Sounds fürs Herz nach Mitternacht - HASS&GEWALT zu Gast beim Deutschlandfunk Anmerkung

 

 

- Meine Damen und Herren, herzlich willkommen bei Sounds fürs Herz nach Mitternacht, der Sendung für neue Klänge. Meine Name ist Reinhard von Steinhagen. Heute Abend bei uns der Kopf eines avantgardistischen Ensembles, das in der musikalischen Szene schon lange kein No Name mehr ist. Das neue Album „Saufen mit…“ von HASS & GEWALT, eine dieser Überbands in Sachen Deutschpunk, STOSSTRUPP meets BLASENSCHWÄCHE, SPAETZLEDRECK, KOMMANDO VOLLSAUFEN oder EXKREMENTBETON. Ich begrüße hier bei uns im Studio Uwe Chaos!

- (rülpst)

- Uwe, ich habe mich natürlich persönlich sehr gefreut, nach so langer Zeit mal wieder eines jener Werke in den Händen zu halten, das wieder völlig neue Maßstäbe setzt. Und wieder ist euch der Spagat gelungen zwischen musikalischem Neuland einerseits und popkultureller Zugänglichkeit andererseits, Eingängliches und Verstörendes, Tanzbares und Nachdenkliches. Wie lange arbeitet ihr an diesem Konzept? Wie lange schreibt ihr an diesen großartigen Songs? Wie viel Zeit arbeitet ihr im Studio, bis der Sound so stimmt, dass jeder von euch befriedigt ist und sagt; „Ja, das ist jetzt das Werk, so wie wir es haben wollen?“

- Naja, meistens gehen Horst Hass und Altbier erstma in Probenraum und dreschen so rhythmusgruppenmäßig rum. Und wenn Bier seine Gitarre nich grad wieder verlorn hat, dann schrabbelt der eben was dazu. Und die Texte... äh weiß nich, die mach ich eben.

- Ja, die Texte. Ich muss sagen, eine solche Radikalität der jungen Lyrik gab es sicherlich seit Brechts Hauspostille nicht mehr. Da haben wir z.B. den Song...

- Seit wem?

- Seit Brechts Hauspostille. Egal. Da haben wir also z.B. den Song „Scheiße“, indem heißt es im Refrain: „Ich scheiß auf das Geld/Ich scheiß auf die ganze Welt./Scheiße, Scheiße, Scheiße/Alles ist so Scheiße.“ Wie hier der spätbürgerliche Nihilismus selbstironisch aufs Korn genommen wird, das hat es so noch nicht gegeben. Der Bruch des Versmaßes gerade im Refrain – ist das nicht ein gewisses Aufbegehren gegen zu leichtes Hinhören, gegen allzuleichtes Mitsingen? Gegen die Vereinnahmung durch das Easy-Listening-Establishment.

- Wat? Äh, ja.

- Ein Track, der mich dann doch sehr verwundert hat, vielleicht gerade weil er beinahe zum Tanzen einlädt, ist „Dosenbier“. Harmonisch geradezu provokativ auf reduziert auf die legendäre Drei-Akkord-Harmonik des Punks, ganz eindeutig Hardcore-Pogo-Anklänge. Ich möchte sagen, es ist schon so dreist eindeutig, dass man es gar nicht wagt, zu dieser Musik zu tanzen, weil man befürchten müsste, das Pogo-Schema würde gebrochen. Das wird es dann aber überraschenderweise gar nicht. Der Hörer wird in seiner Ratlosigkeit fast alleingelassen, hilflos in der Eindeutigkeit, gefangen im Kosmos der scheinbaren Klarheit, und dazu ein Echo wie aus dem 20. Jahrhundert. „Dosenbier. Ich saufe gern Bier. Dosenbier. Bier in der Möse. Dosenbier. Oi! Dosenbier Oi!“ Wolltet ihr eure Hörer hier ganz bewusst mal aus der Reserve locken? Eure Fans gar verschrecken.

- Wieso, unsre Fans finden dis geil.

- Hahaha. Ja. Meine Damen und Herren an den Radiogeräten daheim, sie hören es selbst die Atmosphäre hier im Rundfunkhaus ist selbst zu dieser späten Stunde aufgelockert. Uwe Chaos präsentiert sich, ganz das eigene Klischee parodierend hier in einem Look, der die Elemente der eigenen Vergangenheit parodiert, Iro, Lederjacke, Anarchisten-A, ganz so, als hätte es die Neunziger Jahre nie gegeben. Und selbst das Dosenbier darf nicht fehlen. Ich möchte fast sagen, Hass & Gewalt haben sich bei aller Reflexion und Komplexität der Selbst- und Fremdreferentialität eine Nonchalance erhalten, die man in der Avantgarde heute nur noch selten findet.

- Wolln wa nich lieber über die Musik sprechen?

- Ja natürlich. Nehmen wir den für meinen Geschmack eckigsten Track eures Albums: „Ohne Bier“. Ein Trommelwirbel, ein Krachen ein Scheppern, dazu virtuose, stellenweise kaum mehr nachvollziehbare Thrash-Soli eures Gitarristen Bier, die innere Verlorenheit des Subjekts stand hier wohl Pate bei der bedrückenden Komposition, die Harmonik ist für Laien überhaupt nur schwer durchschaubar. Der Bass donnert hin und her in chromatischen Läufen zwischen As und D, während die Gitarre, scheinbar verstimmt und asynchron von einem verminderten G7 auf der vierten Stufe hinaufspringt zu einem Akkord, der, ich weiß nicht, ist es ein verminderter h-moll auf der sechsten Stufe, der das G vom vorigen G7 noch liegen lässt?

- Äh, weiß nicht, um die Akkorde kümmert sich Bier, aber der war, glaub ich besoffen an dem Abend.

- Der Text dieser Kanzonette einerseits anklagend, aber eben auch elegisch: „Ohne Bier, ohne Bier! So ’ne Scheiße hier!“ Ist es zu viel, wenn ich hier von einer neuen Innerlichkeit bei Hass&Gewalt spreche, einer neuen Verletzlichkeit?

- Nee.

- Ich muss nun auch auf ein heikles Thema zu sprechen kommen. Einige eurer Kritiker meinen, ihr hättet euch epigonal bei Blasenschwäche und Kommando Vollsaufen bedient. Und natürlich lassen sich einige Parallelen nicht abstreiten – die in Teilen ähnliche Thematik, ich nennen hier nur die paradigmatische Verwendung der Topoi Bier, aber auch die filigrane Behandlung der Hi-Hat, die sich euer Drummer Holger Hass angeblich bei Exkrement Beton abgeschaut haben soll. Und gerade euer Main-Track Hass&GewaltAlcohol zitiert ja nicht allein musikalisch das Neo-Avangarde-Trio Spaetzledreck, sondern knüpft auch an deren textliche Technik der Verbindung von selbstbezüglicher Namensverwendung, dem Thema des Konsumierens sowie dem Ausrufen unverständlicher Vokabeln. Ich zitiere: „Hass&Gewalt Hass&Gewalt, dass sind wir/ Hass&Gewalt Hass&Gewalt brömmlass Bier.“ Was antwortet ihr euren Kritikern?

- rülpst

- Hm. ... Ja, und mit diesen nachdenklichen Worten möchten wir uns bei Ihnen verabschieden. Im Namen des Teams von Sounds fürs Herz nach Mitternacht bedanke ich mich bei Uwe Chaos, und unseren Hörer draußen an den Radioapparaten möchte ich noch einen lyrischen Gruß der Band auf den Weg geben: „Langeweile, Langeweile, Langeweile, ich hab nichts zu tun. Kann den Frust nicht mehr ertragen ahaaaaaaaahaaa. 19 Stunden sind vorbei. Langeweile, Langeweile, Langeweile, ich hab einfach nichts zu tun. Die Langeweile bringt mich um. Ahahaha."

 

*Dieses fiktive Interview entstand nach der Lektüre einer Anzeige in Plastic Bomb für die neue CD von HASS&GEWALT. Die Namen der Bandmitglieder sind echt, ebenso die Song-Zitate, die man auf der myspace-Seite der Band nachhören kann.