Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
Dezember 2006
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1.12.06 Künstlerischer Wille Seltsam
manchmal, wie manche Spieler erst loslegen, wenn sie ganz genau wissen,
was sie zu tun haben, wenn sie sich sozusagen an einer Aufgabe
gewissermaßen abarbeiten können, möglichst so sicher, dass sie
irgendwann bestimmte Schemata aus dem Hut ziehen können. Je größer die
Unsicherheit auf der Bühne, umso panischer sind sie. Dabei brauchen wir
ja nicht mehr als das: Eine leere Bühne und den Willen, der Kreativität
ihren Lauf zu geben. Aus diesem Grunde sind beseelte Anfänger, die mit
Freude und Entdeckungslust ein Anfängerspiel spielen, viel interessanter
zu beobachten, als verängstigte oder panische Profis, die erst dann ihre
Ruhe haben, wenn der Applaus für eine Szene kommt, die sie in ihren
Klischees schon zigmal gespielt haben.
2.12.06 Dilettantismus "Fehler
der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar miteinander verbinden
zu wollen." (Goethe)
3.12.06 Tools! Not Rules! Für viele wirkt der
Begriff der "Regel" schon einengend. Eine Stimme im Kopf redet
dann auf sie ein: "Ich darf keine Fragen stellen. Ich muss den
Mitspieler beobachten! Ich muss physisch agieren! Ich soll emotional
reagieren!" Und vor lauter Regeleinhaltungs-Angst vergessen sie zu
spielen. Die sogenannten Regeln sind also eher als Rüstzeug zu
verstehen.
4.12.06 Pantomime Gehe nicht davon aus, dass deine Mitspieler deine Pantomime deutlich erkennen können. Notfalls muss definiert werden.
5.12.06 Märchen Seltsamerweise wird gerade bei einem doch recht bekannten Genre wie dem Märchen im Improtheater oft völlig atypisch erzählt. Die typische Märchen-Improszene beginnt mit einem Zwerg, einem Zauberer, einer Hexe usw. All das taucht im Märchen so gut wie nie zu Beginn auf. Das Seltsame bricht - ähnlich wie im Horror - in die Welt des Normalen ein.
6.12.06 Showformate Ein
gutes Format zeichnet sich durch Einfachheit aus. Das Schlimmste ist, wenn
die Anmoderation, das Warm Up des Publikums und die Erklärung des
Formates schon mal 20 Minuten einnehmen.
7.12.06 Publikumserziehung Wenn man eine regelmäßige Show spielt, ist es eine Unsitte, auf sich verspätendes Publikum zu warten, denn man bestraft ja so das pünktliche Publikum, dass sich dann beim nächsten Mal auch sagt: Dann kommen wir eben später. Also einfach konsequent pünktlich beginnen.
8.12.06 Streit Streit ist ja vor allem langweilig, wenn sich nichts entwickelt, wenn es verbal auf ein Nein-Doch-Nein hinausläuft und emotional und physisch die Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Die Spieler sollten vor allem nicht in einen Spieler-Streit abrutschen. Streit kann aber interessant gestaltet werden:
9.12.06 Heikle Themen und politische Inkorrektheiten Heikle Themen verlieren einiges an Brisanz,
wenn man eine klare Haltung zu ihnen hat (oder einnimmt). Wer schafft es
schon, eine gute Szene zu spielen, in der z.B. ein geistig oder
körperlich Behinderter auftaucht? Das erfordert eine hohe
schauspielerische und erzählerische Kraft.
10.12.06 Seid gut Seid gut, in dem was ihr tut. Ein trotteliger Chirurg, der mit einer Kettensäge hantiert, ist gut für ein paar Slapsticklacher. Ein guter Chirurg kann feinere Probleme haben, und somit auch feinere Komik produzieren.
11.12.06 Auch Objekte nicht thematisieren Seltsamerweise geht es in Szenen mit Hund immer um den Hund.
12.12.06 Dreisprung Manchmal
erscheint mir Improtheater sowohl in der Aufführung als auch beim
Training wie ein ständig wiederholter Dreisprung:
13.12.06 Fähigkeiten Erstaunlich, wieviele Improspieler sich auf den einmal erworbenen Fähigkeiten ausruhen. Die einzige Neuerung, nach der sie noch suchen, sind "neue Spiele".
15.12.06 Freestyle-Rap und Improtheater Bei einem kleinen Rap-Workshop mit Benjamin Pavlidis nennt er die aus seiner Sicht wichtigsten Skills:
Genau das, was wir im Grunde auch bei improvisierten Szenen brauchen, wenn man "Rhymes" als eine beim Rap spezielle Form der Poesie versteht.
16.12.06 Hardcore Impro mit Migrantenkindern S.W.
unterrichtet nun 13jährige Migrantenkinder in Improtheater. Und
anscheinend gibt es gerade hier äußerst viel zu tun: Die Kinder müssen
zunächst mal ihre gerade erworbene Pubertäts-Scham ablegen: Die Jungs
wollen immer cool sein, die Mädchen immer niedlich. Und grundsätzlich
ist alles peinlich. Und diese Peinlichkeiten reiben sie den anderen unter
die Nase, schämen sich aber für jede Äußerung, die sie geben sollen.
Häufigster Satz: "Weißnisch." Sie sind kaum bereit, einander
zuzuhören, sich auf Spiele einzulassen, die sie nicht sofort verstehen.
Andererseits werden "einfache" Spiele auch schnell als
langweilig abgetan. Sie brüllen einander an, in den Pausen und auf der
Bühne. Sie plappern in einem fort. Sie kämpfen und beleidigen sich.
17.12.06 Improvisierte Dialoge Auch bei den improvisierten Dialogen der Chaussee der Enthusiasten kann man - besonders im Vergleich von gescheiterten und gelungenen Dialogen - erkennen, wie die Impro-Spielregeln funktionieren. Spannend ist es immer dann, wenn sich die Sprecher die Bälle zuspielen, Impulse positiv aufnehmen, bereit sind, aus diesen etwas zu entwickeln, Irritationen aus dem Publikum ebenfalls positiv zu nehmen wissen usw.
18.12.06 Anfänger-Show Eine eigenwillige Faszination geht von Anfänger-Workshops aus. Wenn die Spieler eine gewisse Offenheit, Begeisterung und positives Engagement zeigen (was geschult sein kann oder auch einfach Talent), dann ist man als Zuschauer auch bereit, eine Menge an Unvollkommenheiten zu akzeptieren.
19.12.06 Vorteil, wenn man den Mitspieler nicht kennt Wenn man auf einer Session oder in sonst einer Situation seinen Mitspieler auf der Bühne nicht kennt, kann das von großem Vorteil sein, wenn die beiden Spieler sehr wach und achtsam miteinander umgehen, "Fehler" eher verzeihen oder eher bereit sind, diese als neuen Impuls aufzugreifen.
20.12.06 Vorteil, wenn man den Mitspieler kennt Je genauer ich die Tugenden sowie die physischen, schauspielerischen und intellektuellen Fähigkeiten meines Mitspielers kenne, umso subtiler kann ich meine Angebote gestalten. Wenn ich weiß, dass mein Partner einen Handstand kann, wenn ich weiß, dass er mich auf jeden Fall fängt, wenn ich mich fallen lasse, wenn ich weiß, dass er ein Heideggerzitat einordnen kann, wenn ich weiß, dass er spanisch spricht usw.
25.12.06 Ratespiele Ratespiele haben
vielleicht mehr als andere Improspiele die Tendenz, zu Partygags zu
verkommen. Man sollte sich daher hier genau überlegen, warum man dieses
Spiel aufführen will und wie man es tut.
26.12.06 Wahre Monologe Vielen Ensembles sind „wahre Monologe“ ein Greuel. Wenn man sich ansieht, wie „wahre Monologe“ für gewöhnlich im Improtheater aufgezogen werden, ist das durchaus verständlich: Es sind entweder peinliche Offenbarungen oder belangloses Zeug aus der Kindheit. Spontane Monologe können aber durchaus witzig sein, wenn man bereit ist, dem Publikum etwas mitzuteilen und den Humor nicht beiseite lässt. Meine Versuche im Improtheater, entsprechende Dialoge auf die Bühne zu bringen (wie es ja bei der Chaussee der Enthusiasten oder teilweise auch bei Harald Schmidt relativ erfolgreich praktiziert wird), sind bisher gescheitert. Ich vermute, sie sind zu sehr in den Theaterkonventionen verhaftet. Sie können sich nicht vorstellen, dass es einfach Spaß macht, sich auf diese Weise auszuspinnen.
27.12.06 Müde spielen Wenn man aus irgendwelchen Gründen physisch ausgepowert ist, sollte man wohl wenigstens versuchen, effizient zu spielen und sich auf die Freude zu konzentrieren. In unserer Show fiel auf, dass wir nach einem Umzug auch kaum mehr in der Lage waren, inhaltlich etwas hinzuzufügen. Das "Ja" kam noch, das "Und" fehlte.
28.12.06 Untersuchungen Da jede gute Show auch eine Untersuchung von Neuem ist, sollte man sich des Neuen auch bewusst werden - was hat geklappt, was nicht. Ausprobieren ohne Konsequenz endet zu oft in Pseudo-Avantgarde-Gefummel.
29.12.06 Moderation Der Moderator I. lächelte selten auf der Bühne. Ich fragte ihn warum er so ernst bleibe. "Ich will mich nicht verstellen." Dabei schien er mir gerade dann am authentischsten, wenn er zeigte, dass es ihm Spaß machte. Alles eine Frage des Fokus.
30.12.06 Routine
Die Frische der Kunst verlieren wir früher oder
später, wenn wir versuchen, das einmal erfolgreich Praktizierte zu
wiederholen. Statt das erfolgreiche Werk zu kopieren, sollte man sich an
die frische Geisteshaltung erinnern. Helge Schneider etwa bleibt sich
treu, indem er immer wieder Neues ausprobiert. (Auch wenn "Käsebrot"
natürlich stellenweise wie ein "Katzeklo"-Aufguss klingt.) Das
funktioniert aber nicht ohne den Mut zum Scheitern, wie z.B. bei seiner
Firefuckers Rock Tour. Im Gegensatz dazu höre man sich die Nummer "Das
Aquarium" von Karl Valentin von 1946 an: Eine textgetreue Kopie eines
seiner ersten Monologe, der aber nun seltsam vertrocknet wirkt. Kurz
darauf wurde sein Programm beim Bayrischen Rundfunk abgesetzt, und wenig
später starb Valentin.
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English version (excerpts) 2007 2006 |
Dan Richter