Gedanken zu Improvisation und Improtheater
November 2005
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1.11.05 Formentraining Verschiedene Langformen
und längere Stories zu trainieren und zu spielen hilft auch, einen Sinn
für Langformen im Allgemeinen zu entwickeln, so dass man sich viel
schneller auf eine neue einstellen kann, und nicht mit jeder Langform
von vorn anfangen muss.
2.11.05 Publikum vs. Selbstverwirklichung Diskussion im neuen
deutschen Improvland-Forum. Die Diskutanten meinen, Selbstverwirklichung
habe auf der Bühne nichts zusuchen. Es gehe ums Publikum (=Kunden).
3.11.05 Akzeptieren und physische Dynamik Immer und immer wieder
sich klar machen: Erste (und wie ich denke: einzige) Regel des
Improtheaters ist das Akzeptieren. Wenn man im Nachhinein die starren,
langweiligen Szenen analysiert, liegt es eben oft daran, dass wir die
durch schnelles Problematisieren interessant machen wollten, und dann
auch noch (wahrscheinlich unbewusst) physisch verharren.
4.11.05 Verknüpfen und Kunstfertigkeit Die Kunst der Narrative liegt in der Feinheit, mit der die narrativen Elemente verknüpft werden. Zu starke und zu viele Verknüpfungen wirken platt und unglaubwürdig. Zu lockere und zu wenig Verknüpfungen wirken leer ("Das soll eine Geschichte sein?")
5.11.05 Musikalität Szenen als Musikstücke begreifen:
6.11.05 Tänzerisch Szenen als Tanz verstehen:
7.11.05 Gegenverständnis Wenn ich sage, der Schauspieler soll die Szenen als Tanz und sich als Tänzer verstehen, meine ich damit nicht, dass er einen Tänzer nachmachen oder spielen soll. Es geht darum, das Wesen des Tanzes für die szenische Arbeit fruchtbar zu machen.
8.11.05 Paradoxe Haltung Ebenso soll der Schauspieler, gar der Impro-Schauspieler, vor allem wenn es um schwierige Rollen geht, nicht "schauspielen". Reduktion als Tugend.
9.11.05 Kommunikation mit Publikum / Moderation Nicht nur gegenüber
Mitspielern, sondern auch gegenüber Zuschauern sollte man einfühlsam
sein. Ein großes Publikum braucht eine andere Art von Aufmerksamkeit
als ein kleines.
Stein weit wegwerfen vs. Vorschlag schnell bedienen Vor allem vor impro-unerfahrenem Publikum und bei Spielen, die sich gut eignen, das
Impro-Prinzip zu verdeutlichen (z.B. Einwort-Geschichte), sollte man
schnell den Vorschlag aufgreifen und von da aus loslegen.
Helge Schneider: Improvisation "Improvisation ist mehrdeutig zu verstehen. Zum einen als musikalische Freiheit, zum anderen aber auch als Konzeptionslosigkeit."
10.11.05 Storytelling Beim Geschichtenerzählen, vor allem bei den Langformen, sollte der Fokus aufs Verknüpfen gerichtet sein. Neue, erfundene Elemente mögen am Beginn der Improvisation noch OK sein, wenn quasi aus dem Nichts geschöpft wird. Ist aber die Improvisation erst mal vorangeschritten, wirken solche Szenen fad und ausgedacht. Überhaupt: Ich will nichts Ausgedachtes im Improtheater sehen. Komik & Poesie dieser Form entstehen (wie oft muss man das noch sagen?) aus dem Moment, aus dem Aufeinandereingehen.
Vorschläge aus dem Publikum Oft sind schon die Fragen,
die ans Publikum gestellt werden, irritierend. Zum Beispiel: "Wer
von Ihnen hat ein ausgefallenes Hobby?" Die erhofften Antworten
mögen für die Spieler inspirierend wirken. Aber aus Sicht des
Publikums weiß man wenig damit anzufangen. Kaum jemand bezeichnet mehr
das, was er in seiner Freizeit tut, als Hobby. Und sich zu seinen
Spleens vor anderen zu bekennen, erfordert noch mal eine extra Portion
Mut.
Eitelkeit Vom Anfänger bis zum
Fortgeschrittenen ist eine der größten Fallen die Eitelkeit des
Impro-Spielers. Die Falle ist so heimtückisch, dass er sie meist nicht
einmal bemerkt, wenn er schon hineingefallen ist.
11.11.05 Kreativität durch Demut Stell dir vor, die Szene, die du spielst (die Story, der Tanz, das Lied usw.) sei schon geschrieben, du führst nur noch aus.
12.11.05 Charakter Zu unterscheiden:
13.11.05 Authentizität VI Der Improspieler muss schnell reagieren. Er hat keine Zeit, sich lang auf irgendwelche Rollen vorzubereiten. Seine größte Flexibilität erlangt er, wenn er sich aus einer ehrlichen, authentischen (sozusagen "rollenlosen") Position geistig öffnet und von dort aus in die Rolle springt.
Authentizität VII "[Ziel der
Ausbildungsarbeit ist], dass der Schauspieler auf der Bühne authentisch
ist, dass er etwas erschafft. Es geht um den Prozess, nicht um das
Produkt; nicht darum zu imitieren, zu kopieren, was er am Abend vorher
gemacht hat, nicht darum, die Vorstellungen anderer Leute zu imitieren.
[...]
14.11.05 Eitelkeit II Wir müssen in erster
Linie so spielen, dass es uns gefällt. Wenn wir uns nach dem
Applaus des Publikums richten, gehen wir in die Irre:
15.11.05 Entspannung und Konzentration "Die Bedeutung von
Entspannung ist eine von Stanislawskis größten und wichtigsten
Entdeckungen. Anspannung ist die Berufskrankheit des Schauspielers.
Alles, was er tut, erfordert eine Betätigung von Willen, Denken,
Muskeln und Gefühl. Wenn die Energie dafür falsch eingesetzt wird,
führt das zu Verspannungen, und die behindern gerade, was sie zu
schaffen suchen. Wenn ein Mensch angespannt ist, kann er weder denken
noch fühlen. (...) Tatsächlich ist es so, dass erst durch die
Entspannung die wahren Kräfte des Schauspielers ohne unnötige
Anstrengung freigesetzt werden. (...) Wenn man den chinesischen
Schauspielern dabei zusieht, wie sie ihre geradezu märchenhaft und
akrobatisch anmutenden Kunststücke vorführen, dann fällt auf, dass
sie das mit einer Leichtigkeit tun, die so ganz anders ist als die
Anstrengung, die wir manchmal bei unseren Tänzern und Akrobaten sehen.
(...) Konzentration ist die Kehrseite der Entspannung."
16.11.05 Eitelkeit III Verwandt mit der Eitelkeit ist das Klischee. Der Schauspieler hat im Kopf, wie er auf der Bühne zu stehen habe, welche Tricks gut ankommen. Sprachliche und physische Klischees werden bis zum Erbrechen wiederverwendet. Eine Übung, dies zu umgehen, beschreiben Strasberg und Stanislawski: Die "Starpause" bzw. der "private Moment" gibt dem Schauspieler die Möglichkeit, ganz bei sich zu sein, fern von dem, was man von ihm erwartet. Er spielt mit sich und für sich.
17.11.05 Lässigkeit als vorgebliche Natürlichkeit "Stil ist eine Art überhöhter Wirklichkeit von etwas, das Herausarbeiten von etwas Wesentlichem. Natürlichkeit ist nicht Wirklichkeit. Natürlichkeit ist nur eine Form von Wirklichkeit. Was wir deshalb gleich zu Anfang mit jüngeren Schauspielern zu klären versuchen, ist, ihnen den Unterschied zu zeigen zwischen Wirklichkeit und der Art von äußerlicher Pose, die sie annehmen, wenn sie meinen, sich natürlich zu verhalten, was wir aber lässig nennen und was tatsächlich ein Unbeteiligt- und Unkonzentriertsein ist. Diese lässige Haltung hat nur den Anschein von Wirklichkeit und ist genauso aufgesetzt wie jede andere rein äußerliche Art, etwas auszudrücken." ("Die Arbeit mit lebendigem Material" - Ein Interview mit Lee Strasberg 1964. Abgedruckt in Lee Strasberg: Schauspielen & Das Training des Schauspielers)
18.11.05 Inhaltliche Grobheit vs. formale Subtilität Ins Theater XY, das wegen seiner technischen Voraussetzungen die Möglichkeit bot, völlig neue Impro-Formen zu entwickeln, kamen die Zuschauer oft schon angetrunken, es wimmelte von Spaßvögeln im Publikum, die fast ständig ordinäre Vorschläge machten. Das Impro-Team versuchte in den ersten Wochen, das Publikum zur Disziplin zu ermahnen, später nahmen sie dessen Energie auf, und die Shows wurden inhaltlich trashiger aber runder. Man konnte damit leben, denn die Shows wurden vom Veranstalter gut bezahlt. Einige der Spieler jedoch gewöhnten sich an, das Publikum von vornherein als blöd und kindisch zu betrachten und die Shows nur noch zu "absolvieren". Dabei gibt es auch in solchen Situationen immerhin noch die Möglichkeit, formal subtil zu sein, d.h. untereinander fein zu spielen und die Vulgaritäten nur an der Oberfläche zu lassen.
19.11.05 Feineres Spiel bei groben Figuren Bei der Darstellung von
Figuren oder Charakteren, deren Wahrnehmung auf irgendeine Weise
eingeschränkt ist, wie z.B. Betrunkene, Blinde, Geistesgestörte,
Kleinkinder usw. muss noch wesentlich aufmerksamer gespielt werden als
sonst. Die Blindheit oder Grobheit der Figur verleitet sonst dazu,
Angebote nicht mehr wahrzunehmen oder zu ignorieren.
20.11.05 Orff vs. Adorno Feature über Carl Orff im
Deutschlandfunk. Der ohnehin an Einfachheit und Rhythmus orientierte
Orff (Schüler Schönbergs!) suchte nach Inspiration in der
afrikanischen Musik wegen ihrem Bezug zu Rhythmus und Improvisation. Er
entwickelte das sog. Schulwerk - eine neue Herangehensweise an
musikalische Pädagogik mit einfachen Instrumenten, die zunächst
begeistert aufgenommen wurde. In den 70ern gestand er sein Scheitern
ein: Die Instrumente wurden wohl 1-2 Jahre benutzt und verschwanden dann
in den Speichern, denn der Geist war immer noch der alte, d.h. alte
Musikpädagogik versuchte sich mit neuen Instrumenten aufzupeppen.
Dennoch blieb er dabei: "Musik muss gemacht werden."
22.11.05 Funny Games XI Wenn du ein neues Spiel aufführen willst, versuche herauszufinden,
Gute Games helfen uns, aus
dem Kopf wegzukommen (Wenn ein Spiel durch Routine zu einfach geworden
ist, sollte man es ruhig eine Weile nicht spielen. Wenn du aber in einem Workshop oder einer Probe ein neues Spiel kennenlernst, dann denk nicht lange nach, sondern höre gut zu und stürze dich dann mutig hinein (egal, ob du es verstanden hast oder nicht). Wenn du an eine spielerische oder improvisatorische Hürde stößt - mach ein Funny Game draus!
23.11.05 Sprache Es stimmt schon, wir sollten darauf fokussieren, die szenische Improvisation physisch angehen zu lassen. Aber das kann keine Ausrede dafür sein, nichts zu sagen. Wir haben vielleicht Angst vor der Sprache, weil wir fürchten, nicht witzig, intelligent usw. zu sein. Dabei wirken wir in der Szene eigentlich vor allem dann peinlich, wenn es uns peinlich ist. (Du spielst doch nur eine Rolle!)
24.11.05 Kommunikation mit dem Publikum Auch wenn wir statt "Vorgaben" die Inspiration aus Gesprächen nehmen, ist es wichtig, diese nicht einfach nur abzufragen. Sei interessiert an der Person, die du befragst und führe ihren Gedanken auf deine Art weiter.
25.11.05 Storytelling II Im Forum YesAnd.com
taucht die Frage auf, wie man den Übergang von Games zum szenischen
Storytelling am besten bewältige. D.h. vor allem, wie man eine
Szenenfortführung und insbesondere ein Ende hinbekäme.
Unterschiedliche Ratschläge werden im Forum erteilt.
Nur ein Spiel Porträt in der Super-Illu über Thomas Schmidt, den kindlichen Haupt-Darsteller des inzwischen legendären Film "Der kleine Muck" in der Regie von Wolfgang Staudte. Schmidt, der inzwischen Arzt ist, erzählt, dass er wegen seiner Eltern (Drehbuchautor und Nebendarstellerin) am Set war, als das unbefriedigende Casting für die Hauptrolle lief. Er setzte in einer Pause zum Spaß den Turban des kleinen Muck auf, und trotz seiner Skepsis gegenüber einem kindlichen Darsteller ließ Staudte ihn eine Szene spielen, und Schmidt überzeugte. Er hatte keine Ahnung, dass hier ein großartiger Film geschaffen würde und fasste alles als Spiel auf, (wodurch seine Rolle durchaus an Glaubwürdigkeit gewinnt!). Er war so ehrgeizlos, dass er trotz seines unumstrittenen Talents nie wieder in einem Film mitspielte.
26.11.05 Unterstützen Mick Napier bürstet in
seinem Buch "Improvise. Scene From Inside Out" die klassischen
"Improregeln" gegen den Strich.
27.11.05 Listen Auf Impro-Seiten, in
Impro-Büchern und nicht zuletzt auch bei Johnstone finden sich
seitenweise Listen, die sich damit beschäftigen, was man als
Improspieler einbringen kann: Emotionen, Ticks, Schauplätze, Figuren
usw.
28.11.05 Akzeptieren der eigenen Spielzüge "Viele Improvisierer
erschaffen etwas zu Beginn der Szene und haben keine Ahnung,
was zum Teufel sie da gerade gemacht haben. Wir alle haben so etwas
schon tausend Mal gesehen. (...) Viele Improvisierer wissen nicht, was
sie tun. Also: Erschaffe mutig den ersten Moment und dann finde heraus,
worum es geht."
29.11.05 Funny Games XII: 60-30-15 Ein Spiel, dessen Sinn ich
nie verstanden habe und das ich deshalb immer unter Klamauk abgelegt
habe, nennt sich "60-30-15": Eine Szene wird in einer Minute
gespielt, dann in 30 Sekunden, dann in 15 Sekunden, und manchmal noch in
7,5 Sekunden. Es entsteht bestenfalls ein heiterer Klamauk auf der
Bühne.
30.11.05 Impro-Musiker Es ist ja jedem
Impro-Musiker nahezulegen, immer wieder mal selbst ein paar Szenen zu
spielen, um sich in die Spieler hineinzuversetzen.
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Dan Richter