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Die frierende Prinzessin

Vor langer Zeit ging eine Prinzessin durch den Wald. Sie war von Ihrem Vater verstoßen worden, oder besser gesagt von der Schwiegermutter oder Stiefmutter. Sie war schöner als sie. Deshalb. Die anderen beiden Prinzessinnen waren hässlich wie zwei rasierte Ratten und lebten ein Leben in Saus und Braus. Ausgleichende Gerechtigkeit. Die Königstochter hatte aber nur ihr dünnes Kleidchen am Körper, mit dem sie durchs Geäst sprang. Deshalb fror sie. Sie zitterte so dolle, dass die Pobacken aneinander schlackerten. Das klang lustig. Wie ein Cocktailbecher mit Eiskugeln drin. Auf ihrer gesamten Haut hatte sich eine Gänsehaut gebildet, deren einzelne Huppel durch das Kleid durchguckten, weil es doch so dünn war. Aus Seide oder so. Was weiß ich denn! Das Unterholz war zu undurchdringlich, als dass man da hätte durchdringen können, und deshalb schwang sich die Räuberstoch... äh, Prinzessin von Ast zu Ast wie ein Pavian.

Nicht weit entfernt von dieser putzigen Szenerie lauerte ein Jägersmann mit seiner Flinte auf Wildbret. Er stand oben auf dem Ausguck und legte die Hand quer über die Stirn, damit die Sonne ihm nicht in die Augen reinscheint. Da erspähte er die Prinzessin, die durch die Bäume flog. Wegen ihrer huppligen Haut hielt er sie aber für ein Tier, das man aufessen kann. Da schoss er sie ab.
Seine Kinder zu Hause warteten schon auf das Abendfleisch. Bei Jägersleuten gibt’s ja immer nur Fleisch. Auch zum Naschen. Im Weihnachtskalender sind Bouletten drin. Zu Ostern gibt’s Eier wie bei normalen Menschen auch. Sie schreien, weil sie hungrig sind. Die ganze Hütte ist voll mit Kindern. Drei oder vier. Die ist so klein. Die Mutter von den Kindern oder dem Jäger stand am Abwaschbecken und schrubbte die Kanne, wo vorher was zu trinken drinne gewesen war. Rehmilch oder so. Ich weiß nicht, was ein Förster trinkt. Da pochte es an der Türe. Es war die Kriminalpolizei.
„Wo ist Ihr Mann?“
„Auf Jagd.“
„Ah ja. Und was ist das hier?“
„Meine Kinder.“
„Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.“
„Wieso? Ist denn was passiert?“
„Ah, da haben Sie sich verraten. Sie wissen also bescheid?“
„Hä? Wieso denn? Was denn?“
„Spielen Sie doch nicht die Unschuldige. Sie haben es doch eben selbst zugegeben.“
„Ja, was denn?“
Der Wachtmeister zwinkerte. Er hatte nur einen Spaß gemacht. Er wusste noch nichts von dem Malheuer, das sich tatsächlich im Wald gerade abgespielt hat. Die Jägerin zwinkerte zurück. Sie gingen schnell in die Küche zum Poppen. Die Kinder sehen dem Kommissar alle ähnlich. Da verabschiedete er sich.

Der Schneider aber sah inzwischen, was er angerichtet hatte. Er verscharrte heimlich das Kleid. Dann ging er zurück zum Schloss. Äh, Quatsch, ich hab mich versprochen! Also, der Jägersmann aber sah inzwischen, was er angerichtet hatte. Er verscharrte heimlich die Prinzessin und ging mit dem Kleid zum Schloss, um seinen rechtmäßigen Finderlohn zu fordern. Der König sprach: „Fürwahr, dieses Kleid sieht tatsächlich so aus, wie das von meiner Tochter. Aber vielleicht hast du es ja selbst genäht und gefälscht, um jetzt abzukassieren. Geld an solche Betrüger auszuzahlen kann sich mein Königreich heutzutage in Zeiten knapper Kassen nicht mehr leisten.“

Da verfiel der König auf eine List. Er sperrte den Jägermeister in den Keller, wo das Gefängnis aufbewahrt wurde, ein und gab ihm Stoff, Nadel und Faden, damit er ein Kleid nähe. Der Gedanke dahinter war der, dass wenn der Jäger kein Kleid nähen könne, er die Wahrheit gesagt habe. Sie hielten ihn dort mehrere Jahre gefangen. Am dritten Tag aber kam ein kleiner Schneider rein. Der hatte einen Buckel und half dem Jäger, das Kleid zu nähen. Das galt aber sozusagen als Gegenbeweis, der König sagte „Betrüger!“ und so hielten sie ihn dort mehrere Jahre gefangen. Der Schneider aber sah inzwischen, was er angerichtet hatte. Er verscharrte heimlich das Kleid. Dann ging er zurück zum Schloss.
Als der Jäger wieder in Freiheit war zeigte er ihm die Stelle. Der buddelte es aus. Es sah fast noch OK aus. Ein Hochzeitsgeschenk für meine Frau oder Mutter, sagte er sich und pfiff ein fröhlich Liedchen. Da wusste er noch nicht, dass in seiner Hütte inzwischen alles voller Leichen war. Er hatte nicht dran gedacht, ihnen Wildbret zu besorgen. Da sind sie verhungert. Er war selber schuld.

(C) Dan Richter

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