zurück

Ballade von der blauen Plaste-Spielzeug-Schippe,
von der eigentlich erst am Ende der Ballade gesagt wird, dass sie blau ist,
und in der Überschrift habe ich es jetzt natürlich aus Versehen auch verraten

 

Oben auf dem Wellenkamme
treibt ganz unbeachtet
eine Plastespielzeug-Schippe.
Hat ein Buddler sie verloren,
der am Strand die Burgen bastelt,
oder war es Luzifer?

’s wirkt, als wollt die Spielzeug-Schippe
ganz allein die Ostsee leeren,
doch um dieses anzustellen,
müsst die täglich Millionen Kubikmeter sie irgendwohin tun.

Wohin soll das ganze Wasser,
das du aus der Ostsee schippest?
Haben doch gar keinen Platz,
hier bei uns in Ostberlin.

Sieh, da stehen Wohnungen,
mit zweiäugigen Menschen
diese wären redlich traurig,
müssten sie im Wasser leben,
gar mit Fischen, die du nicht
begnadigtest bei der Aktion.
Sag, ach Schippe, sag, wieso
willst du uns so streng bestrafen?

Auch bedenk, dass wenn du die
Ostsee leergeschippet hast,
nebenan die Nordsee lauert,
die uns fleißig aushilft schon.

Denn die Nord- und Ostsee sind
keine Seen, wie man glaubt,
zwischen „dem See“ und „der See“
gibt es einen Unterschied.

Der ist mehr als nur grammatisch,
er besteht aus Salz,
welches drin ist in der einen,
in dem andern jedoch nicht.

Was ich jedoch sagen möchte,
dass das Wasser nachfließt, denn
es gibt eine Querverbindung
zwischen diesen zwei Gewässern.

Vielerorts wird ja behauptet,
dass die Ostsee schöner sei.
Das mag stimmen, aber ich
hab ein Gegenargument:

Gastronomisch sind die Ossis
nach wie vor sehr ungelenk.
Jeder Gast, so scheint’s in Stralsund
ist bloß eine Zumutung.

Und die Wellen sind natürlich
höher in der Nordsee, weil
sie ist näher am Atlantik,
was sich hier bemerkbar macht.

Doch was seh ich! Immer höher
steigt der Wellenkamm mit Schippe,
und es scheint, als wollt sie bauen
Hochhäuser aus Wasser.

Sag, wie soll ein Haus aus Wasser,
denn sich halten, wenn es flüssig,
selbst die Welle ist bewegt,
„Stabil“ – ein Fremdwort hier im Meer.

Doch ich weiß, all dieses Denken
kommt nur aus der Phantasie
unsres Dichters, der hier ganz allein
eine Schipp erspähet hat.

Dies bedenkend schwamm behend
ich zurück zum Strande gleich,
wo auf mich Luzifer wartet,
der die Schipp verlor vor Zeiten.

Tränen standen auf der Wange,
seines teuflischen Gesichts,
falls man dieses krüpplicht Etwas
Gesicht zu nennen sich befleißigt.

Doch sein Leid, auch wenn es teuflisch,
ja es dauerte mich sehr,
und so lud ich, wie zum Troste,
ihn zum Seehechtessen ein.

Doch im Restaurant in Stralsund war,
wie ich unbewusst schon ahnte,
die Bedienung unfreundlich,
weshalb wir nach Hause gingen.

„Nach Hause“ heißt für Luzifer
freilich „Hölle“ – selber Schuld,
denn wenn er damals nicht den lieben
Gott beleidigt hätte, ach ja ja.

Und so trennten sich die Wege
zwischen mir und dem Gehörnten,
„Vielleicht sieht man sich mal wieder“,
sagten wir und lachten grob.

Als ich dann am späten Abend,
meine Türe aufschloss, war mir,
als vernahm ich Stimmen, die
zu mir sprachen, und ich sah.

Eine Blaue Plasteschippe,
völlig unbenutzt und neu,
die sich auf dem Nachttisch von
meiner Frau bequemte.

Leise betete ich noch
zu dem lieben Gotte, der
uns beschirmet Tag und Nacht,
auch wenn ich nicht daran glaubte.

So wie Sie nicht daran glauben,
dass dies alles wahr sein soll,
doch dann ham Sie Pech gehabt.

(C) Dan Richter

zurück