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1.6.07
Zu einer neuen Körperlichkeit
Figuren sind aus dem Körper heraus zu entwickeln,
nicht umgekehrt (wie man es für gewöhnlich sieht). Der normale
Impro-Schauspieler lässt sich z.B. als "Vorgabe" einen Beruf geben:
"Polizist", und wir bekommen einen Klischee-Polizisten, der auf den
Fußballen wippt und mit dem Gummiknüppel in die Hand tippt. Andersrum wird
ein Schuh draus: Um Figurenvielfalt zu erwerben, müssen wir den Körper
flexibel halten, das betrifft Haltungen, Gesten, Gewohnheiten usw.
Wenige Elemente genügen, um eine hinreichend komplexe Figur zu erschaffen.
Es ist zu einer Gewohnheit geworden, das Publikum um einen Tick als
"Vorgabe" für die Figur zu bitten. Eigentlich ein guter Ansatz, da die
klitzekleinen Gewohnheiten (sich auf der Lippe kauen, sich am Bart
kratzen, zu nicken usw.) einen Großteil des äußerlichen Characters
ausmachen. Aber das Publikum neigt hier oft zu Vergröberung: In der Nase
bohren, Schluckhauf, hysterisch lachen usw. Warum also nicht sich selbst
insgeheim eine "Vorgabe" machen.
2.6.07
Realismus
In der Anfänger-Impro herrscht oft eine
Verwirrung in Fragen des Realismus, wenn es um Positivsein, Akzeptieren
usw. geht. "Im richtigen Leben streiten sich doch die Leute auch und
lehnen Dinge ab."
Es geht aber in der Kunst nur bedingt ums "richtige Leben". Die Kunst
(auch die Kunst des Improtheaters) zeigt Ausschnitte, die neu verknüpft
werden und somit neuen Sinn schaffen. Kunst abstrahiert immer.
Realismus im Improtheater bezieht sich vor allem auf die
schauspielerische Darstellung, die frei von Mätzchen und Klischees
sein sollte. Aber natürlich haben wir es auch hier mit Verfeinerungen zu
tun: Das beginnt mit der Pantomime, auf die wir in der Regel beim
Improtheater angewiesen sind, betrifft aber auch die Sprache, die
zumindest soweit verfeinert sein sollte, dass kein Stottern, keine Ähs
usw. darin enthalten sind, es sei denn diese sprachlichen Eigenarten sind
bewusst gesetzt, um die Figur zu charakterisieren.
3.6.07
Pantomime genießen
Einen großen Schritt haben wir erreicht, wenn
Impro-Schüler es genießen, gemimte Objekte darzustellen. Die Pantomime
wird oft als notwendiges Übel betrachtet. Aber wenn die gemimte Handlung
prozesshaft statt produktorientiert betrachtet wird, wird sie eine Quelle
der Freude. Die Art des Handelns selbst kommentiert dann die inneren
Vorgänge der Figur. Und das funktioniert nur, wenn man sie nicht
überschludert.
4.6.07
Pantomimische Kompromisse
Die klassischen Pantomimen haben in ihrer
clownesken Art doch ein Mittel gefunden, die uns gerade in ihrer
physischen Übertreibung die Umgebung "sehen" lassen: Die Tür, die Mauer,
die Rose.
Für unsere Zwecke müssen wir hier Kompromisse eingehen. Denn wir sind
einerseits dringend auf Pantomime angewiesen, da wir sozusagen ständig
Objekte herbei-improvisieren müssen. Andererseits lenkt ein zu clowneskes
Spiel vom szenischen Vorgang ab. Relativ unproblematisch ist es noch bei
Objekten von geringem Gewicht (Buch). Schwieriger schon, wenn man Lasten
(z.B. schwerer Koffer) darstellen muss. Echte Kompromisslösungen erfordern
Handlungen wie Treppesteigen, denn es ist ja physikalisch nicht möglich,
die Höhenveränderung wirklich darzustellen, hier helfen nur Andeutungen
klassischer pantomimischer Tricks.
5.6.07
Fokus
Auf der Bühne sind wir schließlich nur in der
Lage, uns auf äußerst wenige Elemente zu konzentrieren. Das gilt auch für
Impro-Profis. Aus diesem Grund gibt es ja auch viele Games mit einer
relativ schwierigen Aufgabenstellung: Sie sollen uns vom Denken abbringen
und so das Latente, das Unbewusste freisetzen.
Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, immer mehr Elemente so zu
verinnerlichen, dass man gar nicht mehr darüber nachdenken muss. So denkt
z.B. ein professioneller Bühnenschauspieler ebensowenig darüber nach, wie
er seine Stimme einsetzen muss, wie ein Improschauspieler auch nicht
darüber nachdenkt, dass er akzeptiert. Aus diesem Grunde ist aber auch
Training wichtig, damit immer mehr Improtugenden und -techniken ins
Unbewusste hinabsinken.
6.6.07
"Lass dich verändern"
Das Gebot, sich verändern zu lassen von Johnstone
wird oft zu einseitig auf den Helden und seine Entwicklung bezogen. Aus
meiner Sicht geht es aber vor allem um die emotionale Beweglichkeit der
Figur, ihre Fähigkeit, sich berühren zu lassen.
7.6.07
Enttäuschtsein vom Publikum
Es kann natürlich sehr ernüchternd sein, wenn das
Publikum einen guten Beitrag anständig beklatscht, aber bei
offensichtlichem Müll, der auf Vorurteilen, dummen Wortspielchen und
reiner Effekthascherei beruht, regelrecht ausflippt vor Begeisterung.
Aber die Enttäuschung hilft ja nichts. Entweder die eigene
Qualitätsschraube noch weiter anziehen oder eben zufrieden sein mit den
20% im Publikum, die man erreicht hat.
9.6.07
Johnstones Spiele-Ansatz
Dass Johnstones Spiele so wasserdicht sind, hat
natürlich auch den Vorteil, dass sich der Lehrer weitgehend zurücknehmen
kann. Der Spaß zeigt einem schon, wo es langgehen muss.
Für die fortgeschrittenes Lehren habe ich noch nichts Vergleichbares
gefunden. Möglicherweise ist aber ab einem gewissen Punkt eine gedankliche
Auseinandersetzung mit dem, was man da tut, unvermeidlich.
10.6.07
Nachvollziehbare Banalität
Linear erzählte Langform der Profi-Truppe XY. Ein
Regisseur editiert die Szenen und fragt zwischendurch immer wieder nach
Vorschlägen.
An einem Punkt des Stücks kommt es zu einem seltsamen (theatralen)
Statuswechsel zwischen Chef und Angestellten. Für den Regisseur
unerträglich, weil es sich durch nichts Vorausgegangenes rechtfertigt
wurde. Das
Publikum versteht die Hysterie des Regisseurs gar nicht, da es mit
kleinen unerklärlichen Details auf der Bühne durchaus leben kann. Ein allzu lineares,
aufeinander aufbauendes Erzählen birgt also die Gefahr, um der totalen
Nachvollziehbarkeit willen banal zu werden und für jeden Spielzug die
Erklärung gleich mitzuliefern.
11.6.07
Musik
Oft fühlen sich die Schauspieler gezwungen, in
Langformen singen zu müssen, nur weil eben ein Klavier mit einem passablen
Impromusiker auf der Bühne steht. Es erinnert an Filme aus den 30er/40er
Jahren, wo auch zu jeder Gelegenheit mit Singen begonnen wurde. Die Russen
hielten die Tradition noch länger ("Das gibt's in keinem Russenfilm"), und
in Indien ist es bis heute nicht totzukriegen. So nett es im Einzelfall
sein mag, das Gesinge verschiebt die Gesamtform in Richtung Kitsch.
Noch weniger nachvollziehbar scheint mir der Reflex der Musiker, nur weil
sie ein Instrument in der Hand haben, die ganze Zeit dazududeln zu müssen.
Weder der Musiker noch die Spieler scheint das zu stören. Noch weniger
scheint sich jemand darüber Gedanken zu machen. Der Musiker scheint ein
sensibles Pflänzchen zu sein, der mal sein Ding machen soll, solange es
nicht stört.
Grundsätzlich soll die szenische Begleitung des
Impromusikers effizient sein: sparsam und akzentuiert.
13.6.07
Meine kleine Impro-Philosophie
Bei einer Vorbesprechung zu einem Firmen-Workshop
durch mehrere Impro-Lehrer prallen die Vorstellungen darüber, was man
vermitteln will und darüber, welche Funktion bestimmte Spiele haben,
aufeinander. Jeder pflegt seine kleine Impro-Philosophie, auch was das
Vermitteln vom Impro betrifft.
14.6.07
Kleinkunst-Trash
Wenn ich von Zeit zu Zeit bei Kleinkunstbühnen
auftrete, bin ich doch froh, nicht darauf angewiesen zu sein, auf dieser
Art von Bühnen durchs Land reisen zu müssen, sondern von regelmäßigen
Veranstaltungen in Berlin leben zu können.
Im Backstage:
- Ablästern über abwesende Kollegen
- Ablästern über Veranstalter von irgendwelchen Kleinkunstbühnen in
mittelgroßen Städten
- Professionalismus-Getue und -Gerede: "Feilen an der Nummer", "Das Thema
ist hier schon seit 2 Jahren durch", "In der zweiten Hälfte hab ich sie
[=das Publikum] extra ein bisschen zappeln lassen." usw.
Auf der Bühne
- reaktionäre 08/15-Comedy mit der immergleichen Dresche gegen
Minderheiten und Politiker
15.6.07
Temenos - Das Spielfeld
Um frei spielen zu können, brauche ich ein Gefühl
vom Ausmaß des Spielfeldes und von den Grenzen der Spielregeln.
Beim Training der Consultingfirma zucken die Angestellten nach einigen
Übungen mit den Achseln: "Das mag ja alles schön und gut sein", sagen sie,
als ich ihnen mit einer Übung zeige, wie man das eigene Verhalten
umprogrammieren und neues Denken zuwege bringen kann, "aber unsere
Möglichkeiten sind ja eingeschränkt durch die Aufgaben und durch die
Arbeitsbedingungen."
Der Witz ist ja nur: Für jeden sind die Möglichkeiten
eingeschränkt, und zwar immer, nur nehmen wir die Beschränkungen eben
nicht immer wahr. Fundamental sind wir schon mal eingeschränkt durch die
Begrenzung unserer Lebenszeit. Aber auch im ganz Kleinen. Ein
Live-Publikum hat eine bestimmte Aufmerksamkeitsspanne, die es zu nutzen
gilt.
Wenn ich mir aber der Grenzen bewusst bin, kann ich mir in jedem
Handlungsbereich meines Lebens einen Temenosschaffen.
16.6.07
Vormachen
Obwohl ich es lange Zeit vermieden habe,
bestimmte Spiele vorzumachen, um den Respekt vor der Übung nicht zu hoch
zu schrauben, scheint es gerade beim Training von gehemmten Schülern oder
Nicht-Impro-Spielern eine gute Methode zu sein, sie zum Ablegen erster
Hemmungen zu ermutigen und zu zeigen, dass es nicht so schlimm ist,
sondern Spaß macht.
17.6.07
Klavierimprovisation auf Zuruf
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT eine sehr
wohlwollende Rezension des "Spontaneitätswunders" Gabriela Montero, die
auf Zuruf in ihr überaus feines Piano-Spiel die Themen klassischer und
Ragtime-Komponisten in ihr fließendes Spiel einbaut.
So fein und gekonnt das auch sein mag - mir erscheint das ein wenig wie
der konventionelle Improtheater-Ansatz, bei dem nur der permanente Zuruf
aus dem Publikum der Beweis der Künstler ist: Wir improvisieren.
Ich würde so weit gehen zu sagen, dass das geübte Ohr oder Auge schon
erkennt, ob die Aufführung improvisiert ist. Und außerdem muss man sich
als Zuschauer/Zuhörer gar nicht mehr drum kümmern. Warum sollte ich dem
Künstler misstrauen.
Dem frei improvisierenden Musiker zu lauschen, der natürlich auch seine
Wurzeln kennt, finde ich außerdem wesentlich aufregender. Mir muss niemand
beweisen, das Beethoven-Thema der 8. Sinfonie mit Scott Joplin verbinden
zu können. Ebenso wenig wie ich mir die ewigen Genre-Games des
Theatersport anschauen muss.
Spielt frei, will ich dann rufen, und nutzt eure vielschichtigen Quellen.
18.6.07
Distanzierungen
Um das Risiko der Improvisation zu mindern,
setzen Anfänger aber auch professionelle Spieler immer wieder auf
Distanzierungsmechanismen:
-
Ironisierung der Rolle/des Spiels. Man stellt
sich quasi über die Rolle, um nicht auf deren Charakteristika festgenagelt
zu werden (es ist ja nur ein Witz). Man ironisiert das Spiel, damit man
nicht mit dessen Albernheit identifiziert wird.
-
Verlachen der Übung/des Spiels. Damit meine ich
nicht, dass man bei Übungen nicht auch lachen kann, aber diese Form der
Distanzierung bricht sich Bahn, sobald auch nur der erste halbwegs lustige
Impuls da ist, und so kann ich als Spieler aus der Übung ausscheren.
-
Die Ich-kann-das-nicht-Haltung. Keith Johnstone
hat es ebenfalls beschrieben. Der Schüler macht eine hilflosen
Gesichtsausdruck und wirft von vornherein die Flinte ins Korn. Er senkt
seinen Status, um die Fallhöhe zu verringern.
19.6.07
Zweifelhafte Auftritte
Benefiz-Shows und private Geburtstagsfeiern
können einem rasch die schöne Kunst verderben.
Ich genehmige mir höchstens einen Benefiz-Auftritt pro Jahr. Wenn die
Künstler für umsonst auftreten, halten es die Veranstalter oft nicht
einmal für nötig, den Auftritt zu bewerben, geschweige denn für eine
angemessene Auftrittsatmosphäre zu sorgen: Keine Stühle, mangelhafte
Technik usw.
Auf Privatfeiern wollen die Anwesenden sich entweder unterhalten oder
tanzen, die wenigsten wollen einem Auftritt zuschauen. Wenn doch, so wird
es immer wieder Leute geben, die eben mal aufstehen, zwischendurch reden
usw. Undankbar, wenn es nicht ein Mini-Auftritt von vielleicht 5 Minuten
Länge ist.
Firmenauftritte sind OK, vorausgesetzt die Veranstalter haben einen Sinn
dafür, wie so etwas angemessen eingebaut werden kann. Wenn es im Rahmen
einer Feier ist, sollte der Auftritt stattfinden, bevor die Zuschauer
besoffen sind und bevor sie tanzen wollen. Bestuhlung, Beleuchtung,
Technik ggf. selber rechtzeitig vorher checken.
20.6.07
Spannung und Entspanntheit
Sich vor der Show zu entspannen kann gut tun,
wenn man sehr aufgeregt ist. Andererseits darf das nicht zu einer
Unterspannung oder Schläfrigkeit führen. Man löse sich von
Erwartungshaltungen und bringe sich selbst in einen Zustand freudiger
Transparenz und Bereitschaft: Bereitschaft, sich zu bewegen, zu sprechen,
Angebote zu machen und zu akzeptieren.
21.6.07
Improvisation für Nicht-Kenner
Es ist dann durchaus hilfreich, vor einem
Publikum, das überwiegend aus Impro-Nicht-Kennern besteht, durch die
Spielform selbst oder zumindest in der Art, wie Vorschläge erbeten werden,
zu verdeutlichen, dass es improvisiert wird.
Bei einem Stammpublikum ist das weniger nötig.
22.6.07
Übungsfolge
-
Beginne die Szene mit einer Antwort (auf eine
nicht gehörte Frage)
-
Beginne die Szene in einem vorgegebenen Setting
(Ort und/oder Handlung) und gib eine Antwort (auf eine nicht gehörte
Frage)
-
So wie 2., aber der Partner kommt ins
Spiel und antwortet positiv.
Eine Szene auf diese Weise zu beginnen, bringt
sie sofort ins Rollen, statt in langweiligen Einführungen zu verharren.
Diese Wachheit muss trainiert werden.
23.6.07
Impro Unterrichten
Gibt es mangelndes Impro-Talent? Ich weiß es nicht.
Johnstone und Spolin meinen, jeder könne improvisieren. Sie haben damit
sicherlich recht. Aber kann auch jeder gut improvisieren?
Zweifellos gibt es Impro-Talente. Und wenn es die gibt, muss es auch Leute
geben, deren Ader für die Improvisation nicht so stark ausgeprägt ist.
Wie aber geht man mit scheinbar Talentlosen in einem Workshop um? Hier
hilft nur, sich den Spieler genau anzusehen, nach den kleinen Stärken
Ausschau zu halten und diese zu fördern. Aus der Freude heraus
lässt sich der Schüler am ehesten aufs Unbekannte ein. Und erstaunlich ist
immer wieder, dass es tatsächlich bei einzelnen Spielern innere
Revolutionen geben kann. Voraussetzung: Die Spieler sind bereit, sich zu
wandeln.
24.6.07
Unvermeidliche Klischees
Es gibt eine Reihe von Szenen, die früher oder
später in jeder Impro-Anfänger-Gruppe auftauchen: Die Kotz-Szene, die
Kontaktlinse wird gesucht, die Museums-Szene, die Arztszene, in der immer
mehr Beschwerden und Krankheiten gefunden werden.
Im Grunde ist ja gegen keine dieser Szenen etwas einzuwenden, aber warum
diese Häufung gerade in Impro-Szenen (im Vergleich zu konventionellem
Theater oder im Film)?
- Kotz-Szenen deuten, wenn man genauer hinschaut, fast immer auf negatives
Spiel und mangelnde Bereitschaft zu akzeptieren hin. Die Abwehr ein
Angebot anzunehmen wird physisch umgesetzt: Spieler A schenkt B ein Eis. B
nimmt es zwar an (hat gelernt zu akzeptieren), aber nachdem er davon
geleckt hat, kotzt er. Diese Abwehr ist für ihn sozusagen leichter und
"dramatischer" als die positive Wendung: das geschenkte Eis z.B. als
Zuneigungsbeweis symbolisch zu deuten.
- Kontaktlinsenszenen entstehen oft in Abklatschszenen, wenn einer der
Spieler auf dem Boden kniet, und fast immer mit dem Dialog eingeleitet. A:
"Was machst du denn da?" B: "Ich suche meine Kontaktlinse?" Oft werden die
Szenen hier noch recht ordentlich, aber hier offenbart Spieler A den
Mangel an Bereitschaft, ein eigenes Angebot zu setzen. B verharrt
sozusagen am Boden und nicht nur das, er schaltet auf Tunnelblick, und das
kleinste, was auf dem Boden liegen könnte (und was z.T. auch aus dem
Alltag bekannt ist), ist die Kontaktlinse. Entscheidend für den
Impro-Spieler ist, dass er sich des physischen Eingekesseltseins bewusst
ist und es durch erhöhte innere Offenheit und Wachheit ausgleicht.
- Ebenso entstehen Museumsszenen in Abklatsch-Games. Ein oder mehrere
Spieler stehen "eingefroren" da, und die erste Assoziation auf so etwas
ist eben "Skulptur". Auch hier wichtig: Die Spieler sollen nicht im
eigentlichen Sinne einfrieren, sondern locker bleiben, der Abklatscher
selbst muss ebenfalls einen Schritt weitergehen und darf das vor ihm
stehende Bild nicht starr sehen, sondern dynamisch.
- Arztszenen gehören zu den am häufigsten gespielten im Improtheater. Auch
dagegen ist nichts einzuwenden, das haben sie mit Sketch-Comedy gemeinsam.
Interessant ist allerdings auch hier die Entstehung. Wenn nicht die
Arzt-Szene vom Publikum vorgeschlagen wird, entsteht sie in
Abklatsch-Games aus der Thematisierung des eigenen Körpers. Ein Spieler
steht gebückt mit der Hand im Rücken: "Herr Doktor, hier tut's weh", im
ungünstigeren (und häufigeren) Fall: "Herr Doktor, ich komm nicht mehr
hoch." Die Weigerung des physischen Angebots findet ihre Rechtfertigung im
negativen szenischen Angebot.
25.6.07
Offenheit, Liebe, Kreativität
"He was discovering that being in love was not a
steady state, but a matter of fresh surges or waves, and he was
experiencing one now."
Ian McEwan: On Chesil Beach
Und es ist noch mehr: Die Wellen kommen nicht einfach daher, sondern
man muss sie suchen, oder genauer gesagt: man muss offen und achtsam für
sie sein. Und ebenso ist es mit der Freude der Kreativität, der
Improvisation, des Improvisationstheaters. In der Liebe hilft es nicht,
wenn wir den Moment der ersten Begegnungen verklären und die Liebe des
Hier und Heute nicht achten. Im Improvisationstheater wundern sich einige,
wo die Freude des kreativen Durchbruchs geblieben ist, den man damals
hatte, als man zum ersten Mal eine verrückte Szene spielte, in der alles
stimmte. Eine solche Szene, die ich verherrlichte, wurde, ohne dass ich es
wusste auf Video aufgezeichnet. Jahre später sah ich sie wieder, und sie
war in vielerlei Hinsicht überhaupt nicht besonders: schauspielerisch,
storytelling usw.. Was aber stimmte, war die Freude des Schaffens. Diese
erhält man sich nicht, indem man an Mustern klebt, sondern am immer wieder
neuen Öffnen, ja wir müssen uns sogar frei machen von unseren
Vorstellungen, wie eine gute Impro-Szene auszusehen hat.
26.6.07
Zurückhaltung des Lehrers
Ein großer Vorteil vieler Impro-Games nach
Johnstone besteht auch darin, dass sich der Lehrer sehr zurücknehmen kann.
Viele der Übungen entfalten ihre tugendhaften Wirkungen, indem wir sie
einfach spielen. Der Lehrer braucht dann höchstens noch einen Hinweis auf
die zu trainierende Fähigkeit zu geben und kann sich unter Umständen sogar
diesen Hinweis sparen.
27.6.07
Umgang mit Schwierigkeiten von Schülern
Wie geht man mit großen, offensichtlichen
Schwierigkeiten von Schülern um, wenn man etwa merkt, dass einem Schüler
die Fähigkeit Emotionen in sich wachzurufen völlig abgeht. Wenn dann die
gängigen Übungen nicht funktionieren, wird es schwer.
In den Schmerz hineingehen? Das ginge evtl. auf Kosten des Spaßes.
Vielleicht ja den Umweg nehmen und hoffen, dass er über andere Wege dahin
kommt. Dann steht man unter Umständen vor dem Problem, dass der Schüler
immer wieder über diese Malaise stolpert und sowohl sich selbst als auch
allen anderen ein Hindernis ist.
Früher oder später kommt man nicht um eine intensive Auseinandersetzung
mit dem Thema herum. Die Kunst liegt dann wohl darin, den richtigen
Zeitpunkt und eine freude-betonte Methode zu finden.
28.6.07
Emotionen
Emotionalität ist der Schlüssel für die
glaubhafte Darstellung. Sicherlich kann man auch durch trockene, witzige
Dialoge ein Publikum gut unterhalten, aber an eine ansatzweise annehmbare
Figurenarbeit kommen wir so nicht heran. Die Angelegenheit verflacht.
29.6.07
Leon Düvel
Nur wenige Impro-Schauspieler habe ich erlebt,
die eine derart durchgehend permanente Freude und Freundlichkeit auf der
Bühne ausstrahlen.
30.6.07
Professionalität
Viel vom Professionalismus-Gerede im Comedy- und
Impro-Bereich ist nur dazu da, um sich von anderen abzugrenzen, bis hin zu
solch seltsamen Wortschöpfungen wie "Semi-Profis". Meist spielen die
Kriterien hinein, ob man a) davon finanziell leben kann, die Sache
sozusagen als Beruf, als Profession betreibt und b) ob man sein Handwerk
beherrscht.
Unternehmensberater Winfried
Berner setzt anders an: Es geht vor allem um die innere
Haltung. Auf unsere Verhältnisse umgemünzt:
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Erfüllung eingegangener Verpflichtungen |
Das heißt, dass man weder das Publikum noch
die Kollegen im Stich lässt.
Auch bei schlecht besuchte Vorstellungen sollte man vollen Einsatz
zeigen.
Zusagen einhalten, auch wenn man z.B. inzwischen besser bezahlte
Angebote bekommen hat.
"Sich ins Zeug zu legen, wenn es um einen Auftrag, um zählbare
Ergebnisse oder um eine Beförderung geht, hat nichts mit
Professionalität zu tun, das ist schlichter Erwerbssinn." (Berner) |
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Sachbezogenheit vs. Ich-Bezogenheit |
Hier geht es darum, die eigenen
Befindlichkeiten und Wehwehchen der gemeinsamen Sache unterzuordnen,
was besonders in heiklen und schwierigen Situationen erforderlich
wird.
Impro-Gruppen entstehen oft in einer Hoch-Phase der Euphorie.
Schwierigkeiten von Gruppen lassen sich beobachten bei der
künstlerischen Weiterentwicklung und bei der Frage des persönlichen
Engagements, das zwar auch von persönlichen äußerlichen Zwängen
abhängt, andererseits zeigt sich Professionalität (i.S.v. Denken in
Sachkategorien) dann, wenn man in der Lage ist, sich eben auch zu
engagieren, wenn es schwierig wird. |
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Nagelproben: Trennung und
Meinungsverschiedenheiten |
Wie verhält man sich bei Trennungen, d.h.
wenn keine Gegenleistungen mehr zu erwarten sind und wie verhält man
sich bei Meinungsverschiedenheiten?
Ist man bei Trennungen in der Lage, sich auch weiterhin fair zu
verhalten?
Ist man in der Lage, Meinungsverschiedenheiten sachbezogen zu äußern?
Ist man in der Lage, Entscheidungen, die gegen die eigene Meinung
stehen, voll mitzutragen? |
Ausführlicher dazu auf
www.umsetzungsberatung.de
All diese Punkte sagen nichts über die
künstlerische Qualität oder Verdienstmöglichkeiten aus. Jeder kann sich in
diesem Sinne professionell verhalten. Nur bedarf es manchmal einer
gewissen Übung.
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English version (excerpts)
2007
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