Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
Februar 2007
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1.2.2007 Tag Out Viola Spolin lehnte Freeze Tags ab, da sie den Szenen die Dynamik rauben. Johnstone lehnte sie ab, da sie eher das "originelle" Zerstören als das naheliegende Miteinander beförderten. Und doch ist es eines der einfachsten und das vielleicht populärste Impro-Spiel überhaupt. Vor allem als Warm Up ohne Publikum ist es geeignet, um ins szenische Spiel zu kommen.
2.2.2007 Gemeinsamer Gesang Gerade bei gemeinsam improvisiertem Gesang ist ein enger Kontakt zwischen den Spielern notwendig. Allerdings sollten die Spieler beim Singen weiterhin ins Publikum sehen. Das Einanderanschauen der Spieler vermittelt in der Regel Unsicherheit. Der Kontakt entsteht durch Hören und Wahrnehmen aus den Augenwinkeln.
3.2.2007 Timing beim Geschichtenerzählen Johnstone beschreibt die beiden einander
gegenüberliegenden Sünden des Timing als "Überbrücken" und
"Sofort-Problem". Überbrücken tritt auf, wenn wir Angst haben, etwas zu
definieren oder voranzugehen. Sie sagen, sie würden größeren Wert aufs
Schauspielen legen, dabei rollen sie nur die ganze Zeit mit den Augen und
sind erschüttert über etwas, das wir nun schon seit 5 Minuten kennen.
4.2.07 Komödie vs. Trash In der Komödie weiß der Bewerber, dass er aus dem
Mund riecht und versucht erfolglos, diese Malaise zu verbergen. Der
Personalchef wird den Bewerber nicht darauf ansprechen, sondern versucht
erfolglos, sich aus dem Strom üblen Geruchs zu entfernen. Verfeinerung des Spiels entsteht also dadurch, dass das Offensichtliche nicht thematisiert wird, aber dennoch mitläuft.
5.2.07 Zweifel und Tat (aus Brechts "Lob
des Zweifels")
6.2.07 Lustigen Scheiß lernen Der Mut von Impro-Anfängern ist bewundernswert,
vor allem, wenn sie sorglos alles behaupten, was ihnen in den Sinn kommt.
Diesen Mut zu behalten muss man als Tugend anerkennen, aber von einem
guten Impro-Schauspieler sollte man erwarten, dass mehr hinzu kommt. Aber
was soll ein Impro-Spieler lernen?
7.2.07 Improvisieren im Film Marlon Brando: "If an actor can't
improvise, then perhaps the producer's wife cast him in that part. You
wouldn't be in the film with such a person. Some actors don't like it.
Olivier doesn't like to improvise; everything is structured and his roles
are all according to an almost architectural plan."
8.2.07 Ambivalenz der Professionalität Stephen Nachmanovitch (in "Free Play") betont, eine Facette von Professionalität sei, dass sie uns - ebenso wie Konformität - als bequeme Maske dient. Sie kann darüber hinwegtäuschen, dass wir den Sinn für unsere innere Stimme verloren haben. Wir künstlern dann so, wie es eben gemacht wird, ohne darauf zu vertrauen, dass wir selber sowieso gut sind.
9.2.07 Vorschläge Generell: Man sollte keine Fragen aus
dem Katalog stellen, sondern interessiert mit dem Publikum ins Gespräch
kommen, Fragen stellen, auf die man Antworten erwartet.
10.2.07 Die blöden Zuschauer in der ersten Reihe Seltsamerweise setzen sich uninteressierte, bornierte oder vulgäre Zuschauer immer in die erste Reihe. Der Saal mag toben vor Lachen, und sie sitzen mit verschränkten Armen und versteinerter Miene da. Die Kunst besteht dann darin, 1) nicht von diesen zwei Zuschauern auf das gesamte Publikum zu schließen, 2) nicht den Ehrgeiz zu entwickeln, diese beiden missionieren zu wollen, 3) es nicht persönlich zu nehmen.
11.2.07 Stimmen des Instruments "Dieses intensivierte Lauschen ist
tiefes Spielen - totales Eintauchen ins Spiel. Und wenn wir dann das
Instrument zum Spielen nehmen, werden unsere Freunde - das Publikum - in
einen ähnlichen Geisteszustand gelangen. Die Bereitschaft, mit der das
geschieht, steht in direkter Proportion zur Aufmerksamkeit, die wir dem
Prozess des Stimmens geschenkt haben."
(Stephen Nachmanovitch: "Free Play")
12.2.07 Naheliegend
Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket: (Aus Goethe: Xenien)
13.2.07 Stress und Spiel Unter hohem Stress, z.B. bei gelangweiltem Publikum, schlechter eigener Konzentration usw., werden auf der Bühne bei vielen Spielern die Kapitalfehler deutlich: Gereiztheit vor dem Auftritt, Kommandieren auf der Bühne, sich drücken vor Entscheidungen, Klischee-Figuren. Ein Trainer sollte eine schlechte Show des von ihm trainierten Teams gesehen haben.
14.2.07 Theatrale Konventionen Im Sprechtheater, gerade in den angeblich guten Häusern, wie dem Deutschen Theater, signalisieren einem die Schauspieler schon vier Meter vor einer Pointe, mit ihrem Sprechgestus, dass jetzt gleich etwas Lustiges kommt. Warum gibt es da so wenig komödiantisches Talent?
15.2.07 Lässigkeit Die deutschen Impro-Ensembles könnten einiges von der Lässigkeit amerikanischer Improtheater übernehmen oder auch von der Lässigkeit der Berliner Lesebühnen. Auf der anderen Seite kippt bei den Lesebühnen die Lässigkeit in Nachlässigkeit um, die um so unangenehmer wirkt, je älter die Beteiligten sind.
16.2.07 Heiterkeit "Außerdem fehlt die Heiterkeit der Musik
- in Deutschland besonders! -, eine gewisse Eleganz, eine gewisse
Leichtigkeit. Das sind die Erbübel des "esprit allemand". In Symphonien
zum Beispiel gibt es eine Art geschwollene "Weltanschauung", (...), das
heißt eben dieses 'Nacht zum Licht' (...) Bei Beethoven hat das noch einen
Sinn gehabt. Bei uns ist das billig wie Brombeeren."
17.2.07 Masken Schauderhaft die Kleinkunst-Entertainer, die den Tonfall und die Gesten großer Entertainer zu imitieren versuchen. Grässlicher noch, Moderationen im Improtheater, die den Moderationen anderer Improtheater bis aufs Wort gleichen. Schleichende Vergrässlichung: Moderatoren, die sich irgendwann nur noch selbst zitieren, ohne einen Draht zum Publikum zu haben.
18.2.07 Meine Lehr-Entwicklung - von der geplanten Einheit zum improvisierten Coaching In den ersten 1-2 Jahren überlegte ich
mir vorher, welche Übungen, Spiele, Lehreinheiten für eine Gruppe
angemessen sind und wendete diese an. Dann ging ich dazu über, die Übungen
flexibler zu verwenden. Heute werfe ich manchmal den ganzen Plan komplett
über den Haufen, stelle während des Lehrens oder Trainierens einen neuen
Fahrplan auf und entwickle Übungen aus dem Stegreif.
19.2.07 Ernstes Singen "Der Sänger möge sich bemühen, durchweg
freundlich, höflich und leicht zu singen. Es kommt nicht auf sein
Innenleben an, sondern er möge sich bemühen, den Hörern die Texte eher zu
referieren als auszudrücken. Dabei muss künstliche Kälte, falsche
Objektivität, Ausdruckslosigkeit vermieden werden. Denn auf den Sänger
kommt es schließlich an."
23.2.07 Realismus und Wahnsinn im Improtheater Szenen, die im völlig erwartbaren
Rahmen liegen, tendieren zu Klischeehaftigkeit. Szenen, die im Absurden
beginnen und keine Anbindung zur Realität finden, wirken albern.
24.2.07 Erfolg und Wiederholung "Die Jungs überraschten mich jedes Mal
aufs Neue mit ihren Ideen. Nie gaben sie mir den selben Song zweimal, wie
das die meisten machten."
25.2.07 Inhalte Kritik an Improtheater kanalisiert sich
oft in der Kritik am gespielten Inhalt: langweilige Geschichten, banale
Stories, belanglose Themen usw. Aber dieselben Kritiker bemerken in
einigermaßen gut gespielten Shows oft gar nicht, dass die "Inhalte" gar
nicht so viel bedeutsamer waren.
26.2.07 Triviales Lehren und triviales Lernen im Improtheater Theoretiker wie
Heinz von
Foerster oder
Luhmann unterscheiden triviale und nichttriviale Maschinen. Triviale
Maschinen geben auf einen bestimmten Input ein bestimmtes Output: 2 mal 3
ist .....6 Dasselbe ist im Improtheater zu
beobachten. Schüler und auch fortgeschrittene Spieler wollen unbedingt
wissen, wie etwas "richtig" gespielt wird. Sie übernehmen einmal
beobachtete Klischees, weil sie glauben, wenn sie sich daran halten,
würden sie gut improvisieren. Sie tippen fleißig Listen: Vorgabe-Listen,
Genre-Listen oder gar Gefühls-Listen, um diese dann bei passender
Gelegenheit aus dem Hut zu ziehen. Dabei geht es ja genau darum, all dies
fallen zu lassen, flexibel auf die Situation zu reagieren. Das Ziel des
Impro-Unterrichts ist ja nicht, zu zeigen, wie man ein Game perfekt
spielt, sondern wie man sich innerlich eine freie Haltung aneignet, die
mich dazu befähigt, im Grunde jedes Spiel sofort zu spielen.
27.2.07 Selbstdarstellung Je populärer Improtheater als
Theater-Form wird, umso schwieriger wird es für einzelne Impro-Ensembles,
sich öffentlich zu präsentieren. Mit dem Improvisieren selbst zu werben,
geht wohl nur noch in kleinen und mittleren Städten, in denen es nicht
mehr als ein oder zwei Ensembles gibt. Aber im Grunde ist Improtheater,
seit es sogar seinen Weg in die Niederungen des Fernsehens gefunden hat,
keine Sensation mehr.
28.2.07 Trivialität oder Spannung "Die Kunst liegt darin, dem Leser nicht zu viel
und nicht zu wenig Information zu geben, sondern die richtige Menge, um
die aktive Vorstellungskraft zu katalysieren. Die beste Kunst ist die, die
sich nicht auf einem Silbertablett präsentiert, sondern die die
Handlungsfähigkeit des Lesers weckt."
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English version (excerpts) 2007 |
Dan Richter