Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
November 2006
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1.11.06 Formen und Spielvergnügen Bei gemeinsamen Shows mit den Gorillas und mit Unexpected Productions wurden im Laufe des Spiels einer Langform einige "Regeln" dieser Formen missachtet, eben weil es sich gerade aus dem Fluss so ergab. Die Leichtigkeit des Spiels bewirkte so das Entstehen einer Form-Variante. Im Zweifel: Scheiß auf die Form, spiele!
2.11.06 Improvisationstheater mit Puppen Wichtig: Den Puppen eine
Emotionalität zu verleihen. Wenn wir unser Improtheater aus der
Emotionalität und Körperlichkeit auffassen, so muss das auch auf die
Puppen übertragen werden, was sich oft schwierig gestaltet, da wir sie ja
nur mit den Händen spielen. Im Grunde, muss ich die Puppe mitspielen.
6.11.06 Staunen
"Es gibt eine Betäubungswirkung des Vertrauten, einen
Beruhigungseffekt des Normalen, das die Sinne einschläfert und das Wunder
des Daseins verschleiert. Für uns, die wir die Gabe der Dichtkunst nicht
besitzen, lohnt sich zumindest der Versuch, diese Betäubung von Zeit zu
Zeit abzuschütteln."
7.11.06 Blockieren Die
ganze Diskussion, ob ein Angebot blockiert wurde oder nicht, kann man sich
sparen, wenn man sich klar macht, dass der Unterschied zwischen
Akzeptieren und Blockieren graduell verläuft. Letztlich lässt sich mit
auch mit jedem blockierten Angebot weiterarbeiten, nur eben viel schwerer,
wie Johnstone in seinen Blockier- und Akzeptierspielen gezeigt hat. (Alles
eine Frage des Spiel-Willens.) 1.
Starkes Blockieren 2. Gewöhnliches Blockieren 3.
Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück ("Ja, aber") 4.
Akzeptieren ohne beizutragen 5. Engagiertes Akzeptieren
("Ja, und") Je stärker die Blockierung ist, umso mehr wird die Situation selbst zum Thema, die aufwendig verhandelt werden muss. Sie kippt in einen langweiligen Streit zwischen den Spielern. Je stärker wir jedoch akzeptieren und zur Szene inhaltlich beitragen, desto eher können wir die Story vorantreiben, und desto besser sind wir in der Lage, zum Kern vorzudringen, nicht Gesagtes zu spielen usw.
8.11.06 Verknüpfen Unser
Geschichtenerzähl-Instinkt treibt uns dazu, alle möglichen
Erzähl-Elemente miteinander zu verknüpfen (quasi ihr Vorkommen zu
rechtfertigen). Dies macht einige Langformen etwas schwer, da man sich dem
Instinkt, verknüpfen zu wollen, widersetzen muss, vor allem wenn mehrere
gleichwertige Geschichten erzählt werden. Als Zuschauer habe ich jedes
Mal das Gefühl, dass die Poesie zerstört wird, wenn die einzelnen
Geschichten bei
9.11.06 Entspannung Eine gewisse körperliche Entspannung kann uns dazu führen, loszulassen und Kontrolle abzugeben. ABER: Wir brauchen immer noch das Mindestmaß an Spannung, um engagiert zu bleiben.
10.11.06 Szenisch "schwierige" Situationen Oft
reagieren Improspieler verkrampft oder driften ins Doofe oder Hamplige,
wenn sie mit szenischen Angeboten oder Vorschlägen aus dem Publikum
konfrontiert werden, die sie als zu schwierig empfinden: Wissenschaftler,
Juristen, Techniker, Chirurgen usw.
11.11.06 Tugend der Jugend Es scheint, als hätten Teenager ein besonderes Spieltalent, wenn auch die künstlerische Sicherheit fehlt. In Erwachsenen-Kursen vermittelt man also vor allem Spielfreude - Akzeptieren, Behaupten. In Kursen für Jugendliche - Wachheit, Miteinander, Storytelling.
12.11.06 Das Ungewöhnliche für gewöhnlich nehmen Wir erhöhen die Spannung, wenn wir das, was seltsam ist, nicht benennen, sondern damit spielen, z.B. dass ein Tier oder ein Gegenstand sprechen kann oder dass Onkel Artur einen beim Sprechen immer an die Schulter greift. Der Spieler sollte eine Distanz zu den Gefühlen der Figur haben und generell Emotionen unthematisiert lassen. Also statt "Sie machen mir Angst!", lieber die Angst zeigen. Statt "Warum zucken Sie denn so komisch?", lieber das Zucken szenisch-spielerisch verwerten.
13.11.06 Ideen Noch so ein blöder Satz: "Ich hab eine Idee." Der sollte auf der Impro-Bühne verboten werden. Er offenbart, dass der Impro-Spieler tatsächlich in seinem Hirn nach Ideen gräbt, statt sich vom Geschehen inspirieren zu lassen. Und wenn er sich dann endlich etwas ausgedacht hat, will er dafür auch noch bewundert werden.
14.11.06 Vom Spiel (Game) zum Spielen (Play) Was mir aus dem Training der Bewegungs-Impro bei Nina Wehnert noch einmal deutlich wurde: Viele Spiele sind gerade so aufgebaut, dass wir Impro-Tugenden trainieren, indem wir einfach eine äußere Regel befolgen. Z.B. überraschen wir uns selbst mit Gefühlswechseln beim Spiel "Gefühlsstuhl". Oder wir trainieren gegenseitige Transparenz mit den Mitspielern bei Synchronisations-Spielen. Wenn wir diese Spiele nicht nur als Aufführungs-Formen betrachten, sondern als zielgerichtete Übungen, dann kann man versuchen, diese Spiele als äußere Form irgendwann fallenzulassen und den Impetus zu übernehmen, also, um im Beispiel zu bleiben, sich selbst mit Gefühlswechseln zu überraschen und die gegenseitige Wachheit und Transparenz beizubehalten.
15.11.06 Funny Games Versuch nicht schlauer als das Spiel zu sein. Viele Spiele sind eben lustig, gerade weil man sich zum Objekt ihrer Regeln macht.
16.11.06 Rechtfertigung ist witzig? Eine Falle ist natürlich, dass sich das Publikum bei cleverer Rechtfertigung amüsiert. Ich erinnere mich auch, vor ein paar Jahren ein Szene gesehen zu haben, in der jemand stehend in des anderen Auto einstieg (im Grunde ein pantomimischer "Fehler"). Der Spieler des Fahrers sagte daraufhin: "Gut, dass ich einen oben offenen Pick-Up fahre." Wir bewunderten den Spieler für seine Schlauheit. Aber um wieviel cleverer wäre es gewesen, wenn man das einfach als Normalität genommen hätte? Wenn man in einem Pick Up fährt, thematisiert man eben nicht, dass es ein Pick Up ist, in dem man fährt.
18.11.06 Betrunkenes Publikum Selbst bei einem betrunkenen und leicht aggressiven Publikum (meist sind es ja nur eine Handvoll lauter Zuschauer, die einem vermitteln, man habe es mit einem Mob zu tun) ist es möglich eine gute Show zu spielen. Im Dunkeltheater sitzt eine Gruppe trinkfester Besucher im Publikum, die schon sieben Jägermeister und einige Bier intus haben. Dennoch spielen wir schnell und es wird einigermaßen witzig. Wenn es auch nicht die beste Show war, so haben wir doch die aggressive Energie für uns genutzt.
19.11.06 Wrestling und Improtheater Wie Kollegen aus den USA bestätigen, können wir uns bei vielen Wrestlern eine Scheibe abschneiden. Diese Erfahrung mache ich, als ich eine Gruppe junger Wrestler trainiere. Im Gegensatz zu sonstigen Anfängern haben sie doch eine große Aufmerksamkeit und ein Gespür fürs Geben und Nehmen.
20.11.06 Rechtfertigung K.
P. Robbins schreibt zu meiner Frage, ob Rechtfertigung nun ein Laster oder
eine Tugend sei: Wir brauchen das Warum nicht zu erklären, wir sollten es
spielen.
21.11.06 Der Wert der Spielfreude: Ja und/Ja aber Versuche,
meinen Schülern das "Ja und" beizubringen und sie vom
halbherzigen "Ja aber"-Akzeptieren zu lösen.
22.11.06 Thematisierung von Emotionen und Figuren (s.12.11.06) Status, Handlungen oder die gespielten Emotionen des Mitspielers zu thematisieren, empfinde ich als die unangenehmste Art der Rechtfertigung in der Impro: "Warum gucken Sie denn so?", "Sie brauchen doch keine Angst zu haben." usw.
23.11.06 Gruppen im Publikum Bekanntlich sitzen oft größere zusammenhängende Gruppen im Publikum, die allein durch ihre Größe (oft aber auch durch ihre Lautstärke) eine starke Dominanz im Publikum ausüben. Einerseits ist es nötig (und auch relativ einfach), solche Gruppen einzubinden: Es wäre manchmal geradezu ein Dagegen-Arbeiten, wenn man sie ignoriert, außerdem sind größere Gruppen oft auch in einer positiven, heiteren Stimmung. Andererseits muss man darauf achten, den "Rest" des Publikums nicht völlig auszublenden oder auszugrenzen. Man spielt immer für alle.
24.11.06 Shakespeare und Sprechtheater Shakespeares Größe liegt ja auch darin, dass seine Werke sowohl auf der Bühne als auch als Literatur funktionieren. Oder anders gesagt: Wenn man Hamlet nicht auch einfach als literarisches Werk goutieren könnte, ohne es je auf der Bühne gesehen zu haben, hätte er nicht diesen Ruhm. Aber es ist eben auch umgekehrt: Der Text leitet zum dramatischen Akt bzw.: wir sehen schon am Text, wie es auf der Bühne funktionieren könnte. Der Dramatiker scheint durch. Und so kommt er auch ohne Regieanweisungen aus.
25.11.06 War Kafka wirklich so supi? Die Impro-Philosophie verrät möglicherweise mehr über Kafka. Vielleicht war er nicht nur privat ein Zauderer, vielleicht liegt dem Zaudern seiner Figuren eher das Zaudern des Autors zugrunde, überhaupt mal was zu Papier zu bringen, eine Art kreative Blockade, die sich gewissermaßen ins Schreiben, Schreiben, Schreiben rettet. Um nicht definieren zu müssen, was da im Schloss auf K. wartet, lässt er ihn gar nicht erst dorthin gelangen. Und als er es dann doch schafft, schläft er ein. Auch die Weigerung, "K." einen Namen zu geben, deutet auf fehlenden Schaffensmut hin.
26.11.06 Versprechen der Szene - Psycho Eine höchst
dreiste Methode wendet Hitchcock in "Psycho" an (bzw. übernimmt
sie aus dem gleichnamigen Buch). Fast die gesamte erste Hälfte des Films
halten wir Marion für die Protagonistin, die in Schwierigkeiten steckt.
Man müsste es eigentlich für einen Liebesfilm halten, selbst als die
Story mit dem Diebstahl des Geldes eine krimihafte Wendung bekommt:
Gelingt es der Heldin ihre Liebe zu Sam aufrechtzuerhalten, ohne kriminell
zu werden, m.a.W. ohne diese Liebe moralisch auf Sand zu bauen?
Der Rest ist Ausführung. Völlig lahm und aus heutiger (?) Sicht unklar, warum er das überhaupt eingeführt hat, ist die langatmige Ausführung des Psychologen am Schluss, was ein wenig an die Erläuterungen in "M" erinnert. Als ob sich der Regisseur vergewissern muss, dass auch niemand den Film falsch versteht.
28.11.06 Das Spiel soll schlauer als der Spieler sein Versuche nicht cleverer als das Spiel zu sein: Vor allem bei physischen Games versuchen Spieler ihre Reaktionen erst zu rechtfertigen, bevor sie sie ausführen. Dies geht oft am Sinn des Spiels vorbei. Beispiele:
Die Änderung der physischen Position soll ja den Spieler überraschen, ihn gewissermaßen aus dem Konzept bringen, weg vom Vorausdenken. Je "normaler" wir das Spielen, umso weniger brauchen wir eine Rechtfertigung, ganz abgesehen von der Komik, die entsteht, wenn sich der Impro-Spieler zum Objekt der Regel macht.
29.11.06 Letzter Satz Ein einfaches Mittel, eine Szene zu beenden, ist, den letzten Satz Richtung Publikum zu sprechen. Er erhält automatisch mehr Bedeutung, wenn danach das Black kommt. Allerdings: Das Mittel ist billig und sollte nicht übertrieben werden.
30.11.06 Publikums-Erwartung als Druck Wie nimmt man die
Erwartung des Publikums auf - als Druck oder als Motivation? Der
"Heimvorteil" beim Fußball ist wahrscheinlich nur auf das
gewohnte Spielfeld zu schieben. Das Brüllen der Fans ist allen
Beteuerungen von Spielern, Managern und Chefs zum Trotz in der Summe
irrelevant - es kann sowohl motivieren als auch den Erwartungsdruck
steigern. Die Frage ist auch hier, ob man es vermag, spielerisch damit
umzugehen. Axel Schulz, nach seiner K.O.-Niederlage gegen Minto:
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