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Auch als Tier kann man manchmal nur Mutmaßungen anstellen

Live-Aufnahme der Geschichte zum Mithören (mp3)

Vor langer Zeit lebte ein Schneider namens Felipe in einem Palast. Er hatte da nicht immer gelebt. Früher war er ein armer Schneider gewesen, arm nicht etwa, weil er faul gewesen wäre, nein, nein, nein. Vielmehr war er einer der fleißigsten Schneider im gesamten Königreich. Er war einfach total unbegabt. Die Kleider, die unter seiner Hand entstanden, sahen irgendwie zusammengewurschtelt aus. Man konnte sie zwar tragen und sie wärmten auch, aber jeder, der Felipes Klamottentrug, machte sich automatisch zum Gespötte der Dorfsiedlung, und so kam es, dass nur noch die Ärmsten der Armen, Eltern von geistig behinderten Kindern oder freakige Künstler bei ihm Ware bestellten. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, denn er selber hielt sich für geschickt und bezeichnete seine Werke als kubistisch. Auf Dauer half das aber alles nichts, und er musste sich nach einem anderen Broterwerb umschauen.
Und so wurde Felipe Fliegentotklatscher, ein Beruf, den Schneider meistens als zweitbestes können. Wer die Geschichte vom tapferen Schneiderlein kennt, weiß, wovon ich rede.
Er zog also hinaus in die weite Welt, um den Menschen draußen auf dem Lande seine Dienste anzubieten. Immer, wenn er in eine Stadt kam, baute er eine Bühne aus Holz und Pappmaché auf, die Menschen zahlten schön Eintritt, und die Show konnte beginnen. Die Meute johlte, als Felipe auf die Bühne trat. „Felipe, der Fliegentothauer“ stand oben mit einem neongelben Stift angemalt. Dann rief Felipe: „Bringt mir die lästigen Fliegen, und ich mache sie euch tot.“ Die Stadtbewohner strömten nach draußen, um die Fliegen zu fangen, die Felipe dann für sie ermorden sollte. Aber wer schon mal eine Fliege gesehen hat, weiß, dass die wegen ihrer Billardkugelartigen Flugweise völlig unfangbar sind. So dauerte es einen ganzen Tag, und inzwischen baute Felipe den ganzen Kram wieder ab, und machte sich mit dem Eintrittsgeld aus dem Staub.
So lebte er ein schönes Leben. Aber eines fehlte ihm. Jeder, der so viele Jahre mit einem Karren, vor den ein Eselchen gespannt ist, unterwegs war, weiß, worauf ich anspiele: Ein Weib, mit dem man abends, wenn die Sichtverhältnisse so getrübt sind, dass Außenstehende einen nicht mehr so gut erkennen können, die ulkigsten Spielchen treiben kann. Körperöffnungen und Körperausbuchtungen, die so angelegt sind, als seien sie extra füreinander gemacht, werden so benutzt, dass man sie ineinander pfropft und wieder voneinander löst, nur um sofort zum nächsten Spiel überzugehen.
So wurde Schneider Felipe etwas trübselig, und seine kurzen Auftritte verloren etwas von dem Charme seiner früheren Hopsassa-Unbefangenheit. Als er nun wieder mal in eine Stadt kam, in der es wegen der Pest vor Fliegen nur so wimmelte, entdeckte er im Publikum ein Mädchen, das so schön war, wie ein Habicht, wenn er des Abends vom Himmel herabstößt, um ein Mäuschen zu fangen. Das Mäuschen aber kann ihm entwischen in ein Mauseloch, welches zufällig dort an der Stelle von einer anderen Maus gebaut worden ist. Dieses Mauseloch führt in einen tiefen Gang, der in ein regelrechtes Netzwerk von Gängen mündet. Und die Maus denkt noch: „Hä? Ich check’s echt nicht. Sachma, wat wird’n ditte, wenn’s feddee is.?“ Sie verläuft sich fast, doch am Ende des Gangs befindet sich eine große Tür, an der steht: „Hic sunt Leones.“ Sie kann kein Latein, deshalb öffnet sie die Türe. Und geht in den Raum. Es ist sehr hell im Vergleich zu dem Labyrinth, und sie kann erst mal nichts erkennen. Dann sieht sie, was hier los ist. Scheiße! Alles voller schlechtgelaunter Katzen. Sie spielen Volleyball in einer eigens dafür gebauten Katzenvolleyballhalle. Der Untergrund ist aber nicht aus glattem Parkett, weil die Katze da auf ihren Krallen wegrutschen würden. Obwohl – sie könnten die auch einziehen – das wusste der Architekt nicht, deshalb ist der Untergrund aus Fell.

Ironischerweise Katzenfell. Die Katzen wissen es nicht, aber der Geruch des Katzenfells verursacht vermutlich die schlechte Laune in ihrem Gehirn. Sie sind sehr in ihr Spiel vertieft, und deswegen hat die Maus noch eine Chance abzuhauen. Die Tür zum Gang geht leider von innen nicht zu öffnen, deshalb versucht sie, woanders rauszugehen. Da sieht sie eine Öffnung. Zack! Rein. Es sind die Umkleidekabinen für die Sportler. In der einen Manteltasche versteckt sich die Maus. Sie hat keine Ahnung, dass es der Mantel einer dieser Katzen von vorhin ist. Deswegen macht sie ein Nickerchen. Als sie wieder aufwacht, wartet die Katze mit ihrer Sporttasche an der Bushaltestelle. Die Maus traut sich nicht abzuhauen. Der Bus fährt los bis zur Endhaltestelle, und die Maus hat keine Ahnung, wo sie sind. Erst als die Katze schlafen geht, springt sie aus dem Mantel raus, und sieht, dass das kein gewöhnliches Haus ist, sondern eine gigantische Villa, sie braucht drei Wochen, um all die Zimmer zu erkunden. Im ersten Stock wohnt die Dienerschaft, im zweiten Stock die Gäste, im dritten Stock die Kinder, im vierten Stock andere Verwandte der Familie, und ganz oben schließlich wohnt der Eigentümer dieses Palastes – Felipe, der untalentierte Schneider mit seiner eleganten Frau. Die Maus hat keine Ahnung, warum ein Schneider der Hausherr eines so dermaßen prächtigen Palastes ist und über eine derart anmutige Bettpartnerin verfügt. Sie kann nur Mutmaßungen anstellen.

(C) Dan Richter

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