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Die Rache des Jahres
oder
Genevieves Ende

Live-Aufnahme der Geschichte zum Mithören (mp3)

Das Jahr 2005 lag im Sterben, es guckte sich um, und niemand bemerkte es. Alle waren noch mit dem Weihnachtsgeschenke-Ausprobieren beschäftigt und als sie damit fertig waren und alles bei Ebay verramscht hatten, bereiteten sie schon die Beerdigungsfeier für 2005 vor, indem sie Knaller und Raketen kauften. Aber das Jahr sagte: „Äh, hallo? Ich bin ja wohl noch hier, oder wie oder was? Was soll’n dis? Kann mich mal bitte jemand zur Kenntnis nehmen? Ich existiere doch heute, hier und jetzt, da brauche ich so was wie Jahresrückblicke überhaupt nicht. Mein lieber Herr Gesangsverein, wenn ihr dis nicht anders haben könnt, bitte schön!“
Und zur Strafe ließ das Jahr 2005 noch mal richtig ordentlich den Schnee auf die Erde prasseln bzw. auf unsere Köpfe und Häuser, die wir Menschen uns zum Drinwohnen gebaut haben. In einem dieser Häuser wohnt Heiko. Er hat nicht aufgepasst, was draußen geschah, weil er immer mit zuen Vorhängen schläft. Ich weiß nicht, was er verbirgt, wie soll ich es auch wissen, wenn er immer die Vorhänge zuzieht, mir ist es egal, soll jeder machen, wie er es für richtig hält. Gibt ja kein Gesetz, wo drinsteht, dass man jeden in sein Kabüffchen gucken lassen muss. Zum Glück sind diese graufarbenen Stasi-Zeiten schon seit ein paar Monaten over. Heiko hat nur Halbschuhe an und einen Dackel, der morgens immer an einen der acht zur Verfügung stehenden Bäume kotet. Einmal den Häuserblock rauf und wieder runter, darin liegt Heikos Verantwortung für Genevieve. Sie wundern sich beide, als sie den Schnee sehen, der alles zugemacht hat. Die Schneeschippleute sind nicht hinterhergekommen mit ihren Schaufeln und Sandstreumaschinen. Kaum hatten sie einen Straßenzug abgearbeitet, hatte jemand hinter ihnen wieder alles nachgefüllt. Sie wussten nicht, dass es das Jahr 2005 persönlich war, das ihnen hier verschmitzt einen Stri-Stra-Streich spielte. Darum nahmen sie die Sache unglaublich persönlich und sagten „Wir Schneeschippleute haben keine Lust mehr, allen andern den Schnee hinterherzuräumen. Wer sind wir denn? Was solln dis? Ich lass doch meinen Schnee auch nicht irgendwo rumliegen. Wir Schneeschippleute sind doch nicht die Melkkühe der Nation.“
Da hatten sie recht, die Schneeschippleute, wenn auch eine Redewendung in den falschen Hals gekriegt. Denn die Melkkühe der Nation waren ja wohl eindeutig die Bayern. Und die Landwirte, die Unternehmer, die Pharmaindustrie, der Mittelstand, der Verbraucher, der Staat, vor allem aber, und das vergessen die meisten ja, waren die Melkkühe selber die Melkkühe der Nation. Nur hatten sie keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Sie standen da in ihrem Vogelbaue.. äh Kuhkäfig mit angelegten Gummischläuchen an der Mutterbrust, wo die Milch durchgezutscht wurde, bis die Kuh abstirbt und eine neue die alte ersetzt. Wir Milchtrinker am anderen Ende der Leitung merken das gar nicht, wenn eine Kuh mal gestorben ist. Wir denken, die Milch ist immer ein und dieselbe, so wie ein Legostein dem anderen gleicht. Aber nein! Das ist nicht wahr! Die Kühe sind tot! Alle! Mausetot. Sie recken ihre Kufen in die Höhe und sagen nicht mehr Ja und Amen. Die Milch, die ihr trinkt oder aufschäumt, ist von anderen Kühen! Sie haben einfach neue hingestellt und keine Sau hat es bemerkt! Warum steht das nicht in der Zeitung? Stattdessen steht drin, das Klaus Töpfer jetzt doch nicht Spitzenkandidat der Berliner CDU wird. Was hatten die denn erwartet? Dass der sich sagt, ach UNO-Umweltchef war ja schön und gut, jetzt reizt es mich aber, mal so ein Amt zu übernehmen, mit dem man nur Pluspunkte machen kann. Die Berliner CDU ist bekanntlich ein Landesverband mit einer Strahlkraft, die über die Bundesrepublik hinausgeht. Diepgen – ein Mann mit Visionen, die vom Zehlendorfer Tischtennis-Club bis zum Kudamm reichten. Auch als Bürgermeister kann man heutzutage nur Sympathiepunkte sammeln im großen russischen Spar-Roulette, wem gehen wir als erstes an die Millionen? Den zigtausenden Millionären, mit denen Berlin so gesegnet ist? Oder den Kitas, den Opern, den Unis oder den Hundebesitzern?
Heiko, der Hundebesitzer, stand jedenfalls mit Genevieve, dem angeleinten Dackeltier vor der Haustür und der Hund war auf einmal weg. Untergegangen im 40 Zentimeter tiefen Schnee. Von der anderen Straßenseite sah es so aus, als hielte er nur eine Leine in der Hand. Genevieve selber versuchte die Nerven zu behalten, denn über ihr hatte sich die Schneedecke zugetan und es war ihr, als würde das Universum mit ihr ein neues Spiel spielen. Sie versuchte loszulatschen, was nicht klappte, Schnee zu schwer, Beine zu kurz. Sie wartete auf Anweisungen. Dann spürte sie um ihren Hals ein Würgen.
Oberhalb des Schnees guckte Heiko genervt in die Weltgeschichte. Er hatte eine fast zuende gerauchte Zigarette in seiner mit einem ekligen Schnurrbart verunstalteten Fresse: „Los!“ Er zog an der Hundestrippe. Aber Genevieve kam so schnell nicht nach, was, wie ich bereits allen außer Heiko verraten habe, an der mangelnden Dackelbeinkraft lag. Aber er zog wie ein Idiot, so dass sich aus der Vogelperspektive, die eine etwaige Meise oder ein anderer Singvogel, der im Winter nicht nach Afrika weggeht, einnimmt, folgendes Bild ergibt: Ein dicker schwarzer Fleck mit glühendem kleinen Punkt hat eine Strippe, die er hinter sich herschleift. Dieses Bild ist nicht sehr aussagekräftig, wenn man mehr über Genevieve erfahren will. Dazu muss man wieder abtauchen in die Froschperspektive, die ein etwaiger Frosch in der Simon-Dach-Straße hätte, wäre er beim Überqueren des Moorgebiets vom Schnee überrascht worden, wir gehen mal der Einfachheit halber davon aus, dass die Simon-Dach-Straße ein Moorgebiet ist. Ist sie aber nicht. Es gibt keinen Frosch. Auch keinen „etwaigen“. Und so sieht keiner, dass Genevieve, als Heiko sie an ihren Stammabkackbaum gelotst hat, schon zu Tode stranguliert worden ist. Das alte Jahr hat ein Opfer gefunden, es reibt sich schadenfroh die Hände und legt sich zum Sterben ins gemachte Nest. Aber für uns gibt es keinen Grund zum Jubeln, denn Heiko wird sich nächste Woche ein neues Kacktier für die Bäume in der Simon-Dach-Straße kaufen.

(C) Dan Richter

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