Gedanken zu Improvisation und Improtheater
September 2005
| August Juli Juni |
1.9.05 Unterrichten V Wenn Stephen Book Kritik
und Beurteilung so radikal verbietet, wie kommt man dann weiter? Er
selbst hält sich, so vermute ich, in seinen eigenen Workshops nicht
immer daran; zumindest zeigen seine Beispielfragen (Did you really stay
on the action focus, Joe?"), dass auch er subtil kritisiert. Die
Lösung wäre vielleicht folgende: Anweisung statt Kritik. Z.B.
anstatt hinterher zu sagen: "Es bringt nichts, wenn du deinen
Partner immer unterbrichst", könnte man als Sidecoach die
Anweisung: "Zug um Zug!" einwerfen. Wenn ich es richtig
verstanden habe, tat das auch Spolin so. Klar auch Sten Rudström:
Anweisung, Übung, Erfahrungsaustausch, nächste Übung.
Funny Games VIII Anfrage der Gruppe XXX mit
der Bitte um Coaching. Vor allem wollen sie aufführbare Spiele
lernen. Frage mich, ob sie mich dafür überhaupt brauchen. Das
Internet ist voll davon. Was aber zeichnet ein gutes Spiel aus?
2.9.05 "Kraft der Fehler" vs. Rechtfertigungsorgien Miles Davis sagt:
"Hab keine Angst vor Fehlern. Es gibt keine."
3.9.05 Clowns Habe wieder einmal voller
Verwunderung diesen seltsamen McDonalds-Clown betrachtet, der ja wohl
dafür gedacht ist, Kinder anzuziehen.
4.9.05 Aufwärmen II Von den Vorlese-Veteranen des Frühschoppen könnte man sich die schöne Form des informellen Warm-Ups abgucken: Man trifft sich eine Stunde vor Beginn der Show, vorgeblich, um den Programmverlauf abzusprechen, Themen für den Wochen-Rückblick zu sammeln usw., aber mindestens genauso wichtig, wenn nicht noch mehr, ist dass sich alle gewohnheitsmäßig auf eine bestimmte fröhlich-flapsige Stimmung einschwingen, die sie dann mit auf die Bühne nehmen.
5.9.05 Harold I Das Schöne an dieser
Langform: Wieviel Freiheit man sich nimmt und wieviel Form man sich
gibt, kann man selbst entscheiden. (Inzwischen kann man sich sogar
fragen, ob der Harold überhaupt noch als spezifische Langform
bezeichnet werden kann, da er sowieso von jeder Gruppe so gespielt wird,
wie es ihr in den Kram passt.)
6.9.05 Kinder und Improvisation Auf dem Spielplatz spielen fünf Kinder auf einem riesigen Kletter-Holzfisch. Ein Mädchen ruft: "Hier ist das Reich des Fischkönigs. Menschen dürfen hier nicht rein." Die Kinder sind emotional und spielerisch voll dabei. Vor allem aber akzeptieren sie. Und hier sieht man wieder, dass "Akzeptieren" sich aufs Spiel selbst bezieht, nicht unbedingt auf gesprochene Sätze (obgleich ein verbaler Block oft ein Indikator für einen spielerischen ist).
7.9.05 Premiere Premiere von Die
Bö im Zebrano-Theater.
Abgesehen davon, dass es sehr gut besucht war, haben wir gespielt
wie die jungen Impro-Götter. Angenehmes, stressfreies Plaudern vorher,
knappes Warm Up, gute Laune im Backstage. Lockere, freundliche
Kommunikation mit dem Publikum, humorvoller Umgang untereinander,
klares, subtiles und spannungsreiches Spiel. Langform "Harold"
mit guten Stories, verrückten Gimmicks, im Moment entstehenden Games.
8.9.05 Körpersprache - Das Duell Dass ich am Sonntag den
Fernseher wegen des Duells eingeschaltet hatte, ist ein schlimmer Fehler
gewesen. Jetzt geht mir dieser Müll nicht mehr aus dem Kopf. 9.9.-16.9. Computerabsturz. Nachtrag folgt.
12.9.05 Proben Wie soll man ausprobieren
auf Proben? "Lasst uns einfach mal anfangen!", bringt dann
offenbar doch nicht sehr weit, wenn unklar ist, was denn
eigentlich ausprobiert werden soll. 13.9.05 Proben II Unterschiedliche Ansichten zum Sinn von Proben.
Im Prinzip kann ich allen Positionen zustimmen, aber jeder einzelnen nur dann, wenn sie die anderen Positionen berücksichtigt.
14.9.05 Das zweite Mal / Neue Form: Camillas Kette Das zweite Mal hat immer etwas Bedrohliches, vor allem wenn das erste Mal so gut war: Der zweite Kuss, die zweite Kanzlerschaft, das zweite Buch und eben auch die zweite Show nach der geilen Premiere. Es läuft aber recht gut. Probieren eine neue (?) Langform, die ich nach ihrer Erfinderin "Camillas Kette" taufen möchte. Es funktioniert so: Eine vom Publikum
ausgewählte Nebenfigur aus der 1. Hälfte der Show rückt in den
Mittelpunkt der ersten Szene. Für die zweite Szene wird ein Gegenstand
aus dieser Szene ausgewählt, für die dritte eine Stimmung usw., bis
schließlich vier bis sechs Szenen gespielt wurden, die voneinander weit
entfernt liegen. In der letzten Szene wird der Kreis durch ein
angedeutetes Motiv aus der ersten Szene wieder geschlossen.
16.9.05 Anmoderationen Versuche seit Monaten, zugleich warm und sanft aber auch klar und bestimmt zu sein. Im Dunkeltheater und beim Kantinenlesen gelingt das am ehesten.
17.9.05 ImproWiki Warum nur soll ich über ImproWiki
meckern? Weil die Seite so mager ist? Sich das "Neuste" auf
olle Games beschränkt? Lieber mitmachen. Bitte sehr. Mein ersten
Wiki-Einträge zu den Themen "Streit" und
"Statuskampf". (Ersteres zu vermeiden, zweites kein
Fehler, sondern eine sparsam einzusetzende Technik.)
18.9.05 Wahre Kunst Bei der Show "Dan
und Jochen treiben's zu weit" spontane Diskussion mit Jochen
Schmidt über wahre Kunst/wahre Künstler. Gerade wenn man im
Bereich des Humorvollen/ Komödiantischen zu Hause ist, muss man sich ja
immer wieder mit dem latenten und manchmal auch manifesten Vorwurf
auseinandersetzen, man würde nur fürs Publikum schreiben, Gags reißen
um zu gefallen usw. Tatsächlich könnte ich auf Anhieb vier, fünf
Lesebühnen-Autoren nennen, die auf diesen Effekt hin schreiben, die
(mit einem Schielen zum Publikum) die Wahrheit zu Klischees plattwalzen,
um eines billigen Lachers willen. (Seltsamerweise gibt es diesen Vorwurf
beim Improtheater, das viel näher am Klischee agiert und wo die Gefahr
der Eitelkeit durch die Schauspielerei viel größer ist, so gut wie
nie.)
19.9.05 Wahre Kunst II Im Übrigen sollte man der Kritik des Publikums aufmerksam lauschen, ihr aber auch nicht allzu schnell nachgeben. Die zweitbesten Ratgeber sind Mitspieler. Die besten: zuschauende Künstlerkollegen.
20.9.05 Gorillas Games, Games, Games. Aber wer macht es so charmant wie die Gorillas?
21.9.05 Formenbeherrschung Eine Frage, die immer wieder auftaucht: Wie gut sollte man ein Spiel oder eine Langform beherrschen, wenn man sie aufführt?
1) es ein Spiel ist, das den Spieler irritieren und vom Weg des Vorausplanens abbringen soll. Eine perfekt runtergespielte, weil oft trainierte ABC-Szene z.B. ist einfach nur langweilig. 2) man auf der Suche nach einer neuen Form ist, um auf eine andere Art eine Story zu erzählen. Allerdings sollte auch man auch beim Experimentieren den Verstand nicht weglassen. D.h. die Spieler sollten sich zumindest darüber im Klaren sein, was experimentiert werden soll. Was gesucht wird. Je stärker das Team aufeinander eingespielt ist, je feiner man also miteinander spielen kann, umso eher entstehen formale Experimente "unangekündigt", d.h. aus dem Spiel selbst. (So wie es Del Close in "Truth in Comedy" empfiehlt.) Mit der BÖ sind wir da wohl gerade auf einem guten Weg.
22.9.05 Bad Vibes Was tun, wenn der Tag schlechte Laune gebracht hat, man aber auftreten "muss"?
23.9.05 Parkbank Series Schöner Artikel in der taz über Sten Rudströms Parkbank Series, von denen ich hoffe, bald mal die Gelegenheit zu haben, sie selbst sehen zu können. Hier geht's zum Artikel von Wibke Reckzeh.
24.9.05 Anzahl der Spieler auf der Bühne Im
Grunde ist es für eine gute Impro-Show völlig unerheblich, ob in den
Szenen viele oder wenige Spieler auf der Bühne sind. Schließlich gibt
es auch im konventionellen Theater Ein-Personen-Stücke und Stücke, in
denen durchgängig zwanzig Figuren zu sehen sind.
25.9.05 Monologe Monologe
tauchen oft als sogenannte "wahre Monologe" in den Langformen
auf, in denen dann oft von Erlebnissen aus der Kindheit o.ä. erzählt
wird, oder als Monolog der Figur.
26.9.05 Fragen ans Publikum Es geht, wie gesagt, nicht um das Abfragen von "Vorgaben". Vielmehr sollte man versuchen, mit dem Publikum oder einzelnen Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Nicht nur muss man dem Zuschauer das Vertrauen vermitteln, dass das, was er sagt, nicht zu blöden Witzen missbraucht wird. Je mehr ein solches Gespräch von ehrlichem Interesse geprägt ist, um so eher die Chance, dass auch wahrhaftige Szenen entstehen.
27.9.05 Öffnung "Man
muss neuen Einflüssen gegenüber aufgeschlossen bleiben, sonst wird
alles redundant. Sogar wenn man Erfolg hat und die Leute mögen, was man
tut. Man darf sich da nicht selbst betrügen. Man muss sich trauen, nach
Hilfe zu fragen."
28.9.05 Das große Nichts Sehr
schöne Premiere dieser von den Gorillas erfundenen harold-artigen Form
bei Die Bö.
29.9.05 Was ist Improtheater Im Eifer des Gefechts haben wir ganz die Prozedur vergessen zu erklären, was Improtheater ist. Und das Schönste - niemand hat es vermisst.
30.9.05 Wahre Kunst III Sich bewusst zu sein, vor Publikum zu spielen, hat noch nichts mit Anbiedern zu tun. Umgekehrt muss man sich nicht Anbiedern, bloß weil man vor Publikum spielt. Diese Überlegungen finden sich ja auch schon in Vorspiel auf dem Theater in Goethes Faust I, wie mir heute wieder einfiel. Goethes Position findet sich aber nicht allein im Dichter wieder, wie uns unsere Deutschlehrerinnen weiszumachen versuchten, er kannte sehr wohl auch die Nöte eines Direktors, aber auch die der lustigen Person (= der Komiker). Die Szene kann also durchaus als inneres Streitgespräch Goethes gelesen werden. Direktor:
Dichter:
Lustige Person:
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Dan Richter