Gedanken zu Improvisation und Improtheater
August 2005
| Juli Juni |
1.8.05 Unterrichten III "Eine der
bemerkenswertesten Dinge, die ich je gesehen habe, war, dass der Lehrer
nach der Szene die Schüler aufforderte, drei Dinge zu nennen, die sie
an der Szene mochten. (...) Im Verlauf des Unterrichts bemerkten sie
ihre eigenen Tendenzen selbst, anstatt jemand anderen für sich denken
zu lassen. (...) Danach folgte meist die Frage: 'Und warum hat das so
funktioniert?', was das Verstehen des Prozesses beförderte."
Funny Games VI Trotz allem kann man von
der gestern untergegangenen Trash-Bühne "O-Ton Ute" lernen:
2.8.05 Johnstone Das am meisten
unterschätzte Buch des Improtheater ist wahrscheinlich
"Theaterspiele" von Keith Johnstone. In der Regel wird es von
Improspielern gekauft, die hoffen, eine Art Kompendium an lustigen neuen
Spiele für Proben und Szenen zu finden. Dass das Buch etwas unklar
strukturiert ist, macht die Sache nicht einfacher. Wer aber sich einfach
darauf einlässt, dem eröffnet Johnstone seine ganze Philosophie des
leichten Miteinander-Improvisierens. Dass er das anhand von bestimmten
Spielen, die er zu einem bestimmten Zeitpunkt für sinnvoll gehalten
hat, und aus der Perspektive des Theatersport tut, ist nur zweitrangig. Keith
Johnstone: "Theaterspiele. Spontaneität, Improvisation und die
Kunst des Geschichtenerzählens"
3.8.05 Triff eine Entscheidung
über deine Augen
4.8.05 Improvisation versus Komposition Versuche, den Autor A. von
der Faszination der Improvisation zu überzeugen, was eigentlich
gelingen müsste, denn er selbst verfasst seine Texte oft in einer Art
improvisatorischen Rausch, den er auf der Lesebühne quasi fürs
Publikum nachvollziehbar reproduziert. A.: "Wenn es also gute
Szenen oder Stücke im Improtheater gibt, dann könnte man sie doch auch
niederschreiben und wiederaufführen. Oder man könnte auch einfach das
Stück spielen, ohne dem Publikum zu sagen, dass das soeben Aufgeführte
improvisiert ist."
5.8.05 Dunkeltheater und physisches Agieren Dass man aus dem
physischen Gestus heraus Inspiration für sich und den Mitspieler
gewinnen kann, ist den meisten Impro-Schauspielern in Fleisch und Blut
übergegangen, besonders wenn sie nach Spolin oder Johnstone trainiert
sind.
6.8.05 Storytelling vs. Im-Moment-Sein So recht gelingt es Randy Dixon in seinem Buch "Im Moment" nicht, den wichtigen Knackpunkt hervorzuheben (obgleich er ihn durchaus umkreist): Wie können wir gute Geschichten erzählen, wenn wir aus dem Moment heraus agieren sollen und nicht vorausplanen dürfen? Muss man etwa jedes Mal abwägen? Die Kunst besteht am Ende darin, Storytelling so lange zu trainieren, bis einem das Gefühl für dramatische Wendungen ins Blut gegangen ist, so dass man gar nicht mehr überlegen muss und sich voll auf den Moment einlassen kann.
7.8.05 Ideen Ideen zählen
nicht. In der Kunst nicht, und in der Improvisation schon gar nicht.
Unter den großen Künstlern findet man kaum einen der wirklich auf
seine Ideen stolz ist. Ideen kann jeder haben, die Umsetzung ist
es, was zählt. Man möge sich als Gefäß Gottes verstehen.
8.8.05 Naturalismus und Improvisation "... so ist es möglicherweise
besser, wenn ein begabter Schauspieler, der sich mitten in der Stimmung
und der Situation befindet, dies improvisiert, als dass es der Autor
festlegt, der nicht im voraus abschätzen kann, wie viel und wie lange
geplaudert werden darf, bis das Publikum aus der Illusion geweckt wird.
Bekanntlich ist das italienische Theater an gewissen Bühnen
zur Improvisation zurückgekehrt und hat dadurch dichtende Schauspieler
geschaffen, allerdings im Sinne des Autors. Dies mag ein Fortschritt
oder eine neue, keimende Kunstart sein, bei der man von schöpferischer
Kunst sprechen kann. Wo der Monolog wieder unwahrscheinlich werden könnte,
habe ich zur Pantomime gegriffen, und da lasse ich dem Schauspieler noch
mehr Freiheit, zu dichten - und, auf sich gestellt, Ehre zu erringen."
9.8.05 Das Gute im Schlechten Wahre Freiheit
und Größe im improvisatorischen Schaffen zeigt sich beim Spiel mit
anderen. Und am härtesten wird sie auf die Probe gestellt, wenn man mit
richtig schlechten Spielern zusammenspielt. Für gewöhnlich fallen
Spieler dann in eine der beiden Strategien:
10.8.05 Radio-Improvisation Der
"Ohrenzeuge" wird abgeschaltet. Sechs (?) Jahre nach seiner
Erfindung dreht der Potsdamer Sender Radio Fritz einer äußerst
originellen und beliebten Sendung den Saft ab. War das ursprüngliche
Format noch ein reiner Wer-war's-Krimi, so brachte die Sprecherin Ramona
Krönke Leben die bis dato etwas nach Sherlock Holmes' gemütlichem
Tabakrauch miefende Bude. Wer nun anrief, sollte nicht nur die
Detektivin Cleo beraten oder Tips geben. Man wurde vielmehr in die Story
einbezogen und durfte verdächtige Personen live interviewen. Die
größte Leistung Krönkes ist es aber immer gewesen, die Anrufer (und
somit auch die Zuhörer) in ihre räumliche Welt einzubeziehen. Man
sprang mit ihr über Mauern, durchschwamm gefährliche Flüsse,
durchstöberte Direktoren-Büros. Sie schaffte es tatsächlich, jeden in
diese Raummagie einzubinden. Wenn dann wieder ein aufgeregter
Zwölfjähriger Sven aus Cottbus anrief: "Ich weiß, warum der
Hausmeister weggerannt ist, ich weiß es!", dann schaffte sie es
dennoch, ihn in die Welt der Cleo zu ziehen. Niemand konnte sich dem
entziehen: "Na, guck doch mal, was da auf dem Stuhl liegt!"
Man musste mitspielen: "Oh mein Gott! Das Foto!"
11.8.05 Schimpanse Echo Udo
Tiffert referiert bei der "Chaussee
der Enthusiasten" über das vor allem in Krimis angewandte
"Schimpanse-Echo-Prinzip". Dabei geht es im Wesentlichen
darum, das einem einfachen Satz mit einer Wiederholung von Satzelementen
geantwortet wird. Bei den Trash-Theater-Serien, die ich für die "Chaussee der Enthusiasten" geschrieben habe, hatte ich bald bemerkt, dass die Verständlichkeit litt: durch die schlechte Akustik, das vernuschelte Sprechen der Kollegen, den Alkoholpegel der Zuschauer. So baute ich dieses Prinzip ein, ohne davon zu wissen. Am erfolgreichsten dann, ha ha, bei der Krimiserie - Kommissar Mörharts letzter Fall. In Improszenen führt es allerdings auch schnell zu Trash. Udo Tifferts Text: Das Schimpanse-Echo-Prinzip. Nachtrag: In einer Mail klärt Udo, dass er das Prinzip selbst so getauft hat. Das magere Ergebnis beim Googeln hatte mich schon stutzig gemacht.
12.8.05 Authentizität II Sinn von Authentizität Brauchen wir überhaupt Authentizität beim Improtheater, wo wir doch ständig in fremde Rollen schlüpfen? Ja, ja, ja.
13.8.05 Authentizität III Was bedeutet Authentizität? Authentizität ist innere und äußere Wahrhaftigkeit. Es heißt also nicht unbedingt, einfach so zu sein, wie man im Alltag auch ist, denn auch im Alltag spielen wir ja oft unsere kleinen Rollen. Authentizität muss unter Umständen auch erst einmal freigeschaufelt werden. Für die Bühne bedeutet das, dass wir alle Äußerlichkeiten ablegen, die uns daran hindern, mit unserem inneren Fluss frei strömen zu lassen, z.B. sprachliche und physische Albernheiten, sprachliche und physische Koketterien. Es bedeutet aber auch, die innere Barrieren und Ängste abzubauen, insbesondere die latente Angst, vom Publikum nicht gemocht zu werden, nicht das Recht zu haben, auf der Bühne zu stehen und gehört und gesehen zu werden. Authentizität heißt aber nicht, sich gehen zu lassen. Auf der Bühne stehen wir vor der seltsamen Aufgabe, eine außeralltägliche Situation mit alltäglicher Selbstverständlichkeit zu meistern. Das bedeutet aber nicht, dass man sich Unarten gestatten sollte. Wenn wir Respekt erwarten, schulden wir auch dem Publikum Respekt. Es genügt nicht, etwas zu sagen zu haben, man muss es auch kommunizieren, d.h. sich des Gegenübers bewusst zu sein. Der kürzeste Weg, um diese Binsenweisheit zu zitieren, ist das Lächeln. Das Lächeln nützt uns aber nicht, wenn wir es nur aufsetzen (grinsen), wir müssen es auch meinen. Wie kann ich aber mein Lächeln meinen, wenn ich mich vor dem Auftritt über einen Kollegen geärgert habe, wenn in der ersten Reihe zwei grimmige Zuschauer sitzen, wenn ich heute früh meine Bankkarte verloren habe? Es ist letztlich die Frage, auf was ich mich konzentriere. Um in den Beispielen zu bleiben: Ich konzentriere mich darauf, dass ich mit dem Kollegen, der da im Backstage gerade pampig war, doch eigentlich gerne auf der Bühne stehe, dass die zwei grimmig blickenden Zuschauer vielleicht Magenschmerzen haben und es ja noch neunzig freundlich blickende Zuschauer gibt, dass ich meine Bankkarte ja auch nicht durch Ärger wiederfinde, sondern immerhin einen schönen Abend auf der Bühne verbringen kann. Authentizität darf also nicht als Rechtfertigung für Unarten genommen werden ("So bin ich eben.") Es hilft, sich diese Unarten als Hindernisse zu unserem wahren Selbst vorzustellen: Wir sind nicht dazu geboren, beim Sprechen mit anderen auf die Erde zu starren, mit den Armen zu fuchteln, krumm zu gehen, mürrisch zu sein, zu nuscheln usw. Es ist eher umgekehrt: Gerade sich von den liebgewordenen Macken, die Außenstehende vielleicht sogar als "typisch" empfinden, zu befreien ist der Weg zu echter Authentizität. Und schließlich: Authentizität bedeutet nicht Humorlosigkeit. Heitere Gelassenheit tröstet uns immer wieder über unsere Unzulänglichkeiten und die der bösen, bösen Welt.
14.8.05 Hingabe Je stärker wir
das Gefühl haben, wir wüssten, was geschehen wird, schließen wir uns
in die Zukunft ein und schirmen uns von wesentlichen Überraschungen ab.
Hingabe bedeutet, eine lockere Einstellung zum Nicht-Wissen, die genährt
wird von dem Mysterium der Momente, die so zuverlässig überraschend
und allezeit frisch sind.
15.8.05 Künstlerischer Austausch Interview mit dem Jazz-Keyboarder Joe Zawinul in der taz. taz: "Sie sind
1959 nach New York gezogen. (...) Es heißt, Sie hätten im Birdland
gewohnt - ein Manhattaner Jazzclub und zugleich das Epizentrum des
Bebop." Einen derartigen Austausch
und künstlerische Auseinandersetzung gibt es auf jeden Fall bei den
Lesebühnen: 1) durch das Grundkonzept der verschiedenen Autoren, 2)
durch die Politik des gegenseitigen Einladens, und durch den Umstand,
dass einige Bühnen magnetische Treffpunkte sind, vor allem das Kantinenlesen,
früher, z.T. auch noch heute die Reformbühne.
16.8.05 Unterrichten IV F.T.
bemängelte meinen Hang, beim Anleiten Szenen zu unterbrechen. Ich sehe
das allerdings nicht als Nachteil. Mit Spolin und Johnstone sehe ich
mich auch in guter Gesellschaft, auch wenn viele andere Lehrer Impro in
Kuschel-Workshops unterrichten. Stephen Book gab das Beispiel vom
Fußballtrainer, der am Rande steht und Anweisungen ruft. Egal, ob man
sie akustisch oder inhaltlich versteht, man muss weiterspielen. Und
genau so soll auch der Schauspieler seinen "Acting Focus" (Spolin)
beibehalten.
17.8.05 Scheitern "The
model actor-improviser at Second City is someone who will have the
attitude of, "Sure, I'll try it," and, if it falls on its ass,
will say, "Sure, I'll try it again." Someone who will boldly
and fearlessly go into the unknown and see what happens."
18.8.05 Funny Games VII Man
braucht sich das Spiel gar nicht, wie Johnstone es vorschlägt,
vorzunehmen. "Finde das Spiel der Szene", sagen Randy Dixon
und Del Close. Denn das Spiel liegt meistens schon nach wenigen
Augenblicken in der Luft. Das erfordert natürlich eine spezielle
Wachheit. Aber hat man es ein paar mal gemacht, ist es dann ganz
offensichtlich, dass fast jeder Zug ein Spiel in sich birgt. Einfache
Spiele, die man fast schon automatisch praktiziert, sind Spiegel-Spiele,
Status-Spiele, Wiederhol-Spiele, Überbietungs-Spiele. In "Truth in
Comedy" erinnert sich Howard Johnson an eine Szene auf der Basis
des Vorschlags "Bier". Ein Budweiser-Marketing-Team wird
etabliert, das sich überlegt, eine Sportsmannschaft zu sponsern. Im
Verlauf der Szene gehen die Helden durch Räume voller Bier und benennen
die Sorten, ohne dass der Name Budweiser fällt: Alle Mitspieler
erkannten also das Spiel "Ignoriere Budweiser". Huizinga
hält den Spielsinn des Menschen essentiell. Der Mensch ist bei sich,
wenn er spielt. Wir müssen nur auf diesen Sinn hören. Wir dürfen
nicht "Vorgaben erfüllen" wollen, sondern müssen spielen
wollen.
19.8.05 Surrealistische Impro Nach 20
Jahren noch einmal den Dalí-Buñuel Film "Ein andalusischer
Hund" gesehen und mich sehr gut amüsiert. Jedes Mal, wenn man
glaubt, die Situation deuten zu können, kippt die Sache wieder um.
Amüsant vor allem dadurch, dass die Schauspieler sehr emotional spielen
und dadurch das Gefühl wach halten, es habe eben doch etwas zu
bedeuten. Szenentechnisch haben sie es ganz einfach umgesetzt: Immer
nach ungefähr einer Minute gibt es einen Sprung: des Ortes, der
Perspektive, der zwischenmenschlichen Situation, der Umdeutung von
Requisiten, Personen, Raum und Zeit.
20.8.05 Aktives Zuschauen Randy
Dixon sagte auf einem Workshop (sinngemäß): "Die Ideen für
Langformen kommen mir nicht in Workshops oder am Schreibtisch, sondern
im Zuschauerraum. Ich sehe eine Show und denke, da müsste man
weiter dran arbeiten."
21.8.05 Improvisation als Materialsuche Bei
Second City diente Improvisation seit
jeher als Mittel um Ideen für Sketche zu finden, die dann in der
Samstagabend-Show verfeinert aufgeführt werden. Manche Szenen, die
heute aufgeführt werden, stammen z.T. noch aus den 60er/70er Jahren.
Fast erscheint das als Geiz. Dabei könnten sie doch mit guten Szenen um
sich werfen. Der spontan entstehende Witz ist doch fast immer besser als
der zum zwanzigsten Mal aufgewärmte.
22.8.05 Technisches Können Auch in "Schauspielen.
Handbuch der Schauspiel-Ausbildung" (Hg. Ebert/Penka) wird
Improvisation nur als Mittel gesehen, um dem Schauspieler ein Instrument
zur Figurenerschaffung und zum Erarbeiten von Rollen in die Hand zu
geben. Der Improvisation als solcher vertrauen die kaum oder gar nicht.
Es ist die Haltung des alten Schauspiellehrers, die daraus spricht: Er
weiß, wie es geht und sieht in den Schauspiel-Studenten nur formbares
Material. So kann man kaum Vertrauen in die Improvisation als solche
entwickeln. Selbstverständlich brauche ich Technik und Übung, aber
wenn man bei Künstlern vergleicht, was ihnen mehr fehlt: a) Technik
oder b) Mut zu freiem Spiel, so ist es in der Regel zweites.
Konflikt Einige
Vorübungen in "Schauspielen.
Handbuch der Schauspieler-Ausbildung" beschreibt Gerhard Ebert
sogar ganz gut (Zug um Zug, Spiegeln usw.). Doch wenn es zu
Partner-Improvisationen kommt, wird es trocken und flach, und man riecht
förmlich den Staub des freudlosen Übungsraums. Zu einer Grundsituation
sollen "Einfälle" produziert werden. Das Ergebnis ist dann
natürlich Originalitätssucht oder Negativität.
23.8.05 Vertrauen in die freie Improvisation Noch einmal Gerhard Ebert. Es ist erstaunlich, wie wenig dieser alte Schauspielhase der freien Improvisation vertraut. Dass Improvisation zu mehr nütze sein könnte, als zur Material- und Figurenentwicklung, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Freilich liegt das auch an der Art, wie er Improvisation dem eigenen Beschreiben nach unterrichtet, offenbar unterdrückt er jegliche Impulsivität (spricht die ganze Zeit von "Einfällen"), verstärkt das Negative (Konflikt/Streit), statt eine positive Spontaneität zu fördern, die den Schauspieler aber auch gleichzeitig zum Autor und Regisseur werden lässt. "Es ist nötig, die
Improvisation in der Schauspielkunst klar von der des Alltags zu
unterscheiden. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird unter Improvisation
landläufig verstanden: etwas ohne Vorbereitung spontan tun. Übersehen
wird jedoch meist, dass das spontane Handeln auch im Alltag nicht
absolut unvorbereitet, sozusagen aus leerem Kopf geschieht, sondern
stets abhängig ist von der konkreten Lebenssituation und von der
geistigen Position und auch Kapazität desjenigen, der sich zu spontanem
Handeln veranlasst sieht. Dabei wird nichts abgebildet. Es ist daher
reine Scharlatanerie und geht noch hinter den Normalfall des Alltags
zurück, in der Ausbildung Spieleinfälle improvisieren zu lassen, die
der Student ohne jede Vorgabe aus dem Nichts heraus erspielt. Da kommt
nichts weiter zustande als psychodramatische Nabelschau." Natürlich soll das Spiel nicht hirnlos sein. Aber: Das wird es auch gar nicht, wenn wir wirklich spontan sind. Entscheidend ist die spontane, wahrhaftige Reaktion auf die (Bühnen-)Umwelt, den Mitspieler und schließlich den eigenen Körper. Und jeder, der gute, freie Improvisation gesehen hat, wird bestätigen, dass dabei wesentlich mehr als "psychodramatische Nabelschau" zustande kommt - im besten Fall Poesie.
24.8.05 Eignungstests an der Schauspielschule "Ernst Busch" "Wir
suchen bei jedem Bewerber die Fähigkeit, eine Situation und ihre
Vorgänge spielen zu können. Dabei ist uns zunächst gleichgültig, ob
das durch Hineinversetzen oder Nachahmen oder Demonstrieren
geschieht."
Hineinversetzen, Nachahmen oder Demonstrieren Am besten natürlich alle drei Dinge und noch mehr. Dann wird die Diskussion, ob man den gemimten "Frosch in der Hand" wirklich sieht oder nicht, müßig. Die Brecht/Stanislawski-Debatte, der Hickhack um Method-Acting usw. usf. relativieren sich, wenn man Schauspiel als eine komplexe Kunst versteht, die nicht auf eine dieser drei Dinge reduziert werden kann. Der bloße Hineinversetzer wird durch die eigenen Emotionen fortgetragen. (Ein Schauspieler darf z.B. nicht wirklich traurig sein, sich ekeln oder über die eigene komische Rolle lachen). Der Nachahmer reduziert Schauspiel auf (vielleicht sogar gekonnte) Parodie, aber die Tiefe der Figur und der Sinn bleiben verschlossen - sowohl für den Spieler als auch für den Zuschauer. Der Demonstrierer verfügt vielleicht über den nötigen Intellekt, das Gespielte einzuordnen und zu relativieren, bleibt aber emotional oberflächlich - man glaubt ihm nicht. Brecht schaute sich ja das Demonstrieren von Valentin ab, der als Komiker seinem Publikum immer wieder die Fassadenhaftigkeit des Theaterraumes und das Verhalten seiner Figuren in "fremden" Zusammenhängen zeigte.
25.8.05 Der Wert des Aufmerksamseins Die
Qualität des Lebens steht immer im Verhältnis zu der Fähigkeit,
Freude zu empfinden. Die Fähigkeit, Freude zu empfinden, ist das
Geschenk, das man erhält, wenn man aufmerksam ist.
xxx wer
auf den zehen steht, steht nicht sicher
26.8.05 Authentizität IV Wahrhaftigkeit auf der Bühne ist natürlich nicht eine abstrakte ethische Forderung. Ganz pragmatisch gesagt: Je wahrhaftiger das Gezeigte, um so stärker die Komik (und ggf. auch die Tragik).
Authentizität V Wahrhaftigkeit sollte auch auf die szenische Form einwirken. Das ist beim gegenwärtigen Improtheater zumindest in den Kurzformen wahrscheinlich utopisch, aber bei guten Harolds habe ich es schon gesehen: Das Bemühen, eine szenische Form für das Darzustellende zu finden, das nicht bloß irgendwie ausgefüllt wird, sondern sich organisch ergibt.
27.8.05 Kommunikation mit dem Publikum M.F.
schlägt vor, nach einem längeren Anfangsgespräch mit dem Publikum die
Show als Ganzes ohne weitere Unterbrechung durchzuspielen, inklusive
Games usw. C.B. dagegen, gerade die Kommunikation sei als Feedback
dazwischen immer wieder nötig.
28.8.05 Langform Die mir bisher angenehmste Langform habe ich bei den "Gorillas" gesehen. Sie hieß "Das große Nichts". Es beginnt mit einem lockeren Gespräch zwischen Spielern und Publikum, bei dem nicht etwa "Vorschläge" oder "Vorgaben" erfragt wurden, sondern das besprochen wurde, was in der Luft lag: "Oh, Sie haben Blumen dabei. Wie kommt denn das?" usw. Dafür nahmen sich die fünf Spieler ca. 10 Minuten Zeit. In der folgenden Langform verknüpften sie die Elemente der Gespräche zu mehreren Szenen, die wiederum miteinander locker verknüpft waren.
29.8.05 xxx Soll man sich an dich als Gutes-Ermöglicher oder Schlechtes-Verhinderer erinnern?
30.8.05 Jazz "Beim
Spielen hat man keine Zeit zurückzuschauen, objektiv zu sein - denn du
spielst ja. Manchmal fragen mich Leute: 'Woran denkst du, wenn du
spielst?' Ich denke an überhaupt nichts. Ich lasse meinen Geist leer,
damit ich spielen kann."
31.8.05 Stephen Book über die Voraussetzungen eines Impro-Workshops
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Dan Richter