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Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

April 2007

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1.4.2007

Anwesenheit/Abwesenheit

Bist du einen Moment nur abwesend, gleichst du einem Toten.
(Yantou Quanhuo - 9. Jahrhundert)

 

2.4.07

Geschichten-Fetischismus

Nach einem schlechten Abend wird vor allem die mangelnde Qualität der Geschichten gerügt, während an einem guten Abend vor allem das gute Aufeinandereingehen, das gute Schauspiel usw. gelobt werden. Die Geschichte wird also oft fetischisiert, sowohl von Zuschauern als auch von Spielern. Story-orientierte Ensembles sind oft grottenlangweilig, eben weil sie am sich am Narrativ orientieren und somit auch dazu tendieren, vorauszuplanen. Es kommt aber darauf an, wild die Schnüre auszulegen und darauf zu vertrauen, dass sich die Geschichte von selbst erzählt.
Das Einzige, was ich noch konzedieren würde, wäre, dass man trainiert, wie man eine Story vorwärtstreibt und wie man am Schluss den Sack zumacht.

 

3.4.07

Inhalte lehren?

Auf einem Workshop äußerte neulich eine Schülerin das Bedürfnis, mehr politische und aktuelle Themen in der Improvisation zu behandeln. Ich fragte zurück, warum sie das nicht einfach tue! Man braucht keinen Anleiter, um Wachheit zu vermitteln, man braucht dafür einen Willen zur Wahrnehmung: Egal ob ich durch den Park gehe und ein Gespräch mithöre, im Café, ob ich fernsehe, ins Kino gehe, ein Buch lese, eine E-Mail lese - alles ist verarbeitungswürdig.

 

4.4.07

Profis und Amateure

Die Unterteilung von Improgruppen in Profis und Amateure habe ich immer schon für untauglich gehalten, da darin zwei Sachverhalte vermischt werden: Qualität und finanzielles Auskommen.
Nun ist es aber keinesfalls so, dass ein Ensemble, das vor vollen Häusern spielt und dessen Mitglieder von der Improvisation leben können, besser sei als ein Ensemble, das in einem kleinen Ort hervorragende Shows spielt und dessen Mitglieder sich mit Brotjobs über Wasser halten müssen.

 

5.4.2007

Auftrittshäufigkeit

"Ich habe Keith Johnstone gefragt: 'Wie kommt man denn weiter?' und er hat gefragt: 'Wie oft tretet ihr auf?' Ich habe gesagt: 'Einmal im Monat.' und er: 'Das ist viel zu wenig.'"
Gunter Lösel in "Blinde Angebote. Fünf Interviews zum Improtheater"
Es ist natürlich wichtig, für sich im geschlossenen, geschützten Rahmen auszuprobieren. Andererseits benötigen wir mehr als bei geschriebenem Theater das Feedback-Verhältnis zum Publikum: Wie funktioniert das Konzept überhaupt, wenn ich es auf Zuschauer loslasse?

 

6.4.2007

Raum als Medium

Nachmanovitch weist darauf hin, dass chinesische Tuschezeichner den Raum (des Papiers) auf dieselbe Weise nutzen, wie darstellende Künstler die Zeit: Es gibt kein Zurück, kein Ausbessern, man muss zu dem Strich stehen.
Können wir diesen Gedanken im Theater nutzen? Es gab vor einem guten Jahr eine Aufführung von Sasha Waltz an der Schaubühne in Berlin, bei der die Tänzer durch Farbe liefen und so eine bleibende Spur ihrer Füße hinterließen.

Beim genaueren Versuch mich zu erinnern, bin ich mir gar nicht so sicher, ob sie wirklich durch Farbe gelaufen sind oder ob die Wiederholung des Raum-Markierens diesen Eindruck bei mir erzeugt hat.

 

7.4.2007

Moderatorengelaber

Wenn wir von einer aufgelockerten Moderation ausgehen, sollte es nicht einen belanglosen Plauderton annehmen.

 

8.4.07

Games lehren

Wenn man schon Games für die Aufführung lehrt, sollte man den Blick darauf schärfen, worin die Poesie des einzelnen Spiels liegt.
Auch interessant: Mit fortgeschrittenen Gruppen Games zu spielen, die sie jahrelang nicht mehr gespielt haben.

 

9.4.07

Games aufführen

Wenn man ein Spiel schon hunderte Mal gespielt hat, und man aus irgendeinem Grunde (zB bei einem Match) verpflichtet ist, so ein Spiel noch mal zu spielen, sollte man versuchen, etwas Neues, Interessantes darin zu entdecken.

 

12.4.07

Grenzziehung

Nachmanovitch betont, dass es ohne Grenzziehung keine Kunst gebe, diese sozusagen eine eigene Kraft ausüben. Gewissermaßen wissen wir das auch von Luhmann oder George Spencer Brown: Die System/Umweltdifferenz schafft die Form, bzw. der Beobachter, der eine Seite bezeichnet und die andere eben nicht. Kunst spielt damit, die Form selbst zu nutzen.

 

13.4.07

Grenzziehung durch Zensur

Nachmanovitch sagt, dass die Grenzen dem Kunstschaffen Kraft verleihen. Das kann ein Versmaß oder Reimschema in der Lyrik sein, denen man das Gesagte unterwirft. Oder die Länge oder Erzählstruktur eines Romans, die Farbbeschränkung in der bildenden Kunst, aber auch die Faktizität der anatomischen Möglichkeiten eines Tänzers.
Die politische Zensur kann interessanterweise auch solch eine Grenze schaffen, die die Kunst inspiriert: In der DDR wuchs so eine Schriftstellerkultur des Zwischen-den-Zeilen-Schreibens-und-Lesens.

 

14.4.07

Schauspielübung

Solo.
1. Der Schauspieler soll ein emotionales Solo spielen, z.B. ein Mann kommt nach Hause, nachdem er seinen Freund verraten hat.
2. Derselbe Schauspieler spielt detaillgenau eine Szene aus seinem Alltag, z.B. wie er nach Hause kommt.
Evaluation für die zuschauenden Mitspieler (die den Inhalt der Aufgabe nicht gehört haben):
- Ausdrucksstärke
- Was geht bei den Zuschauern im Kopf vor?
- Sehen wir Story-Möglichkeiten?
- Wurde übertrieben/geschmiert?

 

15.4.07

Qualität

Zu wenig Urteil ergibt Schund, zu viel Urteil führt zu Blockaden. Johnstone lehrt uns, zunächst das Urteil auszuschalten und ein Maximum an Output zu schaffen. Das Urteil wiederum führt er listig (oder vielleicht auch aus reinem Theaterinstinkt) wieder ein, indem er uns auffordert, bestimmte "Spielregeln" zu beachten: Akzeptieren, Vorantreiben oder einfach nur die Regeln eines blödsinnigen Theater-Spielchens.
Oder man hebt sich das Urteil einfach für hinterher auf. Fortgeschrittene Gruppen leiden oft unter zu viel Urteil: Man will es besser machen und konzentriert sich genau darauf, der Fluss leidet, und das Ergebnis wird paradoxerweiser schlechter.

 

16.4.07

Funny Games

Wenn die Spieler sich fragen: Warum spiele ich dieses Spiel?, dann ist schon viel erreicht. Manche Spiele haben nämlich wirklich gute Wirkungen oder Funktionen, z.B.

  • Mit einer Ein-Wort-Geschichte kann man prima grundlegende Prinzipien der Improvisation verdeutlichen, ohne viel darüber reden zu müssen: Unvorhersehbarkeit, Tempo, auf einander hören usw. Es eignet sich deshalb immer wieder gut für einen Einstieg, vor allem wenn viele Impro-Neulinge im Publikum sitzen.

  • Dreier-Synchronisation: Wenn es flott und am Rande des Gerade-Noch- oder Gerade-Nicht-Mehr-Beherrschbaren gespielt wird, zählt dieses Spiel immer wieder zu den beliebtesten beim Publikum. Hat sich mal jemand gefragt, warum? Es hat genau mit diesem totalen Kontrollverlust zu tun, der ein Element von Komik sein kann: Wenn die Spieler sich engagieren und mutig Angebote machen, katapultiert sich das Spiel selbst vorwärts.

  • Beim Zettelspiel haben Zuschauer das Gefühl, ein kleines bisschen mitbestimmen zu dürfen, wo es hingeht. Das allein kann schon sehr befriedigend sein. Auch hier sollten die Improspieler mutig sein, und die Zettel zackig und schnell einbauen, ohne Vorrede oder zu viel Rechtfertigungen. Die Zettel sollten die Geschichte vorwärts treiben und beeinflussen, und müssen deshalb nicht gerechtfertigt werden. (Man sollte es aber aus naheliegenden Gründen nicht spielen, wenn die Hälfte des Publikums aus angetrunkenen Spaßvögeln besteht.)

Viele Spiele eignen sich eher als Übungsspiele, vor allem die Replays (Genre, Emotionen usw.). Man überlege sich genau: Würde man sich so etwas selber anschauen wollen? Wenn das der Fall ist dann soll man nicht weiter zögern, das auch zu tun, denn das Interesse und Engagement des Spielers überträgt sich aufs Publikum.

Man lasse die Finger von Spielen, die man nur spielt, weil sie einem einigermaßen gut von der Hand gehen, weil man weiß, wie man ein paar Gags einbauen kann oder weil das Publikum danach verlangt. Wenn einem die Spiele ausgehen, kann man natürlich Spielelisten durchstöbern, aber interessant ist es auch, sich selber ein Spiel auszudenken. Dabei versetze man sich vor allem in den Zuschauer (der man ja z.T. auch selber ist): Was würde ich gern sehen. Welche Impro-Tugend gefällt mir so, dass ich sie spielerisch umsetzen will, dann fällt einem schon etwas ein.

 

17.4.07

Keine Kompromisse

Die Wahrheit lügt immer in der Mitte.

 

18.4.07

Yes is the answer

"It looked like a black canvas on the ceiling with a spy glass hanging from it (...) I got up the ladder and I looked through these spy glasses, and it said YES. And I took that as a personal positive message, because most of the avantguard artists of that period were all negative, you know, like break a piano with an axe. It was mainly male art (...), it was all destructive and 'nya nya nya'. But here was this crazy little message on the ceiling."
(John Lennon über sein erstes Treffen mit Yoko Ono bei einer ihrer ersten Ausstellungen in England)

 

19.4.07

Die wichtigsten Direktiven für Improvisierer

  • Lass los!

  • Spiel damit!

  • Denk nicht nach!

  • Nutze, was du hast!

  • Mach was draus, während du weitermachst!

(Barbara Dilley im Vorwort zu Ruth Zapora: "Action Theater")

 

20.4.07

"Jeder, der den Versuch unternimmt zu improvisieren, trifft irgendwann das Monster des 'Versuchs, spontan zu sein'."
(Barbara Dilley im Vorwort zu Ruth Zapora: "Action Theater")

 

21.4.07

The Power of Limits - Die Kraft der Grenzen

Was verbindet Comic- und Physik-Fans?

"Es geht in beiden Welten um kreative Problemlösungen. Batman sitzt in der Falle. Die Wände kommen näher, das Wasser steigt, wie kommt er da raus? Er muss eine kreative Lösung finden. Auf dieselbe Art funktioniert Forschung: Wir haben ein Problem. Wir kennen die Spielregeln, von Wassermechanik bis zu Elektrizität und Magnetismus. Wie wenden wir die bekannten Regeln an, um neue Probleme zu lösen?"
Tagesspiegel 20.4.2007 Interview mit James Kakalios, Professor für Physik und Astronomie an der University of Minnesota.

 

22.4.07

Liebe

"Du kannst dich auch in der Popmusik nicht hinstellen und sagen: Ich mach jetzt auch so Scheißmusik wie Dieter Bohlen, und dann werde ich reich. So einfach ist es nicht. Dieter Bohlen liebt seine Scheißmusik, sonst könnte er es nicht machen."
zitty 08/2007 Interview mit Martina Brandl

 

23.4.07

Professionalismus

Wenn von Professionalismus die Rede ist, stellt sich ja immer die Frage, welcher Aspekt gemeint ist:

  1. dass man die Tätigkeit zu seinem "Beruf" gemacht hat, der einen ernährt

  2. die Qualität der Performance

  3. die Haltung zur Kunst und Mitspielern/Mitarbeitern

Dass diese Aspekte zusammenfallen, ist keineswegs selbstverständlich. Schon gar nicht im Bereich des Improtheaters. Man kann in einer größeren Stadt die schlimmste Grütze groß aufziehen oder zum Fernsehformat aufbauen, das Können liegt dann nur noch darin, genügend Publikum bei der Stange zu halten.
Auf der anderen Seite können oft großartige Künstler nicht mal ansatzweise von ihrem Schaffen leben. Man muss da nicht einmal auf Van Gogh hinweisen. In den großen Improstädten wie New York und Chicago tummeln sich Impro-Genies en masse, die ohne Bezahlung auftreten, einfach, um auftreten zu dürfen.
Im nicht-künstlerischen Bereich wird meist der dritte Aspekt betont: Ein sensibles Verhältnis zu Mitarbeitern und Kunden. Sachfragen von Persönlichem trennen. Ich kenne nur wenige im Improbereich, die dazu in der Lage sind.

 

24.4.07

Goethes blinder Fleck

Auch wenn die Versuchung groß war - Goethe bemühte sich immer, in seinem Denken einen großen Bogen um Fragen der Inspiration, der Kreativität usw. (also um all die Dinge, um die es hier geht) zu machen. Er fürchtete, Erkenntnisse auf diesem Gebiet würden seine Kreativität schmälern.

 

25.4.07

Wiederholungen

Wahrscheinlich wird in Improtheaterkursen zu wenig wiederholt. Wir fürchten als Lehrer, unsere Schüler zu langweilen. Dabei festigt die Wiederholung das Gelernte.

 

26.4.07

Zentrale Harold-Elemente

Im Chicago-Stil wird das Wechselspiel Szene-Game als das zentrale Element des Harolds angesehen. Warum aber nicht Szene-Monolog nutzen?

 

27.4.07

Psycho-Impro

Die heilsame Wirkung des Improtheaters, die jeder, der schon längere Zeit spielt, schon bemerkt hat (auch wenn man das gar nicht als wichtigen Punkt immer herauskehren mag), kann auch umschlagen in Belastung, und zwar dann, wenn man zu viel klammert, wenn unser Ego uns ein Schnippchen schlägt, wenn Stolz, Eifersucht, Habgier das  Spiel vergiften.
Immer wieder loslassen können. Es ist ein Spiel.

 

28.4.07

Erstfaszination

Die Erstfaszination einigermaßen guten und lockeren Improtheaters liegt ja darin, dass die Spieler - oft durch den äußeren Zwang des Games an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stoßen. Wenn sie dann bereit sind, mutig diese Grenzen auszuloten und sich aufs Unbekannte einzulassen, bewundern wir das, und zwar auch bei blutigen Anfängern.

 

29.4.07

Kindlichkeit

Uns die Kindlichkeit des offenen Gemüts, des Staunens, des unbefangenen Betrachtens von ungewohnten Perspektiven, der seltsamen Kategorisierungen in der Kreativität wiederzuerlangen scheint schwer.
Sie aber mit erwachsener Reife zu verknüpfen ist Kunst.

 

30.4.07

Schamanen

Die Fähigkeit, Gegebenes auf neue Weise zu verknüpfen, Sinn zu erkennen, wo für das ans Normale gewöhnte Auge und Ohr nur Zufall und Chaos am Wirken sind, haben Künstler mit Schamanen, Astrologen, Priestern und Paranoikern gemeinsam.
Der Paranoiker hält die Vorstellung, irgendetwas könne rein zufällig geschehen sein, nicht aus. Mehr noch - alles bezieht er auf sich selbst. Alle wollen etwas von ihm, und zwar das Schlimmste.
Die Astrologen (dito Astrologie-Gläubigen, Kartenleser) ertragen die Kontingenz ebensowenig: "Es kann ja kein Zufall sein, dass..."
Der Schamane und der Priester verweist auf die göttlichen Kräfte, ohne sagen zu können, welcher Gott denn hinter diesen steht.
Der Künstler (wenn er nicht gerade Trivialliteratur schreibt, Seifenopern dreht oder anderes redundantes Zeug abliefert) hat die Funktion, uns eine Alternativwelt zu erschaffen, ohne sie zu erklären.

 

English version (excerpts)

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