Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Juli 2006
|
|
1.7.06 Akzeptieren Wir sollten den Begriff des Akzeptierens nicht enger, sondern weiter fassen. Akzeptieren jeglichen Moments und jeglichen Elements. Das heißt, das Akzeptieren geht über die Spielangebote hinaus. Es umfasst genauso die Verfassung, in der meine Mitspieler und das Publikum sich befinden. Es erfordert Hingabe in den Moment und scharfe Wahrnehmung.
2.7.06 Was kommt als Nächstes Randy Dixon: Verlasse dich auf deinen inneren Zuschauer. Die Frage ist: Was wollen wir sehen? Nicht: Was ist richtig oder falsch?
3.7.06 Techniker Der Job es Ton- und
Licht-Technikers wird zu oft verachtet. Dabei schafft er ganz neue
Möglichkeiten.
4.7.06 Comedy und Trash Wenn ich Deutschen sage,
dass ich Improtheater für eine Form der Comedy halte, stimmen mir Spieler
jener Gruppen zu, die sich auf der Bühne Augen rollend und grimassierend
auf die Bretter werfen, Szenen mit Kotzeschlachten spielen, und das dann für
komisch halten. Anspruchsvollere und hervorragende Kollegen runzeln die
Stirn und sagen: „Also hör mal, wir machen doch keine Witze auf der Bühne.“
5.7.06 Presseheinis und Impro "The negative side is
oftentimes, 'oh, itis just an improv company', and that kind of thing.
Some of our more lofty projects where we produced specific shows we would
get written off because, 'oh, it's improvisers.' A lot of people,
especially in the media, don't really understand improv. We have had lots
of debates with the critics and things like that about, 'well I can't come
and review it because it's different'. Bla bla bla bla bla bla. So often
they go, 'oh, it's an improv group so it is going to be more of that
TheatreSports stuff.' Or 'more of whatever it is that we are known for
doing.'"
6.7.06 Absolute Anfänger Noch radikaler als vor 2 Wochen wiederholt sich die Beobachtung, wie unterhaltsam überbordende Spielbegeisterung von Anfängern ist: Beim Impro-Jam in der Theaterbar springen Schüler auf die Bühne und spielen die simpelsten Aufwärm- und Kinderspiele. Es soll phantastisch gewesen sein, ihnen zuzusehen.
7.7.06 Rasches Einbauen der Informationen aus der Anmoderation Da man im Dunkeltheater
ohnehin eine längere Anmoderation benötigt, gelangt man an eine ganze
Reihe mehr oder weniger zufälliger Informationen, ohne dass man nach
Vorschlägen zu fragen bräuchte. Das rasche Einbauen dieser Informationen
in die erste Geschichte sichert einem die Sympathie des Publikums.
"Schlechte Vorschläge" Gespräch mit Randy Dixon
darüber, dass es keine schlechten Vorschläge gibt.
8.7.06 Foul im Argentinischen Match Ein
eigenwilliges Reglement im argentinischen Match schreibt vor, dass man zu
Beginn einer Szene nicht die Figur des anderen definieren darf, sondern
nur die eigene. (Hintergrund: Das argentinische Match ist sehr kompetitiv,
und auf diese Weise wird verhindert, dass man den Mitspieler lähmt, indem
man ihn zur Nebenfigur, zum Blödmann usw. degradiert.) Die Folge wäre
ein subtilerer Umgang miteinander. Andererseits aber auch Tempoverlust,
denn auf diese Weise wird ja das Etablieren der Figuren verzögert.
9.7.06 Spontaneität Jeder Improspieler sollte klar, konzentriert und aus dem Moment heraus agieren. Diese Spontaneität reicht zwar nicht aus, aber sie ist die Grundlage für jede weitere improvisierende Arbeit auf der Bühne. Spontaneität steht zumindest potentiell in Konflikt mit
1. Geschichten Oftmals beobachten wir gut akzeptierende Spieler, die sehr spontan in ihrer Rolle sind, aber die Geschichten ufern aus oder lassen uns unbefriedigt. Auch wenn Johnstone immer wieder behauptet, wir alle seien geborene Geschichtenerzähler – das stimmt leider nicht. Jeder von uns hat irgendwelche Verwandten oder Freunde, bei denen man sich schon den Schweiß von der Stirn wischt, wenn sie erst anfangen, weitschweifig ein Erlebnis aus der letzten Woche zu erzählen. Gutes Geschichtenerzählen will gelernt sein. Und man kann es glücklicherweise trainieren. Es muss hinzugefügt werden,
dass die Ästhetik des Geschichtenerzählens kulturell sehr
unterschiedlich geprägt ist. Die in Deutschland geltende Regel „In der
Kürze liegt des Witzes Würze“ ruft etwa in Russland nur Schulterzucken
hervor. Dort gilt derjenige als guter Erzähler, der eine Anekdote oder
einen Witz breit mit allen möglichen neckischen Details ausschmücken
kann. Ähnliches gilt für die Struktur der Geschichten. Die für uns
selbstverständliche Regeln, dass man an einem Handlungsstrang dranbleibt
und dass der Held nicht einfach vergessen oder aus der Geschichte
rausgeschmissen wird, wird zum Beispiel in einigen (durchaus schönen) Märchen
aus 1001 Nacht grob missachtet. 2. Rolle und Spieler Hier schon mehrmals
erwähnt: Kein Spieler kann 100%ig mit einer Rolle verschmelzen oder sich
in sie "einfühlen" (insofern verliert auch der
Brecht/Stanislawski-Konflikt an Schärfe), denn ein Spieler nimmt ja
weiterhin wahr, dass er im Theater auf einer Bühne steht. Wäre das nicht
gegeben, könnte man den Othello nie mit einem guten Schauspieler
besetzen, da sonst zu befürchten wäre, dass dieser sich in den Wahn
dermaßen hineinsteigert, dass er die Desdemona-Spielerin tötet.
10.7.06 Gemeinsamkeiten Gelungenes gemeinsames Improvisieren setzt einen ähnlichen Sinn für Humor und Geschichten voraus. Das Ensemble sollte wissen, wie Geschichten aufgebaut werden. Es ist gut zu wissen, wie die anderen im Team ticken.
Umso mehr kann man sich auf das Im-Moment-Sein konzentrieren.
11.7.06 Inspiration Ein guter Improspieler lässt sich nicht nur innerhalb einer Szene verändern. Er sucht die Möglichkeit zur Veränderung. Alles, was einem die Mitspieler anbieten, ist Inspiration zu etwas Neuem, Nie-Dagewesenen, und zwar nicht nur szenisch, sondern auch im eigenen Schauspiel oder wenigstens für den eigenen spielerischen oder intellektuellen Horizont.
12.7.06 Moderation Mehr als in anderen
Situationen übertragen sich Sicherheit/Unsicherheit bei der Moderation
aufs Publikum. Es liegt in der Verantwortung des Moderators, die Zuschauer
willkommen zu heißen, ihnen das Gefühl zu geben, dass sie hier gern
gesehen sind.
13.7.06 Randy Dixon über Keith Johnstone "I think he is the best
observer of scenes that I have ever seen. I am amazed. He can just watch a
scene and then, in just a few words either tells what is wrong with it, or
through some side coaching correct it. (...) many people attempt to do the
kind of things like Keith does. But they kind of fail in comparison
because they are not really observing what is going on. They are just
basically trying to recreate what Johnstone has said about it in the past.
14.7.06 Randy Dixon über Keith Johnstone, Viola Spolin, Del Close I think, Johnstone is really
focused on structure, narrative structure or status, things like that,
tools.
15.7.06 "Im Kopf" Was aber bedeutet
es, aus dem Körper heraus zu reagieren, nicht "im Kopf" zu
sein? Wir schalten ja nicht unser Denken aus, wir können es gar nicht
ausschalten. Aber wir können uns in einen außeralltäglichen
Geisteszustand manövrieren, in dem wir nicht mehr planen und abwägen.
16.7.06 Langsamkeit Langsames Spiel erfordert ebenfalls eine intensive Gegenbewegung: Nämlich Schnelligkeit des Geistes. Dass wir uns Zeit nehmen, eine Figur emotional auszuspielen und auszuloten, darf nicht der Vorwand dafür sein, dass wir anfangen nachzudenken. Wir müssen immer noch geschwind genug sein, uns selbst zu überraschen.
17.7.06 Funny Games Wenn ich ein Spiel
auf die Bühne bringe, sollte ich mich fragen: Was ist der Sinn dieses
Spiels. Johnstones Leistung ist (wie hier schon mehrfach betont), Übungen
aufführbar zu machen, ihren performativen Wert herauszuarbeiten. Und es
kann einfach urkomisch sein, jemanden spontan auf ein unerwartetes Angebot
reagieren zu sehen.
18.7.06 Musikalische Begleitung von Szenen im Improvisationstheater Szenische Darstellung, die von Musik begleitet wird, erfordert eine besondere Bereitschaft gegenseitiger Wahrnehmung und Subtilität.
19.7.06 Szenen mit Musiker So wichtig wie die Sensibilität des Musikers gegenüber den Spielern ist auch die Aufmerksamkeit der Spieler gegenüber dem Musiker und seinen Angeboten.
20.7.06 Wagnisse eingehen Vor Shows wurde ich von meinen Mitspielern, wenn diese gestresst waren,
oft gebeten: „Bitte heute keine Experimente“, womit sie meinten, dass ich keine neu-erfundenen oder neu-geklauten Spiele auf der Bühne ausprobieren solle, man wolle sie erst mal proben. Aber Improvisation heißt eben, auf dem Seil zu tanzen. Man möchte sehen, dass die
Spieler etwas riskieren, dass sie Wagnisse eingehen, und dies gilt insbesondere für
Kurzformen. Gute Improspieler spielen an Grenzen. An der Grenze ihrer Fähigkeiten, an der Grenze der Form, und inhaltlichen (etwa politischen oder moralischen Grenzen).
21.7.06 Ideen Randy Dixon vergleicht einen guten Improspieler mit einem Mann, der rückwärts geht: er sieht alles, was er hinter sich gelassen hat und ist gleichzeitig im Moment. Das heißt aber, jedes Planen ist sinnlos und lenkt ab von der Konzentration auf das, was im Moment stattfindet.
22.7.06 Aufmerksamkeit und Namen Kaum jemand sagt
von sich, er könne sich gut Namen merken. Dabei ist es oft lediglich eine
zur Attitüde geronnene Unachtsamkeit gegenüber den eigenen Mitmenschen.
Auf der Impro-Bühne brauchen wir ein gutes Namensgedächtnis. Wie also
lerne ich, mir Namen zu merken. Der erste Schritt ist, den Denk-Modus zu
ändern in: "Ich bin ein guter Namen-Merker."
23.7.06 Denk-Modus Das gestern beim Namen-Merken erwähnte Prinzip des positiven Denk-Modus sollte in alle Bereiche der Bühne übertragen werden. Ändere also deine "Ich kann nicht"-Aussagen in "Ich kann"-Aussagen. Auf diese Weise legst du den Grundstein für die Verbesserung.
30.7.06 Bühnenpräsenz "Own the stage!" Sei sorgsam, aber nicht vorsichtig. Die Bühne gehört dir. Nutze sie!
31.7.06 Unangenehme äußere Umstände Was mir in den
letzten Wochen, die in Berlin sehr heiß waren, immer wieder auffiel, ist,
wie häufig doch auf Kleinkunstbühnen die Hitze thematisiert wurde - vor
allem auch, wie sehr man selber auf der Bühne unter der Hitze litte.
|
zurück zur Seite
"Impro"
zurück zur Seite
"Aktuelles"
Dan Richter