Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Februar 2006
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1.2.06 Streit Regel (alt): Streits auf der Bühne sind uninteressant, sie sind statisch und bringen die Szene nicht voran. Dasselbe gilt für Verhandlungen. (Streits sind im Grunde nichts als amplifizierte Verhandlungen.)
2.2.06 Entscheidendes nicht zeigen Gunter Lösel und Randy Dixon
betonen zurecht, dass man dem Zuschauer genug Platz lassen muss, um die
Geschichte sich selbst weiterzuerzählen. (Ob es nun ein Drittel sein
muss, wie Lösel sagt, kann man freilich bezweifeln.)
3.2.06 Johnstones Revolution Spolin erfindet unglaublich hilfreiche Impro-Übungen und -Spiele. Johnstones Verdienst liegt darin, den Spielen einen unterhaltsamen Dreh gegeben zu haben, so dass sie aufführbar wurden. Das Dumme ist nur, dass ihr Übungs- und Trainings-Charakter abhanden kommt, je öfter sie von einem Ensemble aufgeführt werden.
4.2.06 Funny Games Spielerin K. hatte nach
einigen Game-Shows die Nase voll von den albernen Impro-Games, die die
Tiefe von Figuren und Storys eher verhindern als fördern. Sie lehnt Games
von nun an rundweg ab.
5.2.06 Tempo Soll man langsam sein?
6.2.06 Workshop: Müdigkeit Ein paar sind fast immer müde, weil der Workshop zu einer für sie ungeeigneten Zeit stattfindet. Wenn einer gähnt, sollen alle gähnen. Ein Spiel draus machen? Gähnalarm: Uaaaah!
7.2.06 Tanz-Harold Sasha Waltz' Truppe entwickelt also auch ein Harold-artiges Stück zu einem wissenschaftlichen Thema "Das Geheimnis der Amöben" an der Charité. Die Rezension und ein Bericht klingen sehr nach der von uns am vergangenen Freitag in den Sophiensaelen geschaffenen Collage zum Thema "Johannisbeerstrauch".
8.2.06 Theatersport-Lizenz Eine schöne Begründung, warum das International TheaterSports Institute Lizenzen einnimmt, gibt der Meister Keith Johnstone hier persönlich. Er lässt sich also nicht an einem Mittelmeerstrand mit Trauben von Teenagern füttern. Stattdessen geht die gesamte Kohle an die Anwälte. Da freuen wir uns aber. Glücklicherweise trifft die Lizenzregelung für Deutschland nicht zu.
9.2.06 Hässlichkeit und Eleganz Mozart über die musikalische
Gestaltung des Osmin in Die Entführung aus dem Serail: "Weil
aber die Leidenschaften, heftig oder nicht, niemals bis zum Ekel ausgedrückt
sein müssen und die Musik auch in der schaudervollsten Lage das Ohr
niemalen beleidigen, sondern doch dabei vergnügen, folglich allzeit Musik
bleiben muß, so habe ich keinen fremden Ton zum F (dem Ton der Aria),
sondern einen befreundeten, aber nicht den nächsten, D minore,
sondern den weitern, A minore, dazu gewählt." (Brief an den
Vater, Wien 26.9.1781)
10.2.06 Klamotten Ewige Diskussionen in Foren und Gruppen über die Klamotten, die im Improtheater zu tragen sind. Im Grunde muss das jede Gruppe für sich entscheiden. Was als Zuschauer auffällt:
11.2.06 Zwiespältiges Lob "Ach, ihr macht so was wie Schillerstraße! Toll!"
12.2.06 Dialoge Zu loben ist Stephan Zeisig, der die An- und Absagen bei der Chaussee der Enthusiasten als improvisierten Lang-Dialog eingeführt hat. So etwas kaum woanders zu sehen. Höchstens als ausgearbeitete Sketche. Vermutlich in der Richtung auch viel improvisiert bei Grissemann und Stermann. Beim Improtheater habe ich es so noch nie erlebt.
13.2.06 Solo-Impro In Berlin kaum jemand, der so etwas macht. Einer der wenigen schafft es in ein paar hellen Momenten ehrlich zu sein und mit dem Publikum etwas zu entwickeln. Wenn's nicht gut läuft, führt er das Publikum vor.
14.2.06 Selbst-Inspiration Physisch:
Emotional:
Verbal:
15.2.06 Moderationen Bild: Deine Augen sind Strahler, die ins Publikum leuchten und jeden Zuschauer mal anstrahlen. Lass niemanden aus.
16.2.06 Napoleon versus Goethe Quasi halber
Impro-Theater-Versuch bei der Chaussee
der Enthusiasten: Die Begegnung
Goethes mit Napoleon nachgespielt.
17.2.06 Ich-Musik Andrés Atala Quezada
berichtet von Johann Sebastian Bach, bei dem man das Gefühl habe, dass
der Künstler völlig hinter das Werk zurücktritt und zum Gefäß Gottes
würde. Dagegen seien Brahms und die Romantiker Verfasser von
"Ich-Musik", die ihr Ego und ihr Leiden auf unerträgliche Weise
in den Vordergrund stellen. (Ich denke natürlich sofort an Blues, der ja
ohne den individuellen Ausdruck gar nichts taugt.) Klar, dass der
Künstler als wahrer Künstler sich die Demut vor der Kunst bewahren
sollte.
18.2.06 Vorschläge Lieber Dan, wenn du mit
Vorschlägen arbeitest, nimm sie ernst. Versuch nicht, schlauer als sie zu
sein. Liebe die Zuschauer für ihre Vorschläge. Hasse sie niemals.
19.2.06 Prozessorientiert I Es geht nicht um das Produkt, sondern um den Prozess. Wenn wir die kleinen Dinge nicht achten, sondern drüberhuschen, nimmt einem keiner mehr ab, dass man Theater spielen will. Und es sieht auch einfach schlecht aus, wenn selbst einfachste pantomimische Handlungen (wie z.B. ein Buch umblättern) verwischt werden. Sowohl Spieler als auch Zuschauer fühlen sich wohler, wenn wir Wert auf den Prozess legen.
20.2.06 Prozessorientiert II Die Figuren werden nicht
allein dadurch charakterisiert, was sie tun, sondern wie sie
es tun.
21.2.06 Funny Games - "Beide blockieren" Mehrmals dieses Spiel mit Anfängern in Workshops ausprobiert. Richtig funktioniert hat es nie. Jetzt mit Steffi Winny ausprobiert und es wird klar: Der Hauptfokus bei diesem Spiel muss darin liegen, das Spiel aufrechtzuerhalten. Also, die Realität des anderen blockieren, aber gleichzeitig durch die eigenen Angebote auch herausfordern und so unterschwellig doch wieder akzeptieren. Gut gespielt ist es irre komisch.
22.2.06 Nervige Lacher Sind Solo-Lacher nervig oder gut für die Show? Kommt drauf an. Hier eine Diskussion über eine seltsame Klassifizierung in Alpha-, Beta-, Omega-Lacher. Wenn das Lachen ansteckend ist, ist es gut, auch wenn es exzentrisch wirkt. Demonstratives Lachen nervt genauso, wie das Lachen der verpennten Säufer, die den letzten Halbsatz noch mal wiederholen müssen und sich dann ein müdes Lachen abquetschen.
23.2.06 Inhaltliche und strukturelle Poesie Jede gute Langform ist auf
zwei Ebenen poetisch: auf der strukturellen und auf der inhaltlichen.
24.2.06 Boal Die Aktionen des versteckten
Theaters oft sehr schön und aufschlussreich. Und auch für politische
Gruppierungen nutzbar. Als Künstler nervt aber die politische
Besserwisserei. Im Lateinamerika der 70er Jahre berechtigt, aber heute?
Schon während der Proben wird analysiert, warum Spielerin A in
einer Szene nicht mit Schauspielerin B schmusen möchte. Die Antwort
liefert Boal gleich mit: Weil sie den alten bürgerlichen
Rollenverständnissen unterliegen. (Vielleicht mag A ja einfach ihre
Partnerin nicht oder hat einfach die für Anfänger übliche Scheu, auf
der Bühne überhaupt jemanden intim zu berühren. Wer bin ich denn
als Lehrer oder Mitspieler, dass ich mir da Urteile anmaße.) Da liegt mir
doch der entspannte nordamerikanische Ansatz eher: Gar nicht fragen, warum
sich jemand an dieser oder jener Stelle sträubt. Lieber positiv die
Hemmungen aufbrechen, mit Freude loslegen, was auch heißen kann: mit
Freude scheitern.
25.2.06 Gemeinsam mit Publikum Generelle Haltung: Wir
improvisieren mit euch.
26.2.06 Publikum einbeziehen Wie stark soll im Dunkeltheater das Publikum einbezogen werden? Zunächst müssen sie stärker noch als normales Impro-Publikum bei der Hand genommen werden (Kommunikation dessen, was geschehen wird). Männer reagieren oft mit Witzen (um die Angst zu kaschieren?). Vielleicht wird das Publikum auch überfordert. In der jetzigen Restaurant-Situation sowieso.
27.2.06 Workshop - Behaupten Es gibt zu wenige Standard-Übungen, die den Focus aufs Behaupten legen. Behaupten müsste als theatralische/schauspielerische Technik aufgefasst werden. Ausgehend von Übungen mit hohem Absurditäts-Faktor (Kauderwelsch-Übungen usw.) hin zu Echtheit.
28.2.06 Why improv sucks http://www.yesand.com/articles/index.php?ArticleID=69
Improtheater hat sich in den letzten 50 Jahren qualitativ fast nicht entwickelt. In der parallel entstandenen improvisierten Musik gilt Coltranes "A Love Supreme" als Standard. Das Improtheater bleibt auf Dixieland-Niveau.
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Dan Richter