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Gedanken zu Improvisation und Improtheater - Dan Richter

Mai 2007

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1.5.07

Ruhe und Tempo

Ruhe im Spiel, keine Langatmigkeit.
Tempo im Spiel, keine Hektik.

 

2.5.07

Humor

Egal, ob sich Improtheater-Gruppen dem Komischen oder dem Ernsten verschrieben haben, in beiden Fällen fehlt den deutschen Gruppen meist ein Stückchen Humor. Weder die Komik noch den Ernst will ich als Zuschauer vor dem Latz gedonnert bekommen. Die Spieler sollen sich nicht zu wichtig nehmen. Sie sollen bei der Sache aber nicht verbohrt sein, sie sollen über sich lachen können, aber keine Jahrmarkt-Gaudi betreiben.

 

3.5.07

Warm-Up

Worauf ich vor allem beim Unterrichten (aber auch bei mir beim Warm-Up vor Auftritten) achte: Bin ich eher müde oder überspannt-hibbelig? Bei einigen meiner Mitspieler habe ich oft die gegenläufige Tendenz beobachtet: Sie bevorzugten schnelle action-lastige Spiele, wenn sie sowieso schon zappelig drauf waren, und dann wurden sie Shows oft verpeilt und wirr. Sie bevorzugten ruhige Konzentrations-Übungen, wenn sie selbst eher müde und schlapp waren. Dann wurden die Shows manchmal lahm.
Wichtig ist, ein Gegengewicht zu finden.

 

4.5.07

Ende der Weltchronik

Die schöne Show "Weltchronik" von Falko Hennig und Jochen Schmidt wird nun wohl nur noch ein oder zwei Mal stattfinden. Schade. Man hatte sich so amüsiert. Vielleicht haben sie zu groß angefangen, hätten sich ein bisschen mehr Zeit nehmen müssen und sich auf die eigenen Stärken konzentrieren, statt den Erfolg der Show vom Namen des Gastes abhängig zu machen. Die technischen Pannen und der Dilettantismus, mit ihnen umzugehen, hätte man in einem kleinen Theater und bei geringerem Eintrittsgeld leichter verknusen können. Die Tagebücher waren das Interessanteste. Am Abend mit Kathrin Passig kam ein in S/M-Kreisen übliches Elektro-Hundehalsband bei Jochen Schmidt zum Einsatz, mit dessen Hilfe Kathrin ihn zu richtiger Klein- und Großschreibung erzog, während er am Laptop einen von ihr vorgefertigten Text schrieb, der projiziert wurde. Ein Spiel auf mehreren Ebenen: 1. der Bezug auf die Tätigkeit des Autors, 2. die sexuelle Konnotation, 3. die kindische Albernheit des Spiels, 4. es belehrt ja den Zuschauer auch.

 

5.5.07

Funny Games zum Lernen

Die besten Spiele Johnstones sind wasserdicht. D.h., sie funktionieren, ohne dass es einen guten Lehrer braucht. Andere Spiele und Übungen bedürfen manchmal eines gewissen Einführungsgeschicks, zumindest aber eine positive Grundstimmung, zu der der Unterrichtende in jedem Fall beitragen muss.

 

6.5.2007

10 Jahre Gorillas

In zehn Jahren haben Die Gorillas in Berlin das bislang wichtigste Improtheater aufgebaut und sich wie kein anderes Impro-Ensemble in dieser Stadt um die Verbreitung, Entwicklung und Popularisierung von Improtheater bemüht. Nicht zuletzt ihnen verdanke ich, dass ich heute Improtheater spiele und nun auch selbst lehre. Leon Düvel, Regina Fabian, Rudy Redl, Ramona Krönke, Christoph Jungmann, Billa Christe, Harry Hawaii, Robert Munzinger, Michael Wolf, Barbara Klehr, Thomas Chemnitz, Tom Jahn - Danke!

 

7.5.07

Free Play - Sport

Nur am Rande erwähnt Stephen Nachmanovitch die Bedeutung des Freien Spiels für Sport. Gerade bei Kampfsportarten (Fechten, Boxen) oder Spielsportarten (Basketball, Fußball), die stärker auf das Reagieren im Moment abzielen als auf das langfristig angelegte Training reiner physischer oder psychischer Leistung (Schwimmen, Bogenschießen) ist kreatives Denken entscheidend.
Man möchte jedem Fußballer diese Buch empfehlen.

 

8.5.07

Große Ensembles

Vorteile:

  • größere persönliche Vielfalt und Inspirationen

  • größere Vielfalt künstlerischer Hintergründe

  • Arbeitsteilung

Fallen:

  • Koordinationsbedarf

  • Tendenz, Neues um des Konsens willen zu nivellieren

  • große Vielfalt bringt die Notwendigkeit mit sich, sich immer wieder neu über das zu verständigen, was man gemeinsam will.

  • Entstehen interner Hierarchien

 

9.5.07

Neues altes Warm-Up-Game

Für Proben und Workshops: "Mama sagt" ("Simon says")
Einer gibt Kommandos, wie "Mama sagt Auf dem Bein hüpfen." Die anderen führen die Kommandos aus. Wer nicht schnell genug reagiert oder ein Kommando ausführt, dass nicht mit "Mama sagt" eingeleitet wird, scheidet aus oder (meine bevorzugte Variante) wird selber Kommandeur.

 

10.5.07

Erschöpfung

Seltsame Methode von Regisseuren, ihre Schauspieler an den Rand der körperlichen und nervlichen Erschöpfung zu treiben, um ihnen gute Leistungen abzufordern:
"On the waterfront" - nicht nur die Figuren, auch die Schauspieler, vor allem Brando, frieren ständig.
"Der Pate" - Immer und immer wieder wurde die Szene im italienischen Restaurant gedreht, bis Al Pacino so nervös war, wie Copolla ihn haben wollte.
"Blairwitch Project" - Die Schauspieler werden im Unklaren über den Handlungsablauf und die Einflüsse gelassen, es gibt keine Betreuung und keine Regie, man lässt ihnen immer weniger Essensrationen übrig.

 

11.5.07

Der Pate spielt das Spiel nicht mit

Im Film "Der Pate" kommt es zu folgender Szene, als Sonny die Familienhierarchie durchbricht:

SOLLOZZO
If you're worried about security for your million, the Tattaglia's will guarantee it.

SONNY
Aw, you're telling me that the Tattaglia's guarantee our investment?

VITO CORLEONE (to Sonny)
Wait a minute...

[Clemenza and Tom look at each other, realizing Sonny's faux pas. Sollozzo notices]

VITO CORLEONE (to Sollozzo)

I have a sentimental weakness for my children, and I spoil them as you can see; they talk when they should listen.

 

Im Buch folgendermaßen:

Sollozzo tried again. “The Tattaglia family will guarantee your investment also.”
   It was then that Sonny Corleone made an unforgivable error in judgment and procedure. He said eagerly, “The Tattaglia family guarantees the return of our investment without any percentage from us?”
   Hagen was horrified at this break. He saw the Don turn cold, malevolent eyes on his eldest son, who froze in uncomprehending dismay. Sollozzo’s eyes flickered again but this time with satisfaction. He had discovered a chink in the Don’s fortress. When the Don spoke his voice held a dismissal. “Young people are greedy,” he said. “And today they have no manners. They interrupt their elders. They meddle. But I have a sentimental weakness for my children and I have spoiled them. As you see. Signor Sollozzo, my no is final. Let me say that I myself wish you good fortune in your business. It has no conflict with my own. I’m sorry that I had to disappoint you.”

 

Es ist aber interessant, dass nicht nur Sonny einen Fehler begeht, sondern ebenso der Don, indem er seinen Sohn zurückpfeift. Im Sinne der Impro-Regel "Akzeptiere das Spiel" sollte er auf seinen Sohn pro forma eingehen, dann hätte Sollozzo die Sache gar nicht bemerkt.

 

14.5.07

Game-Entwicklung

Ein Schüler beklagt sich im Workshop darüber, dass er auf der Bühne von anderen Spielern immer zugetextet würde, statt dass man Zug um Zug spielt.
Mein Rat: Genau das als Spiel zu nutzen. (Nachmanovitchs "Kraft der Grenzen")
Ich entwickle eine Übung: Spieler A will etwas Wichtiges sagen, Spieler B lässt ihn nicht zu Wort kommen, sondern textet ihn zu. Das Spiel funktioniert umso besser, wenn beide es gemeinsam spielen: Z.B. wenn der Zutexter (B) auch Pausen lässt und genau in dem Moment einsetzt, da A wieder beginnen will.

 

16.5.07

Offenbarungen und Zuschreibungen

Ein Künstler sollte sich wohl gegenüber Journalisten zurückhalten, was die Interpretation des eigenen Werks, aber auch was seine Entstehung betrifft. Sie können es ja oft gar nicht nachvollziehen, welche Qualen man sich macht, z.B. ein einziges passendes Wort für ein Gedicht oder eine Liedzeile zu finden. Und so läuft man Gefahr, dass der Schaffens- und Improvisationsprozess vor aller Augen banalisiert wird.
So wird z.B. Björk von Ilja Trojanow in der heutigen taz verspottet, dass sie bei der Entscheidung für den Namen einer Palästinenserin die Frage nach der Silbenanzahl mit einfließen ließ. Was für jeden Dichter eine Selbstverständlichkeit ist, nimmt der Poetik-Gastprofessor (!) zum Anlass, auf der inhaltlichen Ebene zu mäkeln: "Da hat die schwangere Palästinenserin Glück gehabt: Man stelle sich nur vor, ihr Name hätte eine Silbe mehr gehabt." Ja was dann? Dann wäre der Song im Mülleimer gelandet oder es wäre eben etwas völlig anderes herausgekommen.
Umgekehrt hat es sich Björk selbst zuzuschreiben, wenn Poetikwürste wie Trojanow ihr Material zerfetzen, sie hat ja selbst die Schnipsel, die Schere und den Papierkorb geöffnet.
Wenn es nach Trojanow ginge, müsste sich wohl ein aufrechter Barde hinstellen und ein Palästinenserinnenlied schreiben. Ob dann der Rhythmus und die Musik stimmen, ist völlig zweitrangig.
Künstler, haltet eure Papierkörbe verschlossen und eure Mäuler, wenn euch Journalisten nach der Bedeutung eurer Werke fragen.

(Aber auch politisch ist der Artikel Trojanows eine Zumutung: Er unterstellt Björk und anderen Künstlern, Musiker aus afrikanischen Ländern auszubeuten oder sich von dort Inspiration zu holen, weil es eben schick sei. Dass diese Form von Inspiration und Kollaboration das Beste ist, was gerade Musikern geschehen kann, scheint er noch nie gehört zu haben. Man wird den Gedanken nicht los, dass der Eurozentrismus, der in Afrika nichts als ein exotisches Silbengewirr - Kakfrik, Rikafa - hört, sein eigener ist.)

 

17.5.07

Liebe zu einem verhassten Künstler

"Von Brahms kann man komponieren lernen, von Wagner nicht. Da muss man das Genie dieser Gesamtpersönlichkeit haben. Es wäre interessant zu hören: Was macht man mit Wagner? Ich weiß es nicht."
(Hanns Eisler auf der Gründungskonferenz des Landesverbandes Mecklenburg des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands 9./10. September 1951)

Beeindruckend, wie sich Eisler von Wagner instinktiv politisch und ästhetisch abgestoßen, aber dennoch als Musiker immer wieder hingezogen fühlte. So war es auch eine der wenigen Male, dass Eisler zu seinem Freund Brecht öffentlich auf Distanz ging, als dieser wegen des Wagnerschen Nationalismus riet, zu diesem auf Distanz zu gehen. Eisler war gebranntes Kind und forderte Freiheit auch in der Auseinandersetzung mit unbequemen Künstlern. Als er starb, soll auf seinem Nachttisch ein Auszug der "Tristan und Isolde"-Partitur gelegen haben.

 

18.5.07

Ignoranz als Inspiration

"Für einen Musiker ist Mecklenburg ein fast ideales Land, weil die Menschen nicht musikalisch sind. Eine großartige Sache! Wir müssen das Graue überwinden."
(Hanns Eisler auf der Gründungskonferenz des Landesverbandes Mecklenburg des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands 9./10. September 1951)

Das heißt natürlich auch, dass man vor einem "unverbildeten Publikum" auf das inhärent modernen Mittels des Zitats verzichten muss, weil es das nicht interpretieren kann. Man setzt sich einer 1:1-Wirkung aus, und es gibt kein Zurück, kein Verstecken. Im Grunde geht es hier um eine Direktheit wie bei Kindern.

 

19.5.07

Die Story von "Der Pate" systemtheoretisch

"Der Pate" beleuchtet die Ausdifferenzierung fast sämtlicher wichtiger sozialen Subsysteme.

Grundsätzlich: Der Pate, Vito Corleone selbst, steht für die alte Ordnung, in der die Hauptdifferenzierung die zwischen Patron und Klient ist, und nicht die systemische Ausdifferenzierung. Man steht aber zeitlich an einer Grenze, selbst Vito Corleone erkennt, dass seine Methoden nicht mehr zeitgemäß sind.
Zentral lässt sich die Verwerfung an der semantischen Verschiebung des Begriffs "Familie" erkennen. Für den alten Don ist es gar keine Frage, dass die Familie der Kern und das Ziel allen Handelns und Strebens ist: "Cause a man who doesn't spend time with his family can never be a real man." Damit ist natürlich vor allem die Familie im engeren Sinne gemeint, aber auch das Kümmern um die Familie, das heißt die wirtschaftlichen und auch die politischen Aktivitäten. Im zweiten Teil kritisiert Pentangeli den Paten Michael, der ihm angeblich Vorschriften darüber macht, wie die Familie zu führen sei. Michael antwortet: "Your Family's still called Corleone. And you'll run it like a Corleone." Die Herausforderung, das Familienimperium nach außen zusammenzuhalten, lässt schließlich Michael Corleone im zweiten Teil scheitern. Lässt er schon am Ende des ersten Teils seinen Schwager Carlo umbringen, wendet sich nun die Gewalt gegen seine eigene Frau, die Schwester vermag er nicht zu halten, er demütigt seinen Quasibruder Tom Hagen, und am Ende lässt er seinen eigenen Bruder töten. Kurz vor ihrem Tod fragt er seine Mutter: "Tell me something, Ma. What did Papa think - deep in his heart? He was being strong - strong for his family. But by being strong for his family - could he - lose it?" Die Mutter darauf alt, naiv und blind, die Realitäten zu erkennen: "But you can never lose your family." Michael: "Tempi cambi." ("Die Zeiten ändern sich.") Am Ende hat er die Familie als Imperium gerettet, aber die Familie von innen zerstört. Denn das Einzige, was die moderne Familie noch ausmacht, sind Liebe nach innen und Loyalität nach außen. Von den Familienmitgliedern (seinen Kindern, seiner Frau, seiner Schwester) hat sich Michael aber entfremdet oder hat sie umbringen lassen (Fredo), die einzigen, die ihm noch loyal gegenüberstehen, sind Killertypen, und deren Loyalität basiert auf Geld, wie Michael zu Beginn des zweiten Teils betont: "All our people are business men, their loyalty is based on that."
Sowohl der Film als auch das Buch "Der Pate" beginnen mit der Frage nach Recht und Gerechtigkeit. Erster Satz des Buches: "Amerigo Bonasera sat in New York Criminal Court Number 3 and waited for justice." Im Film bittet Bonasera den Don um die Herstellung von Gerechtigkeit, denn vom Rechtssystem wurde er bitter enttäuscht. "I believe in America." Für Vito Corleone ist das keineswegs eine neue Erfahrung, wie im Buch ausführlich geschildert wird. Das Recht ist korrupt, und am Ende kann ein Mann sich nur selbst zu seinem Recht verhelfen. Allerdings hat Don Corleone sich so viele Freunde gemacht, dass auch hohe Richter zu ihnen zählen, und er weiß sich, ihrer zu bedienen. Auf der anderen Seite erscheint das System nicht nur korrupt, Bonasera glaubt an Amerika, hängt aber noch an alten Vorstellungen von Recht. Er setzt Recht mit Gerechtigkeit gleich und Gerechtigkeit mit Rache. (Ein Verständnis, das noch heute, im 21. Jahrhundert, seine Opfer im sizilianischen Corleone fordert.) Und auch Don Corleone hält zumindest teilweise an dem alten Verständnis fest: Als Bonasera ihn bittet, die Jungen zu töten, erwidert er: "That is not justice. Your daughter is still alive."
Die Familie ist für Don Corleone identisch mit dem Haushalt, und die Aufgabe des Mannes ist, sich um die Einkünfte zu kümmern. Nach außen hin betreibt Corleone einen Olivenöl-Import-Handel, aber immer wieder scheint durch, dass seine wirtschaftlichen Aktivitäten wesentlich weiter reichen. Im zweiten Teil des Films (und auch im Buch) wird deutlich, dass der Beginn des erfolgreichen Wirtschaftens nicht in Arbeit, sondern im Raub von Kleidungsstücken liegt. Im Jahre 1945 liegen die Haupteinnahmequellen der Familie Corleone im Glücksspiel und in den Einnahmen der Gewerkschaften (d.h. die Gewerkschaftsbeiträge fließen an die Corleones, die dafür entsprechende Deals aushandeln, s.a. "On the Waterfront" ebenfalls mit Marlon Brando). Keine dieser wirtschaftlichen Aktivitäten lässt sich ohne politischen Einfluss steuern. Polizei und Abgeordnete müssen geschmiert werden, damit die Glücksspiele laufen können und die Gewerkschaftsführer sowieso. Den Mechanismus erkennt schon der junge Vito, als er das Treiben von Don Fanucci beobachtet. Im zweiten Teil legt der Senator von Nevada, Geary, seine Bestechlichkeit offen dar: "I want to squeeze you." Aber dies erscheint uns als Korruption, nicht als normales Verhältnis von Patron und Klient wie etwa Don Ciccio in Sizilien, der seine wirtschaftlichen Interessen klar mit Waffen durchsetzt, weil es anders eben nicht geht. Kuba erscheint der amerikanischen Mafia dann in den 50ern wie ein Paradies, eine Rückkehr in die alten Zeiten: "This kind of Government knows how to help business."
Am deutlichsten geht es nämlich im Film um Macht, und zwar darum, wie sie sich über die Grenzen der Unmittelbarkeit der Gewaltandrohung ins Politische verschiebt. Der Pate schreckt zwar nicht vor Gewaltanwendung zurück (die Jungen, die Bonaseras Tochter geschlagen haben, werden aufs Äußerste misshandelt), aber er weiß, dass er mit dem Hinweis auf die Macht, auf das Potential, das ihm zur Verfügung steht, nicht nur eleganter, sondern auch erfolgreicher ist ("I'm gonna make him an offer he can't refuse."). Und diesen Instinkt gibt er an seinen Sohn Michael weiter. Corleones Einfluss geht (im Buch) sogar so weit, dass er jüdische Kongress-Abgeordnete beeinflussen kann, einen Gesetzesvorschlag durchzudrücken, der die Einbürgerungsrechte ändert (einzig zugunsten des Schwiegersohns des Bäckers). Aber er erkennt auch die Grenzen: " It's true, I have a lot of friends in politics, but they wouldn't be friendly very long if they knew my business was drugs instead of gambling."
Und diese Grenzen sind auch die Grenzen, die die zeitliche Entwicklung setzt. Die finanzielle Einflussnahme ist begrenzt, bei Drogen hört der Spaß auch für die Politiker auf. Aber am Ende scheitert auch Michael daran, die Geschäfte der Familie zu legalisieren, nur dass jetzt die Vermengung von Politik und Wirtschaft nicht mehr zeitgemäß, sondern korrupt erscheint.
Künstlerisch etwas unvollkommen versuchen Puzo und Coppola noch im dritten Teil die Entdifferenzierung von Religion und Politik aufzuzeigen. Im Buch scheint die Religion für Kay der letzte Anker zu sein, die Familie zu erhalten: "She emptied her mind of all thought of herself, of her children, of all anger, of all rebellion, of all questions. Then with a profound and deeply willed desire to believe, to be heard, as she had done every day since the murder of Carlo Rizzi, she said the necessary prayers for the soul of Michael Corleone."
Wie sich die moderne Medizin von den Vorschriften von Politik und Moral emanzipiert sehen wir im Buch "Der Pate" - ein Arzt verliert wegen Abtreibungen seine Approbation in New York und heilt Johnny Fontane von seinen Stimmlippenknötchen und verengt Lucy, der Geliebten Sonnys, die Scheide: "By cutting out a piece, you make it tighter, snappier." (Ein etwas langatmiger Teilstrang der Geschichte, die Coppola glücklicherweise nicht für den Film verwendet hat.)
Aber "Der Pate" streift auch das Erziehungssystem als Thema. Vito Corleone bemüht sich nach allen Regeln, seinen Kindern ein Verständnis von guter Lebensführung angedeihen zu lassen und scheitert daran: Sonny hat kein Interesse, die Feinheiten zu lernen, Fredo ist zu weich, Conny wirft sich Carlo hin, und Michael hat zu sehr den Dickkopf des Vaters geerbt, um sich in die mafiosen Strukturen hineinziehen zu lassen - gegen den Willen des Vaters geht er nach dem College zur Armee. Der Einzige, der sowohl 100%ig loyal ist und sowohl den Verstand als auch die Rücksichtslosigkeit besitzt, ist Tom Hagen, aber der ist nur adoptiert, und kann die Familie nicht übernehmen. Und so stürzt die Familie auch hier an ihren eigenen Vorstellungen.
Was das Kunstsystem betrifft, so sehen wir kleine Selbst-Referenzen durch Johnny Fontane, der nun Schauspieler wird, aber zur Ausdifferenzierung als System erfahren wir wenig. Das einzige System, das überhaupt keine Erwähnung findet, ist die Wissenschaft.

 

20.5.07

Impro lehren

Die wichtigste Rolle des Impro-Lehrers besteht nicht darin, Strukturen zu zeigen, sondern darin, die Haltung der Schüler für Kreativität zu öffnen.

 

21.5.07

Reifung und Basketball

"Wir lernen das, worauf wir uns nicht konzentrieren."
(Stephen Nachmanovitch über die Reifung in "Free Play. Das Tao der Kreativität")
Ähnlich ergab vor kurzem eine Studie, dass Sportler - z.B. Basketballer und (eingeschränkt auch) Hochspringer - Bewegungsabläufe auch im Kopf trainieren können, vorausgesetzt, sie haben sie vorher auch praktisch geübt. Nachdem man Basketballern die Aufgabe stellte, mit ihrer Nicht-Wurfhand längere Zeit von einem ungewohnten Winkel aus auf den Korb zu werfen, sollten sie am Abend diesen Vorgang mehrmals noch im Kopf durchgehen. Am nächsten Tag konnten sie es in der Regel besser als unmittelbar nach dem Training und auch besser als eine Kontrollgruppe, die den Bewegungsablauf nicht geistig wiederholte).

 

22.5.07

Tod und Geduld

Ein Problem, dem auch Stephen Nachmanovitch aus dem Weg zu gehen scheint, ist, dass Zeit eine Grenze ist, die der Transzendenz selbst eine Grenze setzt. Ich kann zwar Geduld und Vertrauen aufbringen, dass ich üben muss, Geduld haben muss, dass ich Zeit für die innere Reifung brauche, dass ich Erfahrungen machen muss. Aber irgendwann kommt der Sensenmann und die einzige kreative Erfahrung liegt dann vielleicht darin, dass man nie ein guter Flötenspieler werden konnte.
Aber es ist nicht der Tod allein, auch das Alter setzt Grenzen, die Kraft lässt nach, und die Klarheit der Stimme eines Unterdreißigjährigen will auch eingesetzt werden. Man will nicht nur reife Gedichte lesen, reife Stimmen hören, reife Schauspieler sehen. Auch das Ungestüm der Jugend brauchen wir.

 

24.5.07

Freies Spiel als evolutionärer Faktor

In der "Gehirn und Geist" 6/2007 werden "kulturelle Leistungen" höher entwickelter Säugetiere wie Affen und Delphine beschrieben - Vertrauensrituale, Nutzung von Werkzeug und Körperschutz. Das Entscheidende dabei: Die beschriebenen Phänomene sind weder genetisch bedingt noch durch die Umwelt vorgegeben, sondern sie sind, wie u.a. der Vergleich verschiedener Gruppen derselben Population ergibt, erlernt.
Bei einer Herde Schimpansen beobachtete man unter den jüngeren Angehörigen eine etwas umständlich-spielerische Art, Wasser zu trinken: Sie bauten praktisch Trinkgefäße aus Blättern.
"'Das (von den erwachsenen Affen ignorierte) Verhalten der Jungen erschien oft spielerisch', erklärte Takahisa Matsusaka von der Universität Kioto. (...) Es schien, als ob die Affen richtiggehend Spaß an der Kultur haben. Einen unmittelbaren Überlebensvorteil im Sinn der Darwinschen Evolutionstheorie kann Matsusaka jedenfalls nicht erkennen."

Der springende Punkt ist jedoch, dass im freien Spiel selbst der evolutionäre Überlebensvorteil liegt. Eine "Unmittelbarkeit" gibt es ja in diesem Sinne nicht. Das gesunde Lebewesen "spielt" - das Ranken einer Pflanze, der Balztanz eines Vogels oder eben das Trinkgefäßbauen der Affen, sie unterscheiden sich ja nur in der Komplexität des Spiels. Ob das Verhalten irgendwann von Nutzen ist, "entscheidet" die Evolution ja dann, indem evolutionär riskantes Spiel auf Dauer nicht lohnt. Hingegen das Spiel, das die Überlebensfähigkeit der Art erhöht, "belohnt" wird.
So ist der Balztanz ja kurzfristig eine für die Arterhaltung völlig überflüssige Einrichtung, langfristig aber sorgt sie für eine Auslese, da nur kräftige Tiere dazu in der Lage sind.

 

27.5.07

Jerry Lewis & Dean Martin

Ein Teil des großen Erfolgs von Jerry Lewis und Dean Martin lag darin, dass sie in großen Teilen ihres frühen Bühnen-Programms vom Skript abwichen und frei improvisierten.

 

28.5.07

Bewegung

So gut wie jede innere Blockade (auch und vor allem verbale) wird gelöst, indem man sich bewegt - am besten auf für einen selbst unvorhersehbare Weise.

 

29.5.05

Liebe zum Spiel

Solange man Angst vor dem Spiel hat, wird nichts aus der Improvisation. Daher hilft es auch gar nicht, sich auf "Storytelling", "guten Gesang" und ähnliche technische Details zu stürzen, wenn die grundsätzliche Haltung Angst ist. Erst wenn ich das Spiel liebe und wenn ich es liebe, andere daran teilhaben zu lassen, bin ich frei.

 

30.5.07

Lehrerausbildung

Dass selbst heute noch - da das Bildungsdesaster auf der Hand liegt - der Schwerpunkt der Ausbildung von Lehrern in den Fächern statt im Erwerb sozialer Kompetenzen liegt, ist ja eigentlich skandalös.
Das Erziehungssystem wird sich erst dann wirklich ausdifferenzieren, wenn die Heranwachsenden lernen zu lernen und nicht irgendein Wissen in sich hineinschaufeln, für das sie nie gelernt haben, sich zu interessieren.
Aber auch die Lehrer leiden. Schon im Praktikum und im Referendariat sind sie dem Nervenzusammenbruch nahe. Sie stehen erstmals vor der Klasse und schöpfen ihre Fähigkeit des Unterrichts aus trockenen Methodik- und Didaktik-Seminaren und bestenfalls aus ihrem eigenen Gespür, falls sie es denn besitzen. (Das ist aber eher unwahrscheinlich, denn das Lehrerstudium ist für die meisten Studenten eine Verlegenheitsoption.)
Zweifellos hat es immer Lehrer gegeben, die einen mitgerissen haben, selbst im "langweiligsten" Fach, das per Frontalunterricht vermittelt wurde. Das heißt aber, das Charisma eine große Rolle spielt. Wie aber lernt man Charisma? Doch nicht in Uni-Seminaren, sondern in aktivitätsorientierten Übungen, inklusive Körpersprache, Sprechverhalten usw.

 

31.5.07

Alkohol-Szenen in "Der Pate"

  • Bonasera wird, als es ihm die Sprache verschlägt, Schnaps angeboten. (Während dieses Gesprächs halten auch Tom und Sonny Gläser in den Händen, aber es ist nicht deutlich, ob darin Alkohol ist.)

  • Clemenza fordert nach dem Tanzen mehr Wein von Paulie. (Auf der ganzen Hochzeitsfeier wird natürlich getrunken, hier werden nur die Protagonisten erwähnt.)

  • Der Bäcker trinkt beim Vortrag seines Anliegens ein Glas Schnaps.

  • Tom und Don Corleone prosten sich zu, als sie über die nicht gekommenen Richter sprechen, ebenso später, als der Don Tom den Auftrag gibt, nach Kalifornien zu reisen.

  • Johnny Fontane hält nach seinem Lied ein Glas Wein in der Hand.

  • Freddie begrüßt Michael und Kaye volltrunken. Die beiden trinken ebenfalls Wein.

  • Als Tom bei Waltz zu Abend isst, wird Wein getrunken.

  • Als der Pate, Sonny und Tom ein erstes Gespräch über Sollozzo führen, stehen drei Schnapsgläser bereit.

  • Bei der Besprechung mit Sollozzo trinken der Pate, Clemenza, Freddie, Sonny und Sollozzo Schnaps. Außerdem stehen mehrere Gläser im Hintergrund, d.h. auch die anderen Anwesenden - Tom, Tessio - haben wahrscheinlich getrunken.

  • Bruno Tattaglia bietet Luca Brasi Scotch ("pre-war") an, den dieser ablehnt. (Das einzige Mal im Film, das Alkohol abgelehnt wird, und das von dem brutalsten Killer.)

  • Clemenza zeigt Michael, dass man beim Zubereiten der Pasta-Sauce auch Wein benötigt.

  • Beim Abendessen von Kaye und Michael trinken beide Rotwein.

  • Bei der Entscheidung, Sollozzo zu töten, steht Wein bereit, aber keiner der Anwesenden (Tom, Sonny, Michael, Tessio, Clemenza) trinkt.

  • Rocco und Michael trinken Bier beim Abendessen vor dem Mord an McCluskey und Sollozzo.

  • Sollozzo bietet Michael in Louis' Restaurant Wein an.

  • Kurze Zwischensequenz, in denen man die Gangster der Corleones beim Essen und Weintrinken sieht.

  • Als die Familie zum ersten Mal seit des Paten Rückkehr aus dem Krankenhaus wieder gemeinsam isst, steht Wein auf dem Tisch.

  • Im Wirtshaus des Vaters von Appollonia trinken Michael und seine Leibwächter Wein.

  • Beim offiziellen Kennenlernen von Michael und Appollonia wird Wein getrunken.

  • Conny wirft bei ihrer Zerstörungsorgie auch den Wein vom Tisch, den sie gedeckt hatte.

  • Tom und der Pate trinken ein Glas Schnaps, bevor Tom ihm die Nachricht von Sonnys Tod berichtet.

  • Auf Calos Tisch steht eine Flasche Wein.

  • Bei der Besprechung der Mafia-Paten steht Wein auf dem Tisch. Corleone anscheinend der Einzige, der Wasser trinkt.

  • In Las Vegas trinken die Prostituierten und Johnny Fontane Champagner.

  • Bei einem der letzten Gespräche zwischen Don Corleone und Michael trinken beide Wein.

  • Kurz vor seinem Tod hat Don Corleone anscheinend Wein getrunken. Auf dem Tisch steht ein Glas.

  • Um ihm das Reden zu erleichtern (wie in der ersten Sequenz mit Bonasera), bekommt Carlo einen letzten Drink, es wird der letzte seines Lebens.

  • Nachdem Michael seine Frau Kaye angelogen hat, bereitet sie beiden einen Drink.

Es scheint, als sei "Der Pate" ein Alkoholikerfilm

English version (excerpts)

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