Wibke Reckzeh: Leben heißt Improvisieren.
Um Theater zu spielen braucht man keinen Vorhang - nur Leidenschaft
(Die Parkbank Sessions mit Sten Rudström und Sabine von der Tann)

 

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Ein Großstadtsommer in Berlin. Weiß geschminkt und gekleidet sitzen sie auf einer Parkbank am Arkonaplatz. Ein Mann und eine Frau. Sie reden über die Liebe, über den Planeten, von dem sie kommen und dass sie nur einen Ausflug auf die Erde machen. Das klingt schön, gut, klug und macht Spaß. Es sind nicht immer ganze Sätze, manchmal nur einzelne Fetzen, die einen Sinn ergeben. Dazwischen herrscht Stille, dann wieder ein englisches Wort von ihm, das sie sich nimmt und singt. Plötzlich wird ein Lied daraus, oder auch nichts.

Was soll und ist das, was so gut nach Berlin passt, weil es cool ist, weil es ein bisschen verrückt ist, weil es eigen ist?

„Das Potenzial liegt in dem Moment, nichts ist einstudiert, wir haben lediglich einen zeitlichen Rahmen“

„Uncontrolled Improvisation“ ist der Name der seit 2001 in Berlin stattfindenden so genannten Parkbank-Serie, die von Sten Rudstrom und Sabine von der Tann ins Leben gerufen wurde und auf der von Ruth Zaporah entwickelten Action Theatre-Methode basiert. „Die Begegnung mit Ruth war wie ein Blitzschlag,“ sagt Sabine.

Uncontrolled - weil es bei der Action Theatre Improvisation, einer Mischung aus Bewegung, Gesang und Sprache, kein inhaltliches Konzept gibt. „Das Potenzial liegt in dem Moment, nichts ist einstudiert, wir haben lediglich einen zeitlichen Rahmen.“ Das klingt so erfrischend leicht, dass es einem schwer ums Herz wird und man gar nicht glauben kann, dass etwas einfach so funktioniert.

Wenn zwei Menschen ungewöhnliche Sachen an gewöhnlichen Orten machen

Sten und Sabine erzählen mit der Leidenschaft, mit der sie auch spielen. „Es ist schön, wenn wir die Menschen mit unserer Improvisation berühren, dabei ist es egal, auf welcher Ebene.“ Eine Garantie dafür, dass es interessant wird, gibt es nicht.

Wenn zwei Menschen ungewöhnliche Sachen an gewöhnlichen Orten machen: 2001 bringt ein Zufall die beiden auf eine Idee und die Parkbank-Serie auf die Welt. Sabine ist verletzt und kann sich nicht uneingeschränkt bewegen. Sie und Sten sitzen im Studio. Plötzlich beschließen die beiden, in den nahe gelegenen Park am Arkonaplatz zu gehen, wo sie sich auf eine Bank setzen und anfangen zu proben. Dies ist die Geburtsstunde der Parkbank-Serie, die von nun an jedes Jahr im Sommer vier Mal im öffentlichen Raum in Berlin aufgeführt wird. Anfangs trägt sie den Titel „Vocal Improvisation“, später benennen sie sie in „Uncontrolled Improvisation“ um. „Genau da auf der Bank haben wir das erste mal geprobt“, sagt Sten.

Der Zuschauer weiß nicht, dass er ein Zuschauer ist, wenn er zufällig den Hund ausführt

Weiß geschminkt und gekleidet sind sie, weil es festlich ist. Sie lassen sich inspirieren von dem Ort, dem Augenblick und von sich selbst. „Der Moment, in dem wir beginnen zu improvisieren, ist magisch. Das, was dann geschieht, geschieht einfach. Dabei ist es wichtig, schnelle Entscheidungen zu treffen und aufeinander einzugehen. „Der Zuschauer weiß nicht, dass er ein Zuschauer ist, wenn er zufällig den Hund ausführt, spazieren geht oder sich ganz einfach nur leicht draußen betrinken möchte.  Auf die Frage, was für eine Rolle denn dann das Publikum habe, antworten sie: „Ohne Publikum können und wollen wir nicht spielen. Das Publikum ist unser Zeuge.“

Sie sind Idealisten, die versuchen ein Theater zu verkörpern, das vom Zuhören, von einer tiefen Musikalität lebt und absichtslos bleibt. Ihre Tätigkeit ist Berufung. „The improvisation plays us, we play improvisation“, meint Sten. Und Sabine fügt hinzu: „Wenn ich das Gefühl habe, dass es sich einfach gespielt hat, dass nicht ich es war, die gespielt hat, dann war es wirklich gut.“

(c) Wibke Reckzeh

 

Dan Richter