
1976
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Eine
Mutter zu haben, die in den 60ern den Beruf der Frisöse gelernt
hat, kann für einen jungen Menschen nachhaltige Schäden
bedeuten. Wenn außerdem die betreffende Mutter den Beruf
eigentlich nur gelernt hat, um 60er-Jahre-Frauen die Haare zu
toupieren, dennoch aber glaubt, ihr Handwerk an allen Menschen ihrer
Umgebung ausüben zu müssen, und zwar auch noch Jahrzehnte
später, wenn sie diesen Beruf gar nicht mehr ausübt, wenn man
der Gerechtigkeit halber auch noch hinzufügen muss, dass sie
diesen Beruf in der DDR gelernt hat, einem Land, dessen
Coiffeurkünste zu Recht nicht über die Grenze von Oder und
Elbe hinausgedrungen sind, dann wird man zugeben müssen, dass die
Kosten, die zur professionellen Behebung der psychischen Traumata, die
der Sohn einer solchen Frau im Laufe seiner Kindheit und Jugend
davontragen musste, genügen werden, um das Sozial- und
Gesundheitssystems der Bundesrepublik Deutschland zum Einsturz zu
bringen.
Bis heute streitet meine Mutter ab, an der Verkrüppelung des
linken Ohres meines Vaters Schuld zu tragen. Jedes Jahr höre ich
die Geschichte in zwei Versionen. Am Geburtstag meines Vaters ist die
Rede davon, wie sie, während des Haarschneidens aus dem Fenster
sah. Meine Mutter hingegen berichtet Jahr für Jahr an ihrem
eigenen Ehrentag: „Aber da hätte doch Blut fließen
müssen.“ Das ist weniger eine Geschichtsversion als ein Argument,
ein Verteidigungsargument zumal, schwach hervorgebracht und schwach
ausgearbeitet. Das linke Ohr meines Vaters ist ein stiller Zeuge der
Anklage. Wer zweifelt an den traurigen Blicken eines misshandelten
Krüppels, der in den Zeugenstand gerufen wird!
Ich liebte, seit ich mich erinnern kann, meine halblangen Haare. Sie
abzuschneiden war jedes Mal ein Horror für mich, zumal ich mir
nicht sicher war, dass meine Mutter nicht nur an dem Krüppelohr,
sondern auch an der Glatze meines Vaters nicht ganz unschuldig war. Als
sie dann eines Tages, ich war nicht älter als zehn, freudig beim
Haareschneiden bemerkte: „Aaaaah! Du hast ja hier hinten auch schon
eine kleine Stelle“, war ich mir sicher, dass angesichts ihrer ewigen
Befummelei meine Haare früher oder später Reißaus
nehmen würden.
Und das taten sie schließlich auch. Ich war einundzwanzig, als
mir meine Schwester den Rat gab, ich solle mir meine Geheimratsecken
ausrasieren, denn erst durch die Rasur, würde das an dieser Stelle
ausfallende Haar zum Bleiben genötigt. Es war keine leichte
Entscheidung: Ignorierte ich ihren Rat, bekäme ich eventuell
früher oder später Geheimratsecken. Rasierte ich mir die
Geheimratsecken, dann hätte ich schon im Alter von einundzwanzig
Geheimratsecken, wenn auch künstliche, da ausrasierte. Und selbst
dann gab es ja keine Garantie dafür, dass das Rasieren
überhaupt hülfe. In dem Falle hätte ich schon mit
einundzwanzig Geheimratsecken und trüge sie bis an mein
Lebensende. Darüber hinaus stellte sich natürlich die Frage,
warum meine Schwester ausgerechnet mir diesen Ratschlag gab. Hatte ich
etwa schon Geheimratsecken? Dann würde das Rasieren der kahlen
Stellen wohl auch nichts nutzen, oder hat man je davon gehört,
dass das Herumschaben auf nackter Haut den Haarwuchs provoziere. Ich
prüfte im Spiegel nach: Na ja – eine hohe Stirn und etwas
dünne Haare. Seitdem schaue ich nur noch selten in den Spiegel, um
dieses Selbstimage zu behalten. Wenn ich doch mal gezwungen werde, in
den Spiegel zu schauen, dann schiebe ich mein zunehmend
zerknautschteres Gesicht darauf, dass ich in der letzten Nacht schlecht
geschlafen habe, wobei ich zugeben muss, dass ich seit meinem 25.
Lebensjahr immer in der Nacht vorm In-den-Spiegel-sehen schlecht
schlafe.
Die fehlenden Haare denke ich mir meistens dazu. Ich weiß – weder
Haarausfall an sich noch eine Glatze sind wirklich lächerlich.
Bruce Willis ist der bestbezahlte Schauspieler Hollywoods. Schlimm sind
nur Ex-Hippies wie Hermann Van Veen, Udo Lindenberg, Gerhard
Schöne oder Phil Collins, die sich einen Dummer-August-Kranz
stehen lassen. Ganz zu schweigen von den legendären alten Herren,
die sich ihr eines, an der linken gebliebenes Haar mehrmals im Kreis
über ihre Glatze legen, um damit Haarfülle zu suggerieren.
Höchst seltsam erscheint mir, dass jedes meiner ausgefallenen
Kopfhaare eine Reinkarnation als Brusthaar durchzumachen scheint. Seit
meinem 30. Lebensjahr brauche ich jedenfalls im Winter keine
Wollpullover mehr. Die Brusthaare drängeln sich so dermaßen
dicht nebeneinander, dass die neuen auf die billigen Plätze auf
der Schulter verwiesen werden. Der allerneuste Trend unter Brusthaaren
scheint inzwischen zu sein, sich auf meinem Rücken anzusiedeln, wo
sie eigentlich gar nichts zu tun haben. Aber ich habe Geduld und bin
großzügig, denn ich weiß ganz genau – irgendwann
werden sie den Hals besiedeln, und dann werde ich sie mir lang wachsen
lassen und schön im Scheitel über den Kopf kämmen.
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1979
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