Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Oktober 2005
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1.10.05 Kleine Tiere und Gegenstände, Parallelwelten Werden Tiere und
Gegenstände von einem Mitspieler als belebt dargestellt, liegt es für
den Darsteller der menschlichen Figur oft nahe, diese direkt
anzuspielen. Der Effekt nutzt sich jedoch sehr schnell ab, denn wir
landen dann fast automatisch im Märchen-Genre, wo es sozusagen normal
ist, dass Tiere sprechen können. Im besten Falle entsteht noch eine Art
Alice-im-Wunderland-Magie. Schöner oder vielleicht poetischer werden
die Szenen, die in der Parallelwelt-Technik gespielt werden: Die Welten
von a) Objekten, b) Tieren, c) Personen, d) natürlichen oder
übernatürlichen Gewalten, bleiben dabei voneinander geschieden. Sie
kommunizieren zwischen den Welten nicht verbal miteinander,
sondern nur Mensch mit Mensch, Tier mit Tier usw. Das heißt nicht, dass
sie sich nicht gegenseitig wahrnehmen können: Natürlich sieht das
Herrchen seinen Hund, die Oma ihr Thermometer, spürt ein Spaziergänger
den Wind usw., aber sie reden nicht miteinander. Die Poesie
solcher Szenen entfaltet sich, wenn die Spieler (ohne miteinander zu
sprechen) gut zusammenspielen, d.h. vor allem physisch gut aufeinander
reagieren. Der Zuschauer sieht dann verschiedene Welten des Erlebens ein
und desselben Vorgangs.
2.10.05 Die Kraft der Grenzen - Mozart, das Fagott und die Flöte Unter permanenter Geldnot
schrieb Mozart, was man ihm eben
auftrug, selbst wenn es sich um Werke für Flöte handelte, ein
Instrument, das er gar nicht mochte. Er schrieb zwei größere Konzerte
für Flöte und ging dabei zwei verschiedene Wege: Sehr einfach machte
er es sich beim Konzert in D-Dur (KV 314), welches mehr oder weniger
eine Transkription eines früheren Oboenkonzerts ist, was selbst für
Mozart, der sich selbst oft beklaute, ungewöhnlich ist, sich aber
erklären lässt aus der persönlichen Erschöpfung Mozarts in jener
Zeit. Beim Flötenkonzert in C-Dur (KV 315) hingegen spürt man nichts
von irgendeiner Ablehnung gegen das Instrument - es scheint vielmehr als
habe er eine besondere Liebschaft zu ihm.
3.10.05 Nachbereitung Immer noch weiß ich
nicht, wie man eine gepflegte Nachbereitung angehen sollte. Direkt nach
der Show ist man ja in der Regel noch zu sehr getragen von der Euphorie
des Spielens, der Erschöpfung und evtl. der Begeisterung des Publikum
(im schlechten Falle ist man vielleicht frustriert, weil es nicht so gut
lief). Jedenfalls ist man selbst meistens noch nicht klar genug im Kopf,
um den Abend kühl und pragmatisch zu analysieren.
4.9.05 Quintett Obwohl wir
diese Form (auch "5-4-3-2-1" genannt) nun seit drei Jahren
spielen, mag ich sie immer noch.
4.10.05 Verknüpfungen und Wiedereinführungen "Improvisation = freie Assoziation + Wiedereinführung" (Keith Johnstone/Randy Dixon) "Improvisation = Listen and remember" (Del Close) Ein Motiv wiedereinzuführen ist für einen Geschichtenerzähler das Normalste von der Welt. So normal, dass es kaum mehr auffällt, es sei denn, sie wird nicht benutzt. In der Comedy ist es eine Grundtechnik, z.B. als Running Gag. Eine simple Geschichte verfährt in der Regel nach dem Schema, dass zunächst Motive, Figuren, Assoziationen usw. ausgebreitet werden. In der zweiten Phase werden diese Elemente sozusagen wieder eingesammelt und verleihen der Geschichte sozusagen einen "Sinn". Die Frage ist nur: Gibt es ein Zuviel an Wiedereinführung und Verknüpfung? In einem Roman oder einem anderen literarischen Werk empfinden wir zuviel Verknüpfung als unglaubwürdig. Man kennt das aus schlechten Kriminalromanen (bei denen alles exakt zusammenpasst) oder billigen Schwänken ("Ach, der Bahnhofsvorsteher ist ja selber der Vater...") Vor allem in der Improvisation finden wir Formen, die die allzu behende Verknüpfung zu umgehen versuchen, z.B. der "Rote Faden" (Thread) oder der klassische Harold, in dem drei Stories parallel erzählt und nicht miteinander verknüpft werden. Das Interessante ist ja, dass man als Zuschauer (oder Leser) ohnehin ständig verknüpft. Als Impro-Spieler (oder Autor) muss ich meinem Publikum ja nicht alles unter die Nase reiben. Die Latenz macht die Kunst aus.
5.10.05 Parkbank Sessions Mit freundlicher Genehmigung von Wibke Reckzeh: Hier ihr Artikel über die Parbank Sessions mit Sten Rudström und Sabine von der Tann.
6.10.05 Geist der Freiheit Unter den Lesebühnen haben die Surfpoeten mehr als alle anderen den Gedanken und den Geist der Freiheit auf der Bühne gelebt und weitergetragen und tun es immer noch. Diese Freiheit kosten sie so weit aus, dass sie auch dem Schlechten und Grottenschlechten eine Chance geben (z.B. am Offenen Mikro). Jeder ist eingeladen, an dieser Party der Freiheit teilzuhaben.
7.10.05 Impro bei der Chaussee der Enthusiasten Schön improvisierter
Abschlussmonolog gestern Abend mit Jochen Schmidt.
8.10.05 Umgang mit Spaßvögeln Diskussion neulich mit Boris Friese und Andrés Atala Quezada sowie mit Micha Ebeling, wie mit Störern und Spaßvögeln bei Veranstaltungen umzugehen. sei. Grundsätzlich Freundlichkeit, denn die anderen Zuschauer können nichts dafür. 1) Mutwillige Störer 2) Gedankenlose Störer 3) Spaßvögel
9.10.05 Der Impro-Lehrer Mitglieder der professionellen Gruppe Y sagten, als ich sie fragte, warum sie meinten, so und so spielen zu müssen, ihr Lehrer habe es sie so gelehrt, dass man dies so machen müsse und dies und das nicht. Auf die Frage nach dem Warum zuckten sie mit den Schultern. Ebenso damals unsere Mitspielerin X: „Ich habe das so gelernt.“ Hier wie anderswo: Der Schüler hat es erst dann verstanden, wenn er durch das Problem durchgegangen ist. Es kommt nicht darauf an, Regeln aufzustellen, sondern den Geist für Improvisation zu wecken, den Blick zu schärfen, Kreativität auch auf der Metaebene zu entwickeln. Ein guter Impro-Lehrer vermittelt nicht Lehrsätze, er öffnet die Augen. Ein guter Impro-Schüler sucht keine Lehrsätze, er sucht zu verstehen.
10.10.05 Harold Je sicherer man Strukturen
beherrscht, um so freier kann man den Harold spielen. Das betrifft vor
allem das Storytelling. Geschichten erzählen, immer und immer wieder. a) Das vorgeschlagene Wort wird eingekreist, verschiedene seiner Bedeutungen ausgelotet: durch Storys, Games, Lieder, Monologe usw., so dass eine Art Mosaik entsteht. Bei dieser Form des Harolds sollte man darauf achten, dass die Storys nicht zerfasern – zu leicht kann es geschehen, dass man das gesamte Assoziationsspektrum ausleuchten will, auf Kosten der einzelnen Story. Auch kann die Gesamtform leicht auseinandergehen: auch ein Mosaik ist nicht bloß eine Aneinanderreihung bunter Steine, sondern ergibt ein Gesamtbild. Andererseits soll nicht das Denken an das Gesamtbild das spontane Spiel stören. Vielmehr sollte man als Spieler ein Gefühl für Dynamik entwickeln: Wann bedarf es eines Wiederaufnehmen, wann ist ein Tempo-Wechsel gefragt, wann ein Wechsel der Stimmung. b) Das vorgeschlagene Wort ist die Kugel, die die anderen Story-Billardkugeln anstößt. Das Wort selbst ist einigermaßen irrelevant. Es löst lediglich drei (oder vielleicht auch vier oder fünf) verschiedene Assoziationsreihen oder Monologe aus, die die Storys initialisieren. Diese Form bietet den Vorteil, dass man sich an einer begrenzten Anzahl von Storys gewissermaßen entlanghangeln kann. Zu diesen kann man immer wieder zurückfinden, wenn man in ein Zwischenspiel, ein Lied, einen Monolog gewechselt ist. c) Eine stark abweichende Form des Harolds habe ich bei der New Yorker „Upright Citizen Brigade“ gesehen: Das Wort dient als Vorlage für einen längeren Monolog eines Spielers (in diesem Fall der Star aus Saturday Nightlive Fred Armisen), der sonst gar keine Rolle mehr spielte. Dieser Monolog wiederum ist Ausgangspunkt für die folgenden Szenen. Nach ˝ Stunde ist der Harold vorbei. Fraglich nur, ob man das noch als Harold bezeichnen kann.
11.10.05 Düsterer Harold Längere Storys tragen manchmal eine Tendenz zum Düsteren, weil man versucht ist, durch drohendes Unheil eine Fallhöhe zu schaffen. Gegebenenfalls sollte man sich zwingen, positiv reinzugehen.
12.10.05 Harold verhakt Manchmal kommt man im Harold nicht weiter – die Storys scheinen ziellos, man selbst ist wie blockiert. Hier, wie auch in anderen Formen, hilft es, sich selbst zu überraschen, sich bewusst zu verändern. Diese Veränderung sollte vor allem physisch initialisiert sein, der Rest (Sprache und Inhalt) ergeben sich dann schon.
13.10.05 Lesebühnen, Alltag, Kunst Oft wurde ja in der Presse
für die Lesebühnen als typisch bezeichnet, dass alltägliche
Ereignisse unter einer anderen Perspektive neu gezeichnet werden.
14.10.05 Funny Games IX Die Show der
Anfängergruppe Turbine William ist eine reine Game-Show. Seit langem
wieder mal die ganze Palette der Anfängerspiele gesehen.
15.10.05 Phasen des Impro-Lernens Bei fast allen Gruppen und
Spielern ist ein gewisses Muster in der improvisatorischen Entwicklung
zu erkennen:
16.10.05 Jugendliche Anfänger Ich empfinde es doch als
recht schwierig, mit Jugendlichen zu arbeiten, vor allem wenn der
Workshop in der Schule stattfindet, die Jugendlichen also ohnehin ihre
Zeit hier verbringen müssen.
17.10.05 Distanz zum Genre Der Musiker H. behauptete,
er könne nur deshalb Opern so gut parodieren, weil er sie hasse, d.h.
das Schematische an ihnen so leicht erkenne.
18.10.05 Storytelling Randy Dixon behauptet in
"Im
Moment", wir alle seien geborene Geschichtenerzähler. Das
stimmt nicht. Zwar hat jedes Kind einen Sinn dafür, wann eine
Geschichte eine Geschichte ist (und vermutlich auch jeder Erwachsene).
Aber beim Erzählen von Geschichten stellen sich dann die
Probleme ein: Geschwätzigkeit, Zusammenhanglosigkeit, Wichtigtuerei,
Phrasendrescherei usw.
19.10.05 Enden Anfänger und oft auch Fortgeschrittene tun sich schwer damit, Enden zu setzen. Es scheint mehr Mut zu erfordern, um zu sagen: "Hier ist Schluss. Das war unsere Geschichte.", als auf die Bühne zu gehen und loszulegen.
20.10.05 Ernste Missverständnisse Langformen müssen nicht "ernst" sein. Ernsthaftigkeit heißt nicht Humorlosigkeit Humor heißt nicht Blödelei Ohne eine gewisse
Ernsthaftigkeit bleibt auch die Komik platt. Erst die Wahrhaftigkeit
verleiht ihr die Tiefe, die uns innerlich zu schütteln vermag.
21.10.05 Kinder Leon Düvel berichtet, bei Shows vor Kindern seien diese weniger begeistert von den Funny Games als von guten Geschichten. Das bestätigt meine Vermutung in Bezug auf Jugendliche (s.o. Eintrag 16.10.)
22.10.05 Status in "Der Pate" Der lehrreichste Film zum Thema Status, den ich kenne. Insbesondere die Nuancen des Hochstatus. Sonny Corleone: Der älteste Sohn der Familie spielt permanent den gefährdeten Hochstatus oder, wie ich es nenne "Feldwebel-Hochstatus". Der Feldwebel muss (im Gegensatz zum General) die Soldaten zusammenschreien, um Gehorsam zu finden. Und so reagiert auch Sonny. Unbeherrscht und aggressiv ist er sich seiner Verletzlichkeit bewusst, da ihm klar ist, dass es ihm am Format des Vaters mangelt. Tom Hagan: Der Adoptivsohn (und Consigliere) der Corleones spielt einen sicheren, mittleren Hochstatus. Vom Gebrüll des Hollywood-Produzenten Woltz lässt er sich nicht beeindrucken, tupft sich gelassen den Mund ab und lässt später dessen Prachtpferd töten. Hagan ist sich bewusst, dass er eine wichtige Rolle im Familiengefüge hat, und doch ist er eben nur adoptiert, und am Ende zählt bei den Sizilianern das Blut. Fredo: Der mittlere Sohn. Klassischer Tiefstatus. Stammelndes, abruptes Sprechen, entschuldigender Tonfall, berührt sich selbst, Hundeblick, nervöse Bewegungen, flirrender Blick. Clemenza: Einer der Killer spielt einen seltsam-nervösen aber sympathischen mittleren Tiefstatus, der (zusammen mit seiner dicken, gutmütigen Statur) seine Brutalität kaschiert. Don Vito Corleone: Über allen thront der Pate. Klassischer "Königs-Hochstatus". Sanft berührt er andere (Bonasera, die Katze, Michael, Johnny Fontane). Aber auch immer wieder sich selbst ganz leicht (mit dem Ringfinger am Oberlippenbart). Seine Bewegungen sind ruhig, der Blick und die Haltung gerade. Die Sprache ist glatt und geradlienig, allerdings ist seine Stimme schwach - ein Zeichen, dass es mit ihm zuende geht. Michael Corleone: Von Beginn an ist er souverän, auch wenn er als jüngster Bruder nicht weiter auffällt. Als er dann selbst das Ruder übernimmt, schlägt er härter zu, als sein Vater, übernimmt aber auch dessen ruhige, souveräne Haltung. Wie sehr er sich der Wirkung dieser Haltung bewusst ist, zeigt die Szene, in der er unbewaffnet vor dem Krankenhaus seinen Vater beschützt - nur durch Haltung. Beängstigend sein freundlicher Hochstatus, als er am Ende seinen Schwager Carlo beruhigend berührt. Ausführliche Handlungsbeschreibung des Films hier
23.10.05 Naivität im künstlerischen Schaffen Daniel Barenboim:
25.10.05 Bühnenprostitution Spiele nie etwas
auf der Bühne, nur weil du glaubst, andere fänden es amüsant.
Spiele nichts, was dich selbst langweilt.
26.10.05 Schüler in Workshops Worauf ich von Anfang an und immer wieder achte: Die körperliche Haltung der Schüler soll wach, offen, locker sein.
27.10.05 Funny Games X Zu unterscheiden: 1) Spiele, deren Zweck es ist, die Improvisation als solche zu fördern, d.h. einen vom Planen abzuhalten, auf den Mitspieler zu achten usw. (zum Beispiel 3er-Synchron, ABC-Spiel) 2) Spiele, die eigentlich an einer Technik der Darstellung feilen (z.B. "Klingt nach einem Lied", Parallelwelten). Diese zweite Art von Spielen lassen sich in der Regel ohne weiteres organisch in längere Formen einbauen, während das bei anderen Spielen oft aufgepfropft wirkt.
28.10.05 Aufwärmen Letzte Show mit
"Die Bö" etwas zerfasert. Jeder von uns zu hibbelig und mit
sich selbst beschäftigt. Zwar immer noch gute Einzel-Szenen und Bilder,
aber kein geschlossenes Ganzes.
29.10.05 Authentizität Kann man denn überhaupt authentisch spontan agieren und reagieren, wenn man eine Rolle spielt? Schwer, dies einem Impro-Skeptiker zu begründen.
30.10.05 Intellekt ein- und ausschalten Keith Johnstone:
„Deine Phantasie ist nicht impotent, solange du nicht tot bist; du
bist nur eingefroren. Schalte den verneinenden Intellekt aus und heiße
das Unbewusste... willkommen...“
31.10.05 Hampelei und Musik Das deutsche Impro-Wiki weiterhin von Spielen, Aufwärm-Übungen und Diskussionen darüber bestimmt, welches Spiel wann zu spielen sei usw. So wird eine riesige, in Beleidigungen endende Diskussion darüber geführt, ob ein "Chor" genanntes Musik-Spiel sich als Zugabe eigne oder nicht. Ermüdend. Letztlich kommt es immer darauf an, wie man etwas spielt. Um im Beispiel zu bleiben: So wie hier der "Chor" beschrieben wird, ist es wenig mehr als eine Übung. Ein musikalisch gut aufeinander eingespieltes Team kann dagegen sogar gut klingende Chöre singen und in Szenen einbauen, ohne das unbedingt als "Nummer" aufführen zu müssen.
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Dan Richter