Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Januar 2006
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1.1.06 Handle Act!
2.1.06 Geschauspielert Act less!
3.1.06 Committment, Engagement, Verantwortung Übernimm Verantwortung. Das heißt: Verantwortung
4.1.06 Workshops Seltsamerweise habe ich noch nie einen Workshop mitgemacht, bei dem einem Hausaufgaben erteilt wurden. Dabei wäre das doch sehr wichtig, die Woche zu nutzen, um den künstlerischen (oder sei es auch nur den improvisatorischen) Fokus in der Zeit zwischen den Workshops zu schärfen.
5.1.06 Unruhe im Publikum Late Night Impro bei der Chaussee der Enthusiasten. Die
meisten wollen die Show sehen, aber vielleicht 20 wollen reden und ihr
Bier trinken. Außerdem muss sich das Publikum erst wieder an den im
Vergleich zur Lesung leiseren Lautstärkepegel gewöhnen. Zu Beginn sogar
pöbelhafte "Lauter!"-Rufe.
6.1.06 Blockieren/Ignorieren Bemerkung
im Forum YesAnd.com, es sei müßig darüber Religionskriege zu führen,
ob ein Angebot nun blockiert/ignoriert wurde oder nicht. Wurde jemandem
auf das Angebot "Ein Bier!" ein Gin serviert, so war es ein Block, wenn es
aus Furcht geschah, wenn nicht, dann nicht. Die Angst vor dem Unbekannten
lässt uns die Angebote der anderen ignorieren/blockieren.
8.1.06 Der Musiker gibt sich der Szene hin „In den besten Momenten bin ich ganz bei euch (den Schauspielern) und ganz bei der Szene. Dann muss ich über die Musik nicht mehr nachdenken, sie fließt mir wie von selbst aus den Fingern.“ (Andrés Atala Quezada)
„Man kann ja die Bühne auch mal einfach leer lassen.“ Nur selten habe ich beim Impro eine leere Bühne gesehen, ohne dass den Spielern Angst oder Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Ja, man kann die Bühne mal leer lassen, aber dann sollte es eine bewusste ästhetische Entscheidung sein.
Konzentration und Spielfreude Zwischen diesen beiden Polen muss jeder Improvisierer eine Art innerliche Balance finden. Spielfreude ohne Konzentration mündet in sinnlosen Klamauk. Konzentration ohne Spielfreude in glanzlose stumpfe Konstruktion. Wir brauchen die Konzentration, um subtil auf den anderen eingehen zu können, um die Umwelt wahrzunehmen, um uns selbst wahrzunehmen, um selbst subtil agieren zu können, um wach zu sein für Formen, die sich aus dem Material anbieten. Wir brauchen die Spielfreude, um das vorhandene Material nicht zu ernst zu nehmen, um es auf den Kopf zu stellen, um etwas anderes als das Erwartete daraus zu formen. Und genau diese Balance gilt es durch ein Warm Up herzustellen. Es genügt nicht, wild durch die Luft zu hampeln und sich die Seele aus dem Leib zu springen, wir müssen uns auch auf das Feine einstellen. Es genügt andererseits nicht, sich konzentriert aufeinander einzustellen, sei es durch verbale, physische oder gesangliche Übungen.
Tagespolitik Tagespolitik im Improtheater ist ästhetisch eine heikle Angelegenheit. Je direkter der Bezug zur Tagespolitik ist, desto schwächer ist letztlich die szenische Aussage. Durch die Nähe des Improtheaters zu Kleinkunst werden allerdings häufig Vorschläge in diese Richtung gemacht (prominente Politiker oder aktuelle Skandale). Das Improtheater kann nicht allzu viel daraus gewinnen. Im Grunde sollte man das dem klassischen politischen Kabarett überlassen. Das heißt allerdings nicht, dass man im Improtheater einen Bogen um politische Themen machen sollte. Aber die Politikerparodie ist vorhersehbar und deshalb für die Improvisation uninteressant. Ebenso die Thematisierung aktueller Skandale. Wenn man also Vorschläge in diese Richtung bekommt, würde ich dazu raten, das zeitlose Element bzw. den zeitlosen Charakter zu suchen.
13.1.06 Drauflosspielen Nach wie vor bin ich unsicher, ob man eine unbekannte Form einfach mal drauflosspielen sollte oder ob man es nicht dem Publikum und sich selbst schuldet, ein paar Gedanken für die neue Form zu verschwenden. Es spricht einiges dafür, ins kalte Wasser zu springen: Man hat es versucht und der Versuch selbst kann vom Publikum honoriert werden. Zu viel Bedenkenträgerei kann das Format zerschießen, bevor man seine Poesie erkundet hat. Womöglich spielt man auf Nummer Sicher, statt sich drauf einzulassen. Andererseits birgt jedes Format (egal ob Lang- oder Kurzform) seine Tücken, seine Poesie und seine Herausforderungen. Warum sollte man sich ins offene Messer stürzen, wenn ein paar Vorüberlegungen die Szene zu einem Genuss machen können? Vielleicht (??) ist man gut beraten kurze Games, deren Spielregeln klar sind, nur so lange zu spielen, wie sie wirklich eine Herausforderung darstellen, am liebsten also, ohne sie zu kennen. Langformen hingegen laufen meist auf eine bestimmte Art des Storytelling hinaus. Z.B. werden im klassischen Harold drei Geschichten parallel erzählt. Im Roten Faden geht es genau genommen gar nicht um eine plothafte Geschichte im eigentlichen Sinne, sondern um einzelne, angerissene Szenen und die Poesie von Innen- und Außenwahrnehmung. Die Umgangsweise als Spieler (bis hin zu Auf- und Abgängen) ist also völlig verschieden in diesen zwei Formaten. Ich sage nicht, dass man solche Langformen bis zur Perfektion geprobt haben muss, aber immerhin sollte man sich über Struktur, Tücken und Herausforderungen im Klaren sein.
Nicht weiter wissen Schau nicht auf den Boden, nicht in die Luft. Schau deinem Mitspieler in die Augen.
24.1.06 Funny Games Der gewöhnliche engagierte
Impro-Spieler ist ständig auf der Jagd nach neuen Spielen, deren Sinn ihm
aber egal ist, solange nur die Zuschauer lachen. Dabei weist Johnstone
genau auf dieses Problem in „Theaterspiele“ in, wenn er sagt, das die
Schüler oft nur die Spiele mitschreiben, statt darauf zu achten, wie er
unterrichte. Andererseits ist Johnstone an dieser Entwicklung wohl auch
nicht ganz unschuldig: Auch in "Theaterspiele" gibt er bis ins
kleinste Detail Hinweise dazu, wie die Trash-Oberfläche von Theatersport
ausgebaut werden könne: Strafkörbe, Schiedsrichter, Hüte, Schwämme
usw. usf. All dieser Klimbim hält aber den Zuschauer tendenziell davon ab
den Geschichten wirklich zu folgen. Das Interesse von Zuschauer und
Spielern verlagert sich mehr und mehr auf die Oberfläche der Show und die
Oberfläche der Spiele.
25.1.06 Zimmer frei(Diese Form wurde entwickelt
und erstmals aufgeführt vom Ensemble Die
Kaktussen.) Form: Die Spieler werden vom Publikum ausgestattet (Name, Alter, Tätigkeit, Charakterzüge...). Sie bewerben sich dann abwechselnd sprechend beim Publikum, das die WG darstellt, um das freie Zimmer. Es folgt der Hauptteil: Man sieht die Figuren als Helden ihres Lebens bis zu dem Zeitpunkt der Bewerbung. Am Schluss wieder in die Bewerbungssituation finden. Beobachtungen beim ersten
Mal spielen: Technisch gesehen ist die erste Szene der Bewerbung gut geeignet, um in die Figur zu finden. Offenbar wichtig bei solchen Formen, die Hauptcharaktere sehr klar und möglichst anhand der Vorgaben zu spielen. Außerdem wichtig, dass die Hauptcharaktere die Helden bleiben (d.h. sie sind es, die in „Schwierigkeiten“ kommen) Es sollte immer einer der Hauptcharaktere auf der Bühne sein, denn um die geht es ja. Die Storys gehen natürlich zeitlich nicht über die WG-Bewerbung hinaus. Anscheinend schöner Effekt, wenn gegen Ende der Szenen noch erwähnt wird, dass man sich demnächst in einer WG bewerben wird. Auch wenn die Form eine realistische ist (i.S.v. es tauchen keine Aliens oder Märchenhexen auf), sind dennoch illustrative Techniken (wie geheime Gedanken, Träume, Gegenstände usw.) möglich und bereichernd. Fragen & Varianten: Wir sind sowohl am Ende der beiden Bewerbungs-Sequenzen in ein paralleles Sprechen geglitten, was ein schöner Effekt chorischen Sprechens war. Unklar, ob das Publikum sich wirklich für jemanden entscheiden soll. Wenn ja – hat das noch irgendeine Konsequenz? Wir haben es weggelassen und während des chorischen Sprechens, das zufällig mit einem improvisierten gemeinsamen Satz endete, ein Black gesetzt.
28.1.06 Funny Games „Warum müssen wir denn die Form so spielen? Das engt uns doch ein!“ Seltsam, wenn man diesen Einwand nicht nur von Anfängern, sondern auch von erfahrenen Spielern hört. Jede Form „engt ein“. (Deshalb ist es ja auch eine Form.) Es kommt eben darauf an, innerhalb dieser Form die Freiheit auszuloten. Natürlich gibt es auch hanebüchene, überladene Formen, die keinen Sinn haben und die kein Mensch nachvollziehen kann, von denen reden wir nicht. Gute Formen oder Spiele kommen deshalb auch meistens mit sehr wenigen Regeln aus. Um ein bekanntes Beispiel zu nennen: Das Spiel „Das klingt nach einem Lied“ beschränkt die Gesangsaktivitäten darauf, dass genau dann gesungen wird, wenn dieser Ruf aus dem Publikum ertönt. Und das macht dann auch den Reiz für den Zuschauer aus: Der Schauspieler muss singen, wenn wir es wollen. Wenn die Schauspieler darüberhinaus sowieso singen, wann sie Lust haben, mögen vielleicht ganz gute Songs entstehen, aber es nimmt die Luft aus dem Spiel. In Langformen oder Formen, die man selbst erfindet (vielleicht auch spontan auf der Bühne), muss man sich klarmachen, worin der Reiz, die Poesie des Spiels liegt. Wird die Form nicht ausgefüllt, entsteht der Eindruck von Unvermögen. Wird die Form überladen, entsteht der Eindruck der Beliebigkeit.
29.1.06 Das dritte Auge Del Close meint, wir müssten ein „drittes
Auge“ entwickeln, das die gesamte Szene noch aus der
Zuschauerperspektive wahrnimmt. Damit meint er nicht, wir sollten dem
Publikum zum Munde spielen. Vielmehr sagt uns eine solche Perspektive, was
für das Publikum interessant und was langweilig ist. Und es hat Einfluss
auf ganz einfache Techniken, wie z.B. laut und verständlich sprechen, für
das Publikum sichtbar stehen, usw.
30.1.06 Meine ideale Improtruppe
Theatersport-Lizenzen Keith
Johnstone hat in Deutschland doch nicht das Recht, für die Verwendung des
Begriffs "Theatersport" Lizenz-Gebühren zu kassieren.
Vielleicht sollte ihm trotzdem jedes Impro-Ensemble einen Ehren-Taler
zahlen: für die Verdienste um die Entwicklung des Improvisationstheaters. |
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Dan Richter