Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter
Juli 2007
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1.7.07 Solo-Übung Telefonat Klein beginnen: Wer, Wo, Was.
2.7.07 Rollenakzeptanz vs. Rollenblockade Eine unfähige Figur zu spielen deutet auf eine
kleine innere Verweigerung der Rolle hin. Es erscheint einem z.B.
leichter, einen Sachbearbeiter zu spielen, dem ständig alles runterfällt
und der von den Vorgängen in der Firma keine Ahnung hat oder einen
Chirurgen, der alles verpatzt, als eine kompetente Figur, die definieren
muss, die Entscheidungen treffen muss usw. Der Spieler versteckt sich
quasi hinter der Inkompetenz der Rolle.
3.7.07 Beurteilungen beim Lehren "Zu wenig Urteil ergibt Schund, zu viel Urteil
führt zu Blockaden."
4.7.07 Esoterik vs. Populismus Als Künstler unterliegen wir der Spannung,
einerseits einem gewissen Anspruch genügen zu wollen, und andererseits
verstanden zu werden. Eine Kunst, die sich keinen Gedanken daran
verschwendet, an wen sie sich richtet, wie sie wahrgenommen wird,
mag gut sein als Etüde für die Schublade, fürs Atelier, fürs Studio, aber
nicht als Buch, für die Ausstellung, für die Aufführung. Andererseits
tötet das Schielen auf einen fiktiven Kunstmarkt den künstlerischen Geist
und die Integrität des Künstlers.
5.7.07 Tempo als Übungsmethode Um sich selbst aus der Bahn des Vorausdenkens zu
werfen, kann es nützlich sein, das Tempo des Spiels bis ins Groteske zu
erhöhen. Verbal als auch körperlich. Das erfordert allerdings einen hohen
Willen zum Spiel und eine entsprechende Bereitschaft sowie gesetzte
Fähigkeiten des Akzeptierens und Hinzufügens.
6.7.07 Engelskreise (virtuous circles) Johnstone hat auf unterhaltsame Art Engelskreise (als Gegensatz zu den negativen Teufelskreisen) geschaffen: positive Verhaltensmuster, die sich selbst befeuern: Ich sage Ja, ich akzeptiere, ich spiele das Spiel mit - all das hat zur Konsequenz, dass mir das Jasagen, Akzeptieren und Spielen immer leichter fällt, dass es mir ins Blut übergeht, und dass es auf die Mitspieler abfärbt.
7.7.07 Ego der Mitspieler als Herausforderung "Die Egos der Schauspieler (...) können als die
Disziplin betrachtet werden, durch die die Kreativität hervorgerufen
wird."
8.7.07 Improvisation lehren / Theater lehren Man sollte als Lehrer unterscheiden: Unterrichte
ich improvisatorische und kreative Aspekte oder theatrale Aspekte?
9.7.07 Improvisation lernen Höre nie auf, Schüler zu sein. Wer Kunst betreibt, findet überall Material um zu lernen. Finde heraus, was hinter den Übungen und hinter den Spielen steckt.
10.7.07 Muster überwinden Eine der wichtigen Mühen der Ebene im
Improvisationstheater liegt darin, die eigenen unbewussten Abläufe von
Bewegungen, Gesten, Sprache usw. aufzubrechen, um den Radius des
sprachlichen und gestischen Handelns zu erweitern. Dazu muss man sie sich
erst einmal bewusst machen, welche die Muster sind. Eine gute Methode
dafür bietet das Action Theater.
11.7.07 Übung nach Nachmanovitch Szene in drei Teilen: Anfang, Mitte, Ende
bestehen aus allerhöchstens 60 Sekunden.
12.7.07 Ernsthaftigkeit Nach einer langweiligen Show, in der nur banale Phrasen abgeliefert wurden, meinten die Spieler, es käme ihnen darauf an, "ernsthaft" zu spielen. Sie glaubten, sie würden auf einem höheren Niveau spielen, bloß weil keine Sau lacht. In Wirklichkeit kaschierten sie lediglich ihre abgrundtiefe Humorlosigkeit und ihren Unwillen, überhaupt etwas Sinnvolles zu sagen.
13.7.07 Lehren Es gibt im Grunde kaum etwas, das der Lehrer den Schülern "beibringen" kann. Sie müssen es schon selber wollen. Ohne Neugier kein Lernen.
14.7.07 Spannung/Entspannung Das ganze thematische Feld von Spannung und
Entspannung bedürfte noch einiger Gedanken. Wir benötigen eine Art
körperlicher und geistiger Grundspannung, wenn wir zu improvisieren
beginnen, eine Wachsamkeit, die die physischen Muskeln und die Synapsen
ansprechen lässt.
15.7.07 "Der einzige Weg zu Stärke heißt Verletzlichkeit." (Stephen Nachmanovitch: Das Tao der Kreativität)
16.7.07 Scheitern beim Lernen zulassen Ich fragte, warum der Meister solange zusah, wie
vergeblich ich mich abmühte, den Bogen "geistig" zu spannen; weshalb er
nicht von Anfang an auf die rechte Atmung drang. "Ein Meister", erwiderte
er, "muss zugleich ein großer Lehrer sein, dies gehört bei uns ganz
selbstverständlich zusammen. Hätte er den Unterricht mit Atemübungen
begonnen, so hätte er sie nie davon zu überzeugen vermocht, dass sie ihnen
entscheidendes verdanken. Sie mussten erst mit ihren eigenen Versuchen
Schiffbruch erleiden, bevor sie bereit waren, den Rettungsring zu
ergreifen, den er Ihnen zuwarf. Glauben Sie mir, ich weiß aus eigener
Erfahrung, dass der Meister Sie und seine Schüler viel besser kennt, als
wir uns selbst kennen. Er liest in den Seelen seiner Schüler mehr, als sie
wahrhaben wollen."
17.7.07 Gelassene Absichtslosigkeit Als sich Herrigel dem Lösen des Bogens zuwendet,
scheint er den Schuss mehr zu verwackeln als zu der Zeit, da er sich nur
dem Spannen widmete.
18.7.07 Storytelling Wenn wir die Plattform erschaffen haben, dann geht es um Konsequenzen: Wenn das so ist, was geschieht dann? Diese Konsequenz benötigt dann auch selbst eine gewisse Konsequenz im Sinne von Rücksichtslosigkeit. (Aber natürlich sind die Konsequenzen nicht festgelegt, es geht auch darum zu erkennen, was die Spielzüge der Mitspieler für Konsequenzen sind und was sie für Konsequenzen haben.
21.7.07 Noch einmal Listen Diskussion im
Forum Yesand zu
Listen über Beziehungen. Im Grunde denke ich, dass es genügt sich
einen Handlungsort geben zu lassen und die Beziehungen sich daraus
entwickeln zu lassen. Wir haben z.B. einen Ort wie Anwaltsbüro und somit
eine naheliegende Beziehung wie Anwalt/Klient.
22.7.07 Harry Potter Vielleicht kann man die ganze Zaubergeschichte
auch als Parabel auf Kreativität lesen. Es gibt die Welt der Kreativität
(Zauberei) und deren Umwelt, die sich vor zu viel Kreativität zu schützen,
verkörpert durch die Dursleys, denen die ganze Sache suspekt ist (Vernon
Dursley: "Nichts, was nicht durch ein paar saftige Ohrfeigen hätte kuriert
werden können.").
23.7.07 Proben zum Spaß Neben den zweckgebundenen Proben, in denen ganz bestimmte Fähigkeiten trainiert werden, sollte man von Zeit zu Zeit zusätzliche, freiwillige Proben einschieben, in denen nach Laune irgendetwas gemacht wird, worauf man gerade Lust hat - eine musikalische Jam-Session, gemeinsamer Tanz, Meditation, zwei Stunden reine Pantomime, Rumfriemeln an einer komplexen Langform.
24.7.07 Firmenauftritte Wenn die äußeren Bedingungen (Bühne, Technik, Publikumsanordnung usw.) nicht stimmen und die Veranstalter kein Interesse haben, daran etwas zu ändern, sollte man sich nicht zu schade sein, einen Auftritt abzusagen, auch wenn viel Geld in Aussicht steht. Saufendes Publikum der mangelnde Technik führen zu desaströsen Auftritten. Zu viele desaströse Auftritte können dazu führen, dass man beginnt, seine Kunst als schlimme, abzuleistende Arbeit anzusehen, die man eigentlich hasst.
25.7.07 Flexibilität Als Schauspieler müssen wir auch immer wieder in Rollen schlüpfen, die uns unbehaglich sind, die wir eher vermeiden, sonst erstarrt unser Spiel zur Pose.
27.7.07 Monoszenen Monoszenen spielen an einem Ort - Einheit von Raum und Zeit. Zu beachten:
28.7.07 Doof stellen Nicht nur muss man sich auf Improbühnen ständig ungeschickte Ärzte, Piloten usw. ansehen. Die gezeigten Figuren sind in der Regel auch noch doofer als die Schauspieler. Fragt sich, ob die Improspieler hier durch die nach außen gekehrte Dummheit sich absichern wollen. Warum nicht mal seine gesamte Intelligenz in die Waagschale werfen?
29.7.07 Leistungen des Improtheaters Es wäre eine Untersuchung wert, ob das moderne Improtheater genuin eigene Bühnenmittel (von der eigentlichen Improvisation und der damit verbundenen Techniken abgesehen) entwickelt hat. Improvisationstheater wird ja sofort geprüft, muss sich sofort bewähren. Ich vermute, dass gutes Improtheater vor allem effizient ist - in Darstellung und Nutzung theatralischer Mittel. Hat das konventionelle Theater hier lernen können?
31.7.07 Entwicklung von neuen Formen Diskussion im YesAnd Forum über die Entwicklung von neuen Formen. Ein Einwand: Man könne ja bestehende Formen nutzen, es gäbe genügend, statt ständig Abwandlungen des Alten als "Neu" zu präsentieren. Mein Einwand: Man braucht die Freiheit, mit Form zu spielen, schon daraus ergibt sich eine neue Art, etwas zu erzählen, vielleicht auch eine neue ästhetische Sicht (und sei es nur die eigene). Ob diese Form dann schon mal jemand anders erfunden hat, ist ja völlig gleichgültig. Es ist immer spannender, an etwas Neuem zu werkeln, als fremdes Zeug zu kopieren. |
English version (excerpts) 2007
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Dan Richter