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Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

Oktober 2006

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6.10.06

Spiel

Wie lernt man eigentlich Spiele, bei denen es kein Zurück gibt – Spiele auf Leben und Tod? Die Samuraikämpfer z.B.: Ist es möglich, im Kampf zu lernen?

In der Improvisation gibt es auch kein Zurück, kein Von-Vorne. Es gibt kein Trial-and-Error, kein „Ich-versuch’s-mal“. Es gibt nur die eine Improvisation – sie gelingt oder sie gelingt nicht: „Look, if you had one shot, one opportunity, would you capture it or just let it slip?“

 

8.10.06

Unterrichten unter erschwerten Bedingungen

Die Klasse im Grunde zwangsverpflichtet, am Improvisationskurs teilzunehmen, der Raum zu klein, die Gruppe zu groß. Auf einmal steht der Impro-Lehrer vor der Situation wie zigtausend andere Lehrer auch. Kollege Matthias Fluhrer dazu treffend: Schau nicht auf das, was nicht geht, sondern auf das, was möglich ist. Impro-Spirit beim Lehren.

 

9.10.06

Whodunnit

In einem guten Whodunnit Krimi werden unzählige Spuren gelegt und es gibt eine ordentliche Handvoll Verdächtiger. Für freie Improvisation auf der Bühne so gut wie ungeeignet, da man als Spieler mit zu vielen Elementen jonglieren müsste, Zeit zum Knobeln bräuchte, und man müsste ja schlauer als das Publikum sein. Eine schöne, formal allerdings wenig frei und eher durchstrukurierte Variante, die inzwischen auch in Berlin von Paternoster gezeigt wird, wurde aber von den Bochumer Hottenlotten entwickelt: Das Publikum bestimmt das Opfer und den Detektiv. Desweiteren gibt es drei Verdächtige, nur der Mörder weiß, dass er es ist. Publikum und Detektiv finden heraus, wer es war.

 

 

11.10.06

Zu einem unbeteiligt spielenden Anfänger:

„Wenn es für dich nicht interessant ist, ist es für uns auch nicht interessant.“ (Jesli wam ne washno, togda nam ne washno.)

 

12.10.06

Funny Games im Unterricht

Die Kunst des Impro-Lehrers (vor allem bei Anfängern) besteht oft darin, für den jeweiligen Stand der Schüler das richtige Spiel zu finden. 

1. Das Spiel sollte so fordernd sein, dass sie sich voll auf die Beachtung seiner Regeln konzentrieren und auf diese Weise die Kontrolle über die Szene verlieren.

2. Es sollte außerdem ein Spiel sein, dass ihnen Spaß macht und dass sie mitspielen. In manchen Gruppen scheint es z.B. schwierig, Ausscheidungsspiele zu spielen, da aus Höflichkeit, Trägheit oder Geziere niemand den Mitspieler ablösen will. 

3. Das Spiel sollte dem Entwicklungsstand der Gruppe angemessen sein.

 

 

13.10.06

Funny Games: Abklatschen (Freeze-Tags, Tag Out)

Nicht nur Spolin, auch Keith Johnstone lehnt in seinem Buch „Theaterspiele“ („Impro for Storytellers) das allseits beliebte Abklatschen. Spolins Grund der Ablehnung: Die Erstarrung des Schauspielers. Johnstones Grund: Improvisierer trainieren auf diese Weise das Auslöschen.

Warum aber ist es so beliebt? Ich denke, es bringt die freie Assoziation in Gang, und zwar nicht nur verbal, sondern auch szenisch. Außerdem müssen die Spieler ja nicht „einfrieren“, wie es das englische „freeze“ suggeriert, sondern können durchaus dynamisch in ihrer Haltung bleiben. Der dazukommende Spieler, der die Haltung einnimmt, erspürt die neue Idee aus der neuen Haltung. Insofern ähnelt das Spiel auch Johnstones statischem „Danke!“-Spiel. In Langformen werden ja auch die Szenen gewechselt – man muss das nicht als Auslöschen auffassen.

Spolins und Johnstones Einwände sollten aber zumindest bedacht werden: Wem das Abklatschen zu statisch ist, sollte es vielleicht eine Weile nicht spielen oder sich bemühen, für sich eine physische Dynamik zu entdecken.

 

 

14.10.06

Erschrecken

Für eine der schwierigsten pantomimischen Aufgaben halte ich das Erschrecken. Es gibt eine Zeitspanne zwischen a) Objekt entdecken und b) Zusammenzucken, die vielleicht eine Sekunde andauert und in der man das Objekt erkennt. Diese Zeitspanne bedarf eines genauen Timing, schon der Bruchteil einer Sekunde zu wenig oder zu viel zerstört die Genauigkeit des Spiels.

 

 

15.10.06

Basketball und Fehler

Noch eine Basketball-Analogie: „The team that makes the most mistakes is going to win.“ (zit. nach Patricia Ryan Madson: “Improv Wisdom”)

 

 

16.10.06

Überblick

Wie wir wissen, genügt es nicht, spontan zu reagieren. Es kommt darauf an, auch einen ständigen Blick auf das Gesamtbild zu behalten. Das bedeutet nicht – Einen Überblick über das Bild, das entstehen wird, sondern über das, was bisher geschaffen wurde. Und so bleiben wir spontan und haben gleichzeitig die Vogelperspektive.

 

 

17.10.06

Russen

Seltsam, dass anscheinend die typischen Selbstblockierungen von Anfängern überall die gleichen sind (gut, mit südamerikanischen Indios habe ich noch nicht improvisiert). Verneinen, fragen, diskutieren statt handeln, das eigene Risiko vermindern. Allerdings habe ich soviel konsequenzloses Diskutieren (was genaugenommen auch nur ein Wettbewerb im Lautrufen ist) sowohl auf der Bühne als auch im Publikum wie bei den russischen Odessiten noch nicht erlebt.

 

 

18.10.06

Pate – Tom Hagen

Wunderbar, wie … zeigt, dass Tom Hagen die italienische Kommunikationsgewohnheit des Gestikulierens übernommen hat – im Gegensatz zu Fredo, Michael und dem (seinem Ziehvater) selbst. Als nach dem Angriff auf Michael besprochen wird, wie man weiter verfahren soll, erklärt er Sonny. „He (Cpt. McCluskey) is definetely on Sollozzo's payroll (Geste des Geldscheineabzählens) and for big money. McCluskey has agreed to be the Turk's bodyguard (Hagens Hand senkt sich behütend auf den Zigarrenkasten) (...) Nobody has ever gunned down a New York Police Captain. Never. It would be disastrous. All the five families would come after you, Sonny (Handkantenbewegung Richtung Sonny); the Corleone family would be outcasts (streckt die Hand so weit wie möglich von Sonny entfernt aus); even the old man's political protection (klatscht in die Hände wie eine Geste der Zusammenarbeit) would run for cover. (Parallelbewegung beider Hände Richtung Sonny Rücken.) So do me a favour (stößt den Unterarm auf Sonny und zieht ihn zurück) just... take this into consideration." Sämtliche Bewegungen im Rhythmus zur Sprache im Gegensatz etwa zu Fredo Corleone, der im zweiten Teil, fast wie ein Epileptiker zappelt, als ihn Michael zur Rede stellt.

 

19.10.06

Theatersport

Ein großer Vorteil des Theatersports ist mir erst jetzt klargeworden, als ich Studenten im Teen-Alter trainiert habe, von denen die meisten das Zuhören nie gelernt haben: Die Idee, zwei Mannschaften zu bilden, erzeugt nicht nur einen Show-Effekt, sondern fördert auch das Team-Denken. Einige der Studenten berichteten nach der Show (offenbar von sich selbst überrascht), wie sie sich für die guten Aktionen ihrer Team-Mitglieder gefreut haben.

 

 

20.10.06

Was einem nicht gefällt

Mehr als andere zeigen die ukrainischen Studenten auf der Bühne sehr deutlich, wenn ihnen der Szenenverlauf nicht gefällt. Schuld sind natürlich die Szenenvorschläge („Ich kann keine Szenen im Schwimmbecken spielen“), die Partner oder die Spielform. Das „Au-ja!“-Prinzip habe ich wohl zu wenig mit ihnen trainiert. Je mehr mir etwas Unveränderliches auf der Bühne nicht behagt, umso größer muss meine Kraft sein, „Au ja!“ zu sagen. Ob Publikumsvorschlag, Figur, Szenerie oder Game – konzentriere dich auf jenes Element (und sei es noch sei klein), das dir Freude bereitet.

 

 

21.10.06

Selbstblockierungen

Julia Cameron zeigt in „Der Weg des Künstlers“ die verschiedenen Selbstblockierungen, denen wir uns aussetzen. (Was das Buch oft etwas anstrengend macht, ist dass sie dem Leser unterschiebt, jeder würde mit denselben Problemen kämpfen. Aber es gibt ja auch Künstler, deren Eltern ihnen nicht von der künstlerischen Tätigkeit abgeraten haben. Und mit ihrem vielen Gott-Gerede kann sie eine gewisse Protestantenpiefigkeit nur schlecht verbergen.)

Auf so grundlegende Probleme wie Selbstzweifel oder Trägheit stößt aber wohl jeder Künstler einmal. Von den vielen Übungen, die sie vorschlägt, sind die ersten zwei wohl die besten (wohl auch, weil sie durchgehend zu handhaben sind). Die sogenannten „Morgenseiten“ – eine Art emotionales und intellektuelles Brainstorming am frühen Morgen ohne Zensur, kein Tagebuch im klassischen Sinne, aber auch keine bloße Schreibübung; es geht einerseits darum, unzensiert durch die bloße Bewegung des Schreibens schon einen Kreativitätsmechanismus in Gang zu setzen, und man verortet sich automatisch selber, auch wenn zunächst mehrere Zeilen kompletter Schrott entstehen sollten. Die zweite Übung nennt sie den „Künstlertreff“: Einmal pro Woche nimmt man sich Zeit (das können 20 Minuten oder vier Stunden sein) für eine Begegnung oder (nicht-künstlerische Beschäftigung), die man sonst nicht tun würde (an einem bisher unbesuchten Ort der Stadt spazieren gehen, einen Laden betreten, den man sonst meiden würde usw.) Diese Übung füllt die Quelle, jene initiiert das Fließen.

 

 

22.10.06

Spiele, die ich nicht mag

  • Spiele, die keine einzige Impro-Tugend fördern, sondern lediglich Lacher auf Kosten des gedemütigten Schauspielers erzeugen sollen. Dazu gehören auch eine Reihe von „Wenn das Publikum lacht, muss der Schauspieler dies und jenes tun“-Spiele, wie z.B. „Grapes“, bei denen der Schauspieler sich bei jedem Lacher eine Weinbeere in den Mund stecken muss, wodurch er immer blöder aussieht und das Publikum zu weiteren Lachern reizt. Ursprünglich wurden die „Kein-Lacher“-Spiele von Johnstone erfunden, um Spielern eine gewisse innere Spannung zu vermitteln. Inzwischen sind sie zu bloßen Partyspielchen verkommen.
  • Reine Ratespiele. Wenn der Schauspieler raten soll, wer oder was er ist, treibt ihn das Nachdenken fort vom Geschehen auf der Bühne.
    Ausnahme: Wenn das Spiel so aufgebaut ist, dass der Spieler mutig behaupten muss zu wissen, worum es geht. Dies trainiert den kreativen Mut und die Zusammenarbeit.
  • Wiederholungsspiele („Replays“). Als Übung auf Proben, mutig bestimmte Genres zu behaupten oder auch: zu trainieren, sich Szenen in anderen Blickwinkeln vorzustellen, haben Replays ihren Wert. Auf der Bühne ermüdet es, dieselben Dialoge sich womöglich viermal anhören zu müssen. Desweiteren nerven in solchen Genre-Replays die immer wiederkehrenden, ausgelutschten Klischees: Die Bayern im Heimatfilm, das auf der Theke rutschende Whiskyglas im Western usw.

 

 

23.10.06

Der Pate – Impro-Analyse

Die Ausgangsszene, in der der Bestatter Bonasera den Paten um einen Mord bittet, kann improtechnisch als Hochstatuskampf betrachtet werden. Der Bittsteller hat es offenbar in der Vergangenheit und auch jetzt an Demut mangeln lassen. Und so wäre die Antwort „That I cannot do“ auch nicht als Blockierung zu verstehen, sondern als Spielzug im noch nicht vollendeten Hochstatuskampf, der erst abgeschlossen ist, als Bonasera mit dem Wort „Godfather“ sich vor dem Paten verneigt und ihm den Ring küsst. Erst dann lässt sich der Pate zu dem Geschenk, „Gerechtigkeit“ zu schaffen, herab und beweist auch dadurch Größe gegenüber dem zuvor Gedemütigten.

 

24.10.06

Kein Führen und Folgen

“In the improv world the working paradigm is one of shared control. It differs from the “I lead and you follow” model in that both parties must stay alert and energized and actual leadership is likely to change moment by moment. Both (or all, if more than two) are responsible, while neither (or no-one) is “in control” in an absolute sense.”

(Patricia Ryan Madson: Improv Wisdom. Don’t Prepare, Just Show Up, S. 127)

 

25.10.06

Commitment

Beim Stöbern im Daum/Schenk-Russisch-Wörterbuch habe ich endlich eine deutsche Entsprechung fürs englische commitment gefunden, nachdem ich mich nun jahrelang mit „Engagement“ begnügt habe. Hier ist sie:

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**** Einsatzfreude ****

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26.10.06

Eintrittsgeld

Selbst wenn man auf Laien-Niveau spielt, sollte man Eintrittsgeld kassieren. Eine Show, die nichts kostet, ist nichts wert. Ein niedriger Eintrittspreis kann noch als großzügige Geste gegenüber Geringverdienern verstanden werden. Gratiskonzerte sind eine gute Sache, wenn sie von Rockstars betrieben werden. Ein angemessener Preis diszipliniert auch das Publikum. Umsonstvorstellungen werden überflutet von angetrunkenen Dummköpfen. Sie bestärken jenen Teil des Publikums, der mit verschränkten Armen in Lauerhaltung wartet: „Na, ihr sollt erst mal zeigen, was ihr drauf habt.“ Obwohl ich immer für niedrige Preise eintrete, muss ich zugeben, dass auf Veranstaltungen mit überhöhten Preisen das Publikum oft amüsierwilliger ist. („Wenn es so teuer ist, muss es ja gut sein.“)

 

 

27.10.06

Storytelling

Versuch nicht, zu viel Sinn zu produzieren. Es ist OK, wenn die Story auch für dich selbst ein bisschen unverständlich bleibt.

 

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