Der
Insektengott
oder
Moritat über Tim van
der Örden
frei nach einem Motiv von Edward Gorey

Vor einigen
Jahren, im Städtchen Kapache,
wurde bekannt eine grausige Sache.

Klein Tim war
verschwunden von heute auf morgen.
Nein, von gestern auf heute. Na man machte sich Sorgen.
Die Eltern des kleinen Tim van der Örden
gingen erst zu der Presse, dann zu den Behörden.

Die Herren vom Amt
mit ihren Zylindern
versprachen zwölf Mark etwaigen Findern.
Drauf meldete sich ein verstörtes Muttchen,
das sagte, es habe gesehn grüne Kutschen,
die wurden gezogen von Kamelen, sehr stark.
"In eine stieg Tim ein Her die zwölf Mark!"

"Wohin fuhrn
denn die Kutschen?" "Na in den Wald."
Man gab der Alten das Geld, und schon bald
gingen Gendarmen mit langen Pistolen,
in den Wald, um Klein-Timmi da rauszuholen.
Sie preschten durchs Dickicht, hinab und hinauf,
doch fanden nur Kutschspuren, da gaben sies auf.

Der Vater wurd
grimmig, die Mutter tat weinen.
Schad um den Sohn! Sie hatten nur einen.

Doch euch zu
berichten Timmis ganze Geschicht
Ist des Chronisten heilige Pflicht.
Denn die Alte hatte ein wenig gelogen:
Timmi stieg nicht hinein, sondern wurde gezogen.

Von einem Wesen,
das einer Libelle glich,
nur größer, Timmi wunderte sich.
Sie spie dann auf ihn blaue Gelatine
Ihr Kollege nickte und sah aus wie ne Biene.
Von seinem grünlichen Stachel empfing Timmi den Stich.
Noch mal sich wundern konnte er nich.

Tim war noch nicht
tot, nur nicht mehr bei Sinnen.
Die Kamele zogen die Kutsche von hinnen.
Der Kutscher war auch ein Libellenmann.
Mit einer Peitsche trieb er die Kamele an.

Derweil wurde Tim
in nen Teppich gerollt.
Hätte man ihn gefragt, hätte ers nicht gewollt.

Die Kamele trabten
in großer Hast.
Bald erreichten sie den geschmückten Palast.
Der Turmwächter blies die Trompete aus Kupfer
Er sah aus wie ne Motte, aber hatte so Tupfer.

Das Volk strömte
heraus und alle ließen
die Fühler rotiern, um sich zu begrüßen.
Den Teppich mit Tim trug man dann zum Schafott,
wo er geopfert ward dem Insektengott.

Bilder von Eva Hernández