Gedanken zu Improvisation und Improtheater
Mai 2006
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1.5.06 Hab keine Angst! Spiel mit! Alles Improvisieren lässt sich vielleicht auf die Regel reduzieren: Spiel mit! (Oder wie Mick Napier sagt: Improvisiere!) Was die Impro-Lehrer predigen: "Keine Ablehnungen ("Blockieren"), keine Fragen, Zug-um-Zug usw.", steht ja letztlich für die Reflexion dessen, wie die meisten Spieler ihre Angst vor dem Improvisieren umgehen: Sie lehnen ab - aus Angst, mit einem Ja angreifbar zu werden. Sie stellen Fragen - aus Angst, selbst etwas behaupten zu müssen, was "falsch" sein könnte. Sie labern endlos - aus Angst, handeln zu müssen.
2.5.06 Feinheit Der
Übergang zu Improtheater "mit Anspruch", d.h. vom
übungsorientierten Game zur Story stellt uns vor das Problem, dass wir
nun dazu kommen, Urteile zu fällen, ob Storys angemessen gespielt wurden,
ob die schauspielerischen Fähigkeiten genügen usw.
3.5.06 Der gute Impro-Musiker
4.5.06 Bearbeiten Viel zu selten trainiert und in den entsprechenden Impro-Büchern viel zu selten aufgenommen, sind Bearbeitungstechniken (Editing). Wann setze ich einen Schnitt, wie setze ich einen Schnitt, wann ist es in einer Langform angemessen, noch einen Monolog zu halten, einen Chor zu singen, ein temporeiches Game zu spielen usw. Der Improschüler wird alleingelassen und man kann nur hoffen, dass er einen Instinkt dafür entwickelt. Ein Instrumentarium für entsprechende Workshops zu entwickeln stünde aus. 5.5.06 Impro und Skripttheater Einige theatralische Techniken liegen so sehr auf der Hand, dass sie anscheinend parallel sowohl vom Autoren- als auch vom Improvisations-Theater „erfunden“ werden. Allein in den letzten Monaten, ohne dass ich danach gesucht hätte:
Da aber das Improtheater aus der Comedy-Ecke nicht herauskommt (einerseits selbstverschuldet, andererseits durch die Rezipienten und die Presse, die das, worüber man ordentlich lachen kann, nicht ernst nehmen), wird es noch Jahrzehnte dauern, bis sich gute Improvisierer dieser Sache annehmen.
7.5.06 Spaß am Neuen Welche Technik man auch immer lernt, vieles empfindet man zunächst seltsam: neue Bewegungen, der Verzicht auf Sprache, positiv sein, negative Charaktere, Pantomime zu spielen usw. Der Trick ist, herauszufinden, wo der Spaß der Sache liegt.
8.5.06 Eine Impro-Schule Eine professionelle Impro-Schule. Es wird in
einem zweijährigen Plan streng unterrichtet: Tanz, Musik, Schauspiel,
Pantomime, kreatives Schreiben, Puppenspiel usw. für alle, nichts abwählbar.
Mit Zwischenprüfungen.
9.5.06 Musikalische Improvisation A.A.Q. berichtet, auch musikalische
Improvisation wird an den Konservatorien nicht ernst genommen, höchstens
den Jazzern wird die Möglichkeit gegeben zu improvisieren, aber als
Schwerpunkt zählt das auch hier nicht. In der klassischen Musik haben sie
es dann wirklich schwer – was für eine Vergeudung von Talent. Die
betroffenen Musiker fallen durch alle Raster und enden mit
durchschnittlichen Abgangszeugnissen.
10.5.06 Szenendauer Man sollte sich über die ungefähre Länge der Szenen im Klaren sein. Einen 1-Minuten-Sketch startet man anders als eine lange Story.
11.5.06 Funny Games: 60-30-15 Stärke dieses Spiels (bei dem die
Szene erst in 60, dann in 30, dann in 15 Sekunden gespielt wird) erst beim Lehren wirklich entdeckt – es entlädt die Energie der Spieler und schält die Fabel heraus.
12.5.06 Angst Mirco Nontschew ("Frei
Schnauze" Impro-Show im TV) betreibt Gagging am laufenden Band – keine Szene, kein Satz, keine Handlung wird als die genommen, die sie ist, sie dient nur als Ausgangspunkt für einen Gag, und damit ist die Sache dann auch schon vorbei, denn er bietet den Mitspielern durch diese Gags keinerlei Gelegenheit, darauf einzusteigen. Ich fragte mich, ob man von ihm wenigstens lernen könnte, dass er immerhin Spaß an dieser Sache hat. Doch beim genauen Betrachten wird man feststellen, dass ihm die Angst im Nacken sitzt, einmal keinen Lacher zu erwischen. Die Panik des getriebenen Klassenclowns, auf den sich die
großen Jungs stürzen, sobald er nicht mehr lustig ist. (Hier wird es die Angst vor den Produktionschefs sein, die ihn oder gar die Sendung fallenlassen, wenn die Lacher nicht mehr kommen und wenn die Quoten zurückgehen.)
13.5.06 Spielen Ohne Spiel ("Game") kein Spielen ("Play"). Es ist illusorisch, in Abgrenzung zu hirnlosen Game-Shows zu glauben, man könne auf Spiele verzichten. In dem Moment, wo man künstlerisch tätig ist, spielt man ein Spiel (auch wenn sich das Spiel in der komplexeren freien Improvisation erst findet). Im Improtheater sogar synchron mehrere Spiele: Ich muss die Figur spielen, die Geschichte erzählen und bearbeiten. Verliere ich den Sinn, wirkt das Ganze träge und stumpfsinnig. Bei Fortgeschrittenen sind "schlechte Geschichten" eben meist nicht schlecht konstruiert, sondern eben zu konstruiert, zu wenig erspielt.
15.5.06 Einstellung zur Show Geh zur Show nicht gedankenlos wie
zum Frisör und nicht grummelig wie zu einem langweiligen Bürojob,
sondern wie zu einem Rendezvous.
16.5.06 Übung zu Emotionalisierung Alles Gefühl ist Atem. Die Schüler
stehen im Kreis und schließen die Augen. Sie sind sich ihres Atems
bewusst. Sie atmen ruhig. Ich nenne verschiedene starke Gefühle (Freude,
Wut, Geilheit, Angst usw.), die sie in Atem umsetzen. Dazwischen immer
wieder ruhig den eigenen Atem finden. Dies ist wichtig, da einige
Atemtechniken ziemlich belastend sind, z.B. das ängstliche Hecheln. Dann
übergehen zu subtileren Emotionen: Dankbarkeit, Erkenntnis,
Unverständnis, Enttäuschung.
17.5.06 Übung: Die schlechte Geschichte Wir besprechen, was eine
"schlechte Geschichte" ist. Konsens: Wenn jemand vom Hundertsten
ins Tausendste kommt und uns mit ewigen Abschweifungen nervt.
18.5.06 Spaß am Spiel Auch dem blödesten Spiel kann meist noch eine gewisse Freude abgewonnen werden. Spiel das Spiel. Überreize es. Wo liegt der Spaß für dich darin.
19.5.06 Festhängen Wenn die Szene festhängt, tue das Unerwartete: Mach eine Bewegung, die dich in eine neue Position bringt, überreagier auf einen Satz, sag etwas Unpassendes.
20.5.06 Lehren Immer noch ist für mich die Frage
offen, in welcher Reihenfolge einzelne Aspekte der Improvisation gelehrt
werden sollen. Mut, Behaupten, Akzeptieren, Emotionalisieren...
21.5.06 Positiv Lehren Das Positive betonen und verstärken, statt das Negative zu kritisieren.
22.5.06 Enden setzen Was hält Anfänger davon ab, Szenen einfach zu beenden?
27.5.06 Vorgabe-Listen nerven Wie überhaupt Listen auf
Impro-Seiten, wenn sie dafür genutzt werden, sich daraus wie aus einer
Tüte zu bedienen, ohne weiter nachdenken zu müssen. Es ist die falsche
Attitüde, die so unangenehm ist. "Geben Sie mir bitte einen
Schauplatz." Natürlich kann ein Schauplatz inspirierend sein für
die Szene, aber warum diese Haltung: "Geben Sie mir bitte..."
(Unausgesprochen: Ich mach dann was daraus.)
28.5.06 Übertragung So seltsam es scheinen mag - fast alles überträgt sich von der Bühne auf die Zuschauer: Gute und schlechte Laune, Freude, Angst, Unklarheit, Präzision. Es bleibt uns also, wenn wir auftreten wollen, nichts anderes übrig, als Freude zu haben.
29.5.06 Grundhaltungen des Improvisierers Im Grunde vereinfacht Johnstone, wenn
er sagt, man solle positiv beginnen, Warteschleifen vermeiden, nicht
tratschen, mutig sein usw. Denn tatsächlich kann es ja durchaus gute
Szenen geben, die negativ beginnen, in der eine unerträgliche Figur
labert oder feige ist oder in der Warteschleifen die zentrale Form sind.
30.5.06 Theaterregeln fürs Ensemble Hinterlasse das Theater sauberer als du es gefunden hast.
31.5.06 Gutes Schauspiel - Notwendigkeit einer begrifflichen Neubestimmung Die Diskussion, ob ein guter
Schauspieler den gemimten Frosch sieht (Stanislawski) oder tatsächlich
die Emotionen spürt, wie weit er sich selbst dabei beobachtet, wie weit
er sich kontrolliert, dreht sich im Kreis.
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Dan Richter