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Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

September 2006

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6.9.06

Geld

1. Behandle künstlerische Projekte, bei denen du viel Geld verdienst, nicht wie einen „Job“, sondern wie etwas, das dir sehr am Herzen liegt.
2. Behandle künstlerische Projekte, bei denen du wenig oder kein Geld verdienst mit derselben Ernsthaftigkeit und demselben Aufwand wie gutbezahlte Projekte.
So oder so: Lass Geld nicht deine Kunst ruinieren.

10.9.06

Positives

Rudi Carrell sinngemäß einmal in einem Interview: Er habe irgendwann aufgehört, das Schlechte (im Fernsehen) verbessern zu wollen. Und sich darauf konzentriert, das Gute zu tun.
Wahrscheinlich ist es wirksamer, Gutes zu tun, in der Hoffnung, es werde schon allein dadurch nichts schlechtes entstehen. Vor allem aber, wirkt Positives sich positiv auf einen selber auf. Die kritische Haltung fördert negatives Denken (und so auch letztlich die Wahrscheinlichkeit, selber Mist zu bauen).

 

11.9.06

Indisches Zeitgefühl und Psychoanalyse

„Im zweiten Jahr [des Aufenthaltes in Indien] verspürte ich bei solchen Vorfällen [des Versetztwerdens] keine Enttäuschung mehr, weil ich im Grunde schon gar nicht mehr damit rechnete, irgend etwas zu erreichen. Es war geradezu eine erheiternde Vorstellung geworden, man könne tatsächlich das erledigen, was man hatte erledigen wollen. Stattdessen setzte ich mich einfach in das Teehaus des Ortes, lernte neue Menschen kennen oder betrachtete Kinder, die Tiere und alles, was gerade vorbeikam. Dann geschah manchmal etwas anderes, was ich eigentlich nicht vorgehabt hatte. Manchmal auch nicht. Jegliche Arbeit, die tatsächlich erledigt werden wollte, kam von selbst auf mich zu. (...)
Meiner Erfahrung nach hat eine psychoanalytische Sitzung eine eigen Kultur, die an die eines indischen Dorfes erinnert. (...) Wichtig ist, dass man mit dem Fluss der Sitzung mitgehen kann, im „Hier und Jetzt“ ist, so wenig wie möglich von dem Wunsch abgelenkt, dass etwas anderes geschehen möge als das, was geschieht. Ich glaube, in der Therapie vorgefasste Ziele zu haben, ist ebenso nutzlos wie das Vorhaben, in Indien etwas Bestimmtes zu fertigzubringen. Wenn man als Therapeut seine geistige Gesundheit erhalten will, muss man den Anspruch, einen Menschen nach einem festgelegten Plan und Programm ändern zu wollen, mit einer großen Portion Humor betrachten. In diesem Sinne hat mich meine Zeit in Indien zu einem besseren Therapeuten gemacht.“ (Neil Altman. zit. nach Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. S. 267/277)

 

12.9.06

Off-Figur

Selten genutzte Option für Impro-Szenen mit wenigen Darstellern: Dass einer der Darsteller die andere Figur ins Off anspricht. Das kann das seitliche Off sein, aber auch die Publikumsseite.

 

13.9.06

Impro lehren

Wie überhaupt jeder Lehrer sollte gerade der Lehrer der Improvisation in der Lage sein, ein einmal gefasstes Konzept für einen Workshop oder eine Stunde über den Haufen zu werfen, je nachdem, wie sich die Fähigkeiten der Klasse entwickeln.

Es gibt eine Tendenz von Impro-Lehrern, bestimmte Übungen gewissermaßen abzuarbeiten. Und bei vielen Games erscheint das auch gar nicht unbedingt als Problem, da gute Spiele ja auch immer ein gewisses Unterhaltungspotential bieten, was über das Lernziel hinausgeht.

Als Lehrer muss ich mir jedoch immer wieder wie eine Rückkopplungsschleife die Frage stellen: Was will ich mit den Schülern erreichen, welche Fähigkeit will ich trainieren, was will ich ausprobieren? Ein guter Lehrer erkennt schnell, wenn eine Übung für eine Gruppe ungeeignet ist und entwickelt im Stegreif eine neue Übung, die sozusagen von einem anderen Wege her zum selben Ziel führt. Ein guter Lehrer ist also auch immer ein guter Improvisierer.

 

 

14.9.06

Übung, um sich aus der Sicherheit des Storytelling herauszukatapultieren

1.      Dissoziieren (ähnlich wie assoziieren, nur dass man die Assoziation so weit wie möglich wegwirft, d.h. einen Begriff wählt, der mit dem vorher genannten so wenig wie möglich zu tun hat.)

2.      Die Szene stören
Zwei spielen eine Szene ganz normal an. Der dritte kommt hinzu mit dem unpassendsten Angebot, d.h.: Dieses Angebot einzubauen, ist Aufgabe der beiden anderen Spieler.

 

 

15.9.06

Strukturen und Spielfreude

Da es anscheinend ein übliches Muster in Gruppen ist, dass sich die Spielfreude der Spieler in dem Moment reduziert, da sie mit komplexeren Strukturen konfrontiert werden, muss man als Lehrer wohl darauf achten, dass das Element der Spielfreude nie verloren geht bzw. jedes Mal neu hervorgezaubert wird.

D.h. konkret: Wenn ich ein neues Game, eine neue Technik, ein neues Genre eine neue Langform lehre, sollte der Fokus des Schülers immer sein: Wo liegt für mich die Freude an dieser konkreten Form?

 

 

16.9.06

Kauderwelsch-Szenen

Kauderwelsch-Szenen in Pseudo-Italienisch, -Russisch, usw. werden oft viel zu eitel gespielt, d.h. ein zu großer Wert auf das parodistische Element, d.h. den vordergründigen Gag, gelegt.
Gut gespielt fördert eine Kauderwelsch-Szene Handlung, Emotion und Spontaneität. Das Kauderwelsch selber ist für den Spieler nur ein Nebenprodukt, für den Zuschauer ein amüsantes Gewürz.
Bei Spielen sollte man sich immer wieder die Frage stellen: Was ist die Funktion des Games fürs Improvisieren, anstatt auf Perfektion des Spiels hinzuarbeiten.

 

 

17.9.06

Brechts Theaterarbeit

Egal, wer den Vorschlag einbrachte, Brecht war immer dafür, es auszuprobieren. Auch wenn er (davon muss man ausgehen), die jämmerlichen Resultate in der Regel voraussah. Aber nur durchs Ausprobieren verstehen die Beteiligten, worum es geht. Außerdem ist anzunehmen, dass Brecht sich auf diese Weise gegen Altersstarrsinn immunisierte.

 

 

19.9.06

Unsicherheit

Improvisation – und wie so oft übertragbar: Kunstschaffen überhaupt – hängt von der dem Alltagsinstinkt gegenläufigen Fähigkeit der Selbstverunsicherung ab. Improspieler werden früher oder später immer wieder versuchen, festen Boden unter den Füßen zu finden. Das ist bis zu einem gewissen Grade in Ordnung, nur muss man sich der damit einhergehenden Gefahr der Versteifung bewusst werden. Im Improtheater sind dies:

-         immer wiederkehrende Figuren

-         Games, die nur gespielt werden, wenn man sie perfekt beherrscht

-         voraussehbare Storys

-         mangelnde Veränderung der Figuren

-         physische Steifheit auf der Bühne

-         mangelnde Bereitschaft, Neues und Unfertiges auszuprobieren

 

29.9.06

Nach Lee Strasberg bedeutet gutes Schauspielen, dem Zuschauer zu suggerieren, das was auf der Bühne geschieht, sei echt. Brecht dagegen entnimmt dem modernen Komödientheater von Karl Valentin den Spaß, ständig die vierte Wand zu durchbrechen, und stößt den Zuschauer immer wieder auf die Bühnensituation.
Für gutes Schauspielen brauchen wir weder das eine noch das andere. Der Zuschauer vergisst sowieso nicht, dass er im Theater sitzt (da müsste man schon geistesgestört sein), also braucht man ihn weder drauf zu stoßen, noch ihn das vergessen machen. Die Überschreitung der vierten Wand ist ein hübscher Regie-Trick, den wir auch in der Impro gut einsetzen können. Als Schauspieler brauchen wir aber die Fähigkeit, ohne diese direkte Überschreitung unsere Wirkung entfalten zu können. Das direkte Ansprechen des Publikums oder ähnliche Techniken können eine Ausflucht vor der Mühe guten Schauspiels sein. Und das Erröten der Eleonora Duse ist durchaus zu loben.
Es genügt aber nicht, in der Rolle aufzugehen, eine Form der Bühnenrealität zu erzeugen, es kommt auch darauf an, diese Realität zu kommunizieren, und das hat auch Duse getan, wenn man den Zeitzeugen glauben schenken darf. Es sind die einfachsten Konventionen: Wenn sie ihr Gesicht abwendet, nützt auch das schönste Erröten nichts. Wenn sie in der erregten Situation leise wird statt lauter (wie es die damalige Konvention vorschrieb), dann muss das Gesagte ja immerhin noch verständlich bleiben.
Die Frage, die sich die Schauspieler stellen müssen, lautet also: Wie kann ich die Szene dem Publikum kommunizieren und gleichzeitig so dicht wie möglich an der Figur und ihrer Situation zu bleiben?

 

 

 

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Dan Richter