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"Impro"
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Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Juni 2005
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1.6.05 Warm Up vor dem Auftritt Eine Schwierigkeit des gemeinsamen Aufwärmens der Spieler besteht oft in den unterschiedlichen Erwartungen: Was braucht es, um zusammenzukommen? Ich denke, letztlich ist es egal, was man macht. Das Aufwärmen sollte kurz, intensiv und konzentriert sein. Es soll die Freude am gemeinsamen Spiel fördern, wenn nötig auch Glieder und Stimme geschmeidig machen. Dem Aufwärmen abträglich sind:
Manchmal genügt es sogar, wenn man kurz miteinander spricht. Diese Gespräche sollen nicht dazu dienen, sich den Alltagsfrust von der Seele zu reden, sondern von der freudigen Erwartung geprägt sein, in wenigen Minuten gemeinsam etwas Großartiges schaffen zu dürfen.
2.6.05 Theatersport und Bühnenopportunismus K. brachte anlässlich des
10. Jubiläums von "Theatersport Berlin" meine
Unzufriedenheit mit dieser Form auf den Punkt: Hier werde nur heiße Luft
produziert. Der Zuschauer und eben auch die Schauspieler würden
durch die zirkushafte Moderation und die Match-Form in ständiger
Aufregung gehalten und das tue den Szenen nicht gut. Nach der Show ist
dann all die heiße Luft eben erkaltet. Man fühlt sich wie verkatert: Was
hat man denn nun eigentlich gesehen? Nachtrag April 2008: Natürlich ist obiger Beitrag mit heißer Tastatur geklappert. Unzufriedenheit eher über einen Abend als über die Form. Das Ensemble Theatersport Berlin ist ja großartig. Zumal die im obigen Eintrag erwähnte Dame K. nun selbst dort mitspielt ;-)
3.6.05 Übung M. meint, die neue professionelle Improgruppe solle sich auf ihre vorhandenen Fähigkeiten konzentrieren, man brauche nicht so viel Übung, schließlich sei man kein Anfänger mehr. Dazu Nachmanovitch: "Wir können uns so sehr daran gewöhnen zu wissen, wie etwas gemacht werden muss, dass wir uns von der Frische des Hier und Jetzt entfernen. Das ist die Gefahr, welche der durch Übung erworbenen Fertigkeiten innewohnt. Kompetenz, die ihren Sinn für die Wurzeln des spielenden Geistes verliert, verfettet in den starren Formen des Professionalismus." (Free Play)
4.6.05 Vorschläge aus dem Publikum "Ich hätte gerne einen
Ort." Wie oft muss man diese Art des Einholens von
Publikumsvorschlägen hören. Schon die Formulierung ist wirr. Einen Ort
haben? Wenn dann zum 100. mal "Paris" oder
"Gelsenkirchen" vorgeschlagen wird, muss dann umständlich
erklärt werden, dass man eigentlich einen nicht-geographischen Ort
meinte.
5.6.05 "Das Publikum ist schuld" Oft wird geklagt, eine Szene
oder gar die ganze Show sei verdorben, weil das Publikum schlechte
Vorschläge gemacht habe oder überhaupt destruktiv gewesen sei.
6.6.05 Funny Games Vielerorts werden Spiele
einfach hingenommen als lustige Form, die Szenen show-kompatibel zu
machen, sie gewissermaßen aufzupeppen.
7.6.05 Unterricht Eine mir völlig neue Form
des Unterrichtens habe ich im März bei Sten Rudstrom kennengelernt, wie ich es bisher nur bei
Stephen Book angedeutet fand: Ruhig und ernst und dabei größten Wert auf
Pausen und gegenseitigen Austausch legend - dialogischer Austausch nach
Partnerübungen, Gruppenaustausch nach Gruppen- oder Einzelübungen. Regel
dabei: Sprich in der Ich-Form.
8.6.05 Das Kindliche Prinzip "If the theatre of
Stanislavsky is psychological and emotional, an represents a feminine
force, the theatre of Brecht is political and intellectual, a
masculine force. Spoin's work, which eschews both the emotions and the
intellect, is mystical and intuitive, attached to an energy that is
asexual and childlike."
Brecht, Spolin, Aristophanes, Comedy "Brecht was also
anti-Stanislavskian, antipsychological, and nonsubjective. Thus, in
primary ways, Viola is not incompatible with Brecht. (...) Finding more
parallels between Brecht and Aristophanes, the master of Greek comedy [than
between Brecht and Aristoteles], Bentley said, "To my mind, Brecht's
theory of theatre is a theory of comedy." (...) As Bentley points
out, "distancing" is a technique of comedy.
9.6.05 Funny Games II - Free Play "Macht doch noch mal
die Sache mit den Armen, das war so schön bescheuert!" Und dieser
Satz von einem mir nahestehenden Menschen! Das gibt zu denken.
10.6.05 Präsentieren versus Repräsentieren Randy Dixon beobachtete,
dass die Deutschen auf der Bühne dazu
tendieren, zu präsentieren, während man in Amerika eher repräsentiere.
Wenn ich ihn richtig verstehe, meint er damit, dass hierzulande die
Impro-Schauspieler mit großem Tamtam wie Akrobaten auf die Bühne kommen
und bejubelt werden wollen. Amerikanische Gruppen (zumindest jene, die ich
bisher gesehen habe) tendieren zu Bescheidenheit und lockerer Coolness.
Große Show-Elemente werden eher zitiert als wirklich gemeint. In dieser
Direktheit und diesem Ungekünsteltsein ähneln sie den Berliner
Lesebühnen.
11.6.05 Erster Eindruck von Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht" Versuch, Improtheater in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Viele erstaunliche Einsichten. Das Ganze leider ziemlich unstrukturiert. Eine Minimal-Lektorierung hätte vielleicht Redundanzen und Tippfehler entfernen können. Inzwischen sollte sich der Impuls-Verlag auch mal einen Layouter suchen, der sein Handwerk versteht. Das Lesen ist doch arg mühselig.
Information auf der Bühne Das Publikum kann mit
zuwenig als auch mit zu viel Information frustriert werden. Lösel spricht
hier vom goldenen Schnitt: "Zuviel Erwartetes ist langweilig.
Zuviel Unerwartetes ist sinnlos." (s.a. Luhmanns
Kommunikationstheorie)
Storytelling Bei der Dunkeltheaterprobe behaupten C.K. und B.F. beide, es entstünde schneller eine solide Plattform fürs Improvisieren, wenn sich die beiden Akteure kennen, z.B. Eheleute im Gegensatz zu Kunde/Bäcker. Sie begründen das damit, dass die beiden Protagonisten dann eine Vorgeschichte hätten, auf die sie aufbauen könnten. Ich finde das ganz und gar nicht einleuchtend. Die Vorgeschichte der beiden muss dann ja auch erst mal improvisierend etabliert bzw. angedeutet werden. Entscheidend für die Kurzszenen ist eher, dass überhaupt eine Beziehung zustande kommt, die hinreichend statusdifferent ist.
12.6.05 Zweiter Eindruck von Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht" Der zweite Eindruck
bestätigt den ersten. Man muss schon gut suchen, um die interessanten
Stellen zu finden. Auf einem Fünftel der Seiten wird das Thema
"Assoziationsforschung" auf mittelmäßigem Hauptseminar-Niveau
ausgewalzt. Ein paar Verweise hätten genügt. Unstrukturiert. Unklar,
warum das diese Breite braucht. Zum Thema der Absichtslosigkeit trägt es
jedenfalls nicht viel bei. Figuren statt Geschichten "In der Regel herrscht
bei unerfahrenen Spielern eine Fixierung auf Inhalte vor. Sie
konzentrieren sich vollständig auf die ablaufende Handlung und versuchen,
sie möglichst klug und vorausschauend zu beeinflussen. Diese Haltung
führt dazu, sich eine Geschichte auszudenken, statt sie einfach
entstehen zu lassen. (...) Entweder nimmt [dann] die Geschichte den
vorgesehenen Lauf, dann spielt der Spieler ein überraschungsloses Spiel
und man erkennt seine Absicht. Oder die Geschichte entwickelt sich in eine
andere Richtung, dann ist der Spieler frustriert, kann seine Idee nicht
loslassen und wird unbewusst zornig auf seine Mitspieler. Mein Vorschlag
ist, die Fixierung auf den Inhalt weitgehend aufzugeben und sich zuerst
dem Prozess des Figurenaufbaus zu überlassen."
13.6.05 Gunter Lösel: "Theater ohne Absicht" - Fazit Wenn ich
meine letzten Einträge lese, klingen sie mir doch zu negativ. Ja, das
Buch ist es wert, gelesen zu werden, v.a. seine Ausführungen zu
14.6.05 Soloimprovisation Sensible Probenanleitung von F.T.: Focus u.a. auf solo improvisierte Alltagshandlung. Lange bei uns vernachlässigt. Jetzt wieder erstaunlich, wie lange man jemandem dabei zuschauen kann. Das Bemerkenswerte dabei (was man immer wieder vergisst, vor allem als Spieler: Man muss die Handlung gar nicht durch Probleme, übertriebene Mimik usw. "aufwerten", dadurch erreicht man eher das Gegenteil - es wird langweilig. Als Zuschauer selber überrascht, das wir C. zwei Minuten beim Schuhputzen zugucken können, und es auch beim zweiten Schuh noch nicht langweilig ist.
Erzählcollage Auf derselben
Probe mit F.T.
15.6.05 Unterrichten II Impro-Schnupperkurs
für 8. Klasse am Beethoven-Gymnasium in Berlin Lankwitz. Doch wieder
die seltsame Erfahrung, dass Schüler, vor allem wenn sie aus einer
Klasse kommen und das ganze auch noch im offiziellen Rahmen der Schule
stattfindet, extra motiviert werden müssen. Auch wenn insgesamt doch
viele bereit sind, muss man ständig noch den Entertainer spielen.
Tendenziell stehen Mädchen rum, Jungen pöbeln. Vor allem aber hat kaum
jemand Lust, den anderen beim Spielen zuzuschauen. Die Feinheit von
Status schien für sie ziemlich uninteressant. S. meint, vielleicht sind
Jugendliche in dem Alter noch beinahe Kinder, d.h. sie improvisieren
ohnehin ständig und suchen eher Struktur als Freiheit. Unter den 15
Schülern aber auf jeden Fall drei oder vier ausgesprochene Talente.
16.6.05 Fehler "Do not
fear mistakes. There are none."
17.6.05 Rechtfertigungsorgien Bei einer eigentlich sehr guten und gelungenen Langform verbrachte das Improtheater G. weite Strecken damit, Fehler der Mitspieler (vergessene Namen, übersehene Objekte usw.) szenisch und inhaltlich zu rechtfertigen. Das mag ein oder zweimal ganz amüsant sein, auf Dauer wirken solche Rechtfertigungsorgien wie ermüdende Gags. Es scheint, als ließen sich die Spieler gehen: Wenn wir sowieso alles rechtfertigen können, müssen wir auch nicht mehr konzentriert spielen.
18.6.05 Gründungsfieber Die Gründung
des ersten maßgeblichen Impro-Theaters in Chicago, Compass, erinnert in
weiten Strecken an die Geschichte der Lesebühnen. Eine überdrehte,
intellektuelle Szene auf dem Campus der Universität (die dort aber
einen 29jährigen Rektor hatte!). Die Studenten suchen eine neue,
authentische Ausdrucksform: "I thought you should see yourself
played by people who understand you, a picture of yourself on stage. I
don't know why I believed that so strongly. Unless you could do that, I
thought you'd be missin' a bet. It was before television took over. I
just thought the theatre was a way of life."
19.6.05 Erstarrungen Noch ein Vergleich mit den Lesebühnen: Sowohl beim Improtheater als auch bei den Lesebühnen gibt es die Gefahr des Erstarrens in den alten bewährten Schemata. Die Improtheater mit ihren ewig wiederkehrenden Games und der mangelnden Bereitschaft, sich wirklich auf Neues einzulassen. Bei den Lesebühnen betrifft es wahrscheinlich eher die Autoren. Die meisten verlassen ihre Bahnen nicht mehr, sobald sie ihre Masche (der Loser-Text, das Studenten-Bashing, Lästern über Berliner Bezirke usw. usf.), die sie für ein Erfolgsrezept halten, gefunden haben. Die pauschalisierende Kritik der Journalisten in den letzten Jahren trifft schon einen wunden Punkt.
20.6.05 Sommerfest bei den "Gorillas" Wie üblich zeigen die Workshop-Gruppen, was sie gelernt haben.
21.6.05 Funny Games III Zurzeit
glaube ich, dass wir die Games eher als Optionen des Theaterspielens
begreifen sollten, und weniger als Präsentationsobjekte für sich.
Realismus Witziger
Thread im Chicago Improv
Forum: "Improv objects/activities that
you hardly see in real life". Schnell entspinnt sich eine kleine
Debatte - geht es um unrealistische und unwahrscheinliche Dinge, wie
z.B. die ständig Zigarre rauchenden Firmenbosse, oder um seltene
Ereignisse, wie z.B. Mord. Aber das "wirkliche Leben" will man
ja nun auch nicht sehen, es geht ja auch beim Realismus um die
künstlerische Bewältigung der "Realität". Das
"wirkliche Leben" ist eben nur ausnahmsweise dramatisch. Diese
Ausnahmen aber sind es, die uns interessieren. Nicht dass eine Ehe
jahrelang funktioniert, sondern wie sie scheitert ist interessant.
22.6.05 Großzügigkeit In der Kunst
und erst recht im Improtheater sollte Großzügigkeit die Tugend Nummer
Eins sein:
23.6.05 Bühnenverhalten - Lektionen von Sten Rudstrom 1. Gehe
vorwärts! Wer rückwärts geht, sucht Kontrolle. (Ähnliches sagt R.
Dixon auch über Spieler, die sich ständig am Rand der Bühne
aufhalten.) Kann man daraus Übungen/Spiele entwickeln?
24.6.05 Warm Up vor dem Auftritt (II) Vorgestern
wie so oft in den letzten Wochen ein dahingeholpertes, für alle
unbefriedigendes Warm Up. Wieder nach altem Schema - Einsingen,
Harmonien, mehrstimmige Refrains usw. Das allzu schematische Warm Up
weckt vielleicht nur Erwartungen, die man doch eigentlich fallen lassen
sollte.
Moderation K. empfindet
sich bei Moderationen als unauthentisch. (Negativ-)Vorbild sind dabei
wohl die theatersportorientierten Aufheiz-Moderationen. Andererseits ist
es wohl für jeden seltsam und "unauthentisch", wenn man das
erste Mal jemanden anmoderieren muss. Stimme heben, wenn Applaus kommen
soll usw. Die Frage ist letztlich: Was will man erreichen? Wenn ich
dieses Ziel verinnerlicht habe, kann ich mir die entsprechende
Authentizität dafür erarbeiten, d.h. ich kann den für mich
authentischen Weg finden, das zu sagen, was ich sagen will.
25.6.05 Improtheater im Fernsehen - "Frei Schnauze" Man glaubt, einen Sketch auf einer schlechten Familienfeier zu sehen.
26.5.05 Akzeptieren Ich bin
absolut davon überzeugt, dass das Akzeptieren die einzige Regel ist,
die es im Improtheater gibt. (Vielleicht sogar in der Improvisation
überhaupt, oder gar im künstlerischen Schaffen überhaupt.) Alles
andere sind Techniken bzw. Verfeinerungen des Handwerks. Aber es ist ja
seltsam, wie groß das Problem ist, das man als Erwachsener immer wieder
mit dem Akzeptieren hat. Sich völlig frei zu machen von den inneren
Blockaden und Erwartungen gegenüber der eigenen Leistung und der
Leistung anderer.
27.6.05 Charakterarbeit Nach der
Probe kommt die Frage auf, ob Figuren, die man oft und vielleicht auch
gut spielt, in der Improvisation nicht manchmal dazu dienen, uns zu
verstecken. Wir nutzen sie wie eine Maske, die schnell zur Hand ist, gut
sitzt und mit der wir unser Ich verbergen können.
28.6.05 Moderation Zur
Anmoderation von Impro-Shows sind tausend Dinge gesagt worden, ganze
Listen wurden erstellt - was man fragen kann, wie man
"Stimmung" erzeugen kann usw. usf.
29.6.05 Leichtigkeit "The
easiest way to do art is to dispense with success and failure altogether
and just get on with it."
30.6.05 Handwerk und Inspiration "Einer
der vielen Fallstricke in der Beschäftigung mit Kreativität ist, dass
man ohne Handwerk seine Inspiration nicht ausdrücken kann, aber wenn
man sich zu sehr vom Professionalismus des Handwerks einwickeln lässt,
dann vergisst man, sich dem Zufall des Augenblicks hinzugeben, der für
die Inspiration entscheidend ist. Dann betont man das Produkt auf Kosten
des Prozesses."
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