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Gedanken zu Improvisation und Improtheater

Juni 2006

2006
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1.6.06

Impro lehren?

Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, sich selbst zu entdecken.
(Galileo Galilei)

 

2.6.06

Tradition vs. Loslegen

Schriftsteller und Musiker scheinen sich oft vom gigantischen Erbe ihrer Kunst beeindrucken zu lassen, das man ja erst mal in seiner Gänze zur Kenntnis nehmen müsse, um dann ein gutes Werk zu schaffen.
Aber: Es ist wichtig, sich wichtiger Fertigkeiten und Techniken bewusst zu sein, aber alles wissen oder können zu wollen, kann auch lähmen.
Schaffe auf der Höhe deines Könnens und bediene dich der Traditionen, die dir angemessen erscheinen.
Vergiss nicht, deinen Radius stetig zu erweitern.

 

3.6.06

Die Kunst des Schauspielens (Angeblich wahre Anekdote)

Einmal tauchte Dustin Hoffman beim Dreh des Films "Der Marathon Mann" völlig derangiert, erschöpft und delirierend auf. Als man ihn fragte, was er denn für ein Problem habe, antwortete er, seine Figur sei 24 Stunden wach, also müsse er sich ebenfalls in diesen Zustand begeben. Laurence Olivier schüttelte nur den Kopf und sagte: "Mensch Dusty, versuch's doch mal mit Schauspielen."

 

4.6.06

Kreativität in Gang setzen - die Schreibblockade

Eine Reihe von Regeln, die das Schaffen in Gang setzen. Können hier die Autoren von den Improvisierern lernen oder umgekehrt?

  • Sprich mit einem Affen. - Erkläre einem Stofftier, was du eigentlich sagen willst.

  • Beginne mit etwas Wichtigem, das leicht zu erledigen ist. - Gibt es etwas an deinem Projekt, mit dem du die Sache schnell vorantreiben kannst?

  • Schreib dich frei. - Hämmer einfach auf die Tasten. Wenn nötig, verdecke den Monitor. Dein Hirn wird denken, es sei Schreiben. Kümmere dich nicht um die psychotische Grammatik. Lasse Kauderwelsch zu. 

  • Geh spazieren. - Gib deinem Schreibhirn eine Auszeit von 10 Minuten. Denk an kleine Häschen. Atme.

  • Dusche und wechsle die Klamotten. - Beginne sauber.

  • Schreib in einer anderen Persönlichkeit. - Verleih deiner Stimme eine andere Persönlichkeit beim Schreiben. Das muss nichts Außergewöhnliches wie ein Pirat o.ä. sein. Es genügt, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel, einem anderen Stil, einem anderen Interesse zu sehen.

  • Schalte den Computer aus. - Schreib an einem anderen Ort, in einer anderen Position, nimm ein anderes Schreibmittel: einen Stift und ein Notizblock, eine Schreibmaschine...

  • Hör auf dich zu kasteien. - Aus dem Gefühl heraus, schlecht zu sein, kann man nicht schreiben. (Man braucht eine positive Haltung zum eigenen Schreiben, selbst wenn das Thema negativ ist).

  • Mach Dehnübungen.

  • Schaffe dir ein Ritual. - Trink alle 20 Minuten ein Glas Wasser. Mach Liegestütze. (Das Ritual kann relativ bedeutungsfrei sein, sollte aber in irgendeiner Weise positiv belegt sein. Also nicht saufen oder rauchen.)

  • Hör neue Musik. - Neue Rhythmen, neue Instrumente. Stell auf Wiederholung und hör dann auf, am IPod oder CD-Player rumzufummeln.

  • Schreib Scheiß. - Akzeptiere, dass der erste Entwurf blöd ist. Aber führe etwas zuende.

  • Schalt das Modem aus. - Schließe sämtliche Internetanwendungen, keine E-Mails, kein "Recherche-Surfen", Googeln ersetzt das Schreiben nicht. Eventuell ein neues Benutzerkonto (ohne Spiele) einrichten - auf der nur geschrieben wird.

  • Beginne in der Mitte. - Hör auf, dir den Kopf über den perfekten Anfang zu zerbrechen. Fang mit deinem Lieblingskapitel an. Schreib den Klappentext oder die E-Mail, die du schreiben wirst, wenn das Buch fertig ist.

  • Erledige eine Hausarbeit. - Wisch die Küche oder bring den Müll runter. Tu etwas, das dich physisch daran erinnert, dass du weißt, wie man bestimmte Dinge macht.

  • Schaffe dir eine sinnlose Regel. - Sätze dürfen nicht mit einem Vokal enden. Nur ein zusammengesetztes Wort pro Absatz. Grenzen schärfen den Fokus und ändern die Perspektive.

  • Arbeite an dem Titel. - Schreib fünf Titel auf. Denke über sie nach. Was ärgert dich an dem, den du am wenigsten magst.

  • Schreib fünf Wörter. - Wirklich. Einfach irgendwelche zufällig ausgesuchten fünf Wörter. Schreib fünf weitere Wörter. Versuch einen Satz. Irgendeinen. Eine Schreibblockade hört auf, wenn man eine Seite geschrieben hat.

(Quelle: Merlin Mann - Hack your way out of writer’s block)

 

5.6.06

Bühnenpräsenz

Ganz abgesehen von der unglaublichen Eleganz und Körperbeherrschung, sollte man mal darauf achten, wie Michael Jackson kleinste Handlungen zelebriert, z.B. das Anziehen eines Handschuhs, eines Huts und einer Jacke.
http://www.youtube.com/watch?v=3Jp89WsMkBo

 

6.6.06

Am Limit

Musik-Workshop mit Impro-Anfängern. Bezaubernd, wie sie ganz bewusst an ihre Grenzen gehen. Das zu sehen, hat eine eigene Faszination, die unabhängig ist von technischem Können, erzählerischen Fähigkeiten usw. Seltsamerweise verlässt viele Spieler dieser Mut irgendwann wieder, und die Aufführungen wirken steif und gekünstelt. Fragt man dann die Zuschauer (oder selbst Kollegen), woran es lag, dass der Abend lahm war, werden diese oft sagen, dass es an den "schlechten Geschichten" lag. Dabei war es oft der fehlende Mut, der einen gelähmt hat.

 

7.6.06

Geist und Unbewusstes

Das Unbewusste zuzulassen, bedeutet nicht, vorsätzliche Stumpfsinnigkeit. Es bedeutet vielmehr, sich nicht zu zensieren. Ein blödsinniges Angebot ist besser als gar keins, wahrscheinlich sogar besser als ein gewollt geistreiches. Aber das ist noch etwas anderes, als vorsätzlich doof in eine Szene hineinzustolpern und Bedeutungen zu ignorieren.

 

8.6.06

Impro Lernen

Der Workshop ist für den Körper gedacht. Aber es sollte eine Reflexion über das Gelernte geben. Das betrifft nicht nur Impro-Anfänger, sondern auch Profis, denn ein guter Impro-Spieler lernt ja nicht aus.
Nicht Schlagworte lernen, sondern Prinzipien. Nicht Dogmen, sondern den Spirit.
Überhaupt: Etwas aus jedem Workshop, ja sogar aus jeder selbst gespielten Show mitnehmen.
Auch von Anfänger-Shows lernen. Oft steckt in der unvollkommenen Geste eine große Wahrheit.

 

9.6.06

Zwei Techniken

Schließe "nie" die Augen, wenn du Blinde, Schlafende, Tote usw. spielst. Schließe auch nicht beim Singen die Augen. Du verpasst sonst vielleicht annehmenswerte Angebote der Mitspieler. ("Nie" natürlich bewusst in Anführungszeichen. Es gibt kein "Nie" in der Impro, oder?)

Beim Spielen mit Sprechenden Puppen, sollte man, wenn die Puppe spricht, diese anschauen und nicht den Angesprochenen. (Neu herausgefunden, noch zu verifizieren.)

 

10.6.06

Im Kopf des Improvisierers

Was genau im Kopf beim guten Improvisieren geschieht, wissen wir nicht. Reine Reaktion, bei der der Kopf „abgeschaltet“ wird, kann es nicht sein. Denn wir nehmen ja noch bewusst wahr, was um uns herum geschieht. Wir sehen unsere Mitspieler durchaus nicht nur als Figuren, sondern auch als Mitspieler, wir sehen das Publikum, die Bühne, hören die Musik. Wir nehmen also unsere Umgebung wahr, und je bessere Improvisierer wir sind, umso mehr nehmen wir davon wahr.
Vielleicht ist das sogar die große Kunst der schauspielenden Improvisierers – sich einerseits in den kreativen Akt fallenzulassen und andererseits genau diesen Akt auch wahrzunehmen und spielerisch mit ihm umzugehen, ebenso wie mit allem, was einen umgibt.

 

11.6.06

Freude an der Kreativität

Eine Grundvoraussetzung fürs öffentliche Improvisieren, ist natürlich, dass man Freude daran hat, etwas zu erschaffen. Man sollte nicht glauben, wie oft diese Freude in den Hintergrund gedrängt wird von der Angst, irgendwelche "Regeln" oder Techniken "richtig" erfüllen zu müssen.
Ja - Techniken soll man erlernen, da sie das Spiel verfeinern und den Radius der Ausdrucksmöglichkeiten erweitern.
Ja - man möge sich auf eine bestimmte Regel (und sei es die Regel des Games) konzentrieren.
Aber diese Regeln sollen keine Last für uns sein, sondern das Spielfeld markieren, innerhalb dessen wir unsere Freude am Schaffen haben.

 

12.6.06

Schneller als der Kopf

In regelmäßigen Abständen sollte sich ein Improspieler wieder ein höheres Tempo zulegen, und zwar zunächst nur für sich selbst im Kopf. Denn die Assoziationen, die sich aus einem Spielzug ergeben, schleifen sich auch immer wieder ein.
In einer Impro-Show sollte man auch immer wieder mal ein schnelles Game (nur für sich selbst einlegen, das einen wirklich in Schwierigkeiten bringt.

 

13.6.06

Charme der Improvisation

Spiele am Rande deines Könnens, egal ob du Anfänger oder Profi bist.

 

14.6.06

Blank Slate

Die Langform "Blank Slate" zu zweit ausprobieren: Eine Hauptfigur, zwei Nebenfiguren, eine Wildcard. Wegen des gerade in Deutschland laufenden internationalen Sportturniers muss der Test verschoben werden.

 

16.6.06

Answer a Question Unasked

Idee aus einem kleinen Nonsense-Spielchen auf YesAnd entnommen: Die Szene mit einer Antwort beginnen. Auf diese Weise beginnt man die Szene in der Mitte.

 

17.6.06

Genre Replay

Eine schöne Impro-Übung, um rumzuspinnen, die Dinge zu vergrößern.
Für die Aufführung schon bei der ersten Wiederholung der Szene langweilig.

 

18.6.06

Sinn

Wie entsteht Sinn in einer improvisierten Geschichte? Keith Johnstone weist zu Recht auf die Wiedereinführung ("re-incorporation") hin. Andererseits entsteht Sinn in der Geschichte durchaus im Kopf des Zuschauers. Das heißt, wir müssen nicht jeden Schritt erzählen bzw. auf der Bühne zeigen, denn der Zuschauer zieht Vergnügen daraus, die Verknüpfung im Kopf zu ziehen. (Gunter Lösel gibt als Daumenregel an, zwei Drittel zu erzählen.) 
Wie aber gelangen wir zu den überraschenden Momenten, die sowohl die Spieler als auch die Zuschauer staunen lassen?
1. Wir müssen den Stein weit genug wegwerfen. Mutig blinde (scheinbar zusammenhanglose) Angebote machen. Wenn wir ängstlich und somit Schritt für Schritt vorhersehbar bleiben, bleibt alles vorhersehbar und langweilig.
2. Wir müssen wach genug sein, Zusammenhänge herzustellen. Eine Kaskade von unzusammenhängenden Angeboten, die nicht verknüpft werden, wirkt albern. Das heißt aber auch, dass wir rechtzeitig anfangen müssen, die blinden Angebote zu konkretisieren.

 

19.6.06

Blinde Angebote

Vor allem in freien Szenen ist es schön mit blinden, und dennoch starken Angeboten zu starten.
Beispiel: A + B bereiten eine Herz-OP vor. A zu B: "Ich schätze, 400 Argentinier."
Es gibt keinerlei offensichtlichen Zusammenhang zwischen der OP und diesem Satz. B kann (und sollte) mitspielen, z.B: "Soll das heißen, der Chef hat keine Russen mehr?" (B akzeptiert das Spiel und fügt etwas (ebenfalls blind) hinzu.)
Es ist interessant zu beobachten, wie lange die Spieler das Nicht-Definieren aushalten. Aber irgendwann laufen wir Gefahr, bei einem Überschuss an blinden Angeboten, nicht mehr definieren zu können, weil es keinen Sinn mehr gibt, den wir den Dingen verleihen können. (Man denke an die Kinderspiele, bei denen jeder eine Eigenschaft eines Gegenstandes nennt und der letzte, der keine Eigenschaft mehr weiß, die auf einen Gegenstand zutrifft, hat verloren. Mit anderen Worten, wir grenzen die Optionen im Grunde immer mehr ein. In dem o.g. Beispiel kann es noch um alles mögliche gehen: Argentinier/Russen könnte der Mediziner-Jargon für OP-Bestecke sein, es könnten medizinische Testpersonen sein oder A und B sind nicht nur Ärzte, sondern auch in einer Sekte, der die Mitglieder weglaufen...
Wenn aber nun A z.B. antwortet: "Die Pappeln haben eben in diesem Jahr ordentlich was abgekriegt", bringt er B und sich selbst so langsam in Erklärungsnöte. D.h. es kommt der Punkt, an dem wir zumindest ein paar Eckpunkte festhämmern müssen. Oder anders gesagt: Hab keine Angst zu definieren.

 

22.6.06

Versprechen

Dixons "Im Moment" mag den Eindruck vermitteln, dass man auf Teufel komm raus, auf das Versprechen hin spielen muss. Dieser Erfüllungsdruck kann lähmen, wenn wir es nicht einfach als eine Option begreifen. Wir springen mutig in die Szene, werfen die Steine weit. Ohne Mut gibt es auch kein Auflösen der Versprechen.

 

23.6.06

Freiheit

Schaffe dir immer wieder neue Freiräume auf der Bühne. Wiederholungen in der Comfort Zone führen tendenziell in eine Abwärtsspirale. Suche das Neue, entdecke das Alte, bejahe Genres, Stile usw., die du noch nie mochtest.

 

24.6.06

Regeln

Wie soll man als Spieler mit neuen und mit alten Regeln umgehen? Zunächst - akzeptiere eine Regel erst, wenn du ihren Sinn verstehst. Es ist ätzend, mit Spielern auf der Bühne zu stehen, die ihr Spiel begrenzen, weil "Aber unser Lehrer hat gesagt, dass ..." .
Regeln, auch die, die man für selbstverständlich hält, sollte man immer wieder mal gegen den Strich bürsten: Selbst Johnstone tut das mit seinen eigenen Regeln. Die Schüler blockieren - er erfindet das Blockierspiel. Die Schüler wehren mit Fragen ab - er lässt sie ein Spiel spielen, in dem nur Fragen gestellt werden usw. Auf diese Weise erhöht er die Sensibilität für das Erkennen von Spielen (i.S.v. Games) und er erhöht den Willen und die Lust zu spielen (i.S.v. play).

 

25.6.06

"Ja, aber"

Früher oder später fangen Improvisierer an, "intelligent" zu blockieren. Sie akzeptieren die etablierte Realität, häufen jedoch Probleme auf, um sich ihr nicht stellen zu müssen. Deutlich wird das an der Formulierung "Ja, aber..."
Man kann es für diese Gruppe zum Spiel machen, für eine gewisse Zeit das Wort "Aber" zu verbieten: Wer's verpennt, zahlt in die Kaffeekasse.

 

26.6.06

Anfänger-Charme

Beim diesjährigen Sommerfest der Gorillas gaben die Anfänger die mit Abstand amüsanteste Performance. Selbst banale Aufwärmspielchen wie "Ich bin ein Baum..." wurden flink, charmant und intelligent gespielt.

 

27.6.06

Disziplin vs. Freiheit

C.B. auf einem Workshop: "Erst die Disziplin, dann die Freiheit."
Johnstone lehrt das Gegenteil: Fang einfach an. Spiele. Ein Formgefühl hast du sowieso.
Synthetisch wahrscheinlich Nachmanovitch, der intensives Formen-Training empfiehlt.
Wahrscheinlich ist es aber gar keine Frage von vorher und nachher. Man sollte nur auf eine permanente Balance zwischen beidem achten. Ich muss mich öffnen für neue Formen, und das kann eben auch bedeuten, sie hart zu trainieren. Nur die Freiheit, gleichzeitig mit ihnen zu spielen, darf ich mir nicht verbauen: wo liegt der Spaß an der Sache.
Vor einigen Jahren habe ich auch noch gedacht: Man muss erst auf dem Seil stehen können, bevor man darauf tanzt. Heute denke ich, ohne Tanz kann man gar nicht auf dem Seil stehen.

 

28.6.06

Nur Spaß

Kurzes Gespräch mit einer Zuschauerin auf dem Sommerfest der Gorillas. Ich frage sie, ob sie auch eine Schülerin ist oder spielt. Sie antwortet, nein, sie schaue sich Improtheater nur an, weil sie sich gern amüsiere und gern lache, obwohl, so fügt sie hinzu, das gar nicht das erste Ziel der meisten Improspieler sei.
Bei manchen Gruppen wünschte ich schon, sie sich wären sich darüber bewusst, dass es da ein paar Zuschauer gibt, die gekommen sind, um sich zu amüsieren.
Spaß ist der erste und legitime Grund, ins Theater zu gehen.

 

30.6.06

"Mach es groß"

Christa Wolf: "Schreiben ist groß machen."

 

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Dan Richter