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Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

Juni 2007

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1.6.07

Zu einer neuen Körperlichkeit

Figuren sind aus dem Körper heraus zu entwickeln, nicht umgekehrt (wie man es für gewöhnlich sieht). Der normale Impro-Schauspieler lässt sich z.B. als "Vorgabe" einen Beruf geben: "Polizist", und wir bekommen einen Klischee-Polizisten, der auf den Fußballen wippt und mit dem Gummiknüppel in die Hand tippt. Andersrum wird ein Schuh draus: Um Figurenvielfalt zu erwerben, müssen wir den Körper flexibel halten, das betrifft Haltungen, Gesten, Gewohnheiten usw.
Wenige Elemente genügen, um eine hinreichend komplexe Figur zu erschaffen.
Es ist zu einer Gewohnheit geworden, das Publikum um einen Tick als "Vorgabe" für die Figur zu bitten. Eigentlich ein guter Ansatz, da die klitzekleinen Gewohnheiten (sich auf der Lippe kauen, sich am Bart kratzen, zu nicken usw.) einen Großteil des äußerlichen Characters ausmachen. Aber das Publikum neigt hier oft zu Vergröberung: In der Nase bohren, Schluckhauf, hysterisch lachen usw. Warum also nicht sich selbst insgeheim eine "Vorgabe" machen.

 

2.6.07

Realismus

In der Anfänger-Impro herrscht oft eine Verwirrung in Fragen des Realismus, wenn es um Positivsein, Akzeptieren usw. geht. "Im richtigen Leben streiten sich doch die Leute auch und lehnen Dinge ab."
Es geht aber in der Kunst nur bedingt ums "richtige Leben". Die Kunst (auch die Kunst des Improtheaters) zeigt Ausschnitte, die neu verknüpft werden und somit neuen Sinn schaffen. Kunst abstrahiert immer.
Realismus im Improtheater bezieht sich vor allem auf die schauspielerische Darstellung, die frei von Mätzchen und Klischees sein sollte. Aber natürlich haben wir es auch hier mit Verfeinerungen zu tun: Das beginnt mit der Pantomime, auf die wir in der Regel beim Improtheater angewiesen sind, betrifft aber auch die Sprache, die zumindest soweit verfeinert sein sollte, dass kein Stottern, keine Ähs usw. darin enthalten sind, es sei denn diese sprachlichen Eigenarten sind bewusst gesetzt, um die Figur zu charakterisieren.

 

3.6.07

Pantomime genießen

Einen großen Schritt haben wir erreicht, wenn Impro-Schüler es genießen, gemimte Objekte darzustellen. Die Pantomime wird oft als notwendiges Übel betrachtet. Aber wenn die gemimte Handlung prozesshaft statt produktorientiert betrachtet wird, wird sie eine Quelle der Freude. Die Art des Handelns selbst kommentiert dann die inneren Vorgänge der Figur. Und das funktioniert nur, wenn man sie nicht überschludert.

 

4.6.07

Pantomimische Kompromisse

Die klassischen Pantomimen haben in ihrer clownesken Art doch ein Mittel gefunden, die uns gerade in ihrer physischen Übertreibung die Umgebung "sehen" lassen: Die Tür, die Mauer, die Rose.
Für unsere Zwecke müssen wir hier Kompromisse eingehen. Denn wir sind einerseits dringend auf Pantomime angewiesen, da wir sozusagen ständig Objekte herbei-improvisieren müssen. Andererseits lenkt ein zu clowneskes Spiel vom szenischen Vorgang ab. Relativ unproblematisch ist es noch bei Objekten von geringem Gewicht (Buch). Schwieriger schon, wenn man Lasten (z.B. schwerer Koffer) darstellen muss. Echte Kompromisslösungen erfordern Handlungen wie Treppesteigen, denn es ist ja physikalisch nicht möglich, die Höhenveränderung wirklich darzustellen, hier helfen nur Andeutungen klassischer pantomimischer Tricks.

 

5.6.07

Fokus

Auf der Bühne sind wir schließlich nur in der Lage, uns auf äußerst wenige Elemente zu konzentrieren. Das gilt auch für Impro-Profis. Aus diesem Grund gibt es ja auch viele Games mit einer relativ schwierigen Aufgabenstellung: Sie sollen uns vom Denken abbringen und so das Latente, das Unbewusste freisetzen.
Auf der anderen Seite ist es aber auch möglich, immer mehr Elemente so zu verinnerlichen, dass man gar nicht mehr darüber nachdenken muss. So denkt z.B. ein professioneller Bühnenschauspieler ebensowenig darüber nach, wie er seine Stimme einsetzen muss, wie ein Improschauspieler auch nicht darüber nachdenkt, dass er akzeptiert. Aus diesem Grunde ist aber auch Training wichtig, damit immer mehr Improtugenden und -techniken ins Unbewusste hinabsinken.

 

6.6.07

"Lass dich verändern"

Das Gebot, sich verändern zu lassen von Johnstone wird oft zu einseitig auf den Helden und seine Entwicklung bezogen. Aus meiner Sicht geht es aber vor allem um die emotionale Beweglichkeit der Figur, ihre Fähigkeit, sich berühren zu lassen.

 

7.6.07

Enttäuschtsein vom Publikum

Es kann natürlich sehr ernüchternd sein, wenn das Publikum einen guten Beitrag anständig beklatscht, aber bei offensichtlichem Müll, der auf Vorurteilen, dummen Wortspielchen und reiner Effekthascherei beruht, regelrecht ausflippt vor Begeisterung.
Aber die Enttäuschung hilft ja nichts. Entweder die eigene Qualitätsschraube noch weiter anziehen oder eben zufrieden sein mit den 20% im Publikum, die man erreicht hat.

 

9.6.07

Johnstones Spiele-Ansatz

Dass Johnstones Spiele so wasserdicht sind, hat natürlich auch den Vorteil, dass sich der Lehrer weitgehend zurücknehmen kann. Der Spaß zeigt einem schon, wo es langgehen muss.
Für die fortgeschrittenes Lehren habe ich noch nichts Vergleichbares gefunden. Möglicherweise ist aber ab einem gewissen Punkt eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem, was man da tut, unvermeidlich.

 

10.6.07

Nachvollziehbare Banalität

Linear erzählte Langform der Profi-Truppe XY. Ein Regisseur editiert die Szenen und fragt zwischendurch immer wieder nach Vorschlägen.
An einem Punkt des Stücks kommt es zu einem seltsamen (theatralen) Statuswechsel zwischen Chef und Angestellten. Für den Regisseur unerträglich, weil es sich durch nichts Vorausgegangenes rechtfertigt wurde. Das Publikum versteht die Hysterie des Regisseurs gar nicht, da es mit kleinen unerklärlichen Details auf der Bühne durchaus leben kann. Ein allzu lineares, aufeinander aufbauendes Erzählen birgt also die Gefahr, um der totalen Nachvollziehbarkeit willen banal zu werden und für jeden Spielzug die Erklärung gleich mitzuliefern.

 

11.6.07

Musik

Oft fühlen sich die Schauspieler gezwungen, in Langformen singen zu müssen, nur weil eben ein Klavier mit einem passablen Impromusiker auf der Bühne steht. Es erinnert an Filme aus den 30er/40er Jahren, wo auch zu jeder Gelegenheit mit Singen begonnen wurde. Die Russen hielten die Tradition noch länger ("Das gibt's in keinem Russenfilm"), und in Indien ist es bis heute nicht totzukriegen. So nett es im Einzelfall sein mag, das Gesinge verschiebt die Gesamtform in Richtung Kitsch.
Noch weniger nachvollziehbar scheint mir der Reflex der Musiker, nur weil sie ein Instrument in der Hand haben, die ganze Zeit dazududeln zu müssen. Weder der Musiker noch die Spieler scheint das zu stören. Noch weniger scheint sich jemand darüber Gedanken zu machen. Der Musiker scheint ein sensibles Pflänzchen zu sein, der mal sein Ding machen soll, solange es nicht stört.

Grundsätzlich soll die szenische Begleitung des Impromusikers effizient sein: sparsam und akzentuiert.

 

13.6.07

Meine kleine Impro-Philosophie

Bei einer Vorbesprechung zu einem Firmen-Workshop durch mehrere Impro-Lehrer prallen die Vorstellungen darüber, was man vermitteln will und darüber, welche Funktion bestimmte Spiele haben, aufeinander. Jeder pflegt seine kleine Impro-Philosophie, auch was das Vermitteln vom Impro betrifft.

 

14.6.07

Kleinkunst-Trash

Wenn ich von Zeit zu Zeit bei Kleinkunstbühnen auftrete, bin ich doch froh, nicht darauf angewiesen zu sein, auf dieser Art von Bühnen durchs Land reisen zu müssen, sondern von regelmäßigen Veranstaltungen in Berlin leben zu können.
Im Backstage:
- Ablästern über abwesende Kollegen
- Ablästern über Veranstalter von irgendwelchen Kleinkunstbühnen in mittelgroßen Städten
- Professionalismus-Getue und -Gerede: "Feilen an der Nummer", "Das Thema ist hier schon seit 2 Jahren durch", "In der zweiten Hälfte hab ich sie [=das Publikum] extra ein bisschen zappeln lassen." usw.
Auf der Bühne
- reaktionäre 08/15-Comedy mit der immergleichen Dresche gegen Minderheiten und Politiker

 

15.6.07

Temenos - Das Spielfeld

Um frei spielen zu können, brauche ich ein Gefühl vom Ausmaß des Spielfeldes und von den Grenzen der Spielregeln.
Beim Training der Consultingfirma zucken die Angestellten nach einigen Übungen mit den Achseln: "Das mag ja alles schön und gut sein", sagen sie, als ich ihnen mit einer Übung zeige, wie man das eigene Verhalten umprogrammieren und neues Denken zuwege bringen kann, "aber unsere Möglichkeiten sind ja eingeschränkt durch die Aufgaben und durch die Arbeitsbedingungen."
Der Witz ist ja nur: Für jeden sind die Möglichkeiten eingeschränkt, und zwar immer, nur nehmen wir die Beschränkungen eben nicht immer wahr. Fundamental sind wir schon mal eingeschränkt durch die Begrenzung unserer Lebenszeit. Aber auch im ganz Kleinen. Ein Live-Publikum hat eine bestimmte Aufmerksamkeitsspanne, die es zu nutzen gilt.
Wenn ich mir aber der Grenzen bewusst bin, kann ich mir in jedem Handlungsbereich meines Lebens einen Temenosschaffen.

 

16.6.07

Vormachen

Obwohl ich es lange Zeit vermieden habe, bestimmte Spiele vorzumachen, um den Respekt vor der Übung nicht zu hoch zu schrauben, scheint es gerade beim Training von gehemmten Schülern oder Nicht-Impro-Spielern eine gute Methode zu sein, sie zum Ablegen erster Hemmungen zu ermutigen und zu zeigen, dass es nicht so schlimm ist, sondern Spaß macht.

 

17.6.07

Klavierimprovisation auf Zuruf

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT eine sehr wohlwollende Rezension des "Spontaneitätswunders" Gabriela Montero, die auf Zuruf in ihr überaus feines Piano-Spiel die Themen klassischer und Ragtime-Komponisten in ihr fließendes Spiel einbaut.
So fein und gekonnt das auch sein mag - mir erscheint das ein wenig wie der konventionelle Improtheater-Ansatz, bei dem nur der permanente Zuruf aus dem Publikum der Beweis der Künstler ist: Wir improvisieren.
Ich würde so weit gehen zu sagen, dass das geübte Ohr oder Auge schon erkennt, ob die Aufführung improvisiert ist. Und außerdem muss man sich als Zuschauer/Zuhörer gar nicht mehr drum kümmern. Warum sollte ich dem Künstler misstrauen.
Dem frei improvisierenden Musiker zu lauschen, der natürlich auch seine Wurzeln kennt, finde ich außerdem wesentlich aufregender. Mir muss niemand beweisen, das Beethoven-Thema der 8. Sinfonie mit Scott Joplin verbinden zu können. Ebenso wenig wie ich mir die ewigen Genre-Games des Theatersport anschauen muss.
Spielt frei, will ich dann rufen, und nutzt eure vielschichtigen Quellen.

 

18.6.07

Distanzierungen

Um das Risiko der Improvisation zu mindern, setzen Anfänger aber auch professionelle Spieler immer wieder auf Distanzierungsmechanismen:

  • Ironisierung der Rolle/des Spiels. Man stellt sich quasi über die Rolle, um nicht auf deren Charakteristika festgenagelt zu werden (es ist ja nur ein Witz). Man ironisiert das Spiel, damit man nicht mit dessen Albernheit identifiziert wird.

  • Verlachen der Übung/des Spiels. Damit meine ich nicht, dass man bei Übungen nicht auch lachen kann, aber diese Form der Distanzierung bricht sich Bahn, sobald auch nur der erste halbwegs lustige Impuls da ist, und so kann ich als Spieler aus der Übung ausscheren.

  • Die Ich-kann-das-nicht-Haltung. Keith Johnstone hat es ebenfalls beschrieben. Der Schüler macht eine hilflosen Gesichtsausdruck und wirft von vornherein die Flinte ins Korn. Er senkt seinen Status, um die Fallhöhe zu verringern.

 

19.6.07

Zweifelhafte Auftritte

Benefiz-Shows und private Geburtstagsfeiern können einem rasch die schöne Kunst verderben.
Ich genehmige mir höchstens einen Benefiz-Auftritt pro Jahr. Wenn die Künstler für umsonst auftreten, halten es die Veranstalter oft nicht einmal für nötig, den Auftritt zu bewerben, geschweige denn für eine angemessene Auftrittsatmosphäre zu sorgen: Keine Stühle, mangelhafte Technik usw.
Auf Privatfeiern wollen die Anwesenden sich entweder unterhalten oder tanzen, die wenigsten wollen einem Auftritt zuschauen. Wenn doch, so wird es immer wieder Leute geben, die eben mal aufstehen, zwischendurch reden usw. Undankbar, wenn es nicht ein Mini-Auftritt von vielleicht 5 Minuten Länge ist.
Firmenauftritte sind OK, vorausgesetzt die Veranstalter haben einen Sinn dafür, wie so etwas angemessen eingebaut werden kann. Wenn es im Rahmen einer Feier ist, sollte der Auftritt stattfinden, bevor die Zuschauer besoffen sind und bevor sie tanzen wollen. Bestuhlung, Beleuchtung, Technik ggf. selber rechtzeitig vorher checken.

 

20.6.07

Spannung und Entspanntheit

Sich vor der Show zu entspannen kann gut tun, wenn man sehr aufgeregt ist. Andererseits darf das nicht zu einer Unterspannung oder Schläfrigkeit führen. Man löse sich von Erwartungshaltungen und bringe sich selbst in einen Zustand freudiger Transparenz und Bereitschaft: Bereitschaft, sich zu bewegen, zu sprechen, Angebote zu machen und zu akzeptieren.

 

21.6.07

Improvisation für Nicht-Kenner

Es ist dann durchaus hilfreich, vor einem Publikum, das überwiegend aus Impro-Nicht-Kennern besteht, durch die Spielform selbst oder zumindest in der Art, wie Vorschläge erbeten werden, zu verdeutlichen, dass es improvisiert wird.
Bei einem Stammpublikum ist das weniger nötig.

 

22.6.07

Übungsfolge

  1. Beginne die Szene mit einer Antwort (auf eine nicht gehörte Frage)

  2. Beginne die Szene in einem vorgegebenen Setting (Ort und/oder Handlung) und gib eine Antwort (auf eine nicht gehörte Frage)

  3. So wie 2., aber der Partner kommt ins Spiel und antwortet positiv.

Eine Szene auf diese Weise zu beginnen, bringt sie sofort ins Rollen, statt in langweiligen Einführungen zu verharren. Diese Wachheit muss trainiert werden.

 

23.6.07

Impro Unterrichten

Gibt es mangelndes Impro-Talent? Ich weiß es nicht. Johnstone und Spolin meinen, jeder könne improvisieren. Sie haben damit sicherlich recht. Aber kann auch jeder gut improvisieren?
Zweifellos gibt es Impro-Talente. Und wenn es die gibt, muss es auch Leute geben, deren Ader für die Improvisation nicht so stark ausgeprägt ist.
Wie aber geht man mit scheinbar Talentlosen in einem Workshop um? Hier hilft nur, sich den Spieler genau anzusehen, nach den kleinen Stärken Ausschau zu halten und diese zu fördern. Aus der Freude heraus lässt sich der Schüler am ehesten aufs Unbekannte ein. Und erstaunlich ist immer wieder, dass es tatsächlich bei einzelnen Spielern innere Revolutionen geben kann. Voraussetzung: Die Spieler sind bereit, sich zu wandeln.

 

24.6.07

Unvermeidliche Klischees

Es gibt eine Reihe von Szenen, die früher oder später in jeder Impro-Anfänger-Gruppe auftauchen: Die Kotz-Szene, die Kontaktlinse wird gesucht, die Museums-Szene, die Arztszene, in der immer mehr Beschwerden und Krankheiten gefunden werden.
Im Grunde ist ja gegen keine dieser Szenen etwas einzuwenden, aber warum diese Häufung gerade in Impro-Szenen (im Vergleich zu konventionellem Theater oder im Film)?
- Kotz-Szenen deuten, wenn man genauer hinschaut, fast immer auf negatives Spiel und mangelnde Bereitschaft zu akzeptieren hin. Die Abwehr ein Angebot anzunehmen wird physisch umgesetzt: Spieler A schenkt B ein Eis. B nimmt es zwar an (hat gelernt zu akzeptieren), aber nachdem er davon geleckt hat, kotzt er. Diese Abwehr ist für ihn sozusagen leichter und "dramatischer" als die positive Wendung: das geschenkte Eis z.B. als Zuneigungsbeweis symbolisch zu deuten.
- Kontaktlinsenszenen entstehen oft in Abklatschszenen, wenn einer der Spieler auf dem Boden kniet, und fast immer mit dem Dialog eingeleitet. A: "Was machst du denn da?" B: "Ich suche meine Kontaktlinse?" Oft werden die Szenen hier noch recht ordentlich, aber hier offenbart Spieler A den Mangel an Bereitschaft, ein eigenes Angebot zu setzen. B verharrt sozusagen am Boden und nicht nur das, er schaltet auf Tunnelblick, und das kleinste, was auf dem Boden liegen könnte (und was z.T. auch aus dem Alltag bekannt ist), ist die Kontaktlinse. Entscheidend für den Impro-Spieler ist, dass er sich des physischen Eingekesseltseins bewusst ist und es durch erhöhte innere Offenheit und Wachheit ausgleicht.
- Ebenso entstehen Museumsszenen in Abklatsch-Games. Ein oder mehrere Spieler stehen "eingefroren" da, und die erste Assoziation auf so etwas ist eben "Skulptur". Auch hier wichtig: Die Spieler sollen nicht im eigentlichen Sinne einfrieren, sondern locker bleiben, der Abklatscher selbst muss ebenfalls einen Schritt weitergehen und darf das vor ihm stehende Bild nicht starr sehen, sondern dynamisch.
- Arztszenen gehören zu den am häufigsten gespielten im Improtheater. Auch dagegen ist nichts einzuwenden, das haben sie mit Sketch-Comedy gemeinsam. Interessant ist allerdings auch hier die Entstehung. Wenn nicht die Arzt-Szene vom Publikum vorgeschlagen wird, entsteht sie in Abklatsch-Games aus der Thematisierung des eigenen Körpers. Ein Spieler steht gebückt mit der Hand im Rücken: "Herr Doktor, hier tut's weh", im ungünstigeren (und häufigeren) Fall: "Herr Doktor, ich komm nicht mehr hoch." Die Weigerung des physischen Angebots findet ihre Rechtfertigung im negativen szenischen Angebot.

 

25.6.07

Offenheit, Liebe, Kreativität

"He was discovering that being in love was not a steady state, but a matter of fresh surges or waves, and he was experiencing one now."
Ian McEwan: On Chesil Beach
Und es ist noch mehr: Die Wellen kommen nicht einfach daher, sondern man muss sie suchen, oder genauer gesagt: man muss offen und achtsam für sie sein. Und ebenso ist es mit der Freude der Kreativität, der Improvisation, des Improvisationstheaters. In der Liebe hilft es nicht, wenn wir den Moment der ersten Begegnungen verklären und die Liebe des Hier und Heute nicht achten. Im Improvisationstheater wundern sich einige, wo die Freude des kreativen Durchbruchs geblieben ist, den man damals hatte, als man zum ersten Mal eine verrückte Szene spielte, in der alles stimmte. Eine solche Szene, die ich verherrlichte, wurde, ohne dass ich es wusste auf Video aufgezeichnet. Jahre später sah ich sie wieder, und sie war in vielerlei Hinsicht überhaupt nicht besonders: schauspielerisch, storytelling usw.. Was aber stimmte, war die Freude des Schaffens. Diese erhält man sich nicht, indem man an Mustern klebt, sondern am immer wieder neuen Öffnen, ja wir müssen uns sogar frei machen von unseren Vorstellungen, wie eine gute Impro-Szene auszusehen hat.

 

26.6.07

Zurückhaltung des Lehrers

Ein großer Vorteil vieler Impro-Games nach Johnstone besteht auch darin, dass sich der Lehrer sehr zurücknehmen kann. Viele der Übungen entfalten ihre tugendhaften Wirkungen, indem wir sie einfach spielen. Der Lehrer braucht dann höchstens noch einen Hinweis auf die zu trainierende Fähigkeit zu geben und kann sich unter Umständen sogar diesen Hinweis sparen.

 

27.6.07

Umgang mit Schwierigkeiten von Schülern

Wie geht man mit großen, offensichtlichen Schwierigkeiten von Schülern um, wenn man etwa merkt, dass einem Schüler die Fähigkeit Emotionen in sich wachzurufen völlig abgeht. Wenn dann die gängigen Übungen nicht funktionieren, wird es schwer.
In den Schmerz hineingehen? Das ginge evtl. auf Kosten des Spaßes.
Vielleicht ja den Umweg nehmen und hoffen, dass er über andere Wege dahin kommt. Dann steht man unter Umständen vor dem Problem, dass der Schüler immer wieder über diese Malaise stolpert und sowohl sich selbst als auch allen anderen ein Hindernis ist.
Früher oder später kommt man nicht um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema herum. Die Kunst liegt dann wohl darin, den richtigen Zeitpunkt und eine freude-betonte Methode zu finden.

 

28.6.07

Emotionen

Emotionalität ist der Schlüssel für die glaubhafte Darstellung. Sicherlich kann man auch durch trockene, witzige Dialoge ein Publikum gut unterhalten, aber an eine ansatzweise annehmbare Figurenarbeit kommen wir so nicht heran. Die Angelegenheit verflacht.

 

29.6.07

Leon Düvel

Nur wenige Impro-Schauspieler habe ich erlebt, die eine derart durchgehend permanente Freude und Freundlichkeit auf der Bühne ausstrahlen.

 

30.6.07

Professionalität

Viel vom Professionalismus-Gerede im Comedy- und Impro-Bereich ist nur dazu da, um sich von anderen abzugrenzen, bis hin zu solch seltsamen Wortschöpfungen wie "Semi-Profis". Meist spielen die Kriterien hinein, ob man a) davon finanziell leben kann, die Sache sozusagen als Beruf, als Profession betreibt und b) ob man sein Handwerk beherrscht.
Unternehmensberater Winfried Berner setzt anders an: Es geht vor allem um die innere Haltung. Auf unsere Verhältnisse umgemünzt:

Erfüllung eingegangener Verpflichtungen

Das heißt, dass man weder das Publikum noch die Kollegen im Stich lässt.
Auch bei schlecht besuchte Vorstellungen sollte man vollen Einsatz zeigen.
Zusagen einhalten, auch wenn man z.B. inzwischen besser bezahlte Angebote bekommen hat.
"Sich ins Zeug zu legen, wenn es um einen Auftrag, um zählbare Ergebnisse oder um eine Beförderung geht, hat nichts mit Professionalität zu tun, das ist schlichter Erwerbssinn." (Berner)

Sachbezogenheit vs. Ich-Bezogenheit

Hier geht es darum, die eigenen Befindlichkeiten und Wehwehchen der gemeinsamen Sache unterzuordnen, was besonders in heiklen und schwierigen Situationen erforderlich wird.
Impro-Gruppen entstehen oft in einer Hoch-Phase der Euphorie. Schwierigkeiten von Gruppen lassen sich beobachten bei der künstlerischen Weiterentwicklung und bei der Frage des persönlichen Engagements, das zwar auch von persönlichen äußerlichen Zwängen abhängt, andererseits zeigt sich Professionalität (i.S.v. Denken in Sachkategorien) dann, wenn man in der Lage ist, sich eben auch zu engagieren, wenn es schwierig wird.

Nagelproben: Trennung und Meinungsverschiedenheiten

Wie verhält man sich bei Trennungen, d.h. wenn keine Gegenleistungen mehr zu erwarten sind und wie verhält man sich bei Meinungsverschiedenheiten?
Ist man bei Trennungen in der Lage, sich auch weiterhin fair zu verhalten?
Ist man in der Lage, Meinungsverschiedenheiten sachbezogen zu äußern?
Ist man in der Lage, Entscheidungen, die gegen die eigene Meinung stehen, voll mitzutragen?

Ausführlicher dazu auf www.umsetzungsberatung.de

All diese Punkte sagen nichts über die künstlerische Qualität oder Verdienstmöglichkeiten aus. Jeder kann sich in diesem Sinne professionell verhalten. Nur bedarf es manchmal einer gewissen Übung.

 

English version (excerpts)

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