Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
Januar 2007
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1.1.07 Helge Schneider und Improvisation
2.1.06 Storytelling: Spielen, spielen, spielen, und nicht an die Geschichte denken Nach einem Auftritt meinte die
Spielerin Y zu mir, die soeben gespielte freie Form behage ihr mehr, da
sie hier nicht so sehr die Fortführung der Geschichte planen müsse.
3.1.06 Lacher Äußerst gelungener Langform-Abend, aber die größten Lacher erzielt das Zugaben-Spiel Dreier-Synchro. Vielleicht muss man damit leben. So wie wir bei der Chaussee der Enthusiasten ja auch damit leben müssen, dass sich die größten Lacher bei den Versprechern einstellen.
4.1.06 Möglichkeiten des Improtheaters Kollegin X meint, das improvisierte Schauspiel gebe ihr nicht die Möglichkeiten, welche das konventionelle Theater böte. Ich denke, die Möglichkeiten dazu liegen in ihrer eigenen Hand. Fehlende Feinheiten und Fähigkeiten kann man trainieren. Geht es aber um Anerkennung, so ist es eine Frage der Konvention.
5.1.06 Zwischenrufe Eine große Kunst ist es, bei Moderationen auf Zwischenrufe zu reagieren. Grundsätzlich sollte man sie wohl so positiv wie möglich aufnehmen. Schwierig auch, wenn man sie nicht recht versteht, weil der Zwischenrufer nur seinen Freunden etwas sagt, dann kann man es schon mal ignorieren. Zwischenrufe aus den ersten Reihe können vor allem in größeren Sälen den Zuschauern im hinteren Bereich das Gefühl vermitteln nicht ganz mitzubekommen, was da eigentlich vor sich geht. Nur im äußersten Notfall jemanden wirklich zurechtweisen. Im Nachhinein fiel mir, wenn ich an solche Situationen dachte, immer noch eine positivere ein, als das Zurechtweisen.
6.1.07 Solo-Format? Als Semilog: Nur ein Spieler auf der Bühne. Wenn er spricht, dann mit Figuren außerhalb der Bühne, man hört nur seinen Part. Sobald eine weitere Figur sich anschickt, die Szene zu betreten, oder die Hauptfigur in eine Zweier-Situation gerät (z.B. Untersuchung beim Arzt), dann Szenenwechsel.
7.1.06 Erfolg
Je größer der Erfolg beim Publikum (in Zuschauerzahlen und Geld gemessen)
umso leichter lassen sich interne Probleme einer Gruppe kaschieren und
ertragen, umso eher aber auch die Gefahr, dass man sich auf dem Erfolg
ausruht.
8.1.07 Tabus
Ob eine Szene geschmackvoll oder geschmacklos war, hängt in der Regel gar
nicht vom Thema ab, sondern von der Behandlung des Themas. Deutlich wird
das vor allem bei heiklen Themen, wie z.B. körperliche Behinderung. Es
kommt am Ende auf die Grundhaltung an, mit der man damit umgeht. Wenn die
stimmt, können sogar komische Szenen entstehen, ohne dass man sich auf
geschmacklose Art lustig machen würde. So habe ich in einem New Yorker
Improtheater eine Szene gesehen, in der ein Gehörloser der Protagonist war
und verspottet wurde. Schließlich waren aber die Spötter die "Tauben" die
ihre Umwelt nicht verstanden (Ähnliches Motiv wie in der Paris-Szene des
Jarmusch-Films "Night on Earth")
9.1.07 Timing
Treffe eine alte Bekannte wieder, mit der ich vor einigen Jahren ca. sechs
Mal aufgetreten bin und die dann mit Improvisieren aufhörte. Und ich merke
es schon im Gespräch: Es gibt keinen Fluss. Jeder Satz, den sie sagt, wägt
sie vorher ab. Alles Gesagte bleibt im Ungefähren. Sie verunsichert ihre
Gesprächspartner. Dass es auf der Bühne nicht funktioniert, hätte man sich
denken können.
10.1.07 Feinheit lehren Die Klavierlehrerin F. kam auf den Gedanken, ihrem siebenjährigen grobmotorigen Schüler, der immer so laut spielte, dass man das Klacken des Tastenanschlags hören konnte, das Faustspiel beizubringen: Ein einfaches Klavierstück, bei dem man mit der Faust nur auf den schwarzen Tasten entlangzurollen braucht. Er spielte sich daraufhin die Knöchel blutig.
11.1.07 Der Lieblings-Hit Um einem notenresistenten Schüler Lust aufs Notenlesen zu machen, machte sich die auf klassisches Spiel orientierte Klavierlehrerin F. die Mühe, seinen aktuellen Lieblings-Popsong aufs Notenblatt zu schreiben. Mit Erfolg.
12.1.07 Leichtigkeit und Strenge "Das Wichtigste beim Unterrichten", so die Klavierlehrerin F., "ist, dass man den Schülern, egal ob sie Anfänger oder Fortgeschrittene sind, kein schlechtes Gewissen macht. Sie müssen immer das Gefühl haben, etwas Neues zu entdecken. Fehler sind erlaubt und Teil des Lernens. Nur beim Fingersatz bin ich streng!"
13.1.07 Technik und Eleganz Der Jazzsängerin K. klopften die Zuhörer manchmal anerkennend auf die Schultern: "Man hört, dass du eine Gesangsausbildung hast." Tatsächlich konnte man bei ihren Auftritten die Konzentration bemerken, wie sie einen Ton formte, ihm durch ein Zu- und Abnehmen der Nasalität eine gewisse Farbe verlieh, die Scat-Technik praktizierter usw. Für ihr seelisches Wohl war es sicherlich gut, dass sie dieses Lob tatsächlich für substanziell hielt. Dabei ist doch die Ausbildung das Letzte, was man von einer Sängerin hören will. Stattdessen will man Eleganz. Man will mitgerissen werden von der Interpretation. Man will den Ekstaseschweiß und nicht den Trainingsschweiß riechen. Man muss de Technik draufhaben, aber auch irgendwann vergessen, dass man sie drauf hat.
14.1.07 Der gute Impro-Musiker Vielleicht geschah es auf meinen Rat hin, dass der Impro-Pianist A. es aufgab, innerhalb von Szenen immer nur nach thematischen Zitaten zu suchen und diese entsprechend zu verarbeiten, wobei man zugestehen muss: er tat dies sehr brillant. Aber nachdem er dies fallenließ, ist er zu einem der besten deutschen Impromusiker geworden: Absolutes Gehör, stilistische Vielfalt, szenisches Einfühlungsvermögen, dramaturgisches Gespür, Gespür fürs Geben und Nehmen in einem Song.
15.1.07 Gute Impro-Musiker
(unvollständige Liste)
16.1.07 Show-Konzept
Seltsamerweise trifft man immer wieder auf die Diskussion, ob die Show dem
Publikum zu gefallen habe oder denen, die auf der Bühne stehen. Ich halte
das für eine Pseudo-Alternative.
17.1.07 Storytelling Die Impro-Schauspielerin K. hielt sich für eine schlechte Erzählerin, da sie nicht vorausschauend spielen wollte. Dabei machte genau diese Haltung sie zu einer guten Geschichtenerzählerin.
18.1.07 Warm Up Wofür braucht man überhaupt ein Warm Up?
Relativ sinnlos ist es, beim Warm Up
Am Warm Up scheiden sich immer wieder die Geister. Aus meiner Erfahrung
sollte man die Frage flexibel halten: Wenn die Spieler in einer
aufgekratzten, übermütigen Stimmung ankommen, hilft ein fokusorientiertes
Warm Up, um den Sinn für Feinheiten zu stimulieren. Sind sie hingegen
müde, helfen Aufwärmübungen im eigentlichen Sinne - Blödelspiele,
Herumspringen usw. Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, völlig aufs Warm Up zu verzichten: Wenn die Spieler beweglich, wach und gutgelaunt zum Spielort kommen, kann ein heiteres Privatgespräch schon ausreichen, um miteinander warm zu werden.
19.1.07 Lampenfieber Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen habe ich noch niemanden erlebt, dem Lampenfieber gut getan hätte. Eine leicht ekstatische Vorfreude auf den Auftritt ja, aber Lampenfieber, in dem ja auch immer eine gewisse Angst vor dem Publikum mitschwingt, hat immer einen etwas lähmenden Effekt. Im besten Falle vermag es der Auftretende mit einer Art Übersprungs-Euphorie zu kaschieren, dann wird ihm aber oft die Feinfühligkeit fehlen.
20.1.07 Sich Drücken
21.1.07 Langform-Konstruktion Oft begehen Konstrukteure von Langformen den Fehler, zu viel in eine Form reinstecken zu wollen, wenn die Grundidee gefunden wurde. Umgekehrt ist es besser: Die Grundidee formal zuspitzen!
22.1.07 Storytelling banal
Manchmal werden so viele Vorschläge aus dem Publikum eingeholt, dass das
Spiel banal wird. Beispiel. Hauptfigur: 14jähriges Mädchen. Eine
Eigenschaft: dick. Ihr größter Wunsch: Tänzerin werden.
23.1.07 Lehren Ich korrigiere mich: Von Zeit zu Zeit müssen Schüler auch mal auf die Nase fallen. D.h. nicht, dass man als Lehrer sie sich durch schlechte Szenen quälen lassen soll, vielmehr sollen sie von Zeit zu Zeit die Gelegenheit haben zu scheitern und das zu spüren (so wie ein Kind eben auch mal spüren muss, dass die sprichwörtliche Herdplatte wirklich heiß ist).
24.1.07 Lob Publikumslob anzunehmen ist eine Frage der Höflichkeit.
25.1.07 Routine
In die Falle der Bequemlichkeit ist bis jetzt noch jede mir bekannte
deutsche Impro-Gruppe geraten.
26.1.07 Lampenfieber Ist Lampenfieber die Kehrseite der Eitelkeit?
27.1.07 Augen
Ein kleines Lächeln, während man die Augen nach links unten richtet, wirkt
verschlagen. Man kennt das Verhalten von Schülern, die vom Lehrer zur
Rechenschaft gezogen werden.
29.1.07 Wie man Held ist
Johnstone deutet es nur unzureichend an: Held ist der, der die Probleme
kriegt. Also: hübsch positive anfangen, dann den Helden martern. Hilf ihm
nicht, tröste ihn nicht (bzw. die Hilfe und der Trost müssen völlig
unangemessen sein). Umgekehrt: Lass die Angebote zu Problemen werden, d.h.
die Konsequenz, auch wenn sie für andere banal wäre, müssen für dich
drastisch sein.
30.1.07 Akzeptier-Test Blockierer lassen sich auf der Bühne nie töten. Sie sind entweder nur verletzt oder können sich gerade noch retten. Mindestens jedoch haben sie noch drei wichtige Sätze loszuwerden.
31.1.07 Risiko Ich kenne zwei Spieler, die eine seltsame Art des riskanten Spiels pflegen: Der eigentlich gute Impuls, neues auszuprobieren, bleibt gewissermaßen ungeerdet, ist durch keine Fähigkeit unterfüttert und selbst der Spielwille fehlt. Es geht um das Risiko als solches. Das Ausprobieren (sowohl mit Erfolg als auch das Scheitern) bleiben ohne Konsequenz. |
English version (excerpts) |
Dan Richter