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Gedanken zu Improvisation und Improtheater

Juni 2005

1.6.05

Warm Up vor dem Auftritt

Eine Schwierigkeit des gemeinsamen Aufwärmens der Spieler besteht oft in den unterschiedlichen Erwartungen: Was braucht es, um zusammenzukommen? Ich denke, letztlich ist es egal, was man macht. Das Aufwärmen sollte kurz, intensiv und konzentriert sein. Es soll die Freude am gemeinsamen Spiel fördern, wenn nötig auch Glieder und Stimme geschmeidig machen. Dem Aufwärmen abträglich sind:

  • zu viel Wollen. Wer zu viel will, achtet nicht darauf, was andere brauchen.

  • Training. Es hilft nichts, vor der Show noch etwas erlernen zu wollen. Allerdings kann man ruhig gedanklich und physisch einige Sachen rekapitulieren.

  • unkonzentriertes Rumalbern. Alle freuen sich über die gute Stimmung und wundern sich später über die zerfaserte Vorstellung.

Manchmal genügt es sogar, wenn man kurz miteinander spricht. Diese Gespräche sollen nicht dazu dienen, sich den Alltagsfrust von der Seele zu reden, sondern von der freudigen Erwartung geprägt sein, in wenigen Minuten gemeinsam etwas Großartiges schaffen zu dürfen. 

 

2.6.05

Theatersport und Bühnenopportunismus

K. brachte anlässlich des 10. Jubiläums von  "Theatersport Berlin" meine Unzufriedenheit mit dieser Form auf den Punkt: Hier werde nur heiße Luft produziert. Der Zuschauer und  eben auch die Schauspieler würden durch die zirkushafte Moderation und die Match-Form in ständiger Aufregung gehalten und das tue den Szenen nicht gut. Nach der Show ist dann all die heiße Luft eben erkaltet. Man fühlt sich wie verkatert: Was hat man denn nun eigentlich gesehen?
Vor dem Problem stehen allerdings nicht nur die Berliner, sondern auch alle anderen Theatersportler. Das Publikum lacht - und das ist es, was man als Feedback ins Backstage mitnimmt. "Das Publikum will es ja so", heißt es dann. Statt die Form so zu nutzen, dass sie für die Spieler selbst spannend bleiben, spielt man den alten Stiefel runter: Man weiß ja, dass die Zuschauer bei einer 3er-Synchron-Szene oder bei einer hingeschluderten Oper lachen. Theatersport birgt mehr als andere Improformen die Gefahr des Bühnenopportunismus. Dabei ist doch hier angelegt, was Brecht sich in 20ern von einem intelligenten Publikum erhoffte: Dass es wie bei einem Boxkampf geistig präsent ist, raunend gute Züge kommentiert usw. Aber ohne Genauigkeit und Spannung der Improvisation bleiben die Szenen und das Spiel fad. Schade um Theatersport Berlin, die die Improvisation in dieser Stadt popularisiert haben.

Nachtrag April 2008: Natürlich ist obiger Beitrag mit heißer Tastatur geklappert. Unzufriedenheit eher über einen Abend als über die Form. Das Ensemble Theatersport Berlin ist ja großartig. Zumal die im obigen Eintrag erwähnte Dame K. nun selbst dort mitspielt ;-)

 

3.6.05

Übung

M. meint, die neue professionelle Improgruppe solle sich auf ihre vorhandenen Fähigkeiten konzentrieren, man brauche nicht so viel Übung, schließlich sei man kein Anfänger mehr. Dazu Nachmanovitch: "Wir können uns so sehr daran gewöhnen zu wissen, wie etwas gemacht werden muss, dass wir uns von der Frische des Hier und Jetzt entfernen. Das ist die Gefahr, welche der durch Übung erworbenen Fertigkeiten innewohnt. Kompetenz, die ihren Sinn für die Wurzeln des spielenden Geistes verliert, verfettet in den starren Formen des Professionalismus." (Free Play)

 

4.6.05

Vorschläge aus dem Publikum

"Ich hätte gerne einen Ort." Wie oft muss man diese Art des Einholens von Publikumsvorschlägen hören. Schon die Formulierung ist wirr. Einen Ort haben? Wenn dann zum 100. mal "Paris" oder "Gelsenkirchen" vorgeschlagen wird, muss dann umständlich erklärt werden, dass man eigentlich einen nicht-geographischen Ort meinte.
Furchtbar eigentlich auch die Haltung, diese Vorschläge als "Vorgaben" zu begreifen. Eine geradezu autoritäre Vorstellung des Verhältnisses Spieler - Zuschauer.

 

5.6.05

"Das Publikum ist schuld"

Oft wird geklagt, eine Szene oder gar die ganze Show sei verdorben, weil das Publikum schlechte Vorschläge gemacht habe oder überhaupt destruktiv gewesen sei.
Ein wirklich destruktives Publikum  gibt es aber nach meiner Erfahrung nur sehr, sehr selten. Vorschläge wie "Klo", "Dildo" usw. haben wahrscheinlich eher mit der Prägung des Publikums durch schlechte TV-Comedy zu tun. Und schließlich können gute Improvisierer auch aus diesen Vorschlägen gute Szenen bauen.
Es kann die Kraft und Konzentration eines Aikido-Kämpfers kosten, aber es lohnt sich, ein überhitztes Publikum so einzubinden, dass dessen Energie gut genutzt werden kann. Einzelne blöde Zwischenrufe sind meist nicht böse gemeint, sondern sind ein (ungeschickter) Versuch, an der guten Laune mitzuwirken.
Unangenehm kann aber essendes Publikum sein (Erlebnisgastronomie), welches die Spieler eher als Pausenclowns wahrnimmt. Aber auch dann sind nicht die Zuschauer schuld, sondern die widrigen Umstände, auf die man sich eingelassen hat. Soll man solche Auftritte ganz bleibenlassen?

 

6.6.05

Funny Games

Vielerorts werden Spiele einfach hingenommen als lustige Form, die Szenen show-kompatibel zu machen, sie gewissermaßen aufzupeppen.
Spolin versucht mit den Spielen nur, das Kind im Spieler zu wecken und die Aufmerksamkeit auf das Schauspiel zu lenken.
Johnstones Verdienst liegt wohl darin, die Spiele bühnenadäquat hergerichtet zu haben. Sein Ziel ist jedoch ähnlich.
Jacob Banigan betont, jedes Spiel hat a) einen Sinn bzw. ein Ziel und b) eine Hürde oder eine Gefahr. (So z.B. liegt der eigentlich Sinn des ABC-Spiels darin, dass die Spieler nicht labern, dass sie Zug um Zug spielen und nicht vorausplanen. Seine Gefahr besteht u.a. darin, dass es, wenn es zu oft gespielt wird, mechanisch wird, quasi abgespult wird, und damit letztlich auch seinen Sinn verliert.

 

7.6.05

Unterricht

Eine mir völlig neue Form des Unterrichtens habe ich im März bei Sten Rudstrom kennengelernt, wie ich es bisher nur bei Stephen Book angedeutet fand: Ruhig und ernst und dabei größten Wert auf Pausen und gegenseitigen Austausch legend - dialogischer Austausch nach Partnerübungen, Gruppenaustausch nach Gruppen- oder Einzelübungen. Regel dabei: Sprich in der Ich-Form.
Mehr als bei jedem anderen Kurs wurde so der geistige Austausch über das, was man gerade getan hat, gefördert.

 

8.6.05

Das Kindliche Prinzip

"If the theatre of Stanislavsky is psychological and emotional, an represents a feminine force, the theatre of Brecht is  political and intellectual, a masculine force. Spoin's work, which eschews both the emotions and the intellect, is mystical and intuitive, attached to an energy that is asexual and childlike."
(Janet Coleman: Compass. The Improvisational Theatre that Revolutionized American Comedy)

 

Brecht, Spolin, Aristophanes, Comedy

"Brecht was also anti-Stanislavskian, antipsychological, and nonsubjective. Thus, in primary ways, Viola is not incompatible with Brecht. (...) Finding more parallels between Brecht and Aristophanes, the master of Greek comedy [than between Brecht and Aristoteles], Bentley said, "To my mind, Brecht's theory of theatre is a theory of comedy." (...) As Bentley points out, "distancing" is a technique of comedy.
(Janet Coleman: Compass. The Improvisational Theatre that Revolutionized American Comedy)

 

9.6.05

Funny Games II - Free Play

"Macht doch noch mal die Sache mit den Armen, das war so schön bescheuert!" Und dieser Satz von einem mir nahestehenden Menschen! Das gibt zu denken.
Der Reiz an Spielen wie Armrede liegt ja wahrscheinlich nicht an dem bloßen Partygag-Effekt, sondern an dem Charme, dass zwei Leute sich tatsächlich auf ein ungeschütztes, freies Spielen einlassen. Diese Stimmung permanent in die Langformen mit aufnehmen!

 

10.6.05

Präsentieren versus Repräsentieren

Randy Dixon beobachtete, dass die Deutschen auf der Bühne dazu tendieren, zu präsentieren, während man in Amerika eher repräsentiere. Wenn ich ihn richtig verstehe, meint er damit, dass hierzulande die Impro-Schauspieler mit großem Tamtam wie Akrobaten auf die Bühne kommen und bejubelt werden wollen. Amerikanische Gruppen (zumindest jene, die ich bisher gesehen habe) tendieren zu Bescheidenheit und lockerer Coolness. Große Show-Elemente werden eher zitiert als wirklich gemeint. In dieser Direktheit und diesem Ungekünsteltsein ähneln sie den Berliner Lesebühnen.

Letztlich wird das ganze Spiel charmanter, wenn die Akteure den Popanz weglassen und direkter aufs Publikum eingehen.

US-Amerikanische und kanadische Impro-Gruppen und Impro-Theater, die ich bisher erlebt habe:
- The Crumbs
- Unexpected Productions
- TJ and Dave
- Upright Citizen's Brigade
- Rapid Fire
- Above Klaptomania
- Ice Nine
- The Rockets
- Second City (Beginners)
- ImprovOlympic - Jam
- Gotham Improv (Beginners)
 

 

11.6.05

Erster Eindruck von Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht"

Versuch, Improtheater in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Viele erstaunliche Einsichten. Das Ganze leider ziemlich unstrukturiert. Eine Minimal-Lektorierung hätte vielleicht Redundanzen und Tippfehler entfernen können. Inzwischen sollte sich der Impuls-Verlag auch mal einen Layouter suchen, der sein Handwerk versteht. Das Lesen ist doch arg mühselig.

 

Information auf der Bühne

Das Publikum kann mit zuwenig als auch mit zu viel Information frustriert werden. Lösel spricht hier vom goldenen Schnitt: "Zuviel Erwartetes ist langweilig. Zuviel Unerwartetes ist sinnlos." (s.a. Luhmanns Kommunikationstheorie)
Dasselbe gilt aber auch für die Mitspieler: Ein Angebot "soll eine Neugier auslösen, die es nicht selbst befriedigen kann."
(Gunter Lösel: Theater ohne Absicht.)

 

Storytelling

Bei der Dunkeltheaterprobe behaupten C.K. und B.F. beide, es entstünde schneller eine solide Plattform fürs Improvisieren, wenn sich die beiden Akteure kennen, z.B. Eheleute im Gegensatz zu Kunde/Bäcker. Sie begründen das damit, dass die beiden Protagonisten dann eine Vorgeschichte hätten, auf die sie aufbauen könnten. Ich finde das ganz und gar nicht einleuchtend. Die Vorgeschichte der beiden muss dann ja auch erst mal improvisierend etabliert bzw. angedeutet werden. Entscheidend für die Kurzszenen ist eher, dass überhaupt eine Beziehung zustande kommt, die hinreichend statusdifferent ist.

 

 

12.6.05

Zweiter Eindruck von Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht"

Der zweite Eindruck bestätigt den ersten. Man muss schon gut suchen, um die interessanten Stellen zu finden. Auf einem Fünftel der Seiten wird das Thema "Assoziationsforschung" auf mittelmäßigem Hauptseminar-Niveau ausgewalzt. Ein paar Verweise hätten genügt. Unstrukturiert. Unklar, warum das diese Breite braucht. Zum Thema der Absichtslosigkeit trägt es jedenfalls nicht viel bei.
Außerdem stolpert man immer wieder über sprachliche Tolpatschereien und inhaltliche Ungenauigkeiten: So wird aus Johnstones kinetischem Tanz ein "kybernetischer" Tanz. 
Aber zwischendurch immer wieder Leckerbissen, wie der folgende:

Figuren statt Geschichten

"In der Regel herrscht bei unerfahrenen Spielern eine Fixierung auf Inhalte vor. Sie konzentrieren sich vollständig auf die ablaufende Handlung und versuchen, sie möglichst klug und vorausschauend zu beeinflussen. Diese Haltung führt dazu, sich eine Geschichte auszudenken, statt sie einfach entstehen zu lassen. (...) Entweder nimmt [dann] die Geschichte den vorgesehenen Lauf, dann spielt der Spieler ein überraschungsloses Spiel und man erkennt seine Absicht. Oder die Geschichte entwickelt sich in eine andere Richtung, dann ist der Spieler frustriert, kann seine Idee nicht loslassen und wird unbewusst zornig auf seine Mitspieler. Mein Vorschlag ist, die Fixierung auf den Inhalt weitgehend aufzugeben und sich zuerst dem Prozess des Figurenaufbaus zu überlassen."
(Gunter Lösel: Theater ohne Absicht. )
Das war ja letztlich eines der Probleme, mit denen die Spieler von "Paula P." zu kämpfen hatten und z.T. immer noch kämpfen.

 

13.6.05

Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht" - Fazit

Wenn ich meine letzten Einträge lese, klingen sie mir doch zu negativ. Ja, das Buch ist es wert, gelesen zu werden, v.a. seine Ausführungen zu
1. Geschichtenaufbau durch Figuren
2. Erwartungsrahmen / unvollständige Informationen
3. Demütige Haltung zum Flow der Story
Seine Exkurse in Hirnforschung und leider auch die in die Psychologie (sein Fachgebiet) kann man getrost überblättern, zumal sie wenig konstruktives fürs Improtheater bringen. Weniger metaphorisches Andeuten, mehr Abstraktion wäre wünschenswert gewesen. Egal - die Anstöße, die das Buch auf den anderen Seiten gibt, rechtfertigen den Kauf.

 

14.6.05

Soloimprovisation

Sensible Probenanleitung von F.T.: Focus u.a. auf solo improvisierte Alltagshandlung. Lange bei uns vernachlässigt. Jetzt wieder erstaunlich, wie lange man jemandem dabei zuschauen kann. Das Bemerkenswerte dabei (was man immer wieder vergisst, vor allem als Spieler: Man muss die Handlung gar nicht durch Probleme, übertriebene Mimik usw. "aufwerten", dadurch erreicht man eher das Gegenteil - es wird langweilig. Als Zuschauer selber überrascht, das wir C. zwei Minuten beim Schuhputzen zugucken können, und es auch beim zweiten Schuh noch nicht langweilig ist.

 

Erzählcollage

Auf derselben Probe mit F.T.
Wir gehen aus von der ursprünglichen Form: Drei Spieler sitzen auf einem Stuhl und erzählen eine Geschichte, Wortwiederholungen und Einbauen von anderen Geschichten möglich. Testen aus, wie weit wir abstrakte, emotionale und zweckorientierte Bewegungen einbauen können.
Erster Durchlauf (D, C, K) gut. Sehr achtsam, weiterhin Fokus auf Erzählen und Sprache.
Zweiter Durchlauf (S, M, D) mäßig. Zu konkrete Handlungen. Tendenz, in szenisches Spiel zu kommen.
Dritter Durchlauf (M, C, S) mäßig. Zu emotionale Handlung. 
Vierter Durchlauf (C, K, D) wieder gut. Auf C.s Vorschlag hin Kombination mit Stehen, Liegen, Sitzen. Das Ganze wirkt witzig-absurd, hat aber gleichzeitig eine hohe Ausdruckskraft, wenn es konzentriert aufgeführt wird.
In Durchlauf 2 und 3 zu viel Freiheit, die wir nicht zu füllen in der Lage sind. Beschränkung hilft.

 

15.6.05

Unterrichten II

Impro-Schnupperkurs für 8. Klasse am Beethoven-Gymnasium in Berlin Lankwitz. Doch wieder die seltsame Erfahrung, dass Schüler, vor allem wenn sie aus einer Klasse kommen und das ganze auch noch im offiziellen Rahmen der Schule stattfindet, extra motiviert werden müssen. Auch wenn insgesamt doch viele bereit sind, muss man ständig noch den Entertainer spielen. Tendenziell stehen Mädchen rum, Jungen pöbeln. Vor allem aber hat kaum jemand Lust, den anderen beim Spielen zuzuschauen. Die Feinheit von Status schien für sie ziemlich uninteressant. S. meint, vielleicht sind Jugendliche in dem Alter noch beinahe Kinder, d.h. sie improvisieren ohnehin ständig und suchen eher Struktur als Freiheit. Unter den 15 Schülern aber auf jeden Fall drei oder vier ausgesprochene Talente.
Hilfreich für folgende Kurse:
- kleinere Gruppen
- zu Beginn noch mehr Energiespiele, um die Jungen aus der Puste zu kriegen
- Strukturiertere und gleichzeitig weniger anspruchsvolle Spiele (vielleicht "Tierarzt")
Wie man den Zuschau-Respekt lehren und vor allem das permanente Reinreden unterbinden kann, das weiß ich auch nicht.

 

16.6.05

Fehler

"Do not fear mistakes. There are none."
(Miles Davis)
Ausführlich beschreibt Nachmanovitch in "Free Play" die Kraft der Fehler im spielerischen Schaffen (d.h. in der Improvisation). Natürlich gibt es hier aber auch Fallstricke. Erst die Bereitschaft und der Wille zur Subtilität, d.h. die Fähigkeit "Abweichungen" zu erkennen und produktiv zu nutzen, versetzt uns in die Lage, mit "Fehlern" spielerisch umzugehen. Improvisation heißt ja nicht, einfach alles machen zu können.

 

17.6.05

Rechtfertigungsorgien

Bei einer eigentlich sehr guten und gelungenen Langform verbrachte das Improtheater G. weite Strecken damit, Fehler der Mitspieler (vergessene Namen, übersehene Objekte usw.) szenisch und inhaltlich zu rechtfertigen. Das mag ein oder zweimal ganz amüsant sein, auf Dauer wirken solche Rechtfertigungsorgien wie ermüdende Gags. Es scheint, als ließen sich die Spieler gehen: Wenn wir sowieso alles rechtfertigen können, müssen wir auch nicht mehr konzentriert spielen.

 

18.6.05

Gründungsfieber

Die Gründung des ersten maßgeblichen Impro-Theaters in Chicago, Compass, erinnert in weiten Strecken an die Geschichte der Lesebühnen. Eine überdrehte, intellektuelle Szene auf dem Campus der Universität (die dort aber einen 29jährigen Rektor hatte!). Die Studenten suchen eine neue, authentische Ausdrucksform: "I thought you should see yourself played by people who understand you, a picture of yourself on stage. I don't know why I believed that so strongly. Unless you could do that, I thought you'd be missin' a bet. It was before television took over. I just thought the theatre was a way of life."
(David Shepherd in
Janet Coleman: Compass. The Improvisational Theatre that Revolutionized American Comedy)
Durch den weitgehenden Verzicht auf darstellerische Präsentationen gehen die Lesebühnen vielleicht noch einen Schritt weiter Richtung Authentizität.

 

19.6.05

Erstarrungen

Noch ein Vergleich mit den Lesebühnen: Sowohl beim Improtheater als auch bei den Lesebühnen gibt es die Gefahr des Erstarrens in den alten bewährten Schemata. Die Improtheater mit ihren ewig wiederkehrenden Games und der mangelnden Bereitschaft, sich wirklich auf Neues einzulassen. Bei den Lesebühnen betrifft es wahrscheinlich eher die Autoren. Die meisten verlassen ihre Bahnen nicht mehr, sobald sie ihre Masche (der Loser-Text, das Studenten-Bashing, Lästern über Berliner Bezirke usw. usf.), die sie für ein Erfolgsrezept halten, gefunden haben. Die pauschalisierende Kritik der Journalisten in den letzten Jahren trifft schon einen wunden Punkt.

 

20.6.05

Sommerfest bei den "Gorillas"

Wie üblich zeigen die Workshop-Gruppen, was sie gelernt haben.
In der Reihenfolge der 4 Gruppen von den blutigen Anfängern bis zu den Fortgeschrittenenen.
Amüsant, wenn man die immergleichen Mechanismen entdeckt: Die totalen Anfänger hampeln ohne jegliche Peilung aber gutgelaunt über die Bühne. Die Spieler der Kurse 2 und 3 tendieren zum Negativsein und Fiese-Figuren-Spielen. Kurs Nr. 4 zeigt dann am Ende einen "Reigen", der gut gespielt und einigermaßen interessant ist, auch wenn einige Zipfel der Geschichte am Ende noch rausbaumeln.
Daraus folgende immer wiederkehrende Szenen:
- das einander massierende Paar
- "Warum stehst du so Scheiße da, wenn ich dir sagen will, dass ich dich betrüge."
- Lass uns erst mal einen Walzer tanzen.
- Ja, bleiben Sie so stehen. Sehr gut. Nicht bewegen...

Erstaunlich aber wieder, dass man schon in den frühen Workshops sehr gute Schauspieler und Improvisierer findet.
Die Gorillas kann man gar nicht genug loben für die Großzügigkeit dieser Veranstaltung: Fast alle Mitglieder sind anwesend, Würstchen werden verschenkt. Eintritt 0 oder 3 Euro. Herzliche Atmosphäre.

 

21.6.05

Funny Games III

Zurzeit glaube ich, dass wir die Games eher als Optionen des Theaterspielens begreifen sollten, und weniger als Präsentationsobjekte für sich.
Wenn wir uns nämlich allein auf das konzentrieren, was auf der Bühne geschieht und versuchen, das sinnvoll zu unterstützen, bieten sich bestimmte Elemente, die wir mit großem Trara als Spiele ankündigen, als Formen an, die das Gezeigte unterstützen.
Ausnahme: Spiele, die man neu entdeckt oder erfunden hat und die nicht nur für die Zuschauer überraschend, sondern auch tatsächlich eine Herausforderung für die Spieler sind.

 

Realismus

Witziger Thread im Chicago Improv Forum: "Improv objects/activities that you hardly see in real life". Schnell entspinnt sich eine kleine Debatte - geht es um unrealistische und unwahrscheinliche Dinge, wie z.B. die ständig Zigarre rauchenden Firmenbosse, oder um seltene Ereignisse, wie z.B. Mord. Aber das "wirkliche Leben" will man ja nun auch nicht sehen, es geht ja auch beim Realismus um die künstlerische Bewältigung der "Realität". Das "wirkliche Leben" ist eben nur ausnahmsweise dramatisch. Diese Ausnahmen aber sind es, die uns interessieren. Nicht dass eine Ehe jahrelang funktioniert, sondern wie sie scheitert ist interessant.
Aber hier meine Liste unrealistischer Handlungen und Gegenstände:
- das zielgenaue Hantieren aller Objekte. Nie fällt einem etwas runter. Und wenn, dann wird das zu einem großen Drama ausgewalzt.
- einander massierende Ehepaare
- auf dem Tresen rutschende Whisky-Gläser
- die Lehrlinge sind begabter als der Chef
- Ärzte, Zahnärzte, Piloten üben ihre Arbeit lausig aus. 

 

22.6.05

Großzügigkeit

In der Kunst und erst recht im Improtheater sollte Großzügigkeit die Tugend Nummer Eins sein:
Sei großzügig gegenüber den Mitspielern. Nimm ihre "Fehler", Missverständnisse, Imperfektionen mit Humor (was nicht bedeutet, auf der Bühne zu lachen) und verteile deine Angebote großzügig. Spiel für die Szene, nicht für dich. Wenn du selten zum Zuge kommst: Na und? Dann hat es das eben gebraucht. Es geht nicht um dich.
Seid großzügig gegenüber dem Publikum. Sie sind wegen euch gekommen. Es ist eine Unsitte, vor einem mäßig gefüllten Haus nur eine halbe Show zu spielen oder gar sich weniger Mühe zu geben.
Am unangenehmsten empfinde ich Bühnenkünstler, denen man beim Auftritt schon die Geldgeilheit ansieht. Dass man sich darüber freut, dass ein Auftritt gut bezahlt wird, sollte man der Kunst ebenso wenig anmerken, wie den Ärger über eine schlechte Bezahlung. Wenn du Geld scheffeln willst, dann geh an die Börse, nicht auf die Bühne.

 

23.6.05

Bühnenverhalten - Lektionen von Sten Rudstrom

1. Gehe vorwärts! Wer rückwärts geht, sucht Kontrolle. (Ähnliches sagt R. Dixon auch über Spieler, die sich ständig am Rand der Bühne aufhalten.)
2. Nutze den Raum auch bei intimen Szenen!

Kann man daraus Übungen/Spiele entwickeln?

 

24.6.05

Warm Up vor dem Auftritt (II)

Vorgestern wie so oft in den letzten Wochen ein dahingeholpertes, für alle unbefriedigendes Warm Up. Wieder nach altem Schema - Einsingen, Harmonien, mehrstimmige Refrains usw. Das allzu schematische Warm Up weckt vielleicht nur Erwartungen, die man doch eigentlich fallen lassen sollte.
Später in der Pause spielt R. im Backstage eine Akkordfolge auf der Gitarre. Nach und nach setzen wir zu einer Folk-Rock-Improvisation ein. Es wird wunderbar. Kurz darauf entspinnt sich aus einer irrwitzigen pantomimischen Wurf-Spielerei ein abgedrehter Backstage-Sketch.
Was heißt das? M. verglich neulich gelungene Improvisationen mit einem sich bildenden Kristall: Schon in seinem kleinsten Stadium ist ihm eingeschrieben, wie er später aussehen wird. Übersetzt für das Warm Up bedeutet das,

  • sich auf die Atmosphäre einzulassen,

  • in der Luft liegende Spiele zu erkennen

  • sich auf die Subtilität einzuschwingen, die dafür notwendig ist.

 

Moderation

K. empfindet sich bei Moderationen als unauthentisch. (Negativ-)Vorbild sind dabei wohl die theatersportorientierten Aufheiz-Moderationen. Andererseits ist es wohl für jeden seltsam und "unauthentisch", wenn man das erste Mal jemanden anmoderieren muss. Stimme heben, wenn Applaus kommen soll usw. Die Frage ist letztlich: Was will man erreichen? Wenn ich dieses Ziel verinnerlicht habe, kann ich mir die entsprechende Authentizität dafür erarbeiten, d.h. ich kann den für mich authentischen Weg finden, das zu sagen, was ich sagen will.

(Oh Gott, klingt das heute alles esoterisch.)

 

25.6.05

Improtheater im Fernsehen - "Frei Schnauze"

Man glaubt, einen Sketch auf einer schlechten Familienfeier zu sehen.
Mirko Nontschew spielt einen Barmixer, die Hände werden ihm von seinem Kollegen X geliehen, der ihn mit den vor ihm aufgebauten Lebensmitteln und Drinks bekleckert. Das Publikum jubelt. Wir sind zu Gast bei „Frei Schnauze“, einer als TV-Impro beworbenen Show bei RTL. In Wirklichkeit bekommen wir jedoch deutsche Comedy vom Schlimmsten serviert.
Dass man Improvisationstheater mittlerweile in fast jeder mittelgroßen Stadt in Deutschland findet, und dass es sich als Live-Unterhaltung einer immer größeren Fan-Gemeinde erfreut, hat sich anscheinend bis in die RTL-Stuben herumgesprochen. Vielleicht aber nicht einmal das. In England ist die TV-Impro-Show inzwischen beliebter als andere Unterhaltungssendungen. Der Unterschied: Dort vertraut man der Improvisation, bei RTL nur den großen Namen. Die Schauspieler des englischen Vorbilds sind bis zu ihrem Engagement allesamt No-Names in der TV-Branche gewesen, dafür aber erstklassige Improvisierer. Für deutsche Knall-Chargen, von Mike Krüger vollmundig als „Deutschlands beste Improspieler“ angekündigt, hatte RTL wohl nicht einmal genug Geld für einen Crash-Kurs in Improvisation.
Die ganze Misere deutscher Comedy wird hier offenbar: Die Unfähigkeit zu subtiler Gestaltung, die Weigerung einander zuzuhören, und letztendlich panische Angst vor wirklicher Spontaneität. 
Mit vollen Händen holt sich die Truppe die trashigsten Formen aus dem an Trash-Spielchen nicht armen Sortiment des Impro-Theaters. Und diese werden dann auch noch schlecht bedient.
Improvisationstheater zieht seinen Charme unter anderem daraus, dass die Techniken auch von Laien relativ schnell erlernbar sind. Diese Techniken liegen aber nicht (wie Erstzuschauer oft vermuten) darin, sich bestimmte Stories oder Gags zurechtzulegen, sondern tatsächlich aus dem Moment heraus zu agieren, aufeinander zu achten, die Geschichte gemeinsam zu erfinden usw. Diese Spontaneität und kollektive Kreativität erzeugt einen Witz eigener Art, eine menschliche Komik die sich von dem hirnlosen „Du siehst Scheiße aus“-Klamauk angenehm abhebt. 
Aber die Produzenten von Frei Schnauze legen auf Spontaneität und Zusammenarbeit keinen Wert. Hauptsache, ihre Lieblinge haben oft genug die Chance, dämlich in die Kamera zu schielen und ein paar obszön-flotte Sprüche abzulassen.
In einem typischen Trash-Spiel sehen wir z.B. ein Interview mit einem „Experten“ für (ach wie witzig!) Nasenbären-Wasserballett. Parallel zu diesem Gespräch soll ein dritter Spieler den Inhalt des Gesprächs pantomimisch darstellen. Ein sogenanntes „Rechtfertigungs-Spiel“, welches seinen Trash-Charakter verliert, wenn die Spieler aufeinander eingehen, d.h. der „Experte“ auf den Interviewer und der Mime auf den Experten reagiert, sowie der Interviewer auf beide. Stattdessen sehen wir, wie vorgefertigte Gags und Schweinigeleien aneinandergereiht werden, und irgendwann in diesem 3-Minuten-Monolog wird schließlich das Wort „Nasenbär“ eingebaut, das Publikum jubelt...
Man mag einwenden, dass das Fernsehen, dieses Tempo und die schnellen Gags brauche. Das Gegenbeispiel wäre die "Schillerstraße", bei der sich die Spieler immerhin ein wenig Zeit für die Umsetzung und die Reaktionen nehmen. Nichtsdestotrotz hat auch "Schillerstraße" nur wenig mit echter Spontaneität oder Improvisation zu tun, denn hier sind die Schauspieler ja nur die Erfüllungssklaven des Einflüsterers. Nichts baut aufeinander auf. Ist also gute Impro-Comedy im Fernsehen zu einer guten Sendezeit überhaupt möglich? Ich glaube schon. Nur bräuchten die Produktionsfirmen und Sendeanstalten 
a) den Mut, auf gute (aber ggf. auch unbekannte) Impro-Spieler zu bauen
b) das Vertrauen in echte Improvisation (d.h. keine vorbereiteten Gags einzusetzen).
(Diese Bemerkungen habe ich im März oder April notiert. Danach habe ich die Sendung nicht mehr gesehen. Den Ausschnitten auf der RTL-Seite nach zu urteilen, hat die Sendung aber an Niveau gewonnen. Zumindest stellenweise wird tatsächlich gemeinsam improvisiert. Schlimm allerdings nach wie vor, wenn man die vorbereiteten Gags erkennt.)

 

26.5.05

Akzeptieren

Ich bin absolut davon überzeugt, dass das Akzeptieren die einzige Regel ist, die es im Improtheater gibt. (Vielleicht sogar in der Improvisation überhaupt, oder gar im künstlerischen Schaffen überhaupt.) Alles andere sind Techniken bzw. Verfeinerungen des Handwerks. Aber es ist ja seltsam, wie groß das Problem ist, das man als Erwachsener immer wieder mit dem Akzeptieren hat. Sich völlig frei zu machen von den inneren Blockaden und Erwartungen gegenüber der eigenen Leistung und der Leistung anderer.
Mit R.P. damals quasi improvisierend gesponnen. Nie wieder eine solche geistige Nähe zu irgendeinem Menschen erlebt. Würde er noch leben und Improtheater spielen, wäre zwischen uns Akzeptieren wohl gar keine Frage oder erst wieder auf einem ganz anderen Level.
Das heißt wohl, dass geistige Verwandtschaft und ein ähnlicher Sinn für Humor das Akzeptieren fördert, während es wesentlich schwerer ist, jemanden, der anders tickt, so zu lesen, dass man sich auf ihn einschwingen kann.

 

27.6.05

Charakterarbeit

Nach der Probe kommt die Frage auf, ob Figuren, die man oft und vielleicht auch gut spielt, in der Improvisation nicht manchmal dazu dienen, uns zu verstecken. Wir nutzen sie wie eine Maske, die schnell zur Hand ist, gut sitzt und mit der wir unser Ich verbergen können.
Umgekehrt sind Figuren, die wir nie oder selten spielen, vielleicht nahe an unseren Abgründen, Wünschen, Ängsten usw.
Beides gilt es auszuloten.

 

28.6.05

Moderation

Zur Anmoderation von Impro-Shows sind tausend Dinge gesagt worden, ganze Listen wurden erstellt - was man fragen kann, wie man "Stimmung" erzeugen kann usw. usf.
Aber letztlich geht es darum, eine Atmosphäre herzustellen, in der das Publikum sich wohlfühlt und nicht glaubt, veräppelt zu werden. Gerade beim Improtheater ist diese Atmosphäre des Vertrauens immens wichtig. Deshalb sollte der Moderator nicht  versuchen, eine Liste von Moderationstechniken "abzuarbeiten", sondern das Publikum an der Hand zu nehmen und eben dieses Vertrauen herstellen.

 

29.6.05

Leichtigkeit

"The easiest way to do art is to dispense with success and failure altogether and just get on with it."
(Stephen Nachmanovitch: Free Play. Improvisation in Life and Art)

 

30.6.05

Handwerk und Inspiration

"Einer der vielen Fallstricke in der Beschäftigung mit Kreativität ist, dass man ohne Handwerk seine Inspiration nicht ausdrücken kann, aber wenn man sich zu sehr vom Professionalismus des Handwerks einwickeln lässt, dann vergisst man, sich dem Zufall des Augenblicks hinzugeben, der für die Inspiration entscheidend ist. Dann betont man das Produkt auf Kosten des Prozesses."
(Stephen Nachmanovitch: Free Play. Improvisation in Life and Art)
Vielleicht ist es gerade das, was mich zurzeit an unseren Warm Ups stört - der Focus auf Technik statt auf Offenheit.

 

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Dan Richter