Gedanken zu Improvisation und Improtheater
April 2006
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1.4.06 Komik-Schema Ein einfaches, in der Impro
sehr wirksames, aber viel zu selten berücksichtigtes Komik-Schema: Die
Konsequenz eines Gedankens bis zum letzten auszureizen. (Klassisches
Beispiel: Paulchen Panthers superkräftiger Staubsauger, der so stark ist,
dass er sogar den Teppich aufsaugt, dann sämtliche Möbel, das Haus, die
Bäume und Tiere, dann auch noch die Sonne, und (man hatte es kommen
sehen) auch Paulchen. Damit nicht genug - er saugt auch den für Cartoons
so wichtigen Horizontstrich weg, und dann auch noch sich selbst.
2.4.06 Impro und Therapie Ein heikles Thema: Ganz offensichtlich hat die Beschäftigung mit Improtheater therapeutische Effekte: Stärkung des Selbstbewusstseins, Empathie usw. Aber kann man dann einen Improkurs sozusagen als Therapie empfehlen? Eine wilde Debatte entspinnt sich darüber im YesAnd-Forum. Gewalttätige, Schizophrene. Dabei hatte ich nur an die kleinen Macken gedacht, die wir alle mit uns herumtragen.
3.4.06 Fortgeschrittene lernen Langform Improvisierer, die mit
anfangen, sich mit Langformen zu beschäftigen, tendieren oft dazu, sich von der Form gefangennehmen zu lassen, d.h. sie denken zu sehr an die Storystruktur und planen voraus. Dies hindert sie daran, im Moment zu bleiben und das bereits Geschehene im Blick zu behalten. Wichtig ist also nicht der Blick nach vorn, sondern der Blick zurück.
4.4.06 „Fehler“, die nur bedingt welche sind
5.4.06 Bewegungs-Improvisation Physische Entscheidungen treffen mit Fokus auf ein bestimmtes Körperteil. Sogar möglich, das Ganze zu erweitern – z.B. Fokus auf „Knochen“, Gelenke, allgemeine Schwere usw.
6.4.06 Demut des Künstlers "Künstler müssen freilich streben, (Aus Mozart: Der Schauspieldirektor KV 486, Libretto: Johann Gottlieb Stephanie der Jüngere)
11.4.06 Training Wer glaubt, kein Training mehr zu benötigen, ist am Ende angekommen. Allzeit zu trainieren: Stimmliche Geschmeidigkeit und körperliche Beweglichkeit.
12.4.06 Verzweifelte Suche nach Formaten und Spielen "Was können wir spielen? Was sollen wir spielen?" Egal, ob man zu acht auf der Bühne steht oder allein - frag dich, was du auf der Bühne überhaupt willst und was deine Stärken sind - dann entsteht das Format oder das Spiel schon fast von selbst.
13.4.06 Formbeherrschung Wie gut sollte ein Impro-Ensemble ein bestimmtes Format beherrschen, bevor man es aufführt? Es spricht einiges dafür, die Form noch nicht allzu gut beherrschen, so dass sie eine spielerische Herausforderung darstellt und den Fokus auf sich zieht. Das gilt vor allem für relativ einfache Spiele oder strukturell einfache Langformen. Hier genügt es oft, sich bevor man loslegt klarzumachen, worauf es ankommt. Gerade Spiele, die komplett beherrscht werden, wirken etwas langweilig, da sie auch für die Spieler langweilig sind. Andererseits gibt es strukturell oder technisch sehr anspruchsvolle Formen. Eine improvisierte Musikform, die darauf beruht, dass die Spieler mehrstimmig singen, sollte nur dann gespielt werden, wenn die Spieler das auch auch schon mal mit Erfolg geprobt haben. Für Anfänger sind Synchro-Spiele zunächst etwas schwierig. Improvisation hat zwar immer mit Risiko zu tun, aber man sollte ja nicht bewusst ins offene Messer laufen. Und als Zuschauer will ich kein mutwillig herbeigeführtes Gestammel auf der Bühne sehen, sondern Spieler (auch Anfänger!), die sich mutig an Herausforderungen wagen, die für sie angemessen sind.
14.4.06 Geheimnisse / Innerer Konflikt Hat der Held ein Geheimnis oder trägt er sich mit einem inneren Konflikt, dann sollte der Spieler diesen Konflikt nicht zu schnell lösen - denn dies ist das Material, mit dem er spielen kann. (Oder auch das "Versprechen der Szene".)
15.4.06 Anpassungsspieler Aufmerksamkeit für die Mitspieler ist eine wunderbare Fähigkeit. Nur sollte das nicht dazu führen, sich selbst zu vergessen. Es nutzt dem Mitspieler nämlich nichts, wenn du dich ihm in allem anpasst und deine Figur darüber verlierst.
16.4.06 Gleichzeitige Angebote Zwei
Spieler betreten gleichzeitig die Bühne.
17.4.06 Karl Valentin Bekanntermaßen bewunderte Bertolt Brecht die Distanziertheit des Valentinschen Spiels, in dem Sinne, dass er die Existenz der Bühne immer wieder mit einbezieht. Das Schauspielen selbst betreibt Valentin mit größter Ernsthaftigkeit. Er erlaubt sich keine Schludrigkeiten, ebensowenig wie seine Partnerin Liesl Karlstadt. Das moderne (oder meinetwegen postmoderne) Element bei Valentin liegt also nicht in einer Ironisierung des Schauspielerischen, sondern des (sozialen) Verhältnisses Schauspieler - "Puplikum".
18.4.06 Karl Valentin und Liesl Karlstadt Oft
improvisierten Valentin und Karlstadt minutenlang, und Liesl Karlstadt
berichtete, dass sie immer währenddessen dachte: "Das muss ich mir
unbedingt merken, damit wir es beim nächsten Mal einbauen." Und dann
vergaß sie es doch.
19.4.06 "Fuck the rules" Ja,
die Regeln sind eben nur Hinweise, dich zu lösen und ins Spielen zu
bringen, dir die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen. Verneinen, offene
Fragen stellen, die Realität des Mitspielers blockieren - das alles ist
OK, wenn es nicht aus Angst heraus geschieht, sondern als Spielangebot.
20.4.06 Tolle Ideen vs. Konsequenz Ideen, um es noch mal zu sagen, zählen nichts, auch wenn die Zuschauer dir genau das nach der Show sagen: "Tolle Ideen!" In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Je konsequenter du das weiterspinnst, was schon da ist, und dabei bleibst, umso eleganter wirkt dein Spiel. Draufgepackte Ideen dagegen wirken holprig und du bekommst bestenfalls einen Zwischenlacher.
21.4.06 Wieder einmal: Impro und Basketball Dirk Nowitzki ist heißer Anwärter auf den Titel des "Most Valuable Player der US Basketball-Liga. Die Begründung liest sich wie die für einen guten Impro-Spieler: "Spieler wie Duncan und Nowitzki verstehen das System und nehmen willig ihren Platz darin ein. So wie brillante Solisten in einem Orchester, die stets nur den Klang des gesamten Ensembles im Ohr haben." Der komplette Artikel in der heutigen taz.
22.4.06 Storytelling Wenn die Story einen bestimmten Punkt überschritten hat, sollte man nicht mehr allzu viele neue Überraschungskisten öffnen, die starken blinden Angebote in Grenzen halten und den Fokus eher aufs Wiedereinführen (re-incorporation) legen. Andererseits darf das nicht dazu führen, dass die Geschichte in voraussagbaren Tiptop-Schritten weitererzählt wird, schon gar nicht sollte der Spieler versuchen, die Story auf ein bestimmtes Ende hin zu lenken. Bleib weiterhin offen für Überraschungen und überrasche dich selbst. Aber bleib noch stärker als zum Beginn mit dem bisher Etablierten verbunden.
23.4.06 Beatles - Theater Hatte immer wieder die Vermutung, dass die Beatles auch gute Impro-Spieler oder Comedians gewesen wären. Immerhin erwies sich später zumindest Ringo Starrs Schauspieltalent. Ein Filmchen, dass ihr theatralischen Komiker-Fähigkeiten zeigt, wenn's auch arger BBC-Trash ist. Die Pressekonferenzen hingegen erinnern stellenweise an die Ansagen bei der Chaussee der Enthusiasten.
24.4.06 Charaktere und Stereotypen Diskussion
beim Chicago-Improforum
über "Character building". Provozierende Ausgangsthese,
Impro-Charaktere kämen über den Status von holzschnittartigen Figuren
nicht hinaus.
26.4.06 Schäkern mit dem Publikum Schönes Bild von "Adali Stevenson", das gegen solche Koketterien spricht, im YesAnd-Forum: "A scene is like a balloon. The more it intensifies, the more it grows. You can get a big noise by popping a fat baloon, but only once. Then it's gone.
27.4.06 Funny Games Seltsam, wie oft Spiele und deren Regeln als Behinderung aufgefasst werden, als zu erfüllende Aufgaben. Stattdessen kann man sie als Möglichkeit betrachten, auf einen bestimmten Aspekt der Improvisation zu fokussieren und diesen so weit wie möglich auszuloten.
29.4.06 Die vierte Wand durchbrechen Nervt
es, wenn jemand die vierte Wand durchbricht? Hitzige Diskussion darüber
bei YesAnd.
30.4.06 Nett sein Ergänzung
zu Johnstones "Geschichten kaputtmachen" aus "Theaterspiele".
Nett zu sein, heißt, alles auf ein gleichmäßig nettes, dabei
langweiliges Niveau runterzufahren. Es äußert sich oft als
Sofort-Lösung eines Problems. Um im Rotkäppchen-Beispiel von Johnstone
zu bleiben: |
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Dan Richter