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Gedanken zu Improvisation und Improtheater

Juli 2005

Juni

1.7.05

Funny Games IV

"Meine Spiele sind mehr als bloß ein Haufen Übungen. Richtig angewendet sind sie ein Lernsystem, das die intuitive Kraft des Einzelnen erreichen und sein Genie freisetzen kann."
(Viola Spolin in Janet Coleman: "The Compass. The Improvisational Theatre That Revolutionized American Comedy")

 

2.7.05

Moderation im Dunkeln

Glücklicherweise fällt mir das Anmoderieren im Dunkeltheater von Mal zu Mal leichter. Selbst wenn einige ordinäre Frauen-Grüppchen oder vorlaute Witzbolde im Publikum sitzen.
Es hilft, sich vorzustellen, es sei alles ein großer Spaß (was es ja dann auch ist).

  • nicht zu sehr auf die "witzigen", unsachlichen Zwischenrufe eingehen, denn die kommen in der Regel von Witzbolden und bringen uns nicht voran. Wenn man darauf eingeht, dann möglichst nicht inhaltlich.

  • nicht sagen, wie lange es dauern wird,

  • Scherze nicht runterrattern,

  • keine Insidergags und keine zu anspruchsvollen Scherze.

  • immer wieder: Publikum an die Hand nehmen.

  • Klarheit des sprachlichen Gestus (dann kann man sich sogar versprechen, ohne dass es auffällt)

 

Charakterarbeit II

C. versucht auf der Probe eine Figur, "die von jedem geliebt wird". Schnell stellt sich heraus, dass man die Figur so anlegen muss, dass sie selbst die Liebe ausstrahlt. Einfache Logik. Schwer umzusetzen.
"And in the end, the love you take is equal to the love you made."

 

3.7.05

Unterrichten III

Beim Unterrichten bevorzuge ich das Bild des Basketballteams. Alle müssen

  • in ständiger Bereitschaft sein, den "Ball" (d.h. das Angebot) zugespielt zu bekommen

  • jederzeit bereit sein, den "Ball" weiterzuspielen, d.h. fortführende Angebote machen ("Yes, and..") und dafür wachsam sein, dass der Ball auch aufgefangen werden kann

  • sich als Team verstehen: Nur gemeinsam schaffen wir es.

  • hellwach bleiben, um zu lernen oder jederzeit einzuspringen. Das gilt besonders auch für die Spieler auf der "Reservebank", d.h. Zuschauende im Workshop oder im Off stehende Mitspieler. 

 

4.7.05

Löcher

Oft stehen Spieler einfach nur auf der Bühne rum, verziehen sich an den hinteren oder seitlichen Rand der Bühne.
Als Improspieler brauchen wir jedoch permanente Spielbereitschaft. Das heißt:
- ständige Bereitschaft, auf die Bühne zu gehen
- Bereitschaft zu definieren, zu etablieren, zu behaupten
- Bereitschaft, das Spiel mitzuspielen
- Bereitschaft zu akzeptieren
Fehlt diese Spielbereitschaft entstehen „Löcher“. Als Zuschauer hat man das Gefühl, die Spieler wüssten nicht, was sie da tun. Im schlimmsten Fall kommunizieren die Spieler, dass es ihnen unangenehm ist, auf der Bühne zu stehen.

Es geht nicht darum, ob eine Szene langsam oder schnell gespielt wird. Man sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, dass langsame Szenen eine ganz besondere Portion der inneren Spannung brauchen, die sogenannte inner action (Viola Spolin). Auch wenn man gemeinsam den Ort, die Handlung, die Personen usw. definiert, muss dem Spiel selbst eine Kraft innewohnen, die kommuniziert, dass jeder weiß, was er tut.
- Klarheit der Gesten
- Klarheit der Handlungen
- und vor allem Kraft der Emotion

Die Bereitschaft, das Spiel des anderen mitzuspielen, führt im besten Falle zum kinetischen Tanz. Ein Spielzug ergibt automatisch den nächsten, eben so wie bei einem gemeinsamen Tanz.

Mitspielbereitschaft bedeutet nicht Lauerhaltung. Genau so, wie ich mitspiele, muss ich auch jederzeit bereit sein zu definieren, den ersten Satz zu sagen, das erste (vielleicht blinde) Angebot zu machen.

Je größer meine Mitspielbereitschaft ist, um so stärker bin ich mit meinem Focus am Spielgeschehen, und zwar auch als Spieler, der gerade nicht auf der Szene ist, so wie ein Basketballspieler, der jederzeit eingewechselt werden kann. Und in dieser Mitspielerhaltung, bin ich auch bereit, jedes Angebot zu akzeptieren, auf jedes in der Luft liegende Spiel einzusteigen usw.

 

Namen

Propeller Berlin

Die Kolibris

Die Bö.

 

5.7.05

Publikumsbindung

Wollte heute Abend zur Impro-Show der Gruppe "..." gehen, und habe es dann doch nicht getan. Warum nicht? Dachte erst, wegen dem Regen. Aber in Wahrheit, weil ich nichts wirklich Neues erwartet habe.
Das also ist entscheidend, um Publikum dauerhaft zu binden: immer neu, immer frisch bleiben, selbst auf Entdeckungsreise gehen. Höre nicht auf die erhitzten Zuschauer, die dir sagen, wie witzig dieses oder jenes Game war. Ich komme nur dann wirklich wieder, wenn ich nicht gelangweilt werde. Die Spieler sollen etwas riskieren - in der Art wie sie spielen, Geschichten erzählen, wie sie auftreten usw.

 

Es ist nur Rock'n'Roll

Rolling Stones: "Paint It Black", "Jumpin' Jack Flash" und "Satisfaction" sind von der Gruppe als Improvisationen entstanden.

 

6.7.05

Impro-Shows als Sensation?

Als ich vor einer Weile S.K. davon erzählte, dass wir mit unseren Impro-Shows in Schwaben recht erfolgreich gewesen wären, meinte er mit spöttelndem Unterton: "Ach, die kann man auch noch damit beeindrucken, dass man auf der Bühne auch improvisieren kann."
Trotz der Unverschämtheit dieses Statements und dem Umstand, dass S.K. noch nie eine Show von uns gesehen hat, trifft er damit natürlich einen wunden Punkt: Impro-Theater präsentiert sich fast überall in Deutschland als Sensation, ähnlich wie es Zauberer tun. Man muss sich also nicht wundern, wenn das Publikum entsprechend skeptisch ist und dahinter den Trick sucht. Oder wenn die Zuschauer schnell ausbleiben, weil sie glauben, schon alles zu kennen. (Einen Zauberer guckt man sich ja auch nicht zweimal an.)
Besser also: Improtheater als normale Form der Bühnenunterhaltung zu etablieren und nicht so ein Bohei draus zu machen.

 

7.7.05

Schaffens-Blockaden

Sowohl zu wenig als auch zu viel Auseinandersetzung mit der Materie kann zu Blockaden führen.
Zu wenig? Man muss im Schreibfluss bleiben, um den Geist wachzuhalten, das Schaffen nicht abreißen zu lassen usw. Man muss die Spielroutine am Laufen halten, um nicht zu erlahmen.
Zu viel? Wenn ich wieder und wieder an der selben Stelle arbeite, verliert meine Arbeit ihre Effizienz und ihre Frische. "La siesta, mindfully employed and gainfully enjoyed, can be a powerful instrument of spiritual awakening. Perhaps the most radical sociopolitical invention oft the past four thousand years was the sabbath." (Stephen Nachmaovitch: Free Play. Improvisation in Life and Art"
Gerade für uns Freischaffende ist es so schwierig, sich wirklich freie Tage zu reservieren, an denen man nicht mit Schreiben, Organisieren usw. beschäftigt ist, sondern bewusst (und ohne schlechtem Gewissen!) ruht. Wenn man es aber tut, dann ist der Schaffensdrang danach um so größer. 

 

8.7.05

Falle des Theatersport

An einem Abend der Improgruppe G. sprang X von Theatersport ein. Er wirkte wie ein Fremdkörper in der an sich recht sensiblen Show. Fast alle seine (in der Regel sehr eitlen) Spielzüge waren davon geleitet, ob das jetzt einen Gag bringt. Kein Gespür für längere Fäden.
Verdirbt Theatersport den Impro-Charakter?

 

9.7.05

Bühnenwirkung

Intensität zwischen Improspielern entsteht zweifellos durch Augenkontakt. Allerdings scheinen die Spieler im Allgemeinen die Wirkung nach außen überzubewerten. Zwei Figuren, die sich ansehen, haben nach außen wenig Wirkung. Im Gegensatz dazu: Eine Figur, die von der anderen angestarrt (oder auch angehimmelt, beäugt usw.) wird und selbst Richtung Publikum blickt.
Andererseits wirkt der Blick ins Publikum oft eitel und aufgesetzt. Hier eine gute Balance zu finden ist eine schwere Aufgabe.

 

10.7.05

Schlüsse

Gestern Solo-Improvisation beim Kantinenlesen (Zettelgeschichte). Sieben Minuten lang sehr gut. Dann ein kleiner Moment des Unkonzentriertseins, ein allzu billiger Gag, und die Wirkung war hin. Die letzten drei Minuten nur noch ausgetrudelt. Das Ende finden ist doch immer wieder schwer in der Improvisation.

 

11.7.05

Das Ego

In der Improvisation liegen alle Hürden, Klippen und Chancen des künstlerischen Schaffens offen. So auch die Eitelkeit des Künstlers. Wird im arrangierten Musikstück oder im geschriebenen Theaterstück das Ego des aufführenden Künstlers durch die Noten bzw. den Text gebändigt, müssen sich die Mitspieler bei der Live-Improvisation auf die Disziplin und die Unterordnung des Egos unter das Gesamtwerk verlassen können. Das gilt im übrigen auch für Soloimprovisationen.
Die Falle, in die der Impro-Spieler dabei so leicht tappt liegt darin, dass das Publikum egoistische Solo-Aktionen oft honoriert und den Spieler dann hinterher auch noch lobt.
Im modernen Jazz geben sie ja dem Ego bekanntlich dadurch Zucker, dass sie (oft völlig überflüssig) jedem Spieler sein Solo zubilligen. Die Zuhörer klatschen, nächstes Solo.
Beim Impro-Theater braucht der Spieler die Sensibilität des Autors, des Dramaturgen und des Regisseurs. Wenn du gerade nicht gebraucht wirst, dann halt die Klappe, geh von der Bühne. Bill Murray, war ein ganz großartiger "Unterstützer" im Second City Theater. Sehr bescheiden und stets im Dienst der Szene, und deswegen bei seinen Mitspielern beliebt.
(Halpern/Close: "Truth in Comedy")
Das Lob der Zuschauer trügt oft bei der Improvisation. Höre genau hin, wofür sie dich loben. Für deine Witzigkeit? Dann hast du bestimmt was falsch gemacht. Zuverlässiger ist das Feedback der Mitspieler. 

 

12.7.05

Charakter und Story I

Wieder eine Probe mit Fokus auf Charakter/Figur. Je schärfer die Figur konturiert ist, umso leichter lässt sie sich anspielen. Die Szenen entstehen quasi von selbst, ohne dass man an irgendwelche Strukturen, "Heldenreisen" usw. in Betracht ziehen muss.
In unserer Probe umreißt M. in einem Monolog plus Interview einen skrupellosen Karrieretypen. In den anschließenden Szenen spielen wir ihn einerseits so an, dass er diese Figur in all ihrer Härte zeigen kann (z.B. die unterstellte Mitarbeiterin). Andererseits so, dass er selbst berührt wird (z.B. wenn der Arzt ihm etwas Schlimmes zu sagen hat, wenn eine Katze überfahren wird usw.)
Dann will ich Gunter Lösel doch noch mal loben für die scharfe Betonung des "Story durch Charakter".

 

Charakter und Story II

"Der Name der Rose" und "Schatzinsel" sind praktisch durch Figurenlisten entstanden.

 

13.7.05

Improtheater heute

Man muss es wohl so deutlich sagen: Das heutige Improtheater befindet sich noch im Kleinkindstadium. Von den tausenden Gruppen, die sich einfach mal austoben wollen, will ich gar nicht sprechen. Auch die am weitesten fortgeschrittenen Gruppen haben in der Regel wenig zu sagen. Das Beste, was man heute auf Impro-Bühnen sehen kann, sind
- Charakterstudien
- Fantasy-Welten
- Sketch-Comedy
- Melodramen
Dagegen ist gar nichts zu sagen, und die Resultate sind oft atemberaubend.
Es ist spannend, der künstlerischen Entwicklung zu folgen und daran teilzunehmen.
Aber inhaltlich habe ich bisher wenig überzeugendes gesehen. Es muss ja nicht Sendungsbewusstsein sein, was das Ensemble antreibt, aber ein gewisser Spirit, wie er z.T. den Lesebühnen eigen ist, wäre nicht schlecht.
Die künstlerische Intelligenz der Dramatik sollte gepaart sein mit allgemeiner Bildung.


14.7.05

Schlechte Szenen

Der Musiker T. machte es sich zur Gewohnheit, sich bei schlechten Szenen abzuwenden, sein Spiel zu verkürzen, und vor allem Songs nur noch runterzurasseln.
Entweder du spielst mit oder du lässt es bleiben. Auf der Bühne tragen alle die gleiche Verantwortung.

 

15.7.05

Funny Games IV

Der allergrößte Teil der herkömmlichen Impro-Spiele funktioniert im Dunkeltheater nicht. Eigentlich ist das bemerkenswert, da wir hier sehen können, wie stark Improtheater den Fokus auf die gestische Rechtfertigung legt. Selbst der Klassiker "Einwort-Geschichte" verliert im Dunkeln an Komik, da einerseits die Zuhörer merken, dass sie oft genauso schnell sind wie die Spieler, andererseits die Komik des "händeringenden Suchens" nicht zu sehen ist. Im schlimmsten Fall entstehen peinliche Löcher.
Das Berliner Dunkeltheater hat aber ein originäres Dunkelspiel geschaffen. Es heißt "Möp" und ist eine Abwandlung des bekannten Impro-Spiels "Sätze vervollständigen": Die Spieler beginnen die Szene und lassen währenddessen immer wieder Sätze unvollständig. An deren Ende rufen sie "Möp!" - das Zeichen für die Zuschauer, ihre Version reinzurufen. Das Spiel funktioniert am besten, wenn es sehr schnell gespielt wird und man dem Publikum so viel wie möglich Raum gibt, die Geschichte zu beeinflussen.

 

16.7.05

Magie der Improvisation

Über das Entstehen magischer Momente in der Improvisation ein Eintrag im Chicago Improv Network Forum:
The only advice I can give since it is incredibly fleeting is to move and act faster than you can think.


Spiele und bewege dich schneller, als du denken kannst!

Diesen Satz sollte sich jedes Impro-Ensemble als großes Plakat ins Backstage hängen.


Eine kleine Extra-Kuriosität, wie die Schreiberin des Beitrags fortfährt: This is similar to my overwhelming question as to whether or not God (as I see him) thinks anything is funny. Since humor is based on surprise and being omniscent would remove that completely. So on the surface it appears that no... but then I wrestle with the concept of freewill for a while. So at best I come up with the compromise that God chuckles once in a while at unforeseen or inexplicable choices. 
Diese Amis! Warum müssen sie, wenn sie schon an den lieben Gott glauben, so eine kindlich-naive Vorstellung von ihm haben! Dabei liegt die Antwort für alle Religiösen schon auf der Hand: Gott ist das Unvorhergesehene, das Komische.

 

17.7.05

Komödie vs. Tragödie

Woody Allens neuer Film "Melinda und Melinda" ein lockeres elegantes Stückchen, das man gut als Inspiration zu einer Impro-Langform ausbauen könnte: Die Elemente einer wahren Ausgangsgeschichte (die man im Film interessanterweise nicht sieht!) werden unterschiedlich benutzt, und so entsteht eben eine Tragödie und eine Komödie, einfach aus der Rekombination der Motive, Charaktere und Objekte.

 

18.7.05

Beschränkung des Denkens

In every work of genius we recognize our own rejected thoughts; they come back to us with a certain alienated majesty.
(Ralf W. Emerson: "Self- Reliance")

19.7.05

Humor grob und fein

S.Z., der gerade geistig behinderte Jugendliche betreut, berichtet davon, dass er manchmal mit ihnen ins Kino muss. Sie verstehen zwar so gut wie gar nichts von der Geschichte, lachen aber wenn gerülpst oder gefurzt wird. So konnten sie sogar dem Film "Shrek" etwas abgewinnen.
Sind also unwillkürliche Äußerungen sowieso komisch? (Bergsson sprach, glaube ich, davon.) Die berühmte Bananenschale gehört hier auch dazu. Auch die Witze über Sex.
Vielleicht aber auch Improtheater - das unwillkürliche Reagieren auf die Angebote der Partner birgt schon eine gewisse Komik.
Blöd wird es, wenn die Reaktion ausgedacht wirkt oder zu albern oder doof.

 

20.7.05

Ist das wirklich improvisiert?

Nach dem gestrigen Auftritt bei LSD - Liebe Statt Drogen im Zosch fragte einer der Gäste, ob ich mir die Zettel vorher zurechtgelegt hätte. Auch die Eltern von Sp. waren skeptisch.
Das erinnerte mich daran, dass am Tag nach einer Show von Paula P. ein Gespräch zwischen Spieler und Besucher so ablief:
- Das kann ja gar nicht alles improvisiert sein!
- Wieso denn nicht? Natürlich improvisieren wir!
- Aber doch nicht alles!
- Doch. Alles.
- Und die Oper?!
- Auch die Oper.
- Aber ihr kanntet doch den Text!
Ich weiß nicht, ob diese Leute durch schlechte Unterhaltungsshows oder durchs Fernsehen verdorben sind, dass sie überall, wenn es gut läuft, einen Trick dahinter vermuten.
Tatsächlich tricksen ja einige Improspieler. Z.B. bei der TV-Impro "Frei Schnauze", aber das erkennt man dort eben daran, dass es dann schlecht läuft.

 

Schauspielkunst

Auch Shakespeare scheint gelitten haben an den Schauspielern seiner Zeit. Man sollte Schauspieler verpflichten, die Rede Hamlets an den Schauspieler 3. Aufzug, 2. Auftritt, jeden Morgen vor dem Spiegel zu rezitieren.

Seid so gut und haltet die Rede, wie ich sie Euch vorsagte, leicht von der Zunge weg; aber wenn Ihr den Mund so voll nehmt wie viele unsrer Schauspieler, so möchte ich meine Verse ebensogern von dem Ausrufer hören. Sägt auch nicht zuviel mit den Händen durch die Luft, so - sondern behandelt alles gelinde! Denn mitten in dem Strom, Sturm und, wie ich sagen mag, Wirbelwind Eurer Leidenschaft müsst Ihr Euch eine Mäßigung zu eigen machen, die ihr Geschmeidigkeit gibt. O es ärgert mich in der Seele, wenn solch ein handfester, haarbuschiger Geselle eine Leidenschaft in Fetzen, in rechte Lumpen zerreißt, um den Gründlingen im Parterre in die Ohren zu donnern, die meistens von nichts wissen als verworrnen, stummen Pantomimen und Lärm. Ich möchte solch einen Kerl für sein Bramarbasieren prügeln lassen; er herodisiert noch über den Herodes. Ich bitte Euch, vermeidet das!(...)
Seid auch nicht allzu zahm, sondern lasst euer eignes Urteil euren Meister sein: passt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an; wobei ihr sonderlich darauf achten müsst, niemals die Bescheidenheit der Natur zu überschreiten. Denn alles, was so übertrieben wird, ist dem Vorhaben des Schauspiels entgegen, dessen Zweck sowohl anfangs als jetzt war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten; der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild, und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Wird dies nun übertrieben oder zu schwach vorgestellt, so kann es zwar den Unwissenden zum Lachen bringen, aber den Einsichtsvollen muss es verdrießen, und der Tadel von einem solchen muss in eurer Schätzung ein ganzes Schauspielhaus voll von andern überwiegen. O es gibt Schauspieler, die ich habe spielen sehn und von andern preisen hören, und das höchlich, die, gelinde zu sprechen, weder den Ton noch den Gang von Christen, Heiden oder Türken hatten und so stolzierten und blökten, dass ich glaubte, irgendein Handlanger der Natur hätte Menschen gemacht und sie wären ihm nicht geraten: so abscheulich ahmten sie die Menschheit nach. (...) Und die bei euch die Narren spielen, lasst sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht; denn es gibt ihrer, die selbst lachen, um einen Haufen alberne Zuschauer zum Lachen zu bringen, wenn auch zu derselben Zeit irgendein notwendiger Punkt des Stückes zu erwägen ist. Das ist schändlich und beweist einen jämmerlichen Ehrgeiz an dem Narren, der es tut. Geht, macht euch fertig!

 

21.7.05

Ist das wirklich improvisiert? (II)

Nun fragt sogar M.E., ob ich nicht bei der Zettelimprovisation ein paar kleine Tricks auf Lager habe, die Zettel sortiere, einen kurzen Blick drauf werfe, Standardformulierungen vorbereitet habe usw. Dabei wird er mir ja vertrauen. Also wird es wohl doch auch ein wenig an der Art der Präsentation liegen. Es kömmt darauf an, jegliche Art von Sensationsgehabe aus der Darstellung zu nehmen und tatsächlich jede noch so kleine Sache offenzulegen.

 

22.7.05

Impro-Rap Kantinenlesen

Seit September 2002 beende ich nun das Kantinenlesen mit dem Abschlussrap, in dem ich den Abend zusammenfasse. Da ich die Texte vorher nicht kenne, schreibe ich den Rap während der Lesung - quasi halb improvisiert das Ganze. Seit über einem Jahr bin ich nun etwas ermüdet davon, und das Einzige, was mich an der Form noch hält, ist, dass es bisher praktisch nur Lob gab und dass ich keine Alternative weiß.
Heute nun zum ersten Mal Kritik von der Journalistin J.H. vom Kulturradio. Sie meinte, man könnte sich ja etwas einfallen lassen, was das Publikum mehr einbindet, wie z.B. bei den Surfpoeten das Gebet gegen die Arbeit oder bei LSD das Schlusslied.
Grund genug, mir darüber noch mal ernsthaft Gedanken zu machen. 


23.7.05

Charakterarbeit III

K. bringt auf der Probe die Idee auf, noch einmal Tier-Typen zu spielen und deren Bewegungen zu verfeinern. Was auf den ersten Blick sehr albern wirkt, ist doch ein äußerst feines Mittel. Keith Johnstone wies ja auf die Prise Schlangenhaftigkeit bei der Darstellung des Hannibal Lecter hin. Für mich unvergessen Robert Munzinger in einer eigentlich vergurkten Szene, der er als affenartiger Typ noch etwas Pfiff verlieh, ohne dabei unglaubwürdig zu sein.

 

26.7.05

Die Impro-Regel 

F.T. meint, man solle Impro-Regeln auch immer wieder hinterfragen. Als Beispiel nennt er das Akzeptieren ("Halten Sie mal die Bombe" - "Oh Gott! Nein!"...) Ich entgegne, dass es im Prinzip nur die eine Impro-Regel gibt: Akzeptieren. Alles andere ist Verfeinerung des Ausdrucks, der Erzählung usw.
Ein "Nein" des Spielers ist dann ein Akzeptieren, wenn er das Spiel dahinter akzeptiert. In jedem Falle darf der Spielfluss nicht geblockt werden. Auf das Beispiel bezogen: Das "Nein" des Mitspielers erhöht die Dramatik der Situation. Aber der Dialog kann ja auch zwischen zwei professionellen Bombenlegern stattfinden, dann wäre die Antwort eben eventuell ein Block, und das Spiel muss, wie immer bei Blocks, seinen Schwung von Neuem suchen.

 

27.7.05

Authentizität

Es gibt einen Kern des Schauspielers, und dieser Kern ist gut. Diesen guten Kern möchte ich das authentische Wesen des Schauspielers nennen. Authentizität sind nicht die angewöhnten Ticks und Tricks, selbst wenn andere einen und auch man sich selbst damit völlig identifiziert hat.
Anscheinend kommt jedes Impro-Ensemble mal zu dem Punkt, Mitspieler zu imitieren. Oft sind es genau die imitierten Gesten, die das authentische Wesen verkleistern - der kokette Augenaufschlag, der hingeschlenzte Gang auf die Bühne usw.
Wie es bei der Stimmbildung eine große Arbeit ist, die Stimme immer wieder freizumachen von dummen liebgewordenen Angewohnheiten, so ist dieses Authentizitätstraining auch in der Improvisation enorm wichtig. Seltsamerweise ist mir ein Training in dieser Richtung bisher kaum bekannt.

 

28.7.05

Name

Die Bö

 

29.7.05

Schnell spielen

Ich muss doch den Eintrag vom 16.7. präzisieren. Mit "schneller spielen als man denken kann", meine ich natürlich nicht jene Gaga-Hampeleien, mit denen Impro-Shows oft aufgemotzt werden ("Szene in 60/30/15 Sekunden"). Man kann sogar langsam spielen. Wenn man in die Sache vertieft ist, dehnt sich die Zeit, ohne dass die Szene lahm wirkt.
Was ich mit "schneller spielen als denken" meine, ist eben, sich von den eigenen Spielzügen überraschen zu lassen, die ja dann wieder Inspiration bergen usw.

 

30.7.05

Politisches

Ein kurzes unaufführbares Stück für zwei Figuren:
- Systemtheoretiker (S) - gespielt von Dan Richter
- Improtheoretiker (I) - gespielt von Dan Richter

S: Sie sagen also, das Improtheater solle politisch schärfer werden?

I: Ja.

S: Soll es dann auch wirtschaftlich schärfer werden?

I: Hä?

S: Sie wissen doch, dass Politik eines der ausdifferenzierten autopoietischen sozialen Systeme mit symbolisch generalisiertem Kommunikationsmedium ist.

I: Ja, ja. (murmelt:) Wer soll das jetzt wieder verstehen.

S: Warum sollte dann die Politik eine herausragende Stellung auf der Bühne einnehmen?

I: Ja, schon klar. Na dann - von mir aus auch wirtschaftlich schärfer.

S: Und wissenschaftlich schärfer?

I: Hm, es schadet wohl nichts, wenn Improspieler wissenschaftlich beleckt sind und dies auch einsetzen können.

S: Und rechtlich schärfer?

I: Schon gut, schon gut. Deklinieren wir jetzt hier die Sozialen Systeme durch? Rechtlich...? Was weiß ich! Von mir aus auch rechtlich, gesundheitlich, ...

S: Und schärfer in der Liebe?

I: Das sowieso.

S: Bliebe noch die Kunst.

I: Darauf läuft's wahrscheinlich hinaus. Vielleicht will ich bloß eine schärfere Kunst. (geht nachdenklich ab)

S (ruft ihm nach): He, Künstler! Und meine Theorie? Soll die auch schärfer werden? Politisch? Pädagogisch? Künstlerisch? Oder was?
(setzt sich resigniert)

Langsam Black.

 

31.7.05

Gestaltung statt Routine

"Besonders schwer haben es Theaterkinder (...) Sie haben viel gesehen, sie haben viel Falsches angenommen, sie besitzen eine erschreckende Routine des Kitsches. Sie finden nicht den Ausdruck in sich, sie holen ihn nicht aus der Tiefe, sie übernehmen stattdessen Ergebnisse, wiederholen Äußerlichkeiten der handwerklichen Form."
(Ottofritz Gaillard: Das deutsche Stanislawski-Buch. Lehrbuch der Schauspielkunst)
Die meisten Impro-Spieler sind gewissermaßen solche "Theaterkinder". Das als erfolgreich Erlebte wird nachgemacht. Und so bleiben dann Szenen und Spiele hohl. Am verführerischsten sind dabei parodistisch angelegte Spiele (wie Genre-Replays), bei denen bis hin zu Gestenabfolgen einfach nachgeäfft wird.
Wenn wir uns etwas von guten Impro-Spielern abgucken sollten, dann nicht deren Witzigkeit, sondern ihre Spontaneität, ihre Intensität und ihre Fähigkeit, mit Vorhandenem zu spielen.

 

Selbstblockaden

Immer wieder kann man es in Szenen beobachten, dass sich die Spieler selbst physisch blockieren. (Johnstone beschrieb den notorisch auf dem Boden ausgelaufenen Leim als typischen Anfängerfehler.) Die Sache ist etwas vertrackt, da das Verhalten des Spielers meist gar nicht als Blockade wahrgenommen wird, auch nicht von den Mitspielern. Aber auf den Zuschauer wirkt die Szene dann seltsam zäh. So blockierten sich die Spieler  eines international gemischten Ensembles beim letzten Berliner Impro-Festival an einem Abend permanent selbst, indem sie ständig geschlossene Fenster, Türen, Mauern, Käfige zwischen sich etablierten. So vermieden sie das Risiko, miteinander in Kontakt zu kommen, was aber sozusagen die Herausforderung des Abends war.

 


 

 

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Dan Richter