein. „Schwule abschaffen!“ Ein mutiger Satz, mit dem man heutzutage, so vermute ich, bei mainstreamigen untürkischen Jugendlichen nicht allzu viele Sympathie-Punkte einheimsen dürfte. Ich steige ein und suche mir einen Sitzplatz. Mutig auch von Bravo, dass sie solche Statements druckt. Vielleicht ruft demnächst der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands zum CD-Kauf-Boykott auf. Aber wie! Wie will den der Herr Black Eyed Pea die Schwulen abschaffen. Steht da auch was drin, in dem Interview. Er führt aus: „Ich finde, jeder sollte tun, worauf er Lust hat.“ Ich stutze, denn ich werde das Gefühl nicht los, dass sich dieser Satz mit dem vorangegangenen Statement nicht ganz vereinbar ist. Schwule abschaffen und jeder soll tun, worauf er Lust hat? Vielleicht hat der Black Eyed Pea Sänger ja Lust, die Schwulen auszurotten. Noch mal im Kontext. „Ich würde die Schulen abschaffen.“ Haha, verlesen, wie lustig. Und der Herr möchte die jungen Leser gar nicht provozieren, sondern sich lediglich bei ihnen einschleimen.

Gute, alte Bravo. Wenn ich sie das nächste Mal lese, habe ich wahrscheinlich schon irgendwelche Altersgebrechen..

 

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