Die Nuance eines Vorwurfs nicht völlig verbergend
Den ganzen Nachmittag über hatte ich, durch meine schöne Lupe guckend, antike Zeitschriftenausschnitte betrachtet, wo zu kleine Fotos sich drauf befanden, deren Menschen mit unbewaffnetem Auge nicht zu identifizieren gewesen wären. Ich schnitt sie mit einer absichtlich groß gewählten Raufasertapetenschere aus, um sie in mein „Menschen in ulkigen Körperhaltungen“ betiteltes Album einzupappen. Sie machten einen guten Eindruck, fast einen zu guten, doch da klingelte schon das Telefon am anderen Ende des kreisrunden Saals, den ich bewohnte. Auf sprang ich und joggte zum Telefonhörer, den ich alsbald von der Gabel entfernte, um „Hallo, mit wem spreche ich?“ hineinzudeklamieren. Es war Pater Figus am anderen Ende des Telefonkabels, welcher mir in sanftem Tone antwortete, er böte mir – die Jahreszeit hieß by the way gerade Herbst – ein wenig Sanddorn-Honig an, den er sich in seiner spärlich bemessenen Freiheit zurechtgeimkert hatte. Ich tat ihm meine Bejahung kund und eilte, nachdem ich Pinzette, Schere und Alben schön an jenen Platz geräumt hatte, wohin sie gehörten – nämlich in die Ausschneidekammer – den Mantel angezogen und die Sportstiefel gesenkelt hatte, in enormem Tempo zu dem weißen Mercedes Benz, wo sich bereits ein Chauffeur sich für mich bereitgehalten hatte, und ließ mich von diesem Taxifahrer in die dazugehörige Straße kutschieren, wobei ich mir mit einem meiner Hundert-Euro-Scheine frische Luft zufächelte, denn die Sonne war trotz des Herbstes immer noch sehr stickigkeitsfördernd. Doch gerade als wir ins Pfarrer-Viertel einbogen, schoss ein Insekt durch das spalthaft geöffnete Taxitürenfenster. Eine Hornisse.
Im letzten Moment hatte ich noch versucht, die Automatiktür
hochzufahren, indem ich mich zu dem Taxifahrer hessischer Herkunft
beugte und ihm ins Gesteuere griff. Hoch-runter-hoch-runter. Man kann
sagen, wir stritten uns. Doch obsiegte ich im letzten Augenblick. Das
Fenster schloss sich, aber anstatt die Hornisse zu guillotinieren, wie
es meine Absicht gewesen, klemmte ich ihr lediglich die große Zehe ab,
was ihre Wut verachtfachte. Bekanntlich töten sieben Pferde eine
Hornisse, doch Pferde waren nicht zur Hand, wodurch eine
Gefahrenabwendung nicht gewährleistet war. Sie stach mich mit aller
Wucht in den Adamsapfel, der sogleich auf Maiskolbengröße anschwoll. Und
da die Hornisse nun kein Gift mehr in ihrem Beutel bereithielt entfernte
ich ihr mit meiner Zweitpinzette die Augen, wodurch sie ihre
Orientierung verlor, und ich sie mit bloßen Händen erwürgen konnte.
Strafe muss sein. Doch kaum war das letzte Stündlein der
Hornissenkönigin vorbei, drohte auch ich qua Erstickungstod aus dem
Leben gepellt zu werden. Die Vorteile mobilelektronischen Kommunizierens
nutzend, benachrichtigte der Taxifahrer seinen Berufsvetter – den
flinken Krankenwagenschaffner. Scheinbar flink nur, wie wir ½ Stunde
später bemerkten. Ich kam nicht umhin, über diese kuriose Situation
trotz meines inzwischen auf Volleyballgröße angeschwollenen Kropfes
ausgiebig zu schmunzeln. Um den groben Fehler ihrer eigenen Langsamkeit
selbständig auszutilgen, riefen die Krankenwagenfahrer nun ihrerseits
einen Hubschrauber hervor, der kurze Zeit später wie ein Prahlhans eine
Wolke von oben zerschrappte und mich verlud, denn inzwischen musste ich
waagerecht bleiben wie ein Fisch, denn ich war verletzt am Hals. Sie
duckten sich vorschriftsmäßig alle unterm Helikopter, um nicht von
seinen oben befestigten Latten angezutscht zu werden. Dort im
Notarztzimmer des Hubschraubers zog man mir zunächst den Stachel mit
einer Rohrzange aus der zu Sitzballgröße angeschwollenen Gurgel, wodurch
jedoch das Blut aus dem Loch sprudelte. Und notdürftig mit einem Korken
verstopfte der Herr Doktor es. Zu diesem Zwecke verließ er die
Behandlungskabine des Hubschraubers, mit dem wir uns inzwischen hoch
über meiner Heimatstadt befanden, ging eine Treppe hinab und holte aus
dem Keller einen Bordeaux Château de Clerc 1986er. Der billigste. aber
Hauptsache Korken, kein Drehverschluss. Blitzartig schrumpelte auch die
Geschwulst zu einer Erbsenform. Ich war geheilt. Zufrieden lächelte der
Notarzt über beide Backen, wusch sich die Hände am gegenüberliegenden
Waschbecken und öffnete hernach die Balkonflügeltüre. Aus einem edlen
Kästchen pflückte er eine Zigarre, und gemeinsam betraten wir die
Terrasse, von der aus wir sein Anwesen überblicken konnten, welches aus
einer geschmackvollen Kombi aus Hyazinthenbeeten und Walnussbaumwäldchen
bestand. Ein Dalmatinerpärchen scharwenzelte um seine Beine und in der
Ferne konnte man sein blondes Töchterlein beim Ponydressieren
beobachten. Zufrieden hielten wir ein Nickerchen auf dem von einem
russischen Butler aufgebockten Liegestühlen, wobei mir Doktor zur
Roggenlohe im Wegdösen erotische Vierzeiler von Walt Whitman rezitierte.
Als wir am nächsten Morgen erwachten landeten wir gleich nach dem
Nussbrei-Frühstück, das uns von der freundlichen Bordcrew gereicht
wurde, sanft auf dem Hofe des Pfarrer Figus, der mir, ohne die Nuance
eines Vorwurfs völlig verbergen zu können, zwei Gläser meines geliebten
Sanddornhonigs aushändigte.