Gedanken zu Improvisation und Improtheater
März 2006
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1.3.06 Lob Nimm Lob an. Relativiere es nicht, auch wenn es ein aus deiner Sicht eher mäßiger Abend war. Diskutiere es nicht.
2.3.06 Übungen In kleinen Übungen Großes
entdecken. Alte Impro-Übungen wieder ausbuddeln und auf höherem Level die
Basics verfeinern.
3.3.06 Bühnenfigur Je mehr man auf der Bühne in der eigentlich neutralen Rolle als Ansager, Moderator, Erzähler usw. sich einen bestimmten Habitus zulegt, umso mehr läuft man Gefahr, mit dieser Figur zu verschmelzen, selbst wenn es mal karikierend gemeint war. Davon wieder loszukommen ist schwer.
4.3.06 Zusammensein und Synchronizität Magische Momente des Zusammenseins, wenn man das Selbst aufgibt und dennoch die Kraft hat, Entscheidungen zu treffen (oder gewissermaßen "Gottes Entscheidungen" auszuführen). Das kann sich am sinnfälligsten in synchronen Handlungen äußern, aber auch darin, auf verschieden Weise dasselbe Werk gleichzeitig zu erschaffen.
5.3.06 Wie spielt man "wahr" In welchen Kategorien ist
gutes Schauspielen eigentlich beschreibbar? Einfühlung allein genügt
nicht, wie Brecht zeigt. Allerdings neigt das distanzierte Spiel all zu
leicht zu Koketterien mit dem Publikum.
8.3.06 The Beatles Ihr Erfolg lag bekanntlich
nicht nur in der Musik begründet. Sie vermittelten ein neues, durchweg
positives Lebensgefühl, was sich z.B. auch bei Pressekonferenzen oder in
ihren Filmen zeigte. In solchen Situationen reagierten sie wie eine
professionelle Comedy-Truppe, als hätten sie nie etwas anderes gemacht.
Und in Wirklichkeit war es ja auch so. Ihr gemeinsames Rumhängen und
Rumalbern kulminierte immer in gemeinsamen Spielereien. Es gab keine
Ich-Bezogenheit wie bei den Stones. Als das Ego der Einzelnen durchbrach,
war das noch eine Zeitlang als kreative Konkurrenz produktiv, später trug
es zur Auflösung der Band bei. Die Stones hingegen, deren Miteinander sich
stärker auf die Musik beschränkte, konnten somit die Kräche zwischen
Richards und Jagger verknusen.
10.3.06 Wahrhaftigkeit in Komik und Tragik Del Close: "Truth in
Comedy"
11.3.06 Monologtechniken - Grundlagen Augenkontakt - Suche nicht den Boden ab, nicht die Decke. Triff eine Entscheidung über deine Augen. Auch wenn du wegen der Scheinwerfer das Publikum nur erahnen kannst, soll dein Blick dorthin gerichtet sein. Wir wollen, dass du es uns erzählst. Für den Spieler erleichtert es auch das Sprechen, da wir aus unserem grüblerischen Kopf herausgehen. Klare, ruhige Sprache - Sprich
in einfachen, klaren Sätzen. Setze dazwischen bewusst Pausen. Senke die
Stimme am Ende des Satzes. Vor allem Frauen tendieren dazu, Sätze wie eine
Frage oder eine unvollendete Aufzählung zu beenden und gleich zum Nächsten
überzugehen. Fester Stand: Habe einen festen Stand beim Monolog. Wippe nicht auf den Ballen hin und her. Je fester du stehst, umso klarer ist deine Aussage. Je mehr du zappelst, umso eher haben wir als Zuschauer das Gefühl, dass du eigentlich schnell von der Bühne wegwillst.
12.3.06 Formale und inhaltliche Poesie Kann man bei einem Format
zwischen formaler und inhaltlicher Poesie unterscheiden?
13.3.06 Die Regeln des Samurai
positiv aufs Improtheater gewendet:
14.3.06 Status Status kann man begreifen als eine einfache Technik, um Subtilität des Storytelling zu erzeugen: Es wird eine zweite Ebene eingezogen, die am besten wirkt, wenn sie nicht thematisiert wird.
15.3.06 Namen Eine Schwierigkeit, mit der
wohl fast alle Improspieler zu kämpfen haben: Namen merken.
16.3.06 Wrestling und Impro Kurzeinlage eines Wrestlers bei der Chaussee der Enthusiasten. Das Prinzip des Wrestlings ist, so wird mir klar, als ich bei ihm im schmerzlosen Schwitzkasten stecke, das selbe wie im Improtheater - das gemeinsame Spiel akzeptieren, Status, Tanzen.
17.3.06 Basketball Asaf Ronen benutzt ebenfalls
die Basketball-Analogie: "When basketball coaches are watching the
team play from the sidelines, they are urging the players on, while also
keeping tracks of skills that need work, and the individual achievement
and hiccups of each player. (...) Basketball as a game consists of passing,
shooting, blocking, etc. but the skill set consists of speed,
awareness, stamina and so on. In an improv scene, you can have the game
of one-upmanship between the two characters which employs the skill set
of listening, character, environment."
18.3.06 Verkaufsszenen ("transaction scenes") Einige Impro-Lehrer und
-Regisseure scheinen wie besessen zu sein von der Idee, dass man keine
Verkaufsszenen spielen sollte, da diese die Gefahr in sich bergen, nichts
als eben die Transaktion zu zeigen. Ich sehe die eigentliche Gefahr bei
Verkaufsszenen darin, dass sie zum Blockieren verführen: Fast jeder
Anfänger beginnt, um den Preis zu feilschen. Aber eben darum sind ja
Verkaufsszenen im Unterricht auch interessant, da man an ihnen viel lernt.
19.3.06 Star Wars und Impro Yoda: "No, try not, do or do not, there is no try."
20.3.06 Fehler der Mitspieler Sei nicht enttäuscht über "Fehler" der Mitspieler. Nimm sie als erstaunliche Herausforderung. Sei positiv.
21.3.06 Licht- und Tontechniker Mach uns starke Angebote.
22.3.06 Musiker Klimpere nicht in die Sprechszenen und erst recht nicht in die Moderationen. Hab was zu sagen oder lass die Finger vom Instrument.
23.3.06 Impro - Kunst oder Trash Per Zufall wieder mal das
furchtbare Format "Frei Schnauze" gesehen. Die Einzige, die ab
und zu wirklich spontan ist und ihren Mitspielern zuhört, ist Barbara
Schöneberger. Schade, dass sie ihr anscheinend doch vorhandenes Talent so
verschwendet. Nun ja, vielleicht braucht sie ja das Geld.
24.3.06 Angst Die wichtigsten Regeln bei Mick Napier: "Improvise" sind:
Zu 1.: Die meisten schlechten
Szenen sind schlecht, weil die Spieler sich in scheinbare Sicherheiten
flüchten, sich innerlich vom Spiel distanzieren. (Wer im Spiel ist, kann
"verneinen", "seltsam" oder "negativ" sein,
der Partner wird das dann gar nicht als Blockade auffassen.)
25.3.06 Die Lieblingsfigur Fast jeder Impro-Spieler fällt früher oder später wieder in seine Lieblingsfigur (oder in "Die Figur die er immer spielt"), die auch bald zur Hassfigur werden kann. Das geschieht und ist im Grunde nicht schlimm. Aber wenn wir in guter Form sind, sollten wir neue Charaktere erschaffen - immer und immer wieder. Wenn man dennoch in die Lieblingsfigur fällt, sollte man ihr wenigstens ein neues Feature verpassen.
26.3.06 Die Verführung des dritten Spielers Du stehst als dritter Spieler
außerhalb einer Szene, die so langsam aber sicher abschmiert. Was tust
du?
28.3.06 Politisch unkorrekt durch Impro? "Wenn du genau spielst, wenn du im Spiel ehrlich bleibst, wenn du nicht das Klischee anspielst, um den schnellen Lacher zu erwischen, dann vermeidest du idiotische Rassismen, Stereotype usw.", sagte ich meinen Schülern. Und dann das: http://forums.yesand.com/showthread.php?t=1932
30.3.06 Theatersport Seit langem mal wieder ein Impro-Match gespielt. Die überbordende Freude des Publikums ist schon beachtlich. Kann man das auch in die Langformen hinüberretten? Vielleicht vor allem dadurch, dass man sich an die Spielfreude erinnert.
31.3.06 Blockieren gibt es nicht Sagte ich bisher, es gebe nur eine einzige Impro-Regel: "Akzeptiere!", würde ich inzwischen weitergehen. Was genau Blockieren ist, dafür gibt es keine Regel. Oft wird es der Spieler selbst an seiner inneren (nach Sicherheit suchenden) Haltung spüren. Der Mitspieler sollte sich nicht von (scheinbaren) Blockierungen irritieren lassen, sondern sie als schwierige Herausforderungen auffassen.
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Dan Richter