Und über die Gentrifizierung Steglitz' redet wieder keiner

 

Vor Kurzem musste ich feststellen, dass ich noch nie am Rathaus-Steglitz war. 20 Jahre Maueröffnung, und ich hatte immer gedacht: "Rathaus Steglitz? Das guckste dir irgendwann auch mal an, kann ja so cremig nicht sein." Ein Gedanke, der irgendwann umgeschlagen sein muss in "Rathaus Steglitz? Kenn ich schon. Ist nicht so cremig." Und nun verschlug mich aber nach Rathaus Steglitz der Umstand, dass sich dorten das einzig ökologisch korrekte Kaufhaus weit aber auch breit befindet.
Ich benötigte a) einen neuen Laptop-Rucksack und b) ein Jäcklein, denn das meinige war bereits durch das andauernde Scheuern meines aktuellen Rucksacks dermaßen fadenscheinig geworden, dass man an den wenigen Tagen, da ich ohne Rucksack herumspaziere, etwa bei Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten und Kanufahrten, bereits durch das Jäcklein mein unterm Jäcklein befindliches Hemdlein zu erspähen vermag, falls man darauf achtet. Nun befürchtete ich, dass, wenn das so weiterginge, auch mein Hemdlein auf der Rückseite durchgescheuert würde, danach auch meine Rückenhaut und schließlich meine Wirbelsäule. aber ich hatte durch andauernde Aufmerksamkeit im Biologie-Unterricht in Erfahrung gebracht: Ohne Wirbelsäule ist man zu vielerlei Handlungen nur noch eingeschränkt in der Lage. Hier eine Liste solcher Handlungen, die natürlich Anspruch auf Unvollständigkeit erhebt:
1. sich beim Zehennägellackieren bücken
2. sich beim Zehennägellackieren anderer Personen bücken
3. sich beim Fingernägellackieren bücken
4. sich beim Fußbodenlackieren bücken
5. sich für Fußbodenlackierer bücken
6. sich, wenn man aus dem Fischgeschäft mit einem mit Fischen überladenen Korb die Straße betritt, wegen eines aus jenem Korb herausgefallenen Bücklings bücken.
So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Und um der Welt einen guten Dienst zu erweisen, entschied ich: Mein Rücken wird fürderhin von einem Öko-Jäcklein behütet. Dieser Gedanke war nicht ganz uneigennützig. Ich spekulierte nämlich darauf, dass wenn in 100 Jahren die Erde doch noch mal gerade so am ökologischen Kollaps vorbeigeschrammt ist, der eine oder andere sich das Kinn kratzen und dabei sinnend murmeln wird: "Mein lieber Schwan, das ist ja gerade noch mal gut gegangen. Und ein bisschen haben wir das auch jenem Weisen namens Dan Richter zu verdanken, der sich damals im Jahre 2010 entschied, ein paar Euros mehr auf den Tresen zu stapeln, um der Umwelt, und damit uns Nachgeborenen einen Gefallen zu erweisen.
Und so geschah es, dass ich Bahnhof Rathaus Steglitz ausstieg und dachte: "Hä? Kiekma an! Hier war ich ja doch noch nicht." Ich beschloss, diesen Stadtteil so zu betrachten, als sei ich Gast in einer fremden Stadt, sagen wir Karlsruhe. Menschen in Cafés, Geschäftigkeit auf den Straßen, da ein Springbrunnen, in dem Kinder planschten, eine Militärparade zog vorbei, deren Teilnehmer lustige Fantasie-Uniformen trugen, ein Pferdegespann zog eine lamettabehangene kutsche aus Gras, fünf Cadillacs brausten vorbei. Rikscha-Kulis lächelten beflissen, und ein nervöser Business-Mann verzehrte am Imbiss-Stand einen Döner aus Flamingofleisch. Zumindest wirkte Steglitz so, wenn ich ab und zu die Augen schloss.
Das Ökokaufhaus vollbrachte das Kunststück, gleichzeitig einen bescheidenen, aber auch einen vollgepfropften Eindruck zu hinterlassen. Nicht nur Modekleidung für ältliche Rentnerinnen wurde im ersten Stock feilgeboten, auch bunte Tücher in allen Farben, Hauptsache Orange. Da gab es Strickgebömmsel aller Art und undefinierbarer Funktion, aber auch Damen, die bereit waren, mehrere Scheine für solch Strickgebömmsel auszugeben, obwohl sie bereits Strickgebömmsel trugen. In den anderen Stockwerken wurden auch Schuhe, CDs und Kerzen feilgeboten. Ich wollte nicht dööfer erscheinen als ich war, und so fragte ich lieber nicht, was an den CDs öko war. Die Bücher-Etage hatte einen großen Bereich Esoterik, aber auch die Genres Spiritualität, Selbstfindung, Sexualität und Hokuspokus wurden abgedeckt. Auf den Bestsellertischen lagen nebeneinander: "Die weiße Massai", "Die Löwenfrau", "Starke Frauen des 20. Jahrhunderts", "Schamaninnen in Europa", "Hildegard von Bingen - eine Frau ihrer Zeit", "Frau sein und trotzdem Sex haben", "Tarot für Kinder", "Das Tao der Sexualität" und "Der Dalai Lama - eine starke Frau".
In der Kleidungs-Etage wähnte ich mich meinem Ziel nahe, doch man beäugte mich scheel, als ich mich durch die Bereiche Umhänge, Kleider, Röcke, Miederwaren und Dessous schob, bis ich schließlich in der Männerabteilung landete, einer Art Abstellkammer, in der man von einem höflichen Herrn bedient wird, der sich nervös umschaut. Wahrscheinlich nimmt er hier am Programm "Arbeit statt Strafe" teil. Die Auswahl hier ist, ich sag mal, beschränkt. Hauptlieferant: Camel. dafür hab ich doch nicht mit dem Rauchen aufgehört.
Jacken für Männer gibt es, wie in anderen Kaufhäusern auch, genau drei Sorten:
1. Jacken, die so aussehen, als seien sie Sakkos
2. Windjacken für alte Männer
3. Jacken, mit denen man eine mehrmonatige Wanderung durch Himalaya, Sahara, Antarktis, Mogadischu, Kundus und Rocky Mountains überlebt. Sie haben ca. 37 Taschen, so dass sich das Mitführen von Gepäck erübrigt. Reißverschlüsse sind an Stellen angebracht, wo man nur ranmuss, wenn man gerade mit einer Hand an einem Felsvorsprung hängt. Dann öffnet man mit der anderen in aller Ruhe den Reißverschluss unter der Achsel, und schon kommt ein karabinerbestücktes Seil herausgerollert, das sich an den dafür vorgesehenen Felsteilen festzurrt, mehrere Haken schrappen heraus und eine Truppe Scherpas, die für einen sicheren Aufstieg unabdingbar sind.


Zum Glück hatte auch dieser Scherpa einen Reißverschluss an der richtigen Stelle

Ich fühlte mich überfordert, wechselte das Kaufhaus und kaufte ein T-Shirt. Konventionell. Nicht öko. So werden wir wohl nie die Welt retten.